Tilmann Betsch ist als Experte im ARD-Podcast Wie wir ticken – Euer Psychologie Podcast zu hören und spricht dort über Entscheidungsfindung, die Rolle von Erfahrung und Intuition sowie das Zusammenspiel von Vernunft und Bauchgefühl:
Bauchgefühl hin oder her. Manche Entscheidungen wollen wohlüberlegt sein, unter Abwägung aller Risiken und Chancen, auf das bestmögliche Ergebnis ausgerichtet. Kurz: rational. Warum unsere Emotionen uns dazwischenfunken – und das weniger irrational ist, als wir denken. Ein Podcast von Marisa Gierlinger.
Zunächst klärt Betsch, was unter einer rationalen Entscheidung im klassischen Sinn zu verstehen ist:
Dieses Rational-Modell sagt: „Guck auf die Konsequenzen und wähle die Alternative, die am besten von denen ist, die du gerade vorliegen hast.“, was dann in technischen Termini heißt, die den höchsten Erwartungswert hat.
Gegen Ende des 20. Jahrhunderts ist plötzlich viel von Intuition und Bauchgefühl die Rede. Ist dies das Gegenmodell zur Rationalität? Betsch bremst diese Einschätzung:
Also wir haben nur ein Denksystem und das ist auch im Kopf und nicht im Bauch. Aber was das befördert, diese Unterscheidung, ist, dass es uns so vorkommt.
Und es gibt einen anderen Teil, der immer mitläuft. Den können wir sprachlich nicht fassen. Also dort, wo ich nicht hingucken kann, da bin ich natürlich sehr versucht, dass dort das große Magische passiert.
Gerade bei Entscheidungen wird häufig auf Intuition verwiesen, und die speist sich aus Erfahrung. Darauf zurückzugreifen, sei nicht per se irrational. Im Gegenteil, wie Betsch ausführt:
Vor allem bei Expertenentscheidungen. Was wir haben, ist, dass Experten bei ihren Entscheidungen hochtrainiert sind. D. h., die bekommen über die Zeit eine ganz, ganz große Erfahrungsstrichprobe über das, was funktioniert. Sie erkennen sehr, sehr schnell Situationen, in denen bestimmte Routinen passen und sind dort sehr, sehr gut, das auch effektiv einzusetzen. Und diese Expertise und diese Intuitionen, die dann auch kommen, die sind eine ganz starke Funktion dieser Erfahrung.
Heißt das also: einfach auf den Bauch hören?
Genau, das ist der klassische Trugschluss, denn der setzt voraus, dass meine Erfahrung gut war. D. h., meine Intuition kann nur so gut sein wie meine Erfahrung.
Vernunft und Intuition lassen sich nicht sauber voneinander trennen. Beide greifen ineinander:
Hier geht es darum, dass wir unterschiedliche Prozessebenen immer miteinander verschränken, dass es also eine Gleichzeitigkeit von Prozessen gibt. Und die haben unterschiedliche Aufgaben.
Unser Gehirn arbeitet dabei durchaus nach Mustern:
Nämlich, dass automatisch, parallel Informationen verarbeitet werden, die eigentlich nach den Prinzipien von Rationaltheorien funktionieren – da wird etwas Dominantes herausgearbeitet, da wird kompensiert, da wird gesichtet –, und diese Dinge macht unser Gehirn. Wir müssen nur die Dinge reinfüttern, und wenn ich Ihnen jetzt sage „Passen Sie auf, ich gebe Ihnen 10 Informationen über eine Alternative, aber entscheiden Sie sich nicht!“, das können Sie gar nicht. Ihr System arbeitet in dem Moment sofort eine Präferenz heraus. Gegeben: Sie wissen, was Sie wollen.
Bleibt die Frage: Woran erkennen wir, ob eine Entscheidung ‚richtig‘ ist? Betsch formuliert eine Faustregel:
Es hilft, wenn wir uns darüber eine gute Geschichte erzählen können. Wenn ich mir eine Geschichte erzählen kann, die mir sagt, wie ich meine Zukunft sehe, dann habe ich ein Leitkriterium.
In ganz, ganz vielen Situationen machen wir Sinn daraus, was passiert. Sonst könnten wir keine Firmen gründen, sonst könnten wir keine Partnerwahl-Entscheidungen treffen, sonst könnten wir uns auch nicht für Kinder entscheiden. Und genau deshalb, weil wir eine rationale Wette auf unsere Anpassungsfähigkeit setzen, sind auch solche Entscheidungen rational.
Zur Podcastfolge.
Zum Thema:
- Podcast: Tilmann Betsch • Augenhöhe (12): Science Matters!, Kortizes vom 15.11.2023
- Artikel: Buch: „Science matters!“ – Ein Plädoyer gegen Querdenkertum und Verschwörungstheorien, GWUP-Blog vom 03.09.2022
- Artikel: Nachgefragt: „Warum ist der Glaube an Unsinn und an das Paranormale für viele Menschen so attraktiv, Herr Prof. Betsch?“, WordMelder. (Forschungsblog der Universität Erfurt) vom 29.05.2019
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