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Einstein-Kritiker oder Wie viele Menschen verstehen die Relativitätstheorie?

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Mit den seltsamen Ideen der „Einstein-Leugner“ haben wir uns hier schon mal beschäftigt.

Zum 100. Geburtstag der Relativitätstheorie widmet Dr. Florian Freistetter seine Kolumne „So ein Schmarrn!“ diesen exponierten Repräsentanten des Dunning-Kruger-Effekts.

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In dem Artikel heißt es unter anderem:

Die [Relativitätstheorie] ist für mich unlogisch, oder schärfer formuliert: falsch“, erklärte der (mittlerweile emeritierte) Professor Hartwig Thim vom Institute for Microelectronics and Microsensors der Universität Linz angesichts einer kritischen Betrachtung eines seiner öffentlichen Vorträge über die angeblichen „Irrtümer“ Einsteins.

Dieses Denkmuster findet man bei den Gegnern Einsteins häufig: Die Aussagen der Relativitätstheorie werden als unlogisch, widersprüchlich und nicht intuitiv empfunden. Daraus wird dann gefolgert, dass sie falsch sein müssen. Der eigentliche Fehler liegt aber darin, die Grenzen der eigenen Vorstellungskraft zu den absoluten Grenzen der Realität zu erheben.

Die Relativitätstheorie erscheint tatsächlich oft unlogisch und paradox. Das ist nicht überraschend, denn sie beschreibt Situationen, die nichts mit unserer alltäglichen Wahrnehmung zu tun haben.“

Das führt uns geradewegs zu dem Mythos, dass angeblich nur drei Menschen auf der Welt Einsteins Relativitätstheorie verstehen.

Stimmt das?

Zurück geht diese Behauptung auf eine Anekdote aus der Anfangszeit der Relativitätstheorie. Der britische Physiker Sir Arthur Stanley Eddington sei von einem Journalisten gefragt worden:

Ist es richtig, dass nur drei Menschen die Relativitätstsheorie verstanden haben?“

Worauf Eddington geantwortet haben soll:

Ich überlege gerade, wer der dritte ist.“

Eddington war in der denkbar besten Position, das zu beurteilen. Als Direktor des Royal Observatory in Greenwich galt er als einer der bedeutendsten Physiker seiner Zeit und leitete 1919 eine Sonnenfinsternis-Expedition, mit der eine Voraussage der Allgemeinen Relativitätstheorie zum ersten Mal experimentell nachgewiesen werden konnte.

Eddington tat diesen vielzitierte Ausspruch zu einer Zeit, als die Relativitätstheorie sehr jung war. Dennoch stieß sie schon damals schnell auf großes Interesse unter den Physikern, und es ist zweifelhaft, ob Eddington Recht hatte oder bloß einen lästigen Fragesteller abbürsten wollte.

Inzwischen ist genau ein Jahrhundert vergangen, und mittlerweile sind viele Erkenntnisse, die damals neu und überraschend waren, weit verbreitet. Doch es kommt auch darauf an, was man mit „verstehen“ eigentlich meint.

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Zunächst muss man die Spezielle Relativitätstheorie (SRT) und die Allgemeine Relativitätstheorie unterscheiden.

Die SRT, die beispielsweise zeigt, dass für sich schnell bewegende Objekte die Zeit langsamer vergeht, kann im Wesentlichen mit der heutigen Schulmathematik beschrieben werden und wird in ihren Grundzügen im Physikunterricht behandelt und als Abiturwissen abgefragt.

Anders ist das mit der Allgemeinen Relativitätstheorie, die sich etwa damit befasst, wie die Gravitationsfelder von Massen den Raum krümmen.

Zur mathematischen Beschreibung erfordert die ART komplizierte Methoden auf einem Niveau, das Mathematik- oder Physikstudenten normalerweise am Ende ihres Studiums erreichen. Mathematisch sind die Feinheiten der ART nur Experten zugänglich.

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Doch auch das dürften deutlich mehr als drei Menschen auf der Welt sein, schließlich gibt es allein in Deutschlands mehrere Professoren, deren Forschungsgebiet die Allgemeine Relativitätstheorie ist.

Aber auch Nichtwissenschaftler können anhand von populärwissenschaftlichen Büchern oder Fernsehsendungen zumindest die wesentlichen Folgerungen der ART nachvollziehen und wissen zum Beispiel, wie sich das Universum entwickelt hat, was Schwarze Löcher sind und welche seltsamen Eigenschaften diese haben.

Hierin unterscheidet sich die Allgemeine Relativitätstheorie im Prinzip nicht von anderen Wissensbereichen, etwa der Medizin: Sehr viele Nichtmediziner habe sich umfangreiche Kenntnisse über bestimmte, sie betreffende Krankheiten angeeignet, jeder Arzt kann die häufigsten Erkrankungen erkennen und behandeln – aber eine Gehirnoperation können nur wenige Spezialisten durchführen.

Anders gesagt: Das Wissen um die Relativitätstheorie ist jedem Interessierten mehr oder weniger zugänglich. Doch wann fängt das „Verstehen“ an? Mit der Fähigkeit, die Allgemeine Relativitätstheorie mathematisch zu beschreiben?

Oder gehört auch ein konkretes „Begreifen“ dazu?

Letzteres ist in der Tat schwierig, denn die gekrümmten Räume der Allgemeinen Relativitätstheorie oder die Zeitverschiebung der Speziellen Relativitätstheorie sind allgemein nicht fassbar, weil sie in unserem Alltag keinerlei Entsprechung finden.

Womit wir wieder bei den Denkmustern der Einstein-Gegner sind.

Zum Weiterlesen:

  • Einsteins Relativitätstheorie ist widersprüchlich, unlogisch und falsch! derStandard am 24. November 2015
  • Kleiner Blog-Überblick zum 100. Geburtstag der Allgemeinen Relativitätstheorie, Hier wohnen Drachen am 26. November 2015
  • 100 Jahre Allgemeine Relativitätstheorie: David Tennant erklärt Albert Einstein, Astrodicticum simplex am 26. November 2015
  • Auf Einsteins Spuren am 25. November 2015, Relativ einfach am 25. November 2015
  • Relativitätstheorie: Einstein in der Grübelfalle, ZeitWissen am 25. November 2015
  • Was wäre die Welt ohne Einstein? T-Online am 26. November 2015
  • Willkommen in Einsteins Universum, Spiegel-Online am 24. November 2015
  • Als Raum und Zeit sich plötzlich krümmten, FAZ am 24. November 2015
  • Einstein und der Medizin-Pluralismus, GWUP-Blog am 1. April 2010
  • Skepkon-Video: „Galileos Finger und Einsteins Pantoffeln“, GWUP-Blog am 22. Juli 2015
  • Skepkon-Video: Wissenschaft, Para, Pseudo – oder einfach nur Blödsinn? GWUP-Blog am 21. November 2015
  • Dumm ein Ein-Stein? GWUP-Blog am 29. Juli 2012

16 Kommentare

  1. Bei den Links darf aber eigentlich Einstein online nicht fehlen:
    http://www.einstein-online.info/home-de?set_language=de

  2. …und dann gibts noch die Tendenz. Einsteins Leistung kleinzureden indem man ihn wenigstens zu einem Halb-Plagiator macht, der zumindest seine Quellen nicht ordentlich angibt.

    Den Ansatz gibts zwar schon länger, aber nach den Dissertations-Skandalen scheint mir das zuzunehmen. Der Vorteil dieser Denke ist, dass man sich nicht inhaltlich mit den Theorien auseinander setzen muss, daher die Gefahr geringer ist, nachher zeigen zu müssen, dass man sie nicht verstanden hat.

    Man umgeht dabei auch das Problem, sich mit den Nachweisen zu beschäftigen und vor allem mit den Anwendungen herumzuschlagen, die ohne Einsteins Theorien nicht möglich wären. Hier gab es vor einigen Jahrzehnten noch mehr Gelegenheiten für Schwurbeleien.

    Und natürlich ist dass schön einfach in einen antisemtischen Kontext zu bringen, wo „der Jude“ verschlagen, lügend und täuschend usw. usf. etc.

    2012 ging das so über ein paar einschlägige rechte blogs, Einstein der Blender uä.
    Man kritisiert also gar nicht mehr, was man eh nicht kritisieren kann (sei es wegen des eigenen Vermögens, sei es wegen der Qualität der Theorien) sondern geht auf die Person los, zieht den Charakter und die Arbeitsweise in Zweifel.

    Da haben die cranks also in der Zwischenzeit ordentlich Konkurrenz im Einstein-bashing.

  3. Zitat bbpp

    Man kritisiert also gar nicht mehr, was man eh nicht kritisieren kann (sei es wegen des eigenen Vermögens, sei es wegen der Qualität der Theorien) sondern geht auf die Person los, zieht den Charakter und die Arbeitsweise in Zweifel.

    Na ja, das nennt man „argumentum ad hominem“ und ist ein beliebtes Mittel, wenn man mit Argumenten nicht mehr weiter kommt.

    Ja, die Spezielle Relativitätstheorie (SRT) ist leichter zu verstehen, als die Allgemeine (ART), da sie nur gleichförmig bewegte Körper betrachtet, die sich auch nur geradeaus bewegen. Aber trotzdem ist sie eine wichtige Theorie, das sie die „Natur“ des Lichtes beschreibt, das sich eben nur gleichförmig und „geradeaus“ bewegt; dadurch ist die SRT auch besser beweisbar, als die ART.
    Die Gleichungen zur ART sind sehr kompliziert – hier darf man nicht verschweigen, daß Einstein dafür auch Hilfe von Mathematikern hatte und er einmal selbst gesagt hatte:

    Seit die Mathematiker über die Relativitätstheorie hergefallen sind, verstehe ich sie selbst nicht mehr.

    Hier ein relativ ;-) anschauliches Script zur RT:
    http://www.math.uni-leipzig.de/~hellmund/GR/skript1.pdf

  4. Das wäre ein weiterer bedeutender Beweis für die Allgemeine Relativitätstheorie (ART):
    http://www.zeit.de/2016/03/gravitationswellen-albert-einstein-physik-relativitaetstheorie
    Der Nachweis von Gravitationswellen ist äußerst schwierig und es dürfte ein großer Zufall sein, wenn er, so kurz nach dem hundertsten Geburtstages der ART, gelungen wäre.
    Dieser Nachweis wäre aber der „endgültige“ Beweis für die ART, der aber auch die hartgesottenen Kritiker wahrscheinlich nicht überzeugen würde.

  5. Es ist wirklich sensationell und das fast genau hundert Jahre ART!
    Einstein selbst hielte den Nachweis für unmöglich, da der Effekt sehr gering ist.
    Den Facebook -Link kann ich ohne Account nicht öffnen

  6. @Ralf:

    Einsteins nur 14-seitige Originalarbeit findet sich hier (im Moment sind die Server überlastet):

    http://echo.mpiwg-berlin.mpg.de/MPIWG:8HSP60BU

    < < Den Facebook -Link kann ich ohne Account nicht öffnen << Heute früh auf DLF zur Meldung, dass der Nachweis von Gravitationswellen geglückt sei: "Welche Auswirkungen wird die Bestätigung, dass es Gravitationswellen gibt, auf den Alltag haben?" "Keinen. Nun, es werden sicherlich Esoterikanbieter nun Gravitationswellen-Therapien anbieten."

  7. Danke der Server ist ausgelastet:)
    Technisch werden keine Dinge daraus konstruiert aber es wird einen genaueren Blick ins Universum ermøglichen.
    Ich glaube, dass uns helfen wird, nach der dunklen Materie zu suchen und letztendlich wird es auch irgendwann Auswirkungen im Alltag haben.
    Man kann es fast mit der Entdeckung des Fernrohres vergleichen.

  8. Seltsam, man findet auch noch hundert Jahre später Beweise für die Relativitätstheorie, aber für die Homöopathie findet man keine Beweise, außer subjektive Heilungsgeschichten…ach ja, Samuel Hahnemann, war ja ein weitaus größeres Genie und wir brauchen noch 500 Jahre, bis wir den Werkmechanismus verstehen :-)

    Es wundert mich, daß sogar in der Tagesschau die Entdeckung der Gravitationswellen, die erste Nachricht war. Natürlich hat diese Entdeckung diesen Stellenwert, aber daß das auch die Mainstream-Nachrichten so sehen.

  9. Auch vom Guru:

    << Jetzt, wo die Existenz der Gravitationswellen bewiesen ist, warte ich eigentlich nur auf den Ersten, der mir erklärt, wie ich mich dagegen schützen kann und was das kostet. << https://www.facebook.com/lorenz.meyer.der.charismatische.guru.das.bin.ich/posts/1120987451254699?fref=nf

  10. Das Problem ist aber, dass diese sehr schwach sind, deshalb sind sie schwer zu detektieren.
    Außer man hat eine Supernova vor der Hausture, das wäre in der Tat tödlich ;)
    Oder zwei verschmelzende Schwarze Løcher, dann sind die Gravitatonswellen sozusagen der „Lustschrei“ :)
    Nur ein Ereignis wie diese, wůrden Stärke Gravitatonswellen Erzeugen, aber diese Ereignisse wären für sich alleine schon tödlich.

  11. Die Gravitationswellen, wo sie doch jetzt nachgewiesen sind, können auch helfen, die Homöopathie auf neue Füße zu stellen, weiß Michael Lemurian: […] jetzt wo Gravitationswellen nachgewiesen worden sind brauchen die Homöopathen eh nicht mehr die dusselige Quantenphysik! Und dabei wird es sicher nicht bleiben…

  12. @gnaddrig:

    Ist doch schön, dass unser Psycho-Stalker sich selbst und die Homöopathie gleich mit desavouiert.

    Da braucht man nicht mehr selber zu kommentieren, um beider Blödheit aufzudecken.

  13. Ach was, wir haben halt Einstein nicht verstanden…

  14. Ein kleines Gedicht zu Einsteins ART:

    RELATIVITÄTSTHEORIE

    Zeit ist relativ,
    Man hat sie leider nie.
    Einstein forschte intensiv,
    Offenbarte sein Genie:
    Konstant das Tempo von Licht,
    Schneller geht es nunmal nicht.

    E = m c ²

    Diese Formel kennt wohl jeder,
    Genauso wie das Newtonmeter.
    Newtons Gesetze sind zementiert,
    Einstein hat ein Update installiert.

    Er untersuchte die Gravitation,
    Brachte die Raumzeit ins Spiel.
    Die Masse erhielt Reputation,
    Eine Feldgleichung war das Ziel.

    Sterne, allgemein große Massen,
    Krümmen den umgebenden Raum.
    Das Licht muss sich hier anpassen,
    Herum sich winden wie ein Baum.

    Revolutionäres war gedacht,
    Einstein ewiger Ruhm gewiss.
    Es wurde der Beweis erbracht
    Bei einer Sonnenfinsternis.

    Rainer Kirmse , Altenburg

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