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Schein und Sein oder: Das Kreuz mit den Lichtkreisen

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Klar, wir freuen uns über alles. Auch über pittoreske Fotos von Lichtflecken an Häuserwänden. Aus der Fuggerstadt Augsburg haben uns diese Aufnahmen (aufgenommen am 9. September mit Kamera-Handy) erreicht – mit dem Hinweis, hier seien „Motive und Manifestationen natürlicher Harmonie sichtbar“.

 

 

In der Tat verdient das Wort „natürlich“ in diesem Zusammenhang besondere Beachtung. Denn diesem Phänomen liegt ein zwar hübsch anzuschauender, aber simpler optischer Effekt zugrunde.

Ganz prosaisch gesagt: Bei einer rechteckig eingespannten Fensterscheibe ergibt sich unter Druck aus geometrischen Gründen eine ausgeprägte Einbuchtung längs der Diagonalen der Scheibe. Eine derart verformte Scheibe reflektiert das auftreffende Licht an den konvexen Krümmungsabschnitten (den Tälern) divergierend und an den konkaven Krümmungsabschnitten konvergierend.

Die Scheibe fokussiert demnach an den inneren Flanken der diagonalen Täler das Licht und defokussiert es an dessen äußeren Rändern. So entsteht bei tief stehender Sonne und einem Nord-Süd-Straßenverlauf auf der gegenüberliegenden Häuserwand ein deformierter Lichtreflex, bei dem zum Beispiel ein zentrales Kreuz im Inneren eines lichtschwächeren Kreises erscheint.

Ob solche Lichtzeichen „erfreuende und heilende Wirkung“ haben, wie der Absender der Fotos dazuschreibt, mag nun jeder Betrachter für sich entscheiden. Der Auffassung indes, die Augsburger Schein-Manifestationen seien „als Gruß bewusster Wesenheiten zu verstehen, die auf diese Weise auf die besonderen Entwicklungen an einem Ort aufmerksam machen und allen bewusst oder unbewusst Mut machen, sich an den positiven Entwicklungen zum Guten zu beteiligen“, können wir uns nicht so recht anschließen. Dazu sind die physikalischen Beweise für einen völlig natürlichen Ursprung des Phänomens einfach zu erdrückend, siehe etwa

Noch dazu ist die Sache mit den Lichtkreuzen uralt. Und besonders „erleuchtet“ haben die Fassadenkleckse die Welt bislang offenkundig noch nicht. Vor sieben Jahren zum Beispiel, da verkündeten die Mitglieder einer neureligiösen „Transmissionsgruppe“ in Hamburg und Berlin, dass es nur noch wenige Wochen dauere – dann komme Christus auf die Erde zurück. Schließlich gebe es doch diese „mysteriösen Lichtzeichen“ auf Häusern.

Dass wundersüchtige Zeitgenossen dennoch unverdrossen an den „göttlichen Zeichen“ festhalten, kann niemanden überraschen, der sich auch nur am Rande mit Esoterik beschäftigt. Ein schönes „Argument“ finden wir zum Beispiel auf der „Wunderseite“ (der Name ist Programm, siehe www.diewunderseite.de/lichtkreise/index.htm): „Alle Theorien scheitern auch schon daran, dass sie nicht die plötzliche explosionsartige Zunahme des Phänomens erklären, obwohl die Fensterscheiben zumeist nicht ausgetauscht wurden, sondern jahrelang ganz normal reflektierten.“

Da müssen wir wohl mal Ockhams Rasiermesser hervorziehen und diesen Einwand unter der Fragestellung sezieren: Existiert überhaupt ein Phänomen, das erklärt werden müsste? Sehr wahrscheinlich nicht. Einen ganz ähnlichen Fall schildert Paul Watzlawick in seinem Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“.

Ende der fünfziger Jahre brach in den USA, in Seattle, eine regelrechte Massenhysterie aus. Immer mehr Autobesitzer wurden auf kraterähnliche Kratzer auf ihren Windschutzscheiben aufmerksam. Die Zahl der „Geschädigten“ war so groß und stieg so beständig, dass der damalige Präsident Eisenhower sich genötigt fühlte, eine Expertenkommission zur Klärung des Phänomens einzusetzen.

Unter den Bewohnern Seattles hatten sich bereits zwei Theorien ausgebreitet, die als Erklärungsversuche dienten:

  1. Durch sowjetische Atomversuche verursachter radioaktiver Staub habe sich im feuchten Klima in einen glasätzenden Tau verwandelt, der die Windschutzscheibe schädigt.
  2. Frisch geteerte Highways erzeugten eine Art Säuretröpfchen, mit demselben Effekt.

Schließlich nahm sich die Expertenkommission unvoreingenommen der Sache an und kam zu einer verblüffenden Lösung des Rätsels: Es gab überhaupt keine Zunahme an zerkratzten Autoscheiben.

Was es gab, war eine Zunahme an angestarrten Autoscheiben.

Nach den ersten Berichten in den Medien kamen die Leute überhaupt erst auf die Idee, sich ihre Windschutzscheiben genauer anzusehen. Genauer bedeutet: von Nahem und mit einem anderen Blickwinkel. Und schon wurden gewöhnliche Kratzer, die ansonsten nie jemandem aufgefallen wären, zum Gesprächsthema.

Das nennt man „selektive Wahrnehmung“. Oder auch „rosarote Brille“, durch die manche Zeitgenossen unsichtbare rosafarbene Einhörner sehen können. Wenig wundersam.

8 Kommentare

  1. Sehr schöner Artikel :)

    Gerade die Frage „Existiert überhaupt ein Phänomen, das erklärt werden müsste?“ sollte wirklich viel öfter gefragt werden. Viele Menschen lassen sich nur viel zu oft „Heil- und Gegenmittel“ andrehen für Probleme und Gefahren, deren Existenz ja noch nicht einmal erwiesen ist.

  2. Also das sind die Reflexionen der Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite hätte mir als Erklärung wohl auch gereicht. Allerdings hab ich das ja auch sofort gesehen und es ist in der Tat nicht so prosaisch. ^^ Jedenfalls habe ich noch eine kurze Frage zu der oben stehenden Erklärung. Müssten nicht die konvexen Krümmungsabschnitte Berge und die konkaven Täler sein?

    Jedenfalls erscheint mir das im Text widersprüchlich. Zuerst schreiben Sie das Licht wird von den konvexen Krümmungsabschnitten, die Sie mit Tälern gleichsetzen, divergierend reflektiert und im Absatz darauf steht, dass das Licht im Inneren der Täler fokussiert wird.

    So wie ich das sehe, müssten konkave Krümmungsabschnitte also als Täler bezeichnet werden und schon stimmt alles. Vllt habe ich den Text ja aber auch nur missverstanden. Ich bitte freundlichst um Klärung! : )

  3. @Stan:
    Vielen Dank für die interessante Frage.

    Eine gute Erklärung findet sích beispielsweise bei der Uni Münster (PDF).

    Kurz gesagt: Isolierglasscheiben wölben sich wegen des leichten Unterdrucks bevorzugt nach innen. Und weil die äussere Glasfläche ähnlich einem Hohlspiegel arbeitet und wie eine Linse ein reelles Bild erzeugen kann, treten mit schrägerem Lichteinfall zunehmend Abbildungsfehler auf – in diesem Fall das sog. Koma, das ebenfalls gekreuzte helle Lichtreflexe entstehen lässt. Dies gilt aber nur für das mittlere Bild.

    Beim oberen wie beim unteren Bild sind nämlich die Kreuze dunkel – in dieser Region fällt also weniger Licht ein. Solche Reflexe entstehen durch plane Fenster, die mit einem oder mehreren klassischen Fensterkreuzen versehen sind. Es sind also quasi mehrere kleine Fensterscheiben nebeneinander, und die Fensterbalken dazwischen reflektieren viel weniger Licht. Ergo ist dieser Bereich im Reflex dunkler.

  4. Sehr Geehrte!

    Ich bin Sabina fotografin aus Slowenien mit kleine bitte um erklearung.

    Auf viele meine photos sind unerklearte lichtkugel und andere dinge

    uber welche niemand was sagen kann.

    Es ist villeicht nur was endlices im buch von Diane COOper – orbs.

    Aber meine kugel sind irgendwie anders.Konnen sie mir villeich das

    erklearen? Wohin soll ich fotos schiken? Auf email oder per post?

    Ich bedanke mich vorraus. Alles gute mfg Sabina

  5. @Sabina:

    Ich schicke Ihnen eine Mail-Adresse, dann können wir die Fotos gerne hier im Blog diskutieren.

  6. Na, da bin ich aber neugierig…

  7. …auf die Diskussionen!

  8. …da kann ich auch ein Bild beisteuern…man beachte das „Licht-Ufo“ in der unteren Bildmitte…;-)
    http://raumzeitundmaterie.wordpress.com/2013/07/01/pb130318-jpg/

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