2 neue Artikel auf der Seite des INH:
Homöopathie in der Schweiz – der Gordische Knoten bleibt unangetastet
Der INH wagt einen Blick auf die Schweizer Gesundheitspolitik:
Dort ist seit Jahren ein bemerkenswertes Spannungsfeld zu beobachten:
Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig, die gesetzlichen Kriterien sind klar, die Verwaltung arbeitet korrekt – und am Ende setzt sich doch ein politischer Mechanismus durch, der die Ergebnisse neutralisiert. Die Schweiz hat sich in dieser Frage ein System geschaffen, das sich selbst blockiert.
Auslöser der aktuellen Diskussion ist eine Überprüfung der Homöopathie:
Das Verfahren war gesetzlich vorgesehen, sauber beantragt und vom Bundesamt für Gesundheit ordnungsgemäß eröffnet worden. Es war ein regulärer Vorgang, kein Aktivismus.
Das INH hatte den Initiator der Evaluation in der Schweiz von Anfang an fachlich begleitet und unterstützt. Hintergründe dazu schildert ein Gastbeitrag von Udo Endruscheit auf dem Blog von Edzard Ernst.
Bundesrätin Baume-Schneider hat nun einen Stopp der Evaluation beantragt:
Nicht am Ende eines abgeschlossenen Prozesses, nicht nach Vorlage eines Berichts, sondern mitten im Verfahren. Die Begründungen, die in den Medien zitiert werden – Zeitaufwand und Kosten der Evaluation, Verweis auf den Volksentscheid von 2009 und nicht zuletzt die unvermeidliche Beliebtheit – sind politisch nachvollziehbar, aber rechtlich dünn. Das Gesetz sieht eine solche Beendigung nicht vor.
Ein grundlegendes Problem steckt dahinter:
Damit zeigt sich erneut das Grundproblem, das die Schweiz seit Jahren begleitet: Die direkte Demokratie hat 2009 eine Entscheidung getroffen, die wissenschaftliche Fragen der politischen Mehrheitslogik unterstellt. Das mag demokratisch legitim sein, aber es erzeugt eine dauerhafte Fehlkopplung. Die Verwaltung kann nicht anders, als nach WZW‑Kriterien zu evaluieren. Die Evidenz kann nicht anders, als negativ auszufallen. Die Politik kann nicht anders, als diese Evidenz zu ignorieren, weil sie sonst den Volksentscheid infrage stellen würde. Und so entsteht ein Kreislauf, in dem jede Instanz das tut, was sie tun muss – und das System als Ganzes dennoch nicht zu einer konsistenten Entscheidung findet.
Fazit:
Die Linie ist klar: Die Schweiz findet keinen Weg, wissenschaftliche Evidenz und politische Beschlüsse miteinander zu versöhnen. Zum wiederholten Male nicht. International steht sie damit inzwischen allein. Nachdem Frankreich die Erstattung gestrichen hat, Großbritannien die Homöopathie aus dem NHS entfernt hat und Deutschland sich von den Satzungsleistungen hoch wahrscheinlich verabschiedet, hält die Schweiz an einer Sonderstellung fest, die sich nicht mehr mit fachlichen Kriterien erklären lässt. Sie trägt – nüchtern betrachtet – die rote Laterne der Homöopathie‑Privilegierung unter den Industriestaaten.
Zum Volltext.
Offener Brief an Staatssekretär Tino Sorge, BMG, zur Evidenz im öffentlichen Gesundheitswesen
In einem zweiten Beitrag veröffentlicht das INH einen Offenen Brief an den Staatssekretär im Bundesministerium für Gesundheit, Tino Sorge.
Anlass:
Mit dem jüngsten GKV‑Finanzierungspapier hat die Bundesregierung erstmals deutlich gemacht, dass Evidenz ein verbindliches Kriterium für Finanzierung und Priorisierung im Gesundheitssystem werden soll – und Homöopathie sowie Anthroposophie ausdrücklich in diesem Zusammenhang genannt. Diese Markierung verschiebt die Diskussion: Weg von der Frage einzelner Leistungen, hin zur Frage der Systemkohärenz.
Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass die Homöopathie‑Debatte ein zentraler Teil, aber auch ein Symptom eines größeren Problems ist: der Widerspruch zwischen einem evidenzorientierten Gesundheitssystem und arzneimittelrechtlichen Sonderwegen, die wissenschaftliche Standards aushebeln. Wenn Evidenz künftig Maßstab sein soll, dann reicht es nicht, allein den sozialrechtlichen Teil zu korrigieren.
Zum Brief.
Zum Thema:
- Artikel: Gesundheitsreform: INH ordnet mögliche Streichung der Homöopathie-Erstattung ein, GWUP-Blog vom 16.04.2026
- Artikel: Homöopathie-Sonderstatus: INH mit offenem Brief an Gesundheitsministerin Warken, GWUP-Blog vom 01.09.2025
- Artikel: Homöopathische Arzneimittel: Zugelassen trotz fehlender wissenschaftlicher Evidenz – Wo sind die rechtlichen Schlupflöcher?, GWUP-Blog vom 12.06.2026
- Artikel: Homeopathy does not work beyond context effects – not even in Switzerland!, Udo Endruscheit via Blog von Edzard Ernst am 27.01.2024
Hinweis:
Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org.

