KIs neigen gerne dazu, fehlende Informationen durch Zusammengereimtes zu ersetzen. Wie problematisch solche Halluzinationen für den (populär-)wissenschaftlichen Diskurs werden können, zeichnet uns Leif Inselmann in seinem Blog anhand eines heimatkundlichen Falls anschaulich nach. Außerdem ist er erneut im Podcast Alle Zeit der Welt zu hören. Diesmal mit einer zweistündigen Folge über das Kulturphänomen Riesen. Gab es sie wirklich und liegen uns materielle Überreste vor?
Eisenzeitliche Barock-Särge in Flensburg? Eine Lektion in Heimatkunde und KI
Leif Inselmann vom 26.11.2025
In seiner Wunderkammer der Kulturgeschichte greift Leif ein lokales Thema auf:
Der Museumsberg im schleswig-holsteinischen Flensburg beherbergt ein ganzes Ensemble von Kulturdenkmälern: […] Zu den hierhin verbrachten Kunstdenkmälern zählen auch drei steinerne, kunstvoll verzierte Sarkophage, die ohne weitere Erklärung vor dem Heinrich-Sauermann-Haus stehen.
Das Besondere an den Särgen, wie Willi Schewski auf Schlesweig-Holstein24.com schreibt:
Die drei Steinsärge auf dem Museumsberg in Flensburg sind ein bedeutendes archäologisches Fundstück. Die Särge stammen aus der Eisenzeit und sind etwa 2.500 Jahre alt. Sie wurden 1952 bei Ausgrabungen in Flensburg entdeckt und sind heute Teil der Dauerausstellung im Museum auf dem Museumsberg.
Die genaue Bedeutung und Funktion der Steinsärge ist bis heute nicht vollständig geklärt. Es wird vermutet, dass sie sowohl als Gräber als auch als repräsentative Monumente dienten. Aufgrund ihrer kunstvollen Gestaltung und der hochwertigen Verarbeitung werden sie als bedeutende Zeugnisse der damaligen Kultur angesehen.
An diesen Ausführungen ist etwas faul. Leif merkt an:
Verzierte Steinsarkophage aus der Vorrömischen Eisenzeit in Schleswig-Holstein? Das wäre eine archäologische Sensation, für einen solchen Fund gäbe es in ganz Nordeuropa nicht die geringste Parallele.
Doch die ganze Geschichte ist offensichtlicher Unsinn. So erkennt man auf den ersten Blick, dass die Särge keine 2500 Jahre alt sein können: Alle drei Sarkophage sind voller christlicher Symbolik, auf jedem Sargdeckel prangt unübersehbar der gekreuzigte Jesus – und das fünfhundert Jahre vor Christus? Die Form der Särge und ihre ganze Ikonografie mit Wappen, Putten usw. verweisen in die Kunstepoche des Barock, d. h. das 17. bis 18. Jahrhundert n. Chr.
Woher die Särge wirklich stammen:
Bei den Sarkophagen handelt es sich, wie unter anderem aus dem Katalog der sakralen Kunst des Städtischen Museums Flensburg (Barfod 1986) hervorgeht, um die Ruhestätten des schleswig-holsteinischen Adelsgeschlechts von Ahlefeldt. Deren Wappen ‒ zweiteilig mit einem Flug (Flügel) auf der einen und zwei roten Balken auf der anderen Seite ‒ ist bis heute gut auf allen drei Särgen zu erkennen.
Nun stellt sich jedoch die Frage, wie diese offensichtlichen Falschinformationen in Umlauf kamen:
Die Details der Ausgrabung, so absurd auch ihre Implikationen, klingen auf den ersten Blick allzu spezifisch, um einfach erfunden zu sein. Das gilt auch für das angebliche Entdeckungsjahr 1952, welches zumindest annähernd mit dem Zeitpunkt der Öffnung der Siesebyer Gruft (1950), welche zur Umbettung der Sarkophage nach Flensburg führte, zusammenfällt.
Leif hat einen Übeltäter in Verdacht:
Ein direkter Beweis dafür ist kaum zu erbringen, doch mittlerweile bin ich mir allzu sicher, dass der ursprüngliche Text einer KI entsprungen ist.
Und KIs halluzinieren:
Angefragt nach Informationen über die drei wenig bekannten Monumente, sucht eine KI (vmtl. ChatGPT) im Internet bzw. ihrem bereits verarbeiteten Wissen nach Sarkophagen in Flensburg. Dabei findet sie nichts zu den drei wenig bekannten Ahlefeldt-Sarkophagen – dafür aber umso mehr über die benachbarte Mumiengrotte. So vermischt sie also – ganz im eifrigen Bemühen, ihrem Meister eine kompetent klingende Antwort zu geben – die drei Särge mit dem nächstbesten Sarkophag auf dem Flensburger Museumsberg, den sie findet, um daraus eine völlig neue Fundgeschichte zu generieren.
Leif zum Problem des KI-Fabulierens:
Nicht böswillige Täuschung, sondern vielmehr das Missverständnis eines Bots führte zu einer solch erstaunlichen Beschreibung. Sie zeigt jedoch exemplarisch, wie durch KI falsche Informationen entstehen und schließlich ein Eigenleben entwickeln können, wenn sie sogar von regulären Autoren aufgegriffen werden. In einem weniger offensichtlichen Fall wäre dieser Irrtum wahrscheinlich nicht aufgefallen ‒ und spätestens nach wenigen Jahren des Weiterzitierens hätte sich ein moderner Mythos etabliert, dessen Ursprung niemand mehr zurückzuverfolgen vermag. Wir können uns sicher sein, dass zahlreicher solcher Mythen in diesem Moment entstehen oder schon längst im Umlauf sind.
Der komplette Text:
Nephilim, Zyklopen, Zeitungsriesen: Die Geschichte der Riesen
Alle Zeit der Welt vom 21.011.2025
Auch im Podcast Alle Zeit der Welt war Stammgast Leif wieder dabei:
Diese Episode taucht tief ein in die lange Geschichte der Riesen. Von den Nephilim des Alten Testaments über antike und mittelalterliche Überlieferungen bis hin zu spektakulären Funden der frühen Neuzeit reicht der historische Stoff. Dazu kommen die Zeitungsriesen des 19. Jahrhunderts, die später die pseudoarchäologische Literatur des 20. Jahrhunderts beeinflussten und in modernen Verschwörungstheorien wieder auftauchen.
Zum Thema:
- Artikel: Mythen und Missverständnisse – Ulrich Magins Präastronautik-Serie im Blog „Wunderkammer der Kulturgeschichte“, GWUP-Blog vom 17.09.2025
- Artikel: Zellteilung auf altägyptischem Totenpapyrus abgebildet? – Gastbeitrag bei Leif Inselmanns Blog & Teil 2 der Untoten-Reihe im Podcast „Alle Zeit der Welt“, GWUP-Blog vom 27.08.2025
- Artikel: Leif Inselmann im Blog und Podcast: Gilgamesch-Epos und sumerische Untote, GWUP-Blog vom 05.08.2025
- Artikel: Leif Inselmann zeigt: Was Tolkien vom Alten Orient übernahm., GWUP-Blog vom 02.07.2025
- Artikel: Moorleichen und Quellenfälschung: Leif Inselmann arbeitet den Fall Alfred Dieck auf., GWUP-Blog vom 15.06.2025
- Artikel: Narrative der Urgeschichte: Zwischen Mythos und Wissenschaft | Wunderkammer der Kulturgeschichte, GWUP-Blog vom 07.05.2025
- Artikel: Leif Inselmann über eine Oster-Kontroverse in der altorientalistischen Forschung: „Glaubten die Babylonier an Tod und Wiederauferstehung des Gottes Marduk?“, GWUP-Blog vom 22.04.2025
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