gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Vorpolitisch Short: Was ist Concept Creep?

| 12 Kommentare

Seb erklärt im neuen Vorpolitisch Short den Begriff Concept Creep.

In der Psychologie bezeichnet er die Ausweitung von Begriffen:

Ein Streit wird zur Gewalt, eine unbedachte Bemerkung zur Mikroaggression, eine unfaire Behandlung zum Missbrauch. Und aus Vorurteilen wird unter Umständen Rassismus.

Die Ausweitung besteht darin, dass ein Begriff mit der Zeit nicht mehr nur die ‚härteren‘ Fälle beschreibt, sondern auch mildere Fälle in seinen Bedeutungsumfang aufnimmt.

Das Phänomen ist zunächst nicht unbedingt negativ. Sprache verändert sich ständig, Gesellschaften entwickeln neue Sensibilitäten, entdecken bislang übersehene Formen von Leid und finden Begriffe für Erfahrungen, die vorher kaum benannt wurden.

Das kann durchaus fortschrittlich sein, aber

problematisch wird es jedoch, wenn durch die Ausweitung ein Begriff seine Trennschärfe verliert.

Seb erläutert das am Beispiel Gewalt. Dabei kann folgendes Dilemma entstehen:

Einerseits können neue Begriffe Menschen helfen, reale Probleme zu erkennen und zu benennen. Andererseits können überdehnte Begriffe dazu führen, dass sehr unterschiedliche Situationen moralisch und sozial gleich bewertet werden.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie weit darf ein Begriff ausgeweitet werden, bevor er mehr Verwirrung als Erkenntnis schafft?

Eine solche Ausweitung kann mitunter auch ein Zeichen gesellschaftlichen Fortschritts sein:

Concept Creep sollte allerdings nicht einfach als sprachlicher Niedergang verstanden werden. Eine Gesellschaft, die nur eindeutig sichtbare und extreme Fälle ernst nimmt, übersieht möglicherweise viel Leid. Nehmen wir Diskriminierung: Eine Person muss nicht körperlich angegriffen oder ausdrücklich beleidigt werden, um benachteiligt zu werden. Auch wiederholte stereotype Zuschreibungen oder institutionelle Praktiken können Auswirkungen haben. Eine engere Definition von Diskriminierung könnte solche Erfahrungen unsichtbar machen.

Seb fasst es zusammen:

Nicht jede Veränderung eines Begriffs ist Concept Creep: Sprache war schon immer flexibel. Begriffe entwickeln sich weiter, weil sich wissenschaftliche Erkenntnisse und gesellschaftliche Vorstellungen verändern. Von Concept Creep sollte man aber dann sprechen, wenn ein Begriff nicht nur neue Fälle erfasst, sondern seine Grenze systematisch in Richtung weniger schwerwiegender oder weniger eindeutiger Fälle verschoben wird. Dabei muss die Erweiterung nicht zwangsweise falsch sein; sie sollte aber begründet werden. Entscheidend ist also nicht die Frage, ob ein Begriff heute weiter gefasst wird als früher; entscheidend ist, ob die neue Definition noch einen sinnvollen Unterschied zwischen verschiedenen Phänomenen ermöglicht.

Zur Folge.

Zum Thema:

  • Artikel: Wie „Trauma“ und „Toxisch“ in den Alltagssprech wanderten, Deutschlandfunk Kultur am 18.08.2024
  • Wikipedia: Concept creep

Hinweis:

Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org.

12 Kommentare

  1. Ein weiteres Problem von Concept Creep sehe ich darin, dass Begriffserweiterungen oft nur in Teilen der Gesellschaft stattfinden, während der Großteil der Menschen die entsprechenden Begriffe immer noch in einem engeren Sinne versteht. Wenn aber ein und der selbe Begriff je nachdem, in welcher Blase wir uns bewegen, unterschiedliche Bedeutungen hat, ist ein vernünftiger Diskurs kaum noch möglich. Besonders wenn Politik und Medien Begriffe in einer Weise verwenden, die für Bürger nicht nachvollziehbar ist, führt das zu einer Entfremdung.

    Lesenswert zu dem Thema fand ich das Buch „Opfer“ von Maria-Sibylla Lotter.

  2. @malte

    Dass dieselben Worte in unterschiedlichen sozialen Kontexten eine andere Bedeutung haben können, ist erst einmal ganz normal, Missverständnisse inklusive. Eine einfache Nachfrage: Wie meinst Du das? Ich glaube, ich habe Dich nicht richtig verstanden, löst diese Missverständnisse üblicherweise schnell, wenn man an einem gemeinsamen Gespräch interessiert ist. Dass man Teilen der selbst ernannten Elite durchaus unterstellen darf, die Bedeutungsverschiebungen absichtlich zu betreiben, um sich vom Pöbel, Verzeihung, Prekariat abzugrenzen, sei zugestanden. Beim Concept Creep geht es darum, dass die Bedeutung von Worten absichtlich verschoben oder erweitert wird und damit das Wort ob der fehlenden Trennschärfe unbrauchbar wird.

  3. „Eine einfache Nachfrage: Wie meinst Du das? Ich glaube, ich habe Dich nicht richtig verstanden, löst diese Missverständnisse üblicherweise schnell, wenn man an einem gemeinsamen Gespräch interessiert ist.“

    Nachdem ich mehrfach versucht habe, über Sinn und Unsinn der Bezeichnung „Antimuslimischer Rassismus“ zu diskutieren, teile ich diesen Optimismus nicht.

  4. @malte

    Deswegen schrieb ich „…, wenn man an einem gemeinsamen Gespräch interessiert ist.“

  5. @ Carsten Ramsel

    „wenn man an einem gemeinsamen Gespräch interessiert ist.“

    dann bestätigt man „malte“ in seiner unerschütterlichen Überzeugung, die er überall im www vorträgt, dass es keinen „Antimuslimischen Rassismus“ gibt – ist es das, was bei so einem Gespräch herauskommen soll?

    Das – dass es keinen „Antimuslimischen Rassismus“ gibt – ist übrigens auch die Überzeugung von Sebastian Schnelle, was sagt uns das?

  6. @Eva Kleinert

    Keine Ahnung, was „uns“ das sagt. Was sagt es Ihnen? Ich würde meinen, die beiden haben diesbezüglich dieselbe Meinung, vermutlich aus denselben Gründen.

    Was mir Ihr Beitrag bis hierhin sagt, dass Sie nicht an einer sachlichen Auseinandersetzung interessiert sind, sondern emotional gegen Personen anderer Meinung agitieren. Andernfalls würden Sie sachlich vortragen, was Ihnen an der Meinung maltes und Sebastian Schnelles missfiele, und warum die beiden sich irren.

    Die Fragen wiederholen sich:
    Was ist „Antimuslimischen Rassismus“ und vor allem was ist kein „Antimuslimischen Rassismus“?
    Warum nennt man die Ablehnung oder Hass auf eine Person „Rassismus“, wenn es sich auf die Religion dieser Person bezieht?
    Wer hat den Begriff „Antimuslimischen Rassismus“ geprägt und warum?
    Wer verwendet ihn und warum?

    Und jetzt kommt das Wichtigste, Seb zweifelt nicht an, dass es sinnvoll sein kann, Begriffe inhaltlich zu erweitern. In seinem Short weist er nur daraufhin, dass manche Begriffe ihre Trennschärfe verlieren, wenn sie unnötig oder unbegründet in ihrer Bedeutung erweitert oder verändert werden.

  7. @Eva Kleinert

    „Antimuslimischer Rassismus“ ist ein Oxymoron. Es gibt ihn nicht, auch wenn aktivistische Sozialwissenschaftler und Unterstützer von Identitätspolitik seit Jahren Gehirnakrobatik betreiben und konstruierte Herleitungen erfinden, um ihn der Allgemeinheit als bewiesen unterzujubeln. ich stimme jedoch zu, dass es Islamfeindlichkeit und Rassismus gibt.

    https://www.kas.de/de/web/geschichtsbewusst/essay/-/content/postkolonialismus-islamophobie-antimuslimischer-rassismus-und-rassistisch-kolonialer-westen

  8. @ RPGNo1

    RPGNo1: »„Antimuslimischer Rassismus“ ist ein Oxymoron.«

    Sie wissen schon, was ein „Oxymoron“ ist? Hier noch mal zur Vergewisserung: https://de.wikipedia.org/wiki/Oxymoron

    Und jetzt können Sie mir und allen anderen gerne erläutern, wieso sich „Antimuslimisch“ und „Rassismus“ widersprechen sollen.

  9. @Eva Kleinert

    Nein, dass muss er nicht. Ihre rhetorischen Spielchen enden hier.
    Sie führen einen neuen Begriff ein. Dann ist es Ihre Aufgabe zu erklären, was er bedeutet.
    Sonst ist hier für Sie Schluss, und Sie können sich gerne mit jenen unterhalten, die Sie verstehen.

  10. @ Carsten Ramsel

    Carsten Ramsel: „Sie führen einen neuen Begriff ein. Dann ist es Ihre Aufgabe zu erklären, was er bedeutet.“

    „Antimuslimischer Rassismus“ kommt von „malte“, Oxymoron“ von „RPGNo1“, welcher „neue Begriff“ soll von mir „eingeführt“ worden sein?

  11. @Eva Kleinert

    Malte hat am Beispiel des „Antimuslimischen Rassismus“ seine Besorgnis ausgedrückt, dass nicht jedes Gespräch konstruktiv verläuft. Sie haben ihm unterstellt, dass er nur seine Position durchdrücken möchte. Also anstatt Frage an Frage zu reihen, mit Unterstellungen zu arbeiten, beteiligen Sie sich bitte argumentativ am Gespräch, z. B. in dem Sie meine Fragen beantworten oder suchen sich eine andere Spielwiese.

  12. Im Ausgangsbeitrag ging es um Concept Creep. Alle, die hier kommentieren wollen, sind eingeladen zu dem Thema zurückzukehren.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.