In Zeiten, in denen Parteien wie die AfD in Umfragen immer stärker werden, ist eine kritische Auseinandersetzung mit den Ideen und Strategien der Neuen Rechten wichtiger denn je.
Seb Schnelle hat sich in zwei Beiträgen für den hpd mit diesen Entwicklungen beschäftigt.
Kooperation oder Konfrontation? Der Streit in der Neuen Rechten um den Umgang mit dem Islam
am 18.06.2026
Seb sieht sich ein Buch an, das in einem Verlag aus dem Umfeld der Neuen Rechten erschienen ist:
Im konkreten Fall geht es um das Buch „Zur Unterwerfung bereit. Über die muslimische Zuwanderung und die Islamisierung Europas“ von Lothar Fritze aus dem Jungeuropa Verlag. Fritze formuliert darin eine Position, die als Gegenposition zu Frederic Höfer verstanden werden kann, der das Feinbild Islam als Sackgasse bezeichnete und eine Kooperation zwischen der religiösen Rechten im Islam und der ethnokulturellen Rechten propagiert. Fritze hingegen warnt vor einer Islamisierung Europas.
Seb arbeitet die Grundannahme dieses Buches heraus. Fritze argumentiert,
dass liberale Gesellschaften auf der Basis einer von allen (oder fast allen) geteilten Minimalmoral funktionieren und dass gleichzeitig multikulturelle Gesellschaften typischerweise unter einem mangelnden Kanon dieser Überzeugungen leiden.
Daraus leitet Fritze die Forderung ab, die Zuwanderung von Menschen mit vermeintlich „nicht integrierbaren“ Wertvorstellungen stark zu begrenzen.
Hier setzt Sebs Kritik an:
Was zu zeigen wäre, ist, dass tatsächlich in zu großer Zahl Menschen zu uns kommen beziehungsweise bereits hier leben, die tatsächlich aufgrund ihres muslimischen Glaubens nicht integrierbar sind. Die große Mehrzahl der Muslime, die als Kulturmuslime oder liberale Muslime hier leben und sich bereits integriert haben sprechen ebenso gegen diese These, wie die Kritik, die von diesen Muslimen am Islamismus oder Politischen Islam geübt wird.
Gleichzeitig sagt er:
Natürlich muss man die Probleme des radikalen Islam diskutieren und auch, warum die Politik sich so schwer tut diese zu benennen, oder warum man in einem säkularen Staat dem Schutz religiöser Gefühle so viel Platz einräumt. Ebenso muss es rätselhaft bleiben, warum ausgerechnet die politische Linke aktuell zu einem politischen Verbündeten des reaktionären Islam geworden ist, wo Frederic Höfer eigentlich überzeugend herausgearbeitet hatte, dass es sich um eine reaktionär-rechte Bewegung handelt. All das geschieht auch, jedoch ohne Muslime oder „den“ Islam unter Generalverdacht zu stellen (siehe z.B. hier oder hier).
Und plädiert für einen säkulär-humanistischen Blick auf das Thema:
Wir tun gut daran, die verschiedenen gelebten Realitäten des Islam anzuerkennen und die Bruchlinien innerhalb des Islam zu sehen, wobei liberale und säkulare Muslime für säkulare Humanisten als Verbündete angesehen werden können. Mir ist jedoch schon jetzt klar, wie man im islamkritischen Teil der politischen Rechten auf diese Vorstellung reagieren wird: man wird sie als naiv abtun.
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Der Schulterschluss der Reaktionäre
am 21.05.2026
Im zweiten Beitrag beschäftigt sich Seb mit der gegenteiligen Position innerhalb der Neuen Rechten.
Auslöser ist ein Tweet:
Ein Tweet, der aufhorchen lässt: Der islamistische Aktivist Ahmad Tamim lädt den österreichischen Rechtsextremen Martin Sellner „auf eine Tasse Kaffee“ zum Gespräch ein, wenn dieser in Berlin sein sollte.
Dahinter erkennt Seb ein Kalkül:
Der Tweet ist kein Ausrutscher, sondern Ausdruck eines strategischen Denkens, das in der sogenannten Neuen Rechten längst formuliert worden ist. Besonders deutlich wird das in der Streitschrift „Feindbild Islam als Sackgasse“ von Frederic Höfer, erschienen beim Jungeuropa Verlag.
Höfer vertritt damit die Gegenposition zu Fritze aus dem erstgenannten Artikel:
Höfers Argument ist dabei bemerkenswert offen: Eine pauschale Frontstellung gegen den Islam sei nicht nur politisch unklug, sondern letztlich ein „rechter Kampf gegen rechts“. Seine Diagnose basiert auf einer simplen Beobachtung: In einer längst pluralisierten Gesellschaft – ob im Ruhrgebiet, in Berlin oder Hamburg – sei die „multiethnische Realität“ nicht rückgängig zu machen. Wer politisch gestalten wolle, müsse daher nicht auf Abgrenzung setzen, sondern auf Kooperation.
Seb arbeitet heraus, wie diese Kooperation aussehen soll:
Gemeint ist eine gemeinsame Front „konservativer“ Kräfte unabhängig von Herkunft oder Religion. Die verbindenden Elemente liegen für ihn auf der Hand: ein traditionelles Familienbild, die Ablehnung von Gleichstellungspolitik, Skepsis gegenüber liberalen Freiheitsrechten und der Kampf gegen eine als „linksliberal“ diffamierte Gesellschaft.
Daraus ergibt sich ein überraschendes Spannungsfeld:
Während liberale und linke Akteure den politischen Islam oft als schützenswerte Minderheitenposition behandeln oder zumindest differenziert betrachten wollen, sehen sowohl Islamisten als auch Teile der extremen Rechten ineinander potenzielle Partner.
Er weist jedoch darauf hin:
Allerdings bedeutet das nicht, dass diese Milieus identisch wären oder konfliktfrei kooperieren könnten. Ihre Weltbilder bleiben in zentralen Punkten unvereinbar. Doch politisch-strategisch gilt offenbar: Der gemeinsame Gegner – Liberalismus, Pluralismus, individuelle Freiheitsrechte – wiegt schwerer als die Differenzen.
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Wer Sebs Analysen schätzt, darf außerdem gespannt auf sein kommendes Buchprojekt sein …
Zum Thema:
- Artikel: Innerchristlicher Kulturkampf: Seb Schnelle mit Beiträgen zur religionspolitischen Strategie der AfD, GWUP-Blog am 05.03.2026
- Video: Götz Kubitschek: Das soll ein neurechter „Vordenker“ sein?, BiasedSkeptic am 14.02.2026
- Artikel: Ankündigung: Vortrag beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst: „Neoreaktion – Ideologie der ‚dunklen Aufklärung’“ von Sebastian Schnelle, GWUP-Blog am 08.11.2025
- Artikel: Vortrag: Judith Faessler und Sebastian Schnelle referieren über das unwissenschaftliche Weltbild der Neuen Rechten (Skepkon 2024), GWUP-Blog am 04.02.2025
Hinweis:
Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org.



23. Juni 2026 um 23:00
von einem ehemaligen Islamisten habe ich Mal gehört, dass die einzigen Gegner der Islamisten Konservative des Landes seien.
sollte zum Denken geben.