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Homöopathie bei Kindern und Tieren

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Schöner Artikel über die GWUP heute in der Welt: „Nach Ufos kommt nun die Homöopathie für Tiere“.

Leserkommentare ließen natürlich nicht lange auf sich warten. Darunter auch der folgende, von einem User, der anscheinend nur die Überschrift gelesen hat:

 Was heißt hier „nun“? Homöopathie wird seit Jahren erfolgreich in der Veterinärmedizin eingesetzt, das ist doch n alter Hut. Eine Bekannte von mir arbeitet in ’ner Tierarztpraxis und da ist das ganz selbstverständlich.
Ich persönlich wende homöopathische Medizin seit etwas über einem Jahr erfolgreich an. Übrigens: Da diese auch bei Tieren und Säuglingen funktioniert, kann von einem Placebo-Effekt keine Rede sein.“

Mal wieder die uralte Leier. Aber schließlich wusste schon der französische Schriftsteller André Gide: „Alles ist schon einmal gesagt worden. Aber weil niemand zuhört, muss man es immer wieder aufs Neue sagen.“

Also denn, beginnen wir mit dem Grundlagenaufsatz „Erfolge der Homöopathie – Nur ein Placebo-Effekt?“ von Dr. Rainer Wolf und Prof. Jürgen Windeler auf unseren GWUP-Seiten:

„Bei Kleinkindern und Tieren gebe es keinen Placebo-Effekt, also sei in diesen Fällen der Behandlungserfolg direkt abzulesen? Weit gefehlt! Selbstverständlich gibt es Placebo-Effekte in Form von Suggestion auch bei Kindern. Jeder Kinderarzt weiß, dass man die Mutter in die Behandlung einbeziehen muss: Sie ist Hauptempfänger der psychosozialen Botschaft und gibt sie als ihre Erwartungshaltung unbewusst an das Kind weiter.

 Placebo-Effekte wies man in Doppelblindversuchen auch bei Haustieren nach. Diese können die Körpersprache vertrauter Bezugspersonen lesen. Erleben sie deren Vertrauensverhältnis zu dem ihnen unbekannten Therapeuten, so reagieren sie konditioniert im Sinn einer Placebowirkung. Wird das Placebo-Präparat auch noch mit liebevoller Hinwendung verabreicht, hat die Heilung gute Chancen. Zusätzlich führt die Erwartungshaltung des behandelnden Arztes bei diesem selbst zu selektiver Wahrnehmung: Er neigt dazu, Heilerfolge zu diagnostizieren, die er unbewusst zu finden erwartet.“

 

Weiter geht’s mit einem Artikel aus der Süddeutschen Zeitung von 2008:

„Warme Luft ist bei Kindern oft genauso wirksam wie eine Schmerztablette. Auch wenn die Wunde noch so brennt: Sobald die Eltern pusten, ist der Schmerz meist schon wieder vergessen. Der Lufthauch ist eines der besten Placebos der Welt – ein Medikament ohne chemischen Wirkstoff also.

Wie stark gerade Kinder auf solche Scheinmedikamente reagieren, haben französische Wissenschaftler nun erneut gezeigt. In der Fachzeitschrift Public Library of Science Medicine berichten sie, dass der Placeboeffekt bei Kindern mit Epilepsie doppelt so groß ist wie bei Erwachsenen (Bd.5, S.e166, 2008)“

Alles Einbildung? Oder noch besser: eingeredet? Nein – lesen wir zum Beispiel bei der Stiftung Warentest:

„Die Placebowirkung ist keine Einbildung. Placebos bewirken im Körper messbare Veränderungen. So aktiviert die Gabe eines Placebo-Schmerzmittels im Gehirn die gleichen Regionen wie das wirkstoffhaltige Medikament, und es werden körpereigene schmerzhemmende Substanzen ausgeschüttet.

Wenn ein Parkinsonkranker ein Medikament erhält, das seine Beweglichkeit verbessern soll, steigt der Spiegel von Dopamin im Gehirn, einem Botenstoff im Nervensystem. Die Dopaminkonzentration erhöht sich aber auch, wenn er ein Placebo einnimmt.

Der Grund dafür ist die Erwartung, die der Patient mit der Einnahme des Mittels verknüpft. Und weil sich auch kranke Kinder und Tiere von einer Behandlung Linderung und Besserung erhoffen und positiv auf die intensive Zuwendung reagieren, weisen Therapien auch bei ihnen Placeboeffekte auf.“

Ein erhellendes Video (Englisch) hat Florian Freistetter bei Astrodicticum simplex hochgeladen.

Dort erklärt der englische Arzt und Publizist Ben Goldacre nochmal explizit, dass Placebos auch bei kleinen Kindern und Tieren wirken.

Vielleicht hört ja mal jemand zu.

Ach ja, prüfbar ist die Frage, ob Homöopathie bei Tieren tatsächlich über konkrete Mechanismen (also über „die Kraft in der Pille“) oder bloß über die kulturelle Bedeutung der Therapie wirkt, übrigens auch. Mit vergleichsweise geringem Aufwand wären damit zudem mehrere Nobelpreise zu gewinnen.

Wie, verraten wir nächste Woche.

Zum Weiterlesen:

  • Homöopathie – auch wenn wir es leid sind, GWUP-Blog am 5. Januar 2012 (mit Links zum Thema „Homöopathie bei Tieren“)
  • L. Hektoen: Review of the current involvement of homeopathy in veterinary practice and research. In: Vet Rec. 2005 Aug 20;157(8):224-9.
  • Bei Tieren kann es keinen Placeboeffekt geben – ein Beweis für die Homöopathie? Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 22. Oktober 2013
  • Homöopathie bei Hunden – eine skeptische Auseinandersetzung, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 9. November 2013

5 Kommentare

  1. Die „warme-Luft“-geschichte halte ich für Murks. Sicher _kann_ es oft Placebo sein, muss es aber nicht. Speziell bei Verbrennungen, wie auch bei Beulen etc. ist „warme“ Luft kein Placebo, sondern Kühlung. Hierbei kühlt nicht die Luft/ der Atem selbst ausreichend, sondern das dadurch initiierte „Wegbewegen“ der Luftschicht direkt über der Wunde.

  2. Homöopathie „hilft“ bei Kindern und Tieren weil viele der „erfolgreich“ behandelten Krankheiten auch ohne die Gabe irgendwelcher Medikamente oder Placebos von selbst verschwunden wären, da fällt es der Mama oder dem Frauchen natürlich leicht zu glauben, dass die Zuckerpillen für den Heilungserfolg verantwortlich sind.

  3. homöopathie bei kindern und tieren ist das beste argument GEGEN homöopathie!!

    homöopathie: 1-2 stündige erfragung aller physischen,psychischen und sozialen symptome(incl. träume!)

    wie soll das geschehen bei kindern und tieren?

  4. Wichtig ist, dass der Arzt ein Verfahren auswählt, das die Selbstheilungskräfte des Körpers nicht stört.

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