GWUP-Mitglied Konstantin Linder hat im Alibri-Verlag ein Buch zum großen Thema Ernährung veröffentlicht.
Tellerwissen. Verstehen, was wir essen sollten.
von Konstantin Linder
Um mehr über das Buch und seinen Ansatz zu erfahren, habe ich Konstantin einige Fragen dazu gestellt.
GWUP-Blog: Hallo Konstantin, vor Kurzem wurde Dein Buch „Tellerwissen. Verstehen, was wir essen sollten“ beim Alibri-Verlag veröffentlicht. Der Markt ist bekanntermaßen voll von Ernährungsratgebern mit oft widersprüchlichen Empfehlungen. Welchen Ansatz verfolgst Du, um Dich bewusst von klassischen Ernährungsbüchern abzugrenzen?
KL: Mein Lösungsansatz lässt sich in einem Zitat aus dem Klassiker von Carl Sagan „Science – A candle in the dark“ zusammenfassen: „Wenn wir nur die Erkenntnisse und Produkte der Wissenschaft lehren […] ohne ihre kritische Methode zu vermitteln, wie soll dann ein durchschnittlicher Mensch überhaupt zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft unterscheiden können? […] Die Methode der Wissenschaft – so spröde und mürrisch sie auch erscheinen mag – ist weitaus wichtiger als die Ergebnisse der Wissenschaft.“ Also habe ich ein Buch geschrieben, das den Fokus auf die Methode von Ernährungswissenschaften und Medizin legt. Wer also mal verstehen will, wie die Prinzipien entdeckt wurden, mit denen man herausfinden kann, ob Homöopathie hilft, ob es eine Epidemie von Impfschäden gibt oder ob etwas „gesund“ ist, der wird hier spannende Einblicke erhalten. Mit diesem Wissen kann man aber auch gute Informationsquellen identifizieren und allgemein fundiertere Gesundheitsentscheidungen treffen.
GWUP-Blog: Die Vielzahl teils widersprüchlicher Ernährungsempfehlungen sorgt bei vielen Menschen eher für Verunsicherung als für Klarheit. Warum ist aus Deiner Sicht Ernährung ein so besonders anfälliges Feld für Mythen, Halbwissen und Pseudowissenschaft?
KL: Mit Blick auf Informationstechnologien ist klar: Fehlinformationen verbreiten sich heute, vor allem über soziale Medien, nicht nur an viel mehr Menschen als jemals zuvor, sondern sie sind oft auch nicht mehr auf den ersten Blick als solche zu erkennen. Dazu kommt: Je provokanter und reißerischer sie inszeniert sind, desto mehr Leute werden erreicht. Das ergibt eine niemals versiegende Quelle an Inhalten, die Lebensmittel oder Ernährungsweisen wahlweise als Heilsbringer oder als tödliche Gefahr darstellen, natürlich völlig ohne belastbare Grundlage. Die wissenschaftlich gesicherten und recht stabilen Erkenntnisse über Ernährung haben dagegen keine Chance. Zum anderen hat Ernährung auch viel mit Identität zu tun. Ernährung produziert Gruppen, die sich voneinander abgrenzen. Von Speisegesetzten der Religionen (kein Schweinefleisch im Islam, keine Kühe im Hinduismus, …) bis zur Ablehnung von „Chemie“ oder „Unnatürlichem“ der Naturverklärenden. Wie bedeutungsvoll die eigene Ansicht und wie verloren die „Anderen“ sind, daran kann man sich hochemotional abarbeiten und wird dafür von den Algorithmen immens unterstützt.
GWUP-Blog: Du entlarvst in Deinem Buch auch verbreitete Ernährungs- und Gesundheitsmythen. Kannst Du uns als kleinen Vorgeschmack einen Mythos nennen, der Dir besonders häufig begegnet und kurz erklären, warum er nicht haltbar ist?
KL: Das einfachste Beispiel ist vielleicht, dass Energydrinks ungesund seien. Energydrinks mit Zucker sind zwar tendenziell eher nicht zu empfehlen, weil zuckerhaltige Getränke einfach eine sehr leichte Möglichkeit sind zu viel Kalorien zu sich zu nehmen. Aber zuckerfreie Energydrinks enthalten eben kalorienfreie Süßungsmittel. (Diese sind übrigens gesundheitlich unbedenklich, sonst wären sie in der EU gar nicht zugelassen, mehr dazu im Buch). Oft sind dann noch andere Stoffe zugemischt, wie Vitamine oder z.B. Taurin, die aber in den Dosierungen keine relevanten Auswirkungen haben. Energydrinks sind trotz der bunten Werbung im Kern banal: Wasser mit etwas Koffein, das schmeckt. Wer keinen Kaffee mag und trotzdem Koffein konsumieren möchte, kann ohne Bedenken zu Energydrinks greifen (Alles im normalen Rahmen versteht sich). Natürlich kann man das Thema auch ausführlicher besprechen, aber die oft erlebte Ablehnung basiert meiner Überzeugung nach eher auf Glaubenssätzen statt einer sachlichen Auseinandersetzung.
Aus der Buchbeschreibung:
Zu kaum einem Bereich gibt es mehr Ratgeber als zu Ernährungsfragen. Ein Expertenheer überschüttet uns mit Vorschlägen, was wir wann in welcher Menge zu uns nehmen solllen und was uns streng verboten ist, wenn wir schlank bleiben und ewig leben wollen.
Konstantin Linder verfolgt einen anderen Ansatz. Sein Buch vermittelt uns die zentralen Erkenntnisse der modernen Ernährungswissenschaften, sodass wir in die Lage versetzt werden, viele Entscheidungen gut begründet selbst zu treffen. Dazu stellt der Autor die wissenschaftlichen Methoden und Werkzeuge vor, die uns helfen, Gesundheitsbehauptungen kritisch einzuordnen und vertrauenswürdige Quellen zu erkennen. In allgemeinverständlichem Ton entzaubert er weit verbreitete Ernährungs- und Gesundheitsmythen; in anschaulichen Exkursen präsentiert er Hintergrundwissen zu den evolutionären Grundlagen menschlicher Ernährung oder zum Stellenwert körperlicher Aktivität. Dadurch eröffnet dieses Buch eine Perspektive auf Ernährung, die weit über den Tellerrand hinausreicht.
Zum Thema:
- Podcast: Warum du kritisch bleiben solltest – mit Konstantin Linder, Vegan Performance vom 25.05.2024
- Artikel: Osteopathie, Chiropraktik und Co.: Manuelle Therapie bei „Gesundheit und Wissenschaft“, GWUP-Blog vom 26.06.2024
- Video: „Gesundheit und Wissenschaft“ – ein Youtubekanal von und mit Konstantin Linder (Skepkon 2023), GWUP vom 27.07.2023
Hinweis:
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