Die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) erhebt schwerpunktmäßig seit 1982 alle 10 Jahre die Einstellungen der deutschen Bevölkerung zu „Religion und Weltanschauung“. Seit 2002 werden die Einstellungen „alternativer Glaubensformen“ abgefragt. „Alternativ“ meint hier zum Christentum alternative Glaubensformen, da die meisten sozialwissenschaftlichen Surveys historisch bedingt bei der Frage nach Religion und Religiosität vor allem christliche Items erheben. In der Erhebung 2023 wurden Items alternativer Glaubensformen zu Gunsten von Items des religiösen Fundamentalismus und Kirchenaustrittsgründen nicht mehr erhoben, weswegen wir hier nur eine kleine Auswahl präsentieren.
Dennoch lohnt sich ein Blick in die Daten, was sich in Deutschland in den letzten 20 Jahren – die Erhebungen sind von 2002, 2012 und 2023 – bezüglich alternativer Glaubensformen geändert hat.
Anthroposophie

Abbildung 1: Wie viel halten Sie persönlich von den folgenden Dingen? (ALLBUS 2002, 2012, 2023)
In den letzten 20 Jahren hat das Ansehen der Anthroposophie in Deutschland stark abgenommen. Erfuhr sie 2002 noch von 13% der Befragten eine starke Zustimmung, sind es heute nur noch 5%. Gleichzeitig stieg die Ablehnung von 41% auf beinahe 2/3 der Befragten. Gleichzeitig hat die Bekanntheit der Anthroposophie in der deutschen Bevölkerung zugenommen. 2002 gaben noch 65% der Befragten an, Anthroposophie nicht zu kennen. 2023 sind es 49%.
Astrologie

Abbildung 2: Wie viel halten Sie persönlich von den folgenden Dingen? (ALLBUS 2002, 2012, 2023)
Die Astrologie zeigt ein ähnliches Bild. Die Zustimmung sank in den letzten 20 Jahren um fast 1/3. Die vollkommene Ablehnung jener, die die Astrologie kennen, stieg von fast 50% auf inzwischen 70%. Dabei gehört die Astrologie wohl zu den bekanntesten alternativen Glaubensformen in Deutschland. 4% im Jahre 2002 bzw. 3% im Jahre 2023 der Befragten gaben an, Astrologie nicht zu kennen.
Wahrsagerei

Abbildung 3: Wie viel halten Sie persönlich von den folgenden Dingen? (ALLBUS 2002, 2012, 2023)
Schon 2002 hielten die meisten Deutschen nichts von Wahrsagerei und Tarotkarten (76%). Die Skepsis stieg anteilig bis zum Jahre 2023 noch weiter an. Zuletzt lehnten 88% der Befragten die Wahrsagerei ab. Gleichzeitig sank der Anteil der „Anhänger“ von 4% auf 2%. Dabei war die Wahrsagerei genauso bekannt wie die Astrologie. Nicht nur in Deutschland hat wohl beides eine lange Tradition.
Wunderheiler

Abbildung 4: Wie viel halten Sie persönlich von den folgenden Dingen? (ALLBUS 2002, 2012, 2023)
Seit Jahren wenden sich die GWUP und andere Skeptiker gegen Homöopathie (dazu später mehr) und Wunderheiler. Mit großem Erfolg oder ist es einfach nur ein Trend? Die Zustimmung zu Wunderheilern sank von 2002 bis 2023 in der Bevölkerung jedenfalls von 5% auf 2%. Gleichzeitig nahm die Ablehnung weiter zu. 72% waren es 2002, die Wunderheilungen ablehnten. 2023 waren es schon 85%. Ob das auch für christliche Wunderheiler, allen voran Jesus gilt, können wir hier abschließend nicht klären. Im Jahre 2002 gaben jedenfalls noch 12% der Befragten an, Wunderheiler nicht zu kennen. 2023 waren es noch 5%.
Alternative Heilmethoden
Womit wir bei der letzten Kategorie angekommen wären. 2002 fragte der ALLBUS nach Edelsteinmedizin und Bachblüten, während 2012 und 2023 Homöopathie bei den alternativen Heilmethoden zuerst genannt wurde. So lässt sich auch der Unterschied in den Daten erklären. Die bisher beobachtete Tendenz setzt sich fort.

Abbildung 5: Wie viel halten Sie persönlich von den folgenden Dingen? (ALLBUS 2002, 2012, 2023)
Betrachten wir nur die letzten 10 Jahre, so hat sich die Zustimmung zur Homöopathie halbiert. Während inzwischen fast 1/3 der Befragten die Homöopathie als alternative Heilmethode gänzlich ablehnen. Anscheinend setzt sich in der deutschen Bevölkerung immer mehr der Eindruck durch, dass Homöopathie nicht über den Placebo-Effekt hinaus wirkt.
Resumée
Sind die Deutschen also in den letzten 20 Jahren vernünftiger geworden? Angesichts dieser Einzelbefunde und einer Abnahme an (christlicher) Religiosität könnte man diesen Eindruck gewinnen. Leider gibt es keine gesicherte Systematik in der Befragung alternativer Glaubensformen, und christliche Items bleiben in den großen Surveys weiter dominant. So wird die Arbeit der GWUP auch in den nächsten Jahren nicht langweilig. Denn nur weil die Zustimmung zu diesen Glaubensformen abnimmt, bedeutet dies nicht, dass nicht an anderer Stelle die Zustimmung zu parawissenschaftlichen, verschwörungstheoretischen sowie esoterischen Überzeugungen und Praktiken zunimmt.
Daten und Dokumentation
GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (2011). Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS 2002 (ZA3700; Version 2.0.0) [Data set]. GESIS, Köln. https://doi.org/10.4232/1.11138
GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (2013). Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS 2012 (ZA4614; Version 1.1.1) [Data set]. GESIS, Köln. https://doi.org/10.4232/1.11753
GESIS Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften (2025). Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften ALLBUS 2023 (ZA8830; Version 1.2.0) [Data set]. GESIS, Köln. https://doi.org/10.4232/1.14544

15. Januar 2026 um 09:10
Aus einem aktuellen hpd-Artikel:
https://hpd.de/artikel/trump-und-seine-maga-bewegung-zeigen-klare-sektenmerkmale-23713
Ich denke, es lohnt sich, auch diese „alternative Glaubensform“ über die nächsten Jahre weiter zu verfolgen.
15. Januar 2026 um 18:09
@RPGNo1
Wenn Trump und seine MAGA-Bewegung eine alternative, politische Glaubensform ist, wie sähe dann die Orthodoxie aus?
Pingback: Die gute nachricht des tages | Schwerdtfegr (beta)
16. Januar 2026 um 06:09
Orthodoxe Demokratie würde wohl Dinge wie freie Wahlen, Gleichberechtigung, Gewaltenteilung und Korruptionsbekämpfung sehr ernst nehmen, MAGA ist der Inbegriff der Egokratie…