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Zwei neue Artikel auf unserer Website: Interview zum biologischen Geschlecht und Kinderosteopathie im Faktencheck

| 9 Kommentare

Auf unserer Website erschienen im März zwei neue Artikel:


Eine Realität, zwei Geschlechter – und viele endlose Debatten …

ein Gespräch mit Colin Wright

Die GWUP hat den Biologen Colin Wright interviewt:

Im November 2025 veröffentlichte Colin Wright “Why There Are Exactly Two Sexes” im Fachjournal Archives of Sexual Behavior (Bd. 54, S. 3941–3945), einen Kommentar, der zu einem Prüfstein in Debatten über das biologische Geschlecht wurde. Das peer-reviewte Papier behandelt systematisch die verschiedenen theoretischen Modelle, die vorgeschlagen wurden, um die Zweigeschlechtlichkeit in Frage zu stellen – von chromosomenbasierten Definitionen bis hin zu Modellen eines Geschlechterspektrums – und erläutert, warum in der Biologie Geschlecht anhand von Gameten, also Spermien und Eizellen, definiert wird.

Wir sprachen mit Wright über die Wissenschaft, die der Zweigeschlechtlichkeit zugrunde liegt, über berufliche Konsequenzen, die mit der öffentlichen Vertretung dieser Position verbunden sein können, und darüber, was Skeptiker aus unterschiedlichen Perspektiven innerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft lernen können.

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Konzepte der Kinderosteopathie

von Pierre Teichmann

Der Arzt Dr. med. Pierre Teichmann hat die Studienlage zur Kinderosteopathie untersucht und seine Ergebnisse in einem Artikel für den skeptiker (3/2024) zusammengefasst. Auf unserer Website ist dieser Beitrag jetzt frei zugänglich:

Der Besuch beim Kinderosteopathen ist für viele Eltern heute genauso selbstverständlich wie Babyschwimmen oder ein PEKiP‑Kurs. Häufig erfolgt der Erstkontakt bereits im Neugeborenenalter auf Empfehlung der Hebamme. Insbesondere nach einer schwierigen Geburt stellen viele ihr Kind aus Sorge, dass ansonsten etwas übersehen wird, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig osteopathisch vor. Nach der Homöopathie ist Osteopathie in Deutschland die zweithäufigste von Eltern für ihre Kinder in Anspruch genommene komplementärmedizinische Methode (Anheyer et al. 2021). Der folgende Artikel vermittelt einen Überblick über die Konzepte und die Studienlage.

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Zum Thema:

  • Artikel: Geschlecht. Die neuen Irrungen und Wirrungen um einen altbewährten Begriff, Dittmar Graf für den skeptiker 3/2025
  • Artikel: Blockade weg, Kind gesund? Osteopathie in der „Zeit“, GWUP-Blog vom 27.11.2023

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org.
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

9 Kommentare

  1. Ich habe schon mehrfach Artikel und Kommentare von Colin Wright gelesen. Er setzt sich intensiv mit dem Widerstand der identitäspolitikischen Aktivisten und ihren Aktionen gegen die Realität der Binärität des biologischen Geschlechts auseinander. In den USA hat er es dadurch zu einiger Bekanntkeit gebracht und sich die intensive Gegnerschaft der US-amerikanischen Aktivistenzirkel zugezogen. Es lohnt sich auf alle Fälle, Wrights Artikel im englischen Original zu lesen, und bei unklaren Sachverhalten die Hilfe eines Übersetzungsprogramms in Anspruch zu nehmen.

  2. Die funktionale Definition auf Basis von Anisogamie (wie sie vom Philosophen Bogardus mit Präzision ausformuliert wurde) ist für den grundlegenden Geschlechtsbegriff in der Biologie geeignet und Wright kann sich zu Recht gegen Vorwürfe wehren, das sei nur eine willkürliche Setzung. Andere Definitionen sollten aber nicht so leicht weggewischt werden, wie er es hier tut: «Doch wie lässt sich bestimmen, welche Chromosomen oder Hormonprofile “männlich” bedeutet, ohne bereits vorauszusetzen, was “männlich” ist, und dabei letztlich auf die Gameten zurückzugreifen?»

    Es muss hier nämlich nicht auf den Rückgriff auf Gameten verzichtet werden. In bestimmten Situationen kann Geschlecht anhand der phänotypischen Ähnlichkeit (in einer für den Kontext relevanten Art und Weise) zu Organismen derselben anisogamen Spezies, die Gameten eines bestimmten Typs produzieren, verstanden werden. Basis oder evolutionärer Hintergrund der Ähnlichkeiten ist dann immer noch die Anisogamie, trotzdem sind die beiden so charakterisierten Gruppen nicht unbedingt komplett identisch mit den Gruppen «Organismen mit der Funktion, Spermien zu produzieren» und «Organismen mit der Funktion, Eizellen zu produzieren», denn es gibt Ausreißer – die Problematik kann sich nicht nur bei angeborenen DSDs stellen (CAIS-Menschen sehen oberflächlich weiblich aus, sind aber nach Bogardus männlich), sondern auch nach medizinischer Geschlechtstransition, denn abseits der Gonaden, die ja entfernt werden können, sind beim Menschen viele Geschlechterunterschiede nun einmal hormonell bedingt. Mit der Ähnlichkeits-Auffassung leuchtet auch das Modell eines Spektrums ein, denn es gibt zwar zwei Hauptgruppen, aber daneben sind feinere Einteilungen möglich (je nachdem, wie stark die Ähnlichkeit zur prototypischen Männlichkeit/Weiblichkeit ist).

    Betrachten wir die Frage, wie Menschen einer biologischen Sache künstlich eine Funktion verleihen können. Da stellt sich Bogardus auf den Standpunkt, dass die bloße Absicht nicht ausreicht, sondern eine Strategie mit einer genügend hohen objektiven Erfolgswahrscheinlichkeit, dass die Sache entsprechend funktioniert, eingeschlagen werden muss, und kommt so zum Schluss: «If we take a sober look at current medical technology, I think we have to admit that the medical interventions currently available to us to try to change a person’s sex have virtually no hope of actually succeeding in that.» Die Sicht hat folgende Konsequenz: Selbst wenn im Labor ein Mann, der früher Spermien produzierte, aber nicht mehr dazu in der Lage ist, in seinem jetzigen Zustand exakt (!) nachgebildet werden könnte, wäre das Replikat nicht männlich, wenn die Strategie mit (ontischer) Garantie nicht zu Spermatogenese führt. Im streng biologischen Sinn mag das so sein – für mich bestätigt das, dass eine Unterscheidung zwischen biologischem und sozialem Geschlecht sinnvoll ist, selbst wenn das Zugehörigkeitsgefühl völlig außer Acht gelassen wird, denn manchmal geht es nicht um eine evolutionär-historische Erklärung, sondern schlicht um den gegenwärtigen Zustand.

    Müssten CAIS-Menschen in die Herrentoilette gehen, würde das für Irritationen sorgen, es läuft dem Common Sense zuwider (dass Common Sense eine schwammige Angelegenheit ist, rechtfertigt nicht, auf einer Richtlinie zu pochen, die offenkundig problematisch ist), Analoges gilt für transitionierte Personen. Mit dem Risiko für Übergriffe oder Voyeurismus gegen den Zugang zur Frauentoilette zu argumentieren, überzeugt nicht, denn erstens ist das Risiko für Angriffe, wenn solche Menschen die Herrentoilette betreten, doch wohl höher, zweitens kann von der Gesamtgruppe der biologischen Männer nicht einfach auf die Untergruppe geschlossen werden, drittens rechtfertigen winzige Risiken noch kein Verbot, sonst könnten wir uns ängstlich zu Hause einigeln (natürlich ohne Partner). Kategorien mit großer Überlappung ohne vollständige Übereinstimmung haben wir etwa auch in Bezug auf Verwandtschaft (rechtliche vs. Blutsverwandtschaft); es gibt biologische Eltern und andererseits Adoptiv- und Stiefeltern.

  3. @Ivan

    Wenn ich mich an Ihrem Beispiel von biologischen Eltern und Adoptiveltern orientiere, gewinne ich den Eindruck, dass Sie biologisches und soziales Geschlecht vermischen.

    Die Aussage: „Es gibt zwei biologische Geschlechter.“ ist doch nur innerhalb der Biologie sinnvoll. Sowie biologische und soziale Eltern üblicherweise zusammenfallen, fällt auch das biologische und soziale Geschlecht häufig zusammen. Dass es phänotypische und hormonelle Unterschiede gibt, und diese gesellschaftlich zu anderen Einschätzungen führen, leugnet doch niemand. Ein Beispiel: Am Telefon wurde ich schon häufiger für eine Frau gehalten, was jedoch an meinem biologischen Geschlecht nichts ändert.

    Da diese Diskussion mittlerweile politisch ist, möchte ich auf den anscheinend in Vergessenheit geratenen Sein-Sollen-Fehlschluss hinweisen. Aus dem (biologischem) Sein folgt kein politisches oder ethisches Sollen und aus einem politischen oder ethischen Sollen folgt kein (biologisches) Sein. Selbstverständlich kommt dieser Fehlschluss in gesellschaftlichen und politischen Diskussionen häufig vor, um seine eigenen Überzeugungen zu stützen. Deswegen gilt er ja als logischer Fehlschluss oder rhetorische Figur.

  4. Na ja, Wright meint in seinem Artikel: «Treating those correlates as jointly definitional blurs the determinants and downstream effects of sex with sex itself.» Dazu kann gesagt werden, dass eine solche Verwischung nicht vorliegen muss, wenn «sex» (und zwar wirklich «sex» und nicht «gender identity»!) mit einer anderen Bedeutung belegt wird – siehe etwa Sarah S. Richardson, die einen «sex contextualism» verteidigt. Die Realität der beiden Gametentypen wird ja nicht schon damit in Abrede gestellt, dass eine andere Nomenklatur vorgenommen wird. Deswegen würde ich «sex as a spectrum» nicht auf eine Stufe mit Kreationismus stellen, manche verstehen unter «sex» eben etwas anderes, selbst innerhalb der Biologie ist die von Wright vertretene Definition nicht so universell geläufig, wie manche vielleicht denken, Serano meinte dazu: «As someone who has a Ph.D. in biology, I have to say that I had never come across this definition before—neither in my biology classes nor in the countless sex determination and differentiation research papers I’ve read over the years—until I read Joan Roughgarden during the 2000s (Roughgarden, 2004, 2009). […] the only people I’ve ever observed making such statements are biologists who specifically study the evolution of sexual reproduction.»

    Ihr Beispiel («Am Telefon wurde ich schon häufiger für eine Frau gehalten») unterscheidet sich dadurch, dass Sie wohl nach keinem sinnvollen Maßstab eine Frau sind (dass Sie schon für eine gehalten wurden, ist eine andere Sache), hingegen sind Adoptiveltern rechtlich wirklich Eltern und werden nicht nur irrtümlich für welche gehalten.

  5. @Ivan
    „In bestimmten Situationen kann Geschlecht anhand der phänotypischen Ähnlichkeit (in einer für den Kontext relevanten Art und Weise) zu Organismen derselben anisogamen Spezies, die Gameten eines bestimmten Typs produzieren, verstanden werden.“
    Das nennt man dann Geschlechtsbestimmung im Sinne von „Geschlecht identifizieren“. Da das aber über alle Taxa hinweg immer anders erfolgen muss, wäre das als universelle Geschlechtsdefinition nicht geeignet, bestenfalls als operationelle Definition, falls man sich auf eine Art beschränken will. Später mehr dazu, beim Thema Kontextualisierung.
    „Mit der Ähnlichkeits-Auffassung leuchtet auch das Modell eines Spektrums ein, denn es gibt zwar zwei Hauptgruppen, aber daneben sind feinere Einteilungen möglich (je nachdem, wie stark die Ähnlichkeit zur prototypischen Männlichkeit/Weiblichkeit ist).“
    Nein, es sei denn, es gäbe die „Größe“ Geschlecht, mit der man sinnvollerweise eine x-Achse beschriften könnte und die von maximal weiblich bis zu maximal männlich reicht. Und das nun geschlechtsspezifische Merkmale in ihrer Ausprägung variieren ist nicht nur offensichtlich sondern die Folge bisexueller Reproduktion.
    Ich kann die gesellschaftliche Problematik für DSD Personen und Transsexuelle hinsichtlich Umkleiden und ähnlichem durchaus erkennen, es geht aber nicht nur um Umkleiden, sondern safe-spaces für Frauen allgemein: Saunen, Umkleiden, Fitnessstudios, Gefängnisse, Sport, eindringen in Lesbenräume und letztlich sogar um Frauenquoten, Gesundheits- und Kriminalstatistiken. Ein (einigermassen) scharfes Kriterium wie „Funktion zur Produktion von Gameten“ brächte Klarheit, liesse die Menschen mit Geschlechtsdysphorie und DSD aber hinten runter fallen. Kein Mensch mit Herz würde einer CAIS Person sagen: ätschebätsch, du bist ein Mann und darfst hier nicht rein. Das Kardinalproblem sehe ich hier in Self-ID bzw. im Selbstbestimmungsgesetz: hierdurch wird die Unterscheidung zwischen DSD/Geschlechtsdysphorie einerseits und zum Beispiel Autogynophilie bzw. schlichtweg Betrügern andererseits schlichtweg unmöglich.
    Zu Richardson (https://journals.publishing.umich.edu/ptpbio/article/id/2096/): biologisch ist Sex immer im Kontext „irgendwas mit Kombination von DNA zweier Individuen und meistens auch noch Fortpflanzung“ zu sehen (z.B. Purves Biologie; Gilbert, Developmental Biology); sie hat an einigen Stellen -nennen wir es mal höflich- idiosynkratische Vorstellungen von Sex- andererseits schreibt sie:
    „First, we need to understand each other: our concept of sex should be reflective and well-defined, without conflating or slipping between different meanings of the term.“
    Woraufhin sie im Rest des papers ausführlich darlegt, dass eigentlich jeder seine eigene operationale Definition von Sex haben kann (ja, das war polemisch).
    Treffen sich zwei Zoologen auf einer Konferenz, sagt der eine: bei mir sind die Männchen größer als die Weibchen. Sagt der zweite: bei mir haben nur die Weibchen gelbe Ohren. Fragt ein dritter: gibt es eigentlich einen gemeinsamen Nenner bei euren Männchen bzw. Weibchen? Schwuppdiwupp landen wir wieder bei diesen verdammten Gameten!
    Und Serano hat vor Roughgarden noch nie von einer Definition von Geschlecht anhand Gameten gelesen? Colin Wright hat mal eine Liste zusammengestellt, mit vielen Quellen vor Roughgarden: https://www.realityslaststand.com/p/citations-for-the-gamete-based-definition?utm_source=publication-search
    Und ich ergänze gerne:
    (Weibchen bilden große Gameten, Männchen kleine; für die Fortpflanzung müssen sich ein männlicher und ein weiblicher Gamet vereinigen.)
    Sadava, David; Hillis, David M.; Heller, H. Craig; Hacker, Sally D.. Purves Biologie (German Edition)
    Und sogar in einem Referenzwerk, in dem es lang und breit über Sex determination und differentiation geht:
    Germ cells undergo meiosis and differentiate into eggs and sperm within specialized reproductive organs called gonads—the ovary in females and the testis in males.
    Wolpert, Lewis; Tickle, Cheryll. Principles of Development (English Edition) (S.330). Oxford University Press.

  6. @Lutz Homann

    Vielen Dank. Nur dem Argument zuliebe braucht es für ein Spektrum nur die Rangordnung mehr oder weniger männlich bzw. weiblich, aber nicht zwangsläufig maximal männlich und maximal weiblich mit einer Rangordnung und festgelegten Abständen. Wenn ich allerdings Ihr Beispiel (gelbe Ohren) in Betracht ziehe, hilft auch diese Unterscheidung nicht weiter.

  7. @Carsten Ramsel
    Stimmt natürlich. Aber ich versuch jetzt einfach mich damit herauszureden, dass ich ein kontinuierliches Spektrum gemeint haben könnte und Chuck Norris eindeutig maximal männlich war.

  8. @Lutz Homann
    Danke für die Verlinkung der Quellenliste. Mir wurde die gametenbasierte Definition im Studium schon in einer meiner ersten Soziobiologie-Vorlesungen vermittelt. Serano will die Bedeutung dieser Definition offenbar gezielt kleinreden.

  9. Nun hat auch der Evolutionsbiologe Colin Wright im November 2025 einen ausführlichen Fachartikel in einem renommierten Wissenschaftsmagazin veröffentlicht, der die seltsamen Theorien von der Vielgestaltigkeit des biologischen Geschlechts klar widerlegt. Die GWUP führte mit ihm dazu ein ausführliches, sehr aufschlussreiches Interview.

    https://www.ruhrbarone.de/wir-sind-sexuell-dimorph-es-gibt-kein-spektrum/257051/

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