Gastbeitrag von einem anonymisierten Verfasser
Der nachfolgende Gastbeitrag wird zum Schutz des Autors anonym publiziert. Das Umfeld von „Telegonie-Löschung“ hat laut Einschätzung unabhängiger Fachstellen ein Gleitpotenzial in kritikintolerante Subszenen. Darüber hinaus ist das Thema Telegonie durch seinen historischen Missbrauch in völkisch-biologistischen und rechtsesoterischen Kontexten so stark negativ aufgeladen, sodass der Verfasser damit nicht mit Klarnamen in Verbindung gebracht werden möchte. Der Name des Verfassers ist der Redaktion bekannt.
Die Wiederkehr eines widerlegten Konzepts:
Was hinter der modernen „Telegonie-Löschung“ steckt
Am 25. Oktober 2025 wurde in der Wiener Stadthalle wieder der jährliche Negativpreis „Das Goldene Brett vorm Kopf“ der Skeptiker Wien für den größten unwissenschaftlichen Unsinn des Jahres verliehen. Unter den zahlreichen Nominierten befand sich auch ein Format, das schon lange als biologischer Irrtum gilt und heute primär in rechtsesoterischen Milieus wieder auftaucht: die sogenannte „Telegonie-Löschung.“1 Doch wie konnte ein längst widerlegtes Konzept erneut gesellschaftliche Sichtbarkeit erlangen?
Historischer Hintergrund: Ein wissenschaftlicher Irrweg
Der Begriff Telegonie (Griechisch „Fernzeugung“) bezeichnet die vor allem im 19. Jahrhundert diskutierte Vorstellung, frühere Sexualpartner einer Frau könnten spätere Kinder beeinflussen. Die Darwinisten August Weismann und Francis Galton, letzterer ein Cousin des berühmten Evolutionsbiologen, erwähnten dieses Konzept im Rahmen ihrer Überlegungen zur Vererbung – allerdings wurde es bereits wenige Jahrzehnte später durch die moderne Genetik vollständig widerlegt.
Schon zuvor galt Telegonie vielen Forschern als fragwürdig. Der schottische Zoologe James Cossar Ewart zeigte 1899 anhand von Kreuzungsexperimenten eindeutig, dass frühere Paarungspartner von Säugetieren keinen phänotypischen Einfluss auf spätere Nachkommen haben.2 Damit widerlegte er auch die von zahlreichen Vertretern der Telegonie zitierte Tierzüchteranekdote von „Lord Morton’s Mare“.
Mit dem Aufkommen der Mendelschen Regeln, der Chromosomentheorie und der modernen Molekulargenetik war die wissenschaftliche Frage nach der Übertragung erbrelevanter Merkmale endgültig geklärt: Die genetische Ausstattung eines Kindes stammt ausschließlich von den Eltern, nicht von deren früheren Partnern.3
Die moderne Biologie kennt eine ganze Reihe historischer Irrtümer über Genetik – etwa die Präformationstheorie, die im 17. Jahrhundert annahm, die Gestalt des Kindes sei bereits vollständig im Spermium „vorgebildet“. Oder Lamarcks Vorstellung, erworbene Eigenschaften würden vererbt. Telegonie gehört wissenschaftshistorisch in die Kategorie elegant klingender Theorien, die durch moderne experimentelle Genetik, Keimzellentheorie und schließlich die Mendelschen Regeln widerlegt wurden.
Besonders bemerkenswert ist, dass der antike Arzt Soranos von Ephesos bereits im 1.–2. Jahrhundert n. Chr. die Vorstellung telegonischer Einflüsse ausdrücklich als Aberglauben zurückweist. In seiner Abhandlung „Gynäkologie“ stellt Soranos fest, dass frühere Sexualpartner keine bleibenden Eindrücke im Körper einer Frau hinterlassen, die spätere Nachkommen beeinflussen könnten.4 Wer heute Soranos als angebliche Quelle der Telegonie anführt, zitiert also gegen seinen eigenen Wortlaut.
Auch der griechische Philosoph Aristoteles hat Telegonie nicht legitimiert – auch wenn er diesbezüglich manchmal falsch zitiert wird. Aristoteles beschreibt in seiner Schrift zur Vererbung „De generatione animalium“ zwar tatsächlich ein spekulatives Modell, in dem der männliche Samen die Form und die weibliche Substanz die Materie liefert, doch er spricht weder von einer prägenden Wirkung früherer Sexualpartner, noch enthält sein Werk ein Konzept der Mehrfachvererbung über Partner hinweg.5
Trotz der bereits antiken Ablehnung und neuzeitlich-experimentellen Widerlegung der Telegonie taucht sie in einem Kontext des 19. und frühen 20. Jahrhunderts wieder auf – im sogenannten Kontagionismus (Lateinisch „Ansteckungslehre“).6 Ursprünglich eine Erforschung der Krankheitsübertragung durch Erreger, wurde der Kontagionismus in völkisch-biologistischen Ideologien schon bald metaphorisch zu einer „rassischen Ansteckung“ umgedeutet. Die NS-Rassenpolitik behauptete, sexuelle Kontakte mit als „fremdrassig“ definierten Personen führten zu einer langfristigen moralisch wie auch biologisch verstandenen „Verunreinigung“ des eigenen Körpers oder der „Volksgemeinschaft“. Dieses ideologische Motiv findet sich in der Begründungslogik der Nürnberger Rassegesetze von 1935 wieder, die zwar keine expliziten genetischen Fachbegriffe verwenden, aber strukturell auf einem völkisch-biologistischen Kontagionismus aufbauen.7
Die moderne Wiederkehr: Ideologische und digitale Nischen
Im Jahr 2018 sah sich die Redaktion von Correctiv Faktencheck veranlasst, die im digitalen Raum erneut verbreitete Behauptung, der „erste Mann“ präge dauerhaft die Genetik einer Frau, öffentlich einzuordnen. Correctiv nannte Telegonie „frei erfunden“ und verwies darauf, dass derartige Behauptungen weder in der modernen Genetik noch in der Medizin irgendeine empirische Grundlage besitzen. Die Redaktion zitierte die Standardwerke aktueller Vererbungslehre und betonte: „Nein, der Samenabdruck des ersten Mannes bleibt nicht für immer.“8 Den einzigen wissenschaftlichen Beweis für Fernzeugung sah Correctiv in einer australischen Studie – über Stubenfliegen (Telostylinus angusticollis).9
Warum kehrt ein so klar widerlegtes Konzept zurück – und wo?
Digitale Räume ändern sich: Die Bundesstelle für Sektenfragen sagt aus, dass sie zunehmend „frauenfeindliche, queerfeindliche und verschwörungstheoretische Inhalte“ in wenig regulierten Subszenen beobachten kann.10 Solche angstbasierten Einstellungen überschneiden sich heute mit Alt-Right-, Red-Pill- und Manosphere-Milieus, die auf Social Media Kanälen ultrakonservative Gesellschafts- und Frauenbilder propagieren: Heterosexualität als Norm, tradierte Geschlechterrollen und massive Abgrenzungsreflexe. Die Behauptung der Telegonie vom angeblich prägenden Einfluss der Genetik des ersten Sexualpartners „für immer“ ergänzt hier misogyne Zuschreibungen weiblicher Schuld und männlicher Macht.
Rechtsesoterik mystifiziert rechtes Denken. Völkisch-biologistische Konzepte dienen hier als fließender Übergang: Die in digitalen Filterblasen hochgezogenen „Slawisch-Arischen Weden“ und „Rita-Gesetze“ mit ihrem Fokus auf dem „heiligen Clan“ wollen die Telegonie zum Garanten der weiblichen Gesundheit und Familienharmonie erklären. Die Authentizität beider Quellen ist jedoch umstritten, und ihre Aussagen sind weder medizinisch noch historisch belastbar. Forscher vermuten, dass es sich bei den „Slawisch-Arischen Weden“ tatsächlich um Neuschöpfungen aus dem 20. Jahrhundert handelt – einen Teil des slawischen Neopaganismus („Rodnoverie“), der an ethnonationalistische Interessen und rassistische Reflexe grenzt.11
Auch die Anastasia-Bewegung, die oft im Umfeld von Rechtsesoterik beobachtet wird, greift die Fernzeugung in ihren Aussagen zur „Verunreinigung“ weiblicher Körper durch wechselnde Sexualpartner, Blutlinienreinheit und Generationen übergreifender „energetischer“ Erbschuld auf.12 Sie basiert primär auf den sozialutopischen Romanen des russischen Autors Wladimir Megre. Wie wenig sie mit einer offenen Gesellschaft vereinbar ist, beweist neue Forschung über antisemitische Narrative in der Gegenwart. Der Historiker Jakob Gruber belegt in seiner Diplomarbeit, wie Megres Sozialutopie strukturell an die Konzepte von Kontagionismus und Eugenik anknüpft – und Telegonie als moralisch-biologisches Reinheitsideal einführt.13
Kommerzialisierung: Ein Netzwerk gleichartiger Angebote
In der Region DACH ist die Fernzeugung aktuell nicht nur ein digital wiederbelebter Mythos, sondern auch ein Markt. Sie findet als „energetisch-spirituelle“ Dienstleistung Erwähnung in Teilen der Esoterik-, Humanenergetik- und Energy Coaching-Szenen. Diesen drei Milieus gemeinsam ist, dass sie sich teilweise überlappen, wenig kontrolliert und niedrigschwellig sind und die Gesetzeslage ihnen keine akademische oder anerkannte Fachausbildung vorschreibt, wie die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen kritisiert.14 Einige Dienstleister dieser Szenen behaupten suggestiv, Sexualkontakte hinterließen negative „Energien“ oder „Informationen“ im menschlichen Körper, die für ein Entgelt „gelöscht“ werden müssten. Telegonie wird auf manchen Websites, Youtube-Kanälen und Vorträgen auf Esoterikmessen sogar als Ursache von Familienkonflikten, Trennungen und Scheidungen gedeutet. Einheitliche Werbetexte und Preisstrukturen bei vielen Anbietern zeigen eine auffällige Homogenisierung. Mehrere Dienstleister erfüllen ihre gesetzliche Impressumspflicht nicht; Kundenkontakte werden häufig über Telegram-Cluster kommuniziert.
Zahlreiche Anbieter im deutschsprachigen Raum werben mit:
- „energetischer DNA-Reinigung“
- „Befreiung von fremden Partner-Energien“
- „Telegonie-Löschung über 12 Generationen“
Preise zur „Auflösung“ reichen meist von 150 bis 450 Euro, wobei manchmal auch Zusatzangebote wie „Herzkammeröffnung“ und „Zirbeldrüsenreinigung“ buchbar sind. Die selbstbewusste Preispolitik in Relation zur Leistung war bereits 2023 Gegenstand von kritischen Pressereflexionen.15 Wer geht trotz dieser Diskrepanz zum Telegonie-Löschen und warum? Esoterische Dienstleistungen reduzieren Komplexität und bieten einfache Lösungen – das ist das Allgemeine, ob Tarot oder Telegonie. Doch Werbung, die Sexualität systematisch mit Schuld verknüpft und eine Befreiung („DNA-Reset“) verspricht, lockt prinzipiell eher vulnerable Zielgruppen, die ein Ritual der Orientierung suchen. Markt- und Konsumpsychologie kennen viele zentrale Mechanismen, die bei pseudomedizinischen und spirituellen Angeboten vorkommen: vom „authority bias“ bis zum „scarcity effect“.16 Wo der Kunde sich irren kann, darf der Anbieter jedoch nicht täuschen – etwa mit falschen Titeln oder Heilversprechen. Manche Angebote zur Telegonie-Löschung gerieten bereits in den Blick von Fachstellen, die irreführende und wissenschaftlich unhaltbare Gesundheitsversprechen oder rechtsesoterische Szenen beobachten. Fachleuten fielen auch strukturelle Ähnlichkeiten der Telegonie-Löschung mit dem Konzept „Germanische Neue Medizin“ (GNM)17 auf.
Fazit: Die moderne „Telegonie-Löschung“ ist kein isoliertes Kuriosum, sondern Teil eines Marktes, in dem pseudowissenschaftliche Narrative, ideologische Konzepte und kommerzielle Interessen ineinandergreifen. Dass die Skeptiker bei der Preisverleihung zum Goldenen Brett in Wien 2025 ein solches Angebot nominierten, zeigt eindeutig: Der alte Irrweg der Telegonie lebt aktuell in neuer, digitaler und kommerzieller Form weiter – und verdient weiterhin kritische Aufmerksamkeit.
Autor/in: Studium der Kulturwissenschaft (Mag.), langjährige interdisziplinäre Arbeit zu Fragen der Wissenschaftshistorie, Ideologien der Körperlichkeit und digitalen Subkulturen, Mitwirkung an internationalen Anthologien zur Kulturgeschichte Europas. Der Artikel zur Telegonie stützt sich auf historische Quellen, wissenschaftliche Fachliteratur und die Einschätzungen mehrerer unabhängiger Beobachtungsstellen.
Fußnoten:
- https://www.skeptiker.at/veranstaltungen/das-goldene-brett-vorm-kopf-2025/ ↩︎
- James Cossar Ewart (1899): The Penycuik Experiments. Adam and Charles Black, London 1899 archive.org doi:10.5962/bhl.title.25674 doi:10.5962/bhl.title.57340 ↩︎
- https://www.openscience.or.at/de/wissen/genetik-und-zellbiologie/2022-05-25-gregor-mendel-die-drei-mendelschen-regeln-grundlage-der-genetik/ ↩︎
- Gynaikeia I.39–40 ↩︎
- De Generatione Animalium I.730b–731a ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Kontagionisten_(Antisemitismus) ↩︎
- https://www.bpb.de/kurz-knapp/hintergrund-aktuell/501380/vor-85-jahren-nuernberger-gesetze-erlassen/ ↩︎
- https://correctiv.org/fakten-check/2018/02/07/nein-der-samenabdruck-des-ersten-mannes-bleibt-nicht-fuer-immer/ ↩︎
- Vgl. Angela Crean et al. (2014): Revisiting telegony: offspring inherit an acquired characteristic of their mother´s previous mate. University of New South Wales. Wiley-Blackwell, London 2014. https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/ele.12373. Hinweis zur Repräsentativität der Studie: Experimentell bei vereinzelten Insektenarten gewonnene Erkenntnisse sind nicht übertragbar auf die menschliche Biologie. Neue seriöse Forschung zur Humangenetik befasst sich mit anderen Phänomenen (Epigenetik, Mikrochimärismus) – nicht mit Fernzeugung. ↩︎
- https://www.bmi.gv.at/magazin/2025_09_10/08_Bundesstelle_fuer_Sektenfragen.aspx ↩︎
- Vgl. Kaarina Aitamurto (2016): Paganism, Traditionalism, Nationalism: Narratives of Russian Rodnoverie. Routledge, London/New York. ↩︎
- https://bundesstelle-sektenfragen.at/wp-content/uploads/Taetigkeitsbericht-2022.pdf, S. 10ff. ↩︎
- Jakob Gruber (2021): Von „kodierten Juden“ und „natürlicher Familie“. Ideologien der Ungleichheit bei der Anastasia-Bewegung. Universität Graz, Diplomarbeit 2021. https://unipub.uni-graz.at/obvugrhs/download/pdf/6286461 ↩︎
- https://www.ezw-berlin.de/publikationen/artikel/spirituelles-coaching/ ↩︎
- https://www.falter.at/zeitung/20231107/ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst ↩︎
- Vgl. Robert Cialdini (2007): Influence: The Psychology of Persuasion. Harper Collins, New York. Revised Edition. ↩︎
- https://www.psiram.com/de/index.php/Germanische_Neue_Medizin ↩︎
