Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären

Noch einen Tag bis zur “10:23″-Aktion der Skeptiker.

Zur Einstimmung gibt’s bei Kritisch gedacht ein “Russisches TV-Roulette zur Hokuspokus-Medizin”.

Und bei youtube einen witzigen Clip über ein sehr praktisches “Scharlatan-o-Meter”: Ein Gerät, “das uns vor Pseudo-Experten warnt”.

Lassen wir lieber echte Experten zu Wort kommen, nämlich den Skeptiker und Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Werner Hessel.

Teil IV unseres Interviews: Was hat die GWUP eigentlich gegen Homöopathie?

Warum sind Sie als niedergelassener Arzt so engagiert gegen Homöopathie, Alternativ- und Komplementärmedizin (CAM) eingestellt? Gibt es dafür noch weitere Gründe, über die wir nicht gesprochen haben?

Einige, ja.”

Zum Beispiel?

 Die CAM sieht sich gerne als „sanfte“ Medizin, weil sie nebenwirkungsarm bis nebenwirkungsfrei sei – Kritiker meinen übrigens, dass schon allein dadurch die angebliche Wirkung äußerst fraglich ist, aber das nur nebenbei. Was mich als Arzt an dieser „sanften“ Medizin stört, ist die Tatsache, dass deren Vertreter praktisch eine Patientenselektion vornehmen: Als Gegenstand ihrer Methoden wählen sie üblicherweise leichte oder chronische Krankheitsbilder, wo Erfolge einfach zu erzielen sind beziehungsweise sich sogar ganz von selbst einstellen.

Zum Beispiel deswegen, weil chronische Erkrankungen häufig ungleichmäßig verlaufen, was es einfacher macht, Zeiten zu finden, in denen die Behandlung zu helfen scheint. Das schafft natürlich Vertrauen, während alles Schwierige an die wissenschaftsbasierte Medizin verwiesen wird – die gegebenenfalls auch daran scheitert.”

Umgekehrt gibt es den vermutlich nicht seltenen Fall, dass Schwerkranke sich der Alternativ- und Komplementärmedizin zuwenden, die dann als „rettender Strohhalm“ gilt.

Was sie natürlich nicht ist. Die CAM kann weder den Krankheitsverlauf entscheidend beeinflussen noch das Leben verlängern – stattdessen geht es vage um eine angebliche „Verbesserung der Lebensqualität“. Natürlich ist es menschlich nur allzu verständlich und völlig legitim, dass Schwerstkranke und Sterbende alles versuchen, was vielleicht Rettung oder Linderung verspricht.

Dennoch: Gerade in solchen Fällen, bei Patienten, die für palliativmedizinische Methoden geeignet sein könnten, halte ich es in hohem Maße für unethisch, Verfahren anzubieten, deren Wirkmechanismus unplausibel, deren Wirksamkeit nicht bewiesen oder wo ein Wirknachweis nur schwer zu führen ist.”

Bei den eben angeführten leichteren Fällen könnte man immerhin noch sagen: Solange der Patient die Kosten dafür trägt, kann er machen, was er will.

Ja, auch das scheint mir ein Punkt zu sein, der eng mit den „Erfolgen“ der Außenseitermedizin verknüpft ist. Schließlich muss CAM meistens von den Patienten selbst bezahlt werden. Diese Kosten will man selbstverständlich nicht umsonst gehabt haben. So wird der Gesundungswille gefördert, der stark von der Höhe dieser Kosten beeinflusst wird.”

Womit wir wieder beim Placebo-Effekt wären. Könnte der oft geforderte „Diskurs auf gleicher Augenhöhe“ zwischen Schulmedizin und CAM beziehungsweise eine „Kooperation“ oder gar „Integration“ möglicherweise auf Basis der Placebo-Forschung zustande kommen?

Theoretisch ja. Nur ist nicht abzusehen, dass sich das Methodeninventar und speziell die Berufung auf Grundlagen so angleichen ließe, dass damit ein gemeinsames Vorgehen ermöglich würde. Für mich bleibt der Dreh- und Angelpunkt die konsequente Anwendung der wissenschaftlichen Methodik der evidenzbasierten Medizin, die streng unterscheidet, ob die Heilwirkung einer Methode über die Wirkung einer Scheinbehandlung hinausgeht oder nicht.

Im letzteren Fall gilt die Behandlung als unwirksam, obwohl die Placebo-Effekte – bei der Homöopathie zum Beispiel die Gesamtheit der Arzt-Patienten-Beziehung, die Repertorisierung, die Public Relations et cetera – dabei eine heilende Wirkung haben können.
Übrigens sprechen auch CAM-Forscher, die eine spezifische Wirksamkeit etwa der Homöopathie liebend gern nachweisen würden, mittlerweile von solchen “Kontexteffekten” – die sie aber unverdrossen der Homöopathie zurechnen.”

Die meisten Homöopathen behaupten aber, homöopathische Mittel wirken „wirklich“.

Das ist falsch. Die Arznei hat keinerlei Anteil. Entgegen der Behauptung der Homöopathie-Vertreter kann jede Art von homöopathischer Behandlung mit doppelter Verblindung getestet werden. Gute Doppelblindstudien zeigen tendenziell schlechte Ergebnisse für die Homöopathie.”

Das klingt nach dem wissenschaftlichen Todesurteil für die Homöopathie.

Es sei denn, die beiden letzten Punkte würden experimentell glaubwürdig widerlegt. Da dies bisher noch nie gelungen ist, besteht der sinnvolle Aspekt aktueller Forschungsprojekte zur Homöopathie allein darin, herauszufinden, wie sich Placebo-Effekte wirksam optimieren lassen. Das wären Erkenntnisse, die auch für die Wissenschaftsmedizin von großer Bedeutung sind.

Aus Sicht der GWUP gibt es für viele Verfahren, die sich unter „Alternativ- und Komplementärmedizin“ tummeln, nichts mehr zu erforschen. Die naturwissenschaftlichen Akten könnten längst geschlossen werden. Interessant ist höchstens noch die historische beziehungsweise die psychologische/soziologische Dimension. Kurz gesagt: Unmögliche Dinge muss man nicht erklären. Sondern darüber aufklären, dass und warum sie unmöglich sind.”

Zum Weiterlesen:

  • Teil I: Was hat die GWUP gegen Homöopathie? GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Teil II: Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze, GWUP-Blog am 2. Februar 2011
  • Teil III: Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Streit um Homöopathie: Tierischer Placebo-Effekt, Spiegel-Online am 5. Februar 2011
  • Über-Dosis aus Protest: Homöopathie-Skeptiker geben sich die Kügelchen, Spiegel-TV am 5. Februar 2011
  • Massen-”Überdosis” soll Nutzlosigkeit der Homöopathie demonstrieren, GWUP-News vom 3. Februar 2011
  • Immun gegen Homöopathie in zwölf Schritten, Evidenz-basierte Ansichten am 3. Februar 2011
  • Homöopathie – Das falsche Verschwörungsopfer, Evidenz-basierte Ansichten am 8. Januar 2011
  • “Verächtlichmachung der Homöopathen”: Michael Frass ist beleidigt, Esowatch-Blog am 5. Februar 2011

6 Kommentare zu “Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären”


  1. 1 skeptikus 4. Februar 2011 um 00:04

    Hier noch eine ergänzender Linktipp:
    http://evidentist.wordpress.com/2011/02/03/immun-gegen-homoeopathie/

    “Hier sind 12 Punkte zur Homöopathie, die sich gut eignen als argumentatives Futter für fruchtlose Diskussionen mit Gläubigen, mehr noch aber für Gespräche mit ahnungslosen Passanten, die eher ungläubig schauen, wenn man ihnen erzählt, dass an homöopathischen Mittelchen „nix drin und nix dran“ sein soll. „Wie?! Aber das verkaufen die doch in der Apotheke!?!“ Ja, vielleicht helfen diese Punkte ja auch der einen oder anderen Apothekerin, die „immer wieder gute Erfahrungen mit der Homöopathie“ gemacht hat.”

  2. 2 krusty 4. Februar 2011 um 13:38

    Wenn den Homöopathen so viel daran liegt, die Wirksamkeit zu beweisen, warum nicht ein Experiment, bei dem eine eindeutige Wirkung hervorgerufen wird ?
    z.B. Erbrechen, Durchfall, …

    Verabreichung der Homöopathika streng nach Homöopathischer Anweisung.
    Wichtig allein, das ein messbarer Effekt hervorgerufen wird, allein mit H. Mitteln.

    Oder wäre das nicht was für eine Skeptiker-Aktion ?

  3. 3 Bernd Harder 4. Februar 2011 um 13:44

    @krusty:

    Nun ja, eigentlich ist derjenige in der Beweispflicht, der eine Behauptung aufstellt – und das wären nun mal die Homöopathen, nicht die Skeptiker.

  4. 4 Jakob H. 4. Februar 2011 um 17:12

    Danke für die Artikelserie. Noch eine kleine Anregung von mir: Wäre es nicht schöner von “soft alternative or complementary medicine” kurz SCAM zu sprechen?

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