gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

23. März 2019
von Bernd Harder
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Neues Buch von Holm Hümmler: „Verschwörungsmythen“

Im April erscheint das neue Buch von Dr. Holm Hümmler:

Verschwörungsglaube hat Konjunktur, sogar in der Weltpolitik findet er heute Anhänger. Könnte hinter den Vorstellungen der „Verschwörungstheoretiker“ vielleicht doch mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit stecken? Wer für seine Behauptungen überprüfbare Belege anführt, verdient, damit ernst genommen zu werden. Um zu prüfen, ob Mythen oder Fakten hinter den „Theorien“ stehen, sollte sich jemand mit entsprechender Fachkompetenz damit befassen.

Das vorliegende Buch hat sich dies zur Aufgabe gemacht – es geht verschiedenen Behauptungen im Bereich Naturwissenschaft und Technik auf den Grund. Die Ergebnisse sind verblüffend, die Erklärungen oft erstaunlich einfach. Wer ehrliche Antworten und Anstöße für eigene Recherchen und Überlegungen sucht, wird sie ganz besonders zu schätzen wissen.

Hümmler selbst schreibt dazu:

Erfreulicherweise sind es oft die Verschwörungsgläubigen selbst, die eine faktenbasierte Diskussion, gerade mit naturwissenschaftlichen Argumenten, suchen – dabei aber oft die Fakten oder ihre Zusammenhänge nicht richtig verstehen. Vom 11. September bis zur flachen Erde: Wer meint, eine Verschwörung durchschaut zu haben, argumentiert gerne naturwissenschaftlich, macht aber nur allzu oft den Anschein zum Beweis.

An dieser Stelle hakt das Buch ein und nimmt sich exemplarisch einige der bedeutendsten modernen Verschwörungsbehauptungen vor. Wie stichhaltig sind die vorgebrachten Belege? Wie realistisch sind die alternativen Erklärungen? Und lässt sich daraus ein Muster erkennen, wie Verschwörungsgläubige argumentieren und wie man ihnen begegnen kann?

Die Hardcore-Verschwörungspropagandisten wird man so nicht überzeugen können – dazu gibt es auch sonst kein Patentrezept. Man kann sich aber mit dem Wissen und den Methoden wappnen, ihnen nicht auf dem Leim zu gehen.

Bei unserem „Skeptical“ am 30. Mai in Augsburg erklärt Hümmler, wie das Debunking von Verschwörungstheorien geht.

Zum Weiterlesen:

  • Holm Hümmler: Verschwörungsmythen. Wie wir mit verdrehten Fakten für dumm verkauft werden. Hirzel 2019, 224 Seiten, 19,80 €
  • Ein neues Buch zu einem (fast) anderen Thema, Relativer Quantenquark am 16. März 2019
  • Von JFK zur „Truman Show“: Verschwörungstheorien auf Netflix, Amazon & Co., Die Presse am 22. März 2019
  • Was zeigen die Fotos aus dem Inneren von „Chemtrail-Flugzeugen“? Mimikama am 18. März 2019
  • Neuerscheinung: Fake News und Verschwörungstheorien als Comic-Buch, GWUP-Blog am 15. März 2019
  • Für Schulen in Augsburg und Schwaben: Projekttag zum Thema Fake News und Verschwörungstheorien, GWUP-Blog am 18. März 2019

23. März 2019
von Bernd Harder
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Skeptics in the Pub Köln: „Richtige Daten, falsche Schlüsse“

Am 2. April (Dienstag) bei Skeptics in the Pub Köln:

Manchmal tauchen Muster in Daten auf, wo gar keine sind.
Dahinter steckt nicht immer böswillige Manipulation. Häufig sind es vollkommen nachvollziehbare Fehler in der Interpretation – denn das menschliche Gehirn ist nun mal auf Mustererkennung ausgelegt. Und manchmal macht ein übersehenes Detail in der Analyse den Unterschied.

In anderen Fällen liegt überhaupt kein Fehler vor, sondern der Zufall hat uns ein Schnippchen geschlagen. Dramatisch, wenn es um erhöhte Krebsraten geht, oder amüsant, wenn ein verzauberter Würfel die Hauptrolle spielt.

Daten sprechen, aber leider furchtbar undeutlich; auch kritisches Denken schützt nicht immer vor Missverständnissen. Unsere Reise durch das wilde Land der Daten soll aber ein paar „Sprachbarrieren“ aus dem Weg räumen.

Die Veranstaltung im Herbrand’s beginnt um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Zum Weiterlesen:

  • Get Rid of “Statistical Significance”, NeuroLogica-Blog am 22. März 2019
  • Video: „Die PSI-Tests der GWUP – 10.000 Euro für den Nachweis von Paranormalem“ bei Skeptics in the Pub Köln, GWUP-Blog am 3. März 2019
  • Video von Skeptics in the Pub Köln: „Evolutionstheorie – Affengeil oder Holy Shit?!“ GWUP-Blog am 12. Februar 2019

23. März 2019
von Bernd Harder
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Globukalypse international: „Homeopathy Reconsidered“ im australischen Skeptic-Magazin

Die Homöopathie kommt aus Deutschland – aber auch die #Globukalypse wird von Deutschland ausgehend weltweit wahrgenommen.

Nach dem Skeptical Inquirer hat auch das Skeptic-Magazin der australischen Skeptiker das Interview von Annika Merkelbach mit Dr. Natalie Grams abgedruckt.

Daneben gibt’s die Freiburger Erklärung zur Homöopathie im Wortlaut und eine Rezension der englischen Ausgabe („Homeopathy Reconsidered“) von „Homöopathie neu gedacht“.

Zum Weiterlesen:

  • Natalie Grams: Professional Homeopath to Professional Skeptic, CSI am 22. Januar 2019
  • Natalie Grams: Homeopathy Reconsidered. What Really Helps Patients. Springer 2019, 124 Seiten, 24,60 €
  • „Homöopathie neu gedacht“ von Natalie Grams: Zweite Auflage, neuer Preis, neues Vorwort, GWUP-Blog am 28. November 2017
  • Homeopath Quits Homeopathy but Thinks the Homeopathic Approach Has Value, Science-Based Medicine am 26. Februar 2019
  • Absatzzahlen in der Homöopathie: Wie Medien mit Fake-Infos umgehen, MedWatch am 22. März 2019
  • Universität will erstmals einen Lehrstuhl für alternative Heilmethoden einführen, Medical Tribune am 13. März 2019
  • A homeopathic love-letter, edzardernst am 22. März 2019

23. März 2019
von Bernd Harder
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Fünf Tipps und Tools, mit denen man Fake News im Internet identifizieren kann

Neu bei Meedia (mit Interview):

Tool 1:
Bilderrückwärtssuche mit Google und Yandex. Einfach im Suchfenster von Images auf Kamera-Icon drücken und dann entweder die Bild-URL einfügen oder das Bild hochladen, auf Bildersuche klicken und los geht’s. Die vergleichenden Bilder zeigen, wie die Original-Fotos aussahen und offenbaren damit Fakes. Auch sehr hilfreich gegen Bilderklau, um zu überprüfen, wo eigene Fotos veröffentlicht wurden.


Tool 2:
Um Fake-News und Fake-Videos aufzudecken, hat die Hilfsorganisation Amnesty International einen kostenlosen “YouTube DataViewer” entwickelt. Einfach in der Web-App den Link zum gewünschten Video einfügen und schon erscheinen alle Metadaten, die öffentlich verfügbar sind. Darunter sind unter anderem die YouTube-ID, das Upload-Datum samt Uhrzeit und die Video-Thumbnails (Miniaturbilder) nützlich, um Videos auf Echtheit zu überprüfen.


Tool 3:
Account Analysis von Luca Hammer dient zur Überprüfung des Nutzungsverhaltens einzelner Twitter-User. Einfach mit dem eigenen Twitteraccount anfangen und schauen, an welchen Wochentagen, zu welcher Zeit oder zu welchen Themen man am meisten auf Twitter aktiv ist.

Tool 4:
Erweiterte Suche/Suchoperatoren bei Twitter, beispielsweise um weitere Tweets zu einem angeblichen Vorfall zu finden, um herauszufinden, wann die ersten Tweets zu dem Ereignis getwittert wurden. Die Suchmaske erlaubt, einzelne Wörter, ganze Sätze oder Hashtags zu suchen.

Tool 5:
Karten mit Satellitenansicht wie Googlemaps oder Bing Maps View und für osteuropäische Länder Yandex Panorama helfen bei der Verifikation des Ortes. Zudem mit Streetview kombinierbar, beispielsweise zur Überprüfung von markanten Objekten (Straßenschilder, Straßenmarkierungen, Geschäfte), die auf Videos und Fotos zu sehen sind. Zusätzlich dient der Sonnenverlauf (sonnenverlauf.de) anhand von Schattenspielen zur Überprüfung der tatsächlichen Uhrzeit vor Ort.

Zum Weiterlesen:

  • Fünf Tipps und Tools von Faktencheckerin Karolin Schwarz, die zeigen, wie man Fake-News im Netz erkennt, meedia am 21. März 2019
  • Was ist Fauxtire und wie erkennt man es? mimikama am 18. März 2019
  • Apple investiert in den Kampf gegen Fake News, mimikama am 20. März 2019
  • Suchmaschinen: Filter und alles andere Klickbare, mimikama am 21. März 2019
  • Alexa Waschkau über Fake News: Warum Aufklärung besser als Löschen ist, Deutschlandfunk am 22. März 2019
  • Fakes erkennen, Fotos überprüfen, Quellen beurteilen: Tipps von Mimikama, GWUP-Blog am 18. August 2016

21. März 2019
von Bernd Harder
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Homöopathie-Vortrag von Norbert Aust bei der VHS in Freudenstadt

Am 2. April (Dienstag) spricht Dr. Norbert Aust bei der VHS Freudenstadt zum Thema

Homöopathie: Lehre, Überzeugung, Evidenz

Die Homöopathie ist derzeit ein stark umstrittenes Thema. Manche sehen darin eine Therapieform, die der konventionellen Medizin ebenbürtig, wenn nicht gar überlegen ist. Andere sehen darin eher eine unwissenschaftliche Heilslehre. Was wissen wir über die Homöopathie? Was sollte man wissen? Wer hat Recht?

In diesem Vortrag von Dr. Norbert Aust kommen die Grundzüge der homöopathischen Lehre ebenso zur Sprache sowie die Bestandteile und Herstellung der homöopathischen Mittel. Es wird dargestellt, wie man versucht die Effekte der Homöopathie zu erklären und welche Beweise für die Wirksamkeit vorliegen. Am Ende des Vortrages soll der Zuhörer in der Lage sein, die vielen widersprüchlichen Nachrichten und Informationen zur Homöopathie zu bewerten.

Die Veranstaltung beginnt um 19 Uhr. Die Kursgebühr beträgt sieben Euro. Zur Anmeldung geht es hier.

Zum Weiterlesen:

  • Endlich eine gute Studie, die eine Wirksamkeit der Homöopathie belegt – oder doch nicht? Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 17. März 2019
  • „Wissenschaft persönlich“: Natalie Grams am 2. April in Winterthur, GWUP-Blog am 19. März 2019

21. März 2019
von Bernd Harder
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Geo-Titelgeschichte „Impfen! Oder etwa nicht?“ jetzt online

Jetzt online: die GEO-Titelgeschichte (3/2019) „Impfen! Oder etwa nicht?“ von Vivian Pasquet.

Auch abseits des berühmten „Masern-Prozesses“ hat der Streit zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern irrsinnige Züge angenommen. Eltern, die ihre Kinder nicht impfen lassen, tauschen sich in geschlossenen Facebook-Gruppen über „Impfmobbing“ aus. Ärzte schmeißen impfmüde Patienten aus ihrer Praxis. Werden Filme von Impfgegnern im Kino gezeigt, sichern schon mal Polizisten den Kinoeingang.

Das ist auch deshalb beachtlich, weil die Gruppe der harten Impfgegner in Deutschland eher klein ist: Gerade einmal rund zwei Prozent lassen sich oder ihre Kinder überhaupt nicht impfen. Diese Gruppe ist allerdings auch sehr laut. Impfgegner pflegen eigene Internetseiten, sie geben Magazine wie den „impf-report“ heraus, sie treffen sich zu Stammtischen und auf Demonstrationen. So kann der Eindruck entstehen, dass es zwei Seiten im Streit ums Impfen gäbe, Gegner und Befürworter.

Doch es gibt noch eine dritte Gruppe von Menschen. Sie agiert leiser, aber sie kann entscheidend für die Gesundheit einer Nation sein: die Impfskeptiker […]

Zum Weiterlesen:

  • Impfen!? Alle Antworten für die richtige Entscheidung, geo.de am 21. März 2019
  • „Impfen! Oder etwa nicht?“ – Lesenswerte Titelgeschichte im neuen „Geo“-Magazin, GWUP-Blog am 15. Februar 2019
  • Soziale Medien wollen gegen Impfgegner vorgehen, GWUP-Blog am 19. März 2019
  • Neues Verfahren: Impfen ohne Chemie, BR am 15. März 2019

21. März 2019
von Bernd Harder
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Jetzt (kostenpflichtig) online: Natalie Grams in der Welt am Sonntag – „Was ich bei meinen Auftritten erlebe“

Jetzt bei Welt+ verfügbar: der Artikel aus der Welt am Sonntag, auf den wir hier hingewiesen hatten.

Bei Twitter schildert Grams heute zudem ein bezeichnendes Erlebnis:

Wie Homöopathen und Globuli-Fans reagieren, wenn sie auch nur auf die Möglichkeit solcher „Cum hoc ergo propter hoc“-Fehlschlüsse aufmerksam gemacht werden, kann man in dem Welt+-Artikel nachlesen:

Münster, 2018: Ich halte einen Vortrag über die Ethik der Homöopathie innerhalb der Medizin. Homöopathieanhänger im Publikum kommentieren mit Zischen, Gelächter und Zwischenrufen.

Anschließend hält ein Vertreter der Homöopathie [Andreas Holling] sein Referat. Nicht ein Sachargument von mir greift er auf – verweist stattdessen auf die dicken Bücher, in der die Homöopathie niedergeschrieben sei. Das könne ja nicht alles falsch sein.

Am nächsten Tag lese ich in den sozialen Medien von meiner „Hilflosigkeit in der Debatte“ und einer „vernichtenden Niederlage“.

Wie es wirklich war:

Zum Weiterlesen:

  • Was ich bei meinen Auftritten erlebe, spricht für sich, Welt+ am 21. März 2019
  • Natalie Grams in der WamS: „Rattengift sollte ich verabreicht bekommen“, GWUP-Blog am 17. März 2019
  • Früher war sie Homöopathin – heute kämpft Natalie Grams gegen den Mythos der Globuli, watson am 19. März 2019
  • „Wissenschaft persönlich“: Natalie Grams am 2. April in Winterthur, GWUP-Blog am 19. März 2019

20. März 2019
von Bernd Harder
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Buchtipp: „Bedienungsanleitung für deinen Verstand“ – das neue skeptische Standardwerk

Wie soll man eine Rezension über ein Buch schreiben, von dem man am liebsten jeden einzelnen Satz zitieren möchte?

Am besten lässt man es – und spricht nur eine uneingeschränkte Empfehlung aus.

Die deutsche Ausgabe von Steven Novellas „The Skeptics’ Guide to the Universe“ ist schlicht gesagt das skeptische Standardwerk schlechthin. Die prallen (und unbebilderten) 500 Seiten sind …

… quasi eine Schutzimpfung gegen minderwertige Wissenschaft, Täuschung und Denkfehler.

Man kann willkürlich eine beliebige Seite aufschlagen und liest sich sofort fest – sogar dann, wenn man in dem jeweiligen Thema bereits zu Hause ist und die Ausführungen für langjährige Skeptiker nicht hochaktuell und auch nicht vollständig sind. Ein paar Probeversuche:

Seite 63: Der Dunning-Kruger-Effekt, eingeordnet in den Teilbereich „Metakognition“ als eines von vier Kernkonzepten des wissenschaftlichen Skeptizismus („salopp ausgedrückt, bedeutet das, über das Denken nachzudenken. Die Metakognition ergründet, inwieweit unser Denkvermögen von Verzerrungen beeinflusst wird.).

Seite 93: Thema hier ist „Argumentation und logische Fehlschlüsse“. Novella skizziert das „Argumentum ad ignorantiam“ („Das Nichtvorhandensein einer anderen Erklärung bedeutet nur, dass wir etwas nicht wissen – es heißt aber nicht, dass wir uns einfach eine andere Erklärung dafür ausdenken dürfen.“).

www.theskepticsguide.org/about/steven-novella

Seite 241: „Hexenjagden“ als Unterpunkt zum Thema „Verschwörungstheorien“ im Teilbereich „Wissenschaft und Pseudowissenschaft“. Es geht um Salem 1692 und die sechs klassischen Elemente einer „Hexenjagd“ bis hin zur aktuellen „Satanic Panic“.

Seite 357: „Verrücktes Hollywood“. Im Fokus dieses Kapitels stehen die Kapriziösen diverser Promis wie Jenny McCarthy oder Gwyneth Paltrow.

Seite 404: „Wir man einen wissenschaftlichen Artikel prüft“. Gehört zum Oberkapitel „Wissenschaftsjournalismus“, davor erklärt Novella auch die Crux mit der „falschen Ausgewogenheit“.

Seite 453: „Skeptizismus in der Kindererziehung“ als Teilaspekt des Schlusskapitels „Skeptisch leben“.

Ja – das Buch ist wirklich so vielfältig. Sollte man gelesen haben.

Zum Weiterlesen:

20. März 2019
von Bernd Harder
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Verschwörungsmythen rund um Krebs im neuen „Skeptiker“

Heute bei Spiegel-Online:

Die steigenden Zahlen gehen vor allem auf die alternde und wachsende Bevölkerung zurück. Nichtsdestotrotz bleibt die Tatsache, dass seit Jahrzehnten Abermilliarden an Forschungsgeldern, Spenden und Industriekapital in die Tumormedizin fließen, scheinbar ohne dass man dem Ziel, den Krebs zu besiegen, entscheidend nähergekommen wäre.

Das nährt natürlich Verschwörungstheorien, wonach Krebs eine Erkrankung sei, die „offiziell keine Heilung finden soll, weil mehr Menschen daran verdienen, als daran erkranken“.

Ist da was dran?

https://twitter.com/skeptiker_de/status/1108320322003128320

Darüber haben wir für den aktuellen Skeptiker (1/2019) mit Dr. Susanne Weg-Remers vom Krebsinformationsdienst des DKFZ in Heidelberg gesprochen:

Weg-Remers: Die Forschung der letzten Jahre hat mehr und mehr gezeigt, dass es nicht eine typische Krebserkrankung gibt, sondern dass Krebs als Sammelbegriff für eine Vielzahl ganz unterschiedlicher bösartiger Tumorerkrankungen mit unterschiedlichen Eigenschaften und Verläufen betrachtet werden muss.

Vor etwa zehn, fünfzehn Jahren ist man davon ausgegangen, dass es etwa 200 Krebserkrankungen gibt, die nach ihrem Ursprungsgewebe in den jeweiligen Körperregionen oder Organbestandteilen benannt wurden. Heute wissen wir, dass auch diese Schätzung zu niedrig war, weil jede Krebsart noch etliche Unterformen auf der Basis der genetischen Eigenschaften der Tumoren verschiedener Patienten entwickeln kann. Kein Tumor gleicht dem anderen.

Dazu kommt, dass Tumorzellen eines Patienten sich unter Therapie auf vielfältige Weise verändern, etwa Resistenzen ausbilden, und deshalb jede Krebserkrankung einen eigenen, oft unvorhersehbaren Verlauf nehmen kann. All das macht die Behandlung so schwierig.

Darüber hinaus geht es um den Vorwurf, die Pharmaindustrie erforsche wirtschaftlich uninteressante Substanzen erst gar nicht, und für unabhängige Studien stünden nur wenige Mittel zur Verfügung – so wie beispielsweise in der laufenden Debatte um Methadon als Krebsmedikament argumentiert wird.

Weg-Remers: Also was Methadon angeht, weiß ich von mindestens zwei Arbeitsgruppen, die Fördermittel einwerben, um das antitumorale Potenzial zu testen. Wenn eine Substanz vielversprechend ist, wird sie auch untersucht. Es gibt ja nicht nur die Pharmaindustrie, sondern auch öffentlich geförderte Forschung, die Studienprojekte finanziell ausstatten kann, wenn Pharmaunternehmen wirklich kein Interesse daran haben sollten.

Speziell beim Methadon ist es so, dass dieses Opioid in Zellkulturen und im Tierexperiment eine Wirksamkeit gegen Tumorwachstum gezeigt hat. Der Mensch ist aber nun mal keine Zellkultur und keine Maus. Von durchschnittlich 10 000 im Labor getesteten Substanzen schafft es am Ende eine bis zur Zulassung.

Alle anderen bleiben auf der Strecke, zum Beispiel weil sie nicht wirksamer sind als ein Standardmedikament. Oder weil sie inakzeptable Nebenwirkungen aufweisen.

www.gwup.org/147-wurzel/archiv-zeitschrift-skeptiker/2089-zeitschrift-skeptiker-1-2019

Und was ist mit der Behauptung, dass Krebs mit ganz einfachen Mitteln heilbar sei, etwa mit Natron, Dichloroacetat, Curcumin oder Amygdalin?

Weg-Remers: Viele Anbieter von alternativmedizinischen Methoden gegen Krebs werben mit irgendwelchen Studien, die durchaus in Fachzeitschriften erschienen sein können und auf den ersten Blick seriös wirken. Falsch sind allerdings die Schlüsse, die daraus gezogen werden – etwa dass Natriumbicarbonat bereits ein funktionierendes Krebsmedikament wäre. Das kann man aus den vorliegenden Daten von In-Vitro-Studien und Tierversuchen einfach nicht ableiten.

Eine Substanz, die Mäuse heilt oder in der Petrischale Tumorzellen abtötet, funktioniert im hochkomplexen Organismus des Menschen oft ganz anders oder gar nicht. Die Vorstellung, man nimmt Natron und der Krebs geht weg, ist verlockend, aber zu einfach.

Und wie berät die Krebsspezialistin Anrufer, die nach diversen „Wundermitteln“ fragen?

Weg-Remers: Häufig hilft es schon, wenn man Irrtümer ausräumt, etwa was das schon angesprochene Amygdalin beziehungsweise „Vitamin B17“ angeht. Ja, das ist ein natürlicher Stoff, eine Blausäureverbindung, die in Aprikosenkernen enthalten ist. Aber für eine Wirksamkeit als Medikament gegen Krebs gibt es keinerlei Belege, und es sind etliche Fälle von Blausäure-Vergiftung durch eine Amygdalin-Behandlung dokumentiert. Letzten Endes hat der Patient überhaupt nichts davon, im Gegenteil, er geht ein unnötiges Risiko ein.

Auch vermeintlich harmlose Nahrungsergänzungsmittel oder natürliche „Wunderwaffen“ wie Fischöl, Q10, Grüner Tee, Mariendistel, Ingwer, Laktobaterien und vieles andere können mit Krebsmedikamenten interagieren und deren Effektivität deutlich herabsetzen oder unerwünschte Wirkungen sogar verstärken.

Das Heft mit dem vollständigen Interview kann hier bestellt werden.

Zum Weiterlesen:

  • Aprikosenkerne und Kampfvergiftungsmittel, Skeptiker 1/2019
  • Chemophobie, Aprikosenkerne und andere Krebsmythen, GWUP-Blog am 3. Februar 2019
  • Methadon und Krebs: „Quarks“ erklärt den aktuellen Stand, GWUP-Blog am 4. Januar 2019
  • Zehn Gründe, warum es keine „Krebs-Verschwörung“ gibt, GWUP-Blog am 8. Juli 2015
  • The rise and fall of scientific authority — and how to bring it back, nature am 18. März 2019

20. März 2019
von Bernd Harder
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Neu im „Nachgefragt“-Podcast: Gendermedizin

Neu im Nachgefragt-Podcast:

Osteoporose oder Depression bei Männern, Herzinfarkt bei Frauen – bei zahlreichen Erkrankungen zeigen Frauen und Männer unterschiedliche Symptome und reagieren anders auf medizinische Therapien. Unter der Annahme, dass Männer- und Frauenkörper sich nur im Bereich der Gynäkologie und Geburtsmedizin unterscheiden, beruht das derzeitige medizinische Wissen bisher jedoch hauptsächlich auf Erkenntnissen über den männlichen Organismus.

Die Folge kann sein, dass Erkrankungen falsch diagnostiziert, Arzneimittelnebenwirkungen falsch eingeschätzt oder geeignete Therapien nicht eingeleitet werden. Neben den biologischen Unterschieden bei der Arzneimitteltherapie muss Rollenverhalten und gesellschaftliche Prägung der Männer und Frauen in der Diagnostik berücksichtigt werden.

Mit der Soziologin Sarah Hiltner spreche ich über geschlechtersensible Medizin und wie Frauen und Männer in der Medizin dargestellt werden. Wir diskutieren, wie beide Geschlechter davon profitieren, dass Unterschiede wahrgenommen und Therapiemaßnahmen auf sie abgestimmt werden, um eine optimale Behandlung zu gewährleisten.

Zum Weiterlesen:

  • Nachgefragt #21: Gendermedizin vom 19. März 2019
  • Neu im „Nachgefragt“-Podcast: Anthroposophie und Waldorfpädagogik, GWUP-Blog am 24. Januar 2019
  • Video: Der weibliche Patient – blinde Flecken in der Medizin, Science Slam mit Sarah Hiltner
  • Video: Gender Medicine: What has sex got to do with it? re:publica mit Sarah Hiltner