Wer sich vorgenommen hat, das neue Jahr mit einer skeptischen Lektüre zu beginnen, findet hier gleich einen interessanten Hinweis. (Alle anderen natürlich auch!)
Amardeo Sarma schreibt in seinem kürzlich im Alibri-Verlag erschienenen Buch „Scientific Temper“ über die Bedeutung einer universell-wissenschaftlichen Haltung in Zeiten, da die Wissenschaft von verschiedenen Seiten unter Druck gerät.
Scientific Temper. Eine Verteidigung wissenschaftlichen universellen Denkens
von Amardeo Sarma
Da ich seinen Ansatz noch besser verstehen wollte, habe ich Amardeo Sarma zu seinem Buch befragt.
GWUP-Blog: Hallo Amardeo, vor wenigen Wochen ist Dein neues Buch „Scientific Temper. Eine Verteidigung wissenschaftlichen universellen Denkens“ im Alibri-Verlag erschienen. Was genau verstehst Du unter dem Begriff Scientific Temper und warum hältst Du diese Haltung gerade heute für besonders wichtig?
AS: „Scientific Temper” beschreibt eine Haltung, bei der wir einen Bezug zur Realität über einen universellen wissenschaftlichen Zugang herstellen. Dazu gehört auch intellektuelle Redlichkeit, also der Wille, Weltbilder an Evidenz zu messen, Fehler zu korrigieren und diese Maßstäbe für alle Menschen gelten zu lassen. Gerade heute ist diese Haltung wichtig, da Polarisierung, Identitätspolitik und autoritäre Tendenzen den offenen Diskurs und damit die Korrekturfähigkeit demokratischer Gesellschaften bedrohen.
„Scientific Temper“ ist keine Spezialdisziplin für Fachleute, sondern eine Grundhaltung: kritisch, neugierig, selbstkorrigierend, aber auch bereit, robuste Erkenntnisse anzuerkennen und praktisch zu nutzen. Dazu gehören intellektuelle Bescheidenheit („Ich kann mich irren”), die Bereitschaft, Gründe und Belege vorzulegen, sowie die Trennung von Faktenfragen und Wertentscheidungen.
Gerade heute ist diese Haltung besonders wichtig, da viele Debatten von Lagerdenken und moralischer Selbstbestätigung geprägt sind bis hin zur Ablehnung fundamentaler und robuster wissenschaftlicher Erkenntnisse. Ohne eine wissenschaftlich geprägte, universelle Perspektive werden Probleme emotional überhöht oder geleugnet, statt sie mit realistischen Mitteln zu lösen.
GWUP-Blog: In Deinem Buch zeigst Du, wie Scientific Temper bei klassisch skeptischen Themen als auch bei aktuellen gesellschaftlichen Kontroversen Orientierung geben kann. Kannst Du ein konkretes Beispiel skizzieren, an dem deutlich wird, wie diese Denkweise praktisch hilft?
AS: Ein typisches Anwendungsfeld für Scientific Temper ist die Klimapolitik: Sie kann sehr gut erklären, welche Faktoren, wie etwa Emissionen, die Atmosphäre erwärmen und warum. Dabei gibt es Unsicherheiten hinsichtlich der zukünftigen Entwicklungen. Bescheidenheit ist ein wichtiger Wert der Wissenschaft und es hilft hier nicht, Sicherheiten vorzutäuschen, die es nicht gibt. Wissenschaft erklärt, sagt aber nicht, was wir tun sollen. Aber mit wissenschaftlichen Methoden lässt sich klären, ob Maßnahmen zum Ziel führen oder nicht, nicht jedoch, ob sie durchgeführt werden.
Bei klassischen skeptischen Themen wie der Homöopathie oder anderen pseudomedizinischen Verfahren haben wir genauso Methoden wie randomisierte Studien, Plausibilitätsprüfungen und systematische Übersichtsarbeiten. Sie helfen uns dabei, zu klären, ob eine Therapie funktioniert oder nicht.
Diese Denkweise lässt sich auf neue Kontroversen übertragen – von der Gentechnik über die Geschlechterfrage in der Biologie bis hin zu Verschwörungsmythen rund um Pandemien.
Das größte Hindernis ist dabei häufig der moralistische Fehlschluss, bei dem Hypothesen in „gut“ oder „böse“ eingeteilt werden. Aus weltanschaulichen, politischen oder identitären Gründen meinen wir dann, die Welt müsse unseren Vorstellungen entsprechen. Die Welt um uns ist, wie sie ist, und folgt nicht unserem Wunschdenken. Und genau hier hilft uns „Scientific Temper“.
GWUP-Blog: In einem Artikel für den hpd schreibst Du, dass die Wissenschaftsfreiheit von verschiedenen Seiten unter Druck gerät. Gibt es eine Entwicklung bzw. Bestrebung, die Dir aus Deiner langjährigen Erfahrung in der skeptischen Bewegung besonders große Bauchschmerzen bereitet?
AS: Die schleichende Einschränkung der Wissenschaftsfreiheit bereitet große Sorgen. Einerseits versuchen Aktivisten, unliebsame Forschung moralisch zu diskreditieren, andererseits wollen autoritäre Bewegungen die Wissenschaft politisch disziplinieren.
Besonders in den USA zeigt der Fall Harvard, wie schnell Universitätsleitungen unter den Druck beider Lager geraten. In Deutschland gibt es ähnliche Tendenzen, wenn beispielsweise Vorträge zur Biologie des Geschlechts verhindert oder Forschungsgelder aus ideologischen Gründen gekürzt werden. Auch skeptische Organisationen können von ähnlichem Druck betroffen sein. Und sie müssen, um Steven Pinker zu zitieren, vermeiden, zu kapitulieren, statt dagegenzuhalten.
Problematisch wird es, wenn wissenschaftliche Fragen in Loyalitätstests umgedeutet werden und nicht mehr die Qualität der Argumente zählt, sondern die „richtige” Seite. „Scientific Temper” ist hier der Gegenentwurf, da er fordert, dass auch unbequeme Daten, Minderheitsmeinungen und kontroverse Hypothesen diskutierbar bleiben, solange sie den Regeln guter Wissenschaft entsprechen.
Die Erfahrung zeigt, dass diese Haltung Fehleinschätzungen auf allen Seiten korrigieren kann – gerade, weil sie sich nicht politisch positioniert, sondern an Methoden und Evidenz orientiert.
Aus der Buchbeschreibung:
Wissenschaft steht unter Beschuss. Nicht nur von jenen, die Kritik und Rationalität seit jeher als Angriff auf Autoritäten sehen. Auch viele, die Wissenschaft lange als Wegweiser für eine bessere Gesellschaft schätzten, lehnen ihre Ergebnisse zunehmend ab – vor allem, wenn sie den eigenen Vorannahmen widersprechen.
Amardeo Sarma, Mitbegründer der ersten deutschsprachigen Skeptikerorganisation, plädiert für Scientific Temper: eine rationale, wissenschaftlich geprägte Haltung als Schlüssel zu kritischem Denken. Dieser Denkweise schützt vor Wunschdenken und hilft, die Welt realistisch einzuschätzen – eine Voraussetzung, um gesellschaftliche Ziele nicht nur zu formulieren, sondern auch zu erreichen. Anhand klassischer skeptischer Themen und aktueller Kontroversen zeigt Sarma, wie eine solche Haltung Orientierung bieten kann in einer zunehmend polarisierten Welt.
Zum Thema:
- Artikel: Neu beim Alibri-Verlag: „Tellerwissen“ von Konstantin Linder – wissenschaftliche Orientierung im Ernährungsdschungel, GWUP-Blog vom 18.12.2025
- Artikel: The Global Retreat from Scientific Temper, Amardeo Sarma via Skeptical Inquirer vom 20.11.2025
- Artikel: Amardeo Sarma im Podcast „Sein und Streit“: Über die Skeptikerbewegung und das „Scientific Temper“, GWUP-Blog vom 22.07.2025
Hinweis:
- Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org
- Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:


3. Januar 2026 um 17:16
„es hilft hier nicht, Sicherheiten vorzutäuschen, die es nicht gibt“
Das ist doch leere Rhetorik. Genausogut kann man sagen:
„es hilft hier nicht, Unsicherheiten vorzutäuschen, die es nicht gibt“
Beide Aussagen bringen nichts. Sie sind wie „man sollte Gefahren nicht übertreiben“ und „man sollte Gefahren nicht verharmlosen“. Es sind Selbstverständlichkeiten, und es sind zwei Worthülsen, die typisch für zwei Lager sind. Wer eine davon verwendet, aber nicht die andere, bestärkt Lagerdenken, statt es zu bekämpfen. (Aber wer beide verwendet, ist auch nicht besser, weil das nur – zu Recht oder zu Unrecht – signalisiert: „Schau mal, ich bin vernünftig. Hör auf mich.“ Manchmal hat einfach eine Seite Recht und die andere Unrecht. Dann ist die Mitte nicht golden, und Lagerdenken ist genau richtig.)
Das einzige, was hilft, ist, Fakten und ihre Fehlerbalken bzw. Standardabweichungen korrekt darzustellen. Die „Unsicherheiten hinsichtlich der zukünftigen Entwicklungen“ sind eines der hohlen Argumente von Klimawandelleugnern, und das Einzige, was es bewirkt, ist Misstrauen. Natürlich gibt es Fehlerbalken, und die Klimatologen wissen, wie groß die sind.
https://en.wikipedia.org/wiki/Scientific_consensus_on_climate_change#2020s zeigt in einem Bild die Erwartungen für das Jahr 2100. Der Temperaturanstieg liegt etwa zwischen 1,5 und 4° mit einem Mittelwert von 2,5. Der tatsächliche Wert wird davon abhängen, was wir dagegen tun, und das wird davon abhängen, was wir den Leuten darüber erzählen. Über „vorgetäuschte Sicherheiten“ zu reden führt eher zum Glauben „ach, die Wissenschaftler wissen das ja alles gar nicht so genau. Warten wir lieber ab“ und damit eher in Richtung 4° als 1,5.
Bitte in Zukunft Worthülsen weglassen und sich auf Tatsachen und echte Argumente beschränken.