gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Gastbeitrag: Parawissenschaft – neu gedacht

| Keine Kommentare

ein Gastbeitrag von Timm Grams


Parawissenschaft – neu gedacht

Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) sollte wissen, was Parawissenschaft bedeutet. Vor zwei Jahrzehnten tastete ich mich an die Skeptikerbewegung heran und fand in der Satzung des Vereins diese Begriffsbestimmung: »Unter Pseudowissenschaften werden Aussagesysteme verstanden, die Anspruch auf Wissenschaftlichkeit erheben, ohne ihn einzulösen; unter Parawissenschaften solche, bei denen Zweifel besteht, ob sie diesem Anspruch genügen.« Das leuchtete mir ein.

Für die Skeptikerbewegung fundamental ist die Abgrenzung der empirischen Wissenschaft von den Pseudowissenschaften. »Ein empirisch-wissenschaftliches System muss an der Erfahrung scheitern können.« Dieses Abgrenzungskriterium hat Karl Raimund Popper in seinem bahnbrechenden Werk »Logik der Forschung« formuliert (1934, I. Kapitel, 5. Erfahrung als Methode). Das Kriterium ist einfach und elegant und wurde zum Mantra der Skeptikerbewegung.

Etwa um 2014 kam große Unruhe auf. Den Grund lieferte Larry Laudan mit seiner Schrift „The demise of the demarcation problem“ (1983). Er schreibt, dass Poppers Falsifizierbarkeitskriterium alle möglichen seltsamen Ideen mit dem Gütesiegel der Wissenschaftlichkeit adle; sie müssten nur widerlegbare Aussagen machen.

Das schlagende Beispiel dafür ist die Homöopathie. Ihre Heilungsversprechen sind prüfbar, dennoch hält der Skeptiker die Lehre des Samuel Hahnemann für unwissenschaftlich. Darüber schrieb ich bereits im Artikel »Wie eine Denkfalle die Skeptikerbewegung verunsichert hat«.

Das Falsifizierbarkeitskriterium nach Popper gibt keine Rechtfertigung für abseitige Erkenntnissysteme her. Genau genommen ist es gar kein Kriterium im Sinne einer Grenze, bei der es ein Hüben und ein Drüben gibt – hüben sind die wissenschaftlichen Aussagen und drüben die nichtwissenschaftlichen.

Statt von einem Kriterium würde ich lieber von einem Merkmal sprechen oder von einer notwendigen Bedingung für Wissenschaftlichkeit. Hinreichend ist die Bedingung nämlich nicht, wie wir am Beispiel der Homöopathie sehen können. Es bleibt also die Frage: Woran können wir Pseudowissenschaften zuverlässig erkennen.

Die derzeit gültige Satzung spiegelt im Grunde die Ratlosigkeit in dieser Frage weder: »Inhaltlich befasst sich der Verein dabei mit Parawissenschaften aus kritisch-wissenschaftlicher Sicht. Unter diesem Sammelbegriff behandelt er vor allem das, was in der Öffentlichkeit als Aberglaube, Esoterik, Okkultismus und Pseudowissenschaft verstanden wird. Dabei bedient er sich wissenschaftlicher Methoden, um bloße Behauptungen und Fehlvorstellungen von verlässlichen Erkenntnissen abzugrenzen.«

Ich versuche einzuordnen und beginne mit der »Drosophila« der Skeptikerbewegung, mit der Homöopathie. Darüber schreibe ich in meinem Buch »Klüger irren – Denkfallen vermeiden mit System«, 2016, 2020, S. 204. Ich meinte, auf den Begriff »Parawissenschaft« verzichten zu können und schrieb, »dass die Homöopathie entweder widerlegte Wissenschaft ist oder aber Pseudowissenschaft«. Pseudowissenschaft war für mich ein nicht falsifizierbares Erkenntnissystem mit dem Anspruch der Wissenschaftlichkeit.

Für die von mir aufgegriffene Debatte ist dieses Korsett zu eng. Es berücksichtigt nicht die Erkenntnissysteme mit Wissenschaftsanspruch, die zwar falsifizierbar, aber noch nicht falsifiziert sind und bei denen große Zweifel bestehen, ob sie gültig sind. Das gilt vor allem für solche Erkenntnisssysteme, die im gängigen Wissenschaftsverständnis nicht unterzubringen sind: Astrologie, Wahrsagerei, Gedankenübertragung, Psychokinese und all das, was unter Parapsychologie läuft. Auch die Homöopathie gehört dazu. Das Problem in all den Fällen ist, dass die Widerlegung immer wieder scheitert oder bezweifelt wird und weil das daran liegen könnte, dass die Effekte klein sind und der Verursacher launisch. Dieses Problem habe ich in einem Forum-Artikel im skeptiker unter dem Titel »Überheblichkeitstest?« aufgespießt (2/2020, S. 104-106).

Alle diese vermuteten Phänomene liegen in einem Graubereich zwischen den akzeptierten und den widerlegten Theorien. Wir können diese Behauptungen den Parawissenschaften zurechnen. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, unsere GWUP, sieht ihre Aufgabe darin, diesen Bereich klein zu halten und möglichst viel davon den Pseudowissenschaften zuzuordnen, so dass eine fundierte Aufklärungsarbeit darüber möglich wird.

Wir suchen Sicherheit in einer unsicheren Welt. Vielen hilft der Glaube an einen Gott. Andere finden Halt im Glauben an das Wesen der Dinge, nämlich dass alles Materie ist, die gewisse Eigenschaften besitzt. Versuche, »die Natur der Dinge« zu erfassen, gibt es seit der Antike. Diese Vorstellungen haben sich als sehr wandelbar erwiesen. Sie sind Zeugnis des jeweiligen Standes der naturwissenschaftlichen Forschung und folglich zeitabhängig. Derartige Ontologien sind Glaubensangelegenheiten. Sie bieten nur trügerische Sicherheit. Dennoch meint Martin Mahner (2018): »Der ontologische Naturalismus bildet […] eines von vielen Abgrenzungskriterien«. Einen weiteren Weg eröffnet Nikil Mukerji mit seinem aktuellen Text über Wissenschaftsfreiheit unter dem Titel »Ethos der epistemischen Rationalität« (Juli 2026).

Das alles sind Überlegungen, die man sich bei der Beurteilung von Parawissenschaften durch den Kopf gehen lassen kann. Zwingend sind sie nicht.

Aber da ist noch ein dritter Weg. Im Verlaufe des Streits mit den Psi-Forschern haben die Skeptiker die Messlatte für den Existenznachweis von Psi-Effekten immer höher gehängt; sie haben die Psi-Forscher förmlich vor sich hergetrieben. Das hat dazu geführt, dass die Psi-Forschung wie beispielsweise die des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) heute die höchsten wissenschaftlichen Standards erfüllt. Mein Urteil lautet, dass diese Psi-Forscher heute mehr denn je Experten für die Untersuchung des Paranormalen sind.

Aufschlussreich ist ein Interview des Skeptikers Mark Benecke mit dem Vorstand des Instituts für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene, Eberhard Bauer (2017). Bauer sagt: „Diese Phänomene, die wir auch im Spontanbereich kennenlernen, wie die Wahrträume, wie manche dieser Spukerfahrungen. Da würde ich immer noch so eine offene Stelle sehen, die ich momentan als nicht erklärbar einschätze. Deshalb halte ich mir einen Überschuss an Deutungsmöglichkeiten offen.“ (Benecke, Mark: Überschuss an Deutungsmöglichkeiten. Interview mit Eberhard Bauer. skeptiker 3/2017, S. 147 – 153). Es zeichnet sich ab, dass wir mit dem Graubereich der nicht widerlegten aber unglaubwürdigen Theorien leben müssen. Immerhin kann in die Aufklärungsarbeit einfließen, dass Tests keine positiven und vor allem negative Ergebnisse erbracht haben und dass sich eine endlose Fortführung von Tests nicht lohnt, weil die vermuteten Effekte klein und launisch sind. Und genau diesen Stand haben wir im Falle der Homöopathie erreicht.

Wir sollten zur Formulierung in der alten Satzung zurückkehren. Natürlich lässt auch sie offen, was unter Wissenschaftlichkeit zu verstehen ist. Sie lässt eine gewisse Flexibilität zu und die Möglichkeit, die Begriffsbestimmungen im vereinsinternen Diskurs zu präzisieren. Für die Naturwissenschaften ist Poppers Falsifizierbarkeitskriterium ein belastbarer Ausgangspunkt.

Die strenge Begrenzung auf die Naturwissenschaften kann entfallen. Die Gesellschaftswissenschaften müssen nicht außen vor bleiben. Soweit ich sehen kann, steht hier die Begriffsbestimmung der Wissenschaftlichkeit noch aus. Mein Artikel »Argumente zählen, Wahrheiten nicht« lässt erkennen, dass die GWUP da noch ein gehöriges Stück Arbeit vor sich hat.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.