Kurz vorgestellt: Zwei aktuelle hpd-Beiträge von Seb Schnelle zum Verhältnis der AfD zu Religion und Kirche.
Kann nur die Orthodoxie Deutschland retten?
vom 03.03.2026
Im Text vom Dienstag geht Seb einen Blogbeitrag des AfD-Politikers Hans-Thomas Tillschneider durch:
Der AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider erklärt in einem Blogbeitrag, nur eine „deutsche Orthodoxie“ könne Deutschland vor moralischem und geistigem Verfall retten. In einem wirren Text attackiert er die „Ehe für alle“, das Gendern und einen christlichen Universalismus. Als Gegenmodell verklärt er die orthodoxen Kirchen in Abgrenzung zur westlichen Christenheit und offenbart dabei ein rückwärtsgewandtes Gesellschaftsbild.
Tillschneiders Kritik zielt auf die großen Kirchen, wie Seb feststellt:
Denn diese – in der AfD-Diktion „Kirchensteuerkirchen“ genannt – sind laut dem AfD-Mann im Fall der evangelischen Kirche „bereits unrettbar verdorben“ beziehungsweise im Fall der katholischen Kirche „zumindest in Deutschland mehrheitlich erlösungsbedürftig“.
Was schwebt ihm stattdessen vor?
Um genau zu sein sinniert er über eine „eigenständige deutsche Orthodoxie“, die an „vor-lateinische germanische Wurzeln“ anknüpfen müsse. […] Anlass dafür ist, dass die Amtskirchen gegen göttliche Gebote und die göttliche Ordnung verstoßen würden […] Das alles, weil die EKD die „Ehe für alle“ begrüßt, die „eine Entwertung der Ehe“ darstelle, da diese dadurch „gleich gültig neben alle erdenklichen Sexualgemeinschaften gestellt wird“.
Weiter:
Überhaupt verurteilt er einen christlichen Universalismus und die Tatsache, dass die Bischofskonferenz und die EKD „jedes Bekenntnis zu den Völkern“ verdammen würden.
Tillschneider sieht sein Ideal in den orthodoxen Kirchen. Eine Abneigung gegenüber der Moderne ist da nur folgerichtig:
Man merkt, dass Herr Tillschneider gar fürchterbar an der Moderne leiden muss, wenn er auf X den tiefgründigen Gedanken teilt, dass ihm beim „Nachdenken über die Moderne“ aufgefallen sei, dass „modern“ ein Anagramm von „morden“ sei. Ob er für solche tiefen Gedanken wohl Zeit im orthodoxen Dreifaltigkeitskloster verbracht hat, wie es auch Götz Kubitschek und Björn Höcke getan haben sollen?
Sebs Fazit:
Der Text Hans-Thomas Tillschneiders lässt einen als säkularen Leser sprachlos zurück, weil man gar nicht weiß, wo man ob des gesammelten Unsinns mit einer Kritik sinnvoll ansetzen sollte. […] Immerhin haben wir aber dank Tillschneider eine Idee davon, wann die gute alte Zeit war, in die manche aus der AfD zurück möchten: vor 1054, vor dem Großen Schisma.
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Innerchristliches Wettrüsten: AfD Sachsen-Anhalt will Kirchen Gelder streichen
vom 06.02.2026
Ein zweiter Text richtet den Blick auf das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt:
Im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rückt die AfD die Kultur- und Religionspolitik ins Zentrum ihres „Regierungsprogramms“. Hinter der Forderung, kirchliche Privilegien abzuschaffen, verbirgt sich der Versuch, die großen Kirchen zu schwächen und zugleich streng konservative Glaubensgemeinschaften zu fördern. So versucht die AfD Religion gezielt für ihre reaktionäre Agenda zu nutzen.
Seb zitiert aus dem Programm:
In diesem werden vor allem religionspolitisch überraschende Forderungen gestellt: Zum einen heißt es unter Punkt V.19. „Christentum fördern – kleine Kirchen fördern!“ und unter Punkt XVI.5. „Staatlichen Kirchensteuereinzug einstellen!“ In der Präambel steht darüber hinaus: „Da die Kirchensteuerkirchen […] sich auch ansonsten von ihrer Kernaufgabe, der Pflege des christlichen Glaubens, entfernt haben, wollen wir all ihre Privilegien abschaffen.“
Es geht dabei vor allem um eine politische Bewertung ihrer Ausrichtung:
Die großen Kirchen werden nicht abgelehnt, weil sie selbst einer strukturell traditionell und rückwärtsgewandten Tradition angehören, sondern weil sie der AfD nicht ausreichend traditionell und rückwärtsgewandt sind.
Beispiele:
Als Gründe werden die Unterstützung einer „Regenbogenideologie“ und „das gesellschaftliche Zerstörungswerk der Altparteien“ genannt, das durch die großen Kirchen vorangetrieben werde. Es ist bekannt, dass viele AfD-Politiker eine Nähe zu sehr konservativen christlichen Bewegungen suchen und dass sich diese oft in Freikirchen, evangelikalen und pfingstlerisch-charismatischen Gemeinden finden.
Um was es eigentlich geht:
Der Angriff der AfD Sachsen-Anhalt auf die großen Kirchen ist also eine innerchristliche Auseinandersetzung, in der es nicht darum geht, Religion aus der Politik zu lösen, sondern darum, bestimmte religiöse Akteure durch andere – der AfD genehmere – religiöse Akteure zu ersetzen. Namentlich will man evangelikale Netzwerke mit extrem konservativen Ansichten stärken. Dabei dürfte es auch nicht schaden, dass diese Netzwerke Verbindungen zu den Republikanern Donald Trumps haben, von denen sich die AfD Schutz im Fall eines möglichen Verbotsverfahrens erhofft.
Zum Volltext.
Zum Thema:
- Video: Götz Kubitschek: Das soll ein neurechter „Vordenker“ sein?, BiasedSkeptic vom 14.02.2026
- Artikel: Ankündigung: Vortrag beim Düsseldorfer Aufklärungsdienst: „Neoreaktion – Ideologie der ‚dunklen Aufklärung’“ von Sebastian Schnelle, GWUP-Blog vom 08.11.2025
- Artikel: Artikelserie von Sebastian Schnelle im hpd: Islamismus & rechte US-Politik, GWUP-Blog vom 03.05.2025
- Artikel: Seb von Vorpolitisch zu Gast bei imps Skeptrum: Islamismus & die Neue Rechte, GWUP-Blog vom 07.03.2025
- Video: Gemeinsam gegen die moderne Welt, Düsseldorfer Aufklärungsdienst (Vortrag von Sebastian Schnelle) vom 05.03.2025
- Artikel: Vortrag: Judith Faessler und Sebastian Schnelle referieren über das unwissenschaftliche Weltbild der Neuen Rechten (Skepkon 2024), GWUP-Blog vom 04.02.2025
- Podcast: Die Alt-Right, Vorpolitisch vom 29.12.2024
- Buch: Sebastian Schnelle: Gemeinsam gegen die moderne Welt. Wie Rechtsradikalismus und religiöser Fundamentalismus die offene Gesellschaft bedrohen, Alibri-Verlag, 2026, 246 Seiten, 18,00 € [Vorbestellung möglich]
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