ein Gastbeitrag von Sebastian Schnelle und Stefan Uttenthaler
„Die Zeiten sind hart. Man darf ja heute nichts mehr sagen. Das sagen zumindest Leute, die ständig öffentlich sagen, was man angeblich nicht mehr öffentlich sagen darf, und dabei sagenhafte Zuschauerzahlen erreichen.“1 Ist es nicht schön, wenn schon Eröffnungssätze eines Aufsatzes altern wie Milch in der Sonne? Oder hätte Florian Aigner diesen Satz so über Jason Stanley und die Berichte über seinen abgebrochenen Vortrag in der Jüdischen Gemeinde Frankfurt zum Anlass des 9. November in Frankfurt geschrieben?2 Dabei sei darauf hingewiesen, dass es auf die Person Florian Aigners hier gar nicht ankommt. Der Artikel steht stellvertretend für ein Genre, dass so oder so ähnlich im Ton moralischer Selbstvergewisserung immer wieder geäußert wird. Zwar gibt es inzwischen widerstreitende Versionen, was am 9. November in Frankfurt genau geschehen ist. Der Blick auf die Reaktionen und Einschätzungen der verschiedenen Parteien ist aber eine Reflexion wert.3
Stanley, weltweit bekannter Philosoph und Faschismusforscher, sollte in Frankfurt eine Rede halten und berichtete, zunächst niedergebrüllt worden zu sein, um anschließend aufgefordert zu werden, den Saal zu verlassen, und das bei noch nicht vollendeter Rede. Der Forscher reagierte laut taz „schockiert“. Aber warum eigentlich? Selbst wenn Stanleys Beschreibungen sich genau so ereignet haben sollten, wäre laut Aigner doch gar nichts passiert. Stanley darf weiterhin sagen, was er sagen wollte, sogar mit „sagenhaften Zuschauerzahlen“, seit die FAZ seine Rede in voller Länge veröffentlicht hat.4 Er wird von Zeitungen interviewt und niemand verbietet ihm den Mund. Alles halb so wild also?
Über ähnliche Fälle hatte Aigner noch abfällig geurteilt: „Das „Netzwerk Wissenschaftsfreiheit“ führt sogar eine Liste angeblicher Unterdrückungsfälle. Aber was findet man dort? Zensur? Gewalt? Berufsverbote? Nein: einen abgesagten Vortrag hier, ein bisschen Protest der Studierenden dort, […]“ Also alles im Lot im Fall Stanley? Schließlich hat er kein Berufsverbot erhalten, es kam nicht zu körperlicher Gewalt und er wurde nicht staatlich zensiert. Wie bereits geschrieben, wurde seine Rede im Nachhinein sogar publiziert und einem ungleich größeren Publikum zugänglich gemacht, als an dem Abend vor Ort waren. Also nur ein „abgesagter Vortrag hier“ und ein bisschen Aufregung dort? Muss man also mit Aigner Stanley entgegenhalten: „Als Medien-Star oder Uni-Professor Kritik einstecken zu müssen, ist keine Cancel Culture. Das ist Feedback.“ Soll sich der Herr Professor und mit ihm das Feuilleton also nicht so aufregen?
In einem Artikel in der Frankfurter Rundschau wird beschrieben, wie Stanley die Situation als „außerordentlich bedrohlich und verstörend” erlebt habe. Etwas, das ihm in dieser Form so noch nie passiert sei. Seine Beschreibung deckt sich dabei mit den Beschreibungen anderer, die Opfer ähnlichen Vorgehens wurden, nur dass es diesmal nicht klein geredet, sondern thematisiert und skandalisiert wird. Die Frankfurter Rundschau schreibt in diesem Zusammenhang von einem „Eklat“ und einem „neue[n] Tiefpunkt“.5 Auf einmal entdeckt man dort, dass „[zur] Meinungsfreiheit gehöre, dass eine Rede überhaupt gehalten und zu Ende gebracht werden dürfe“ und bemerkt eine „schleichende Verschärfung des öffentlichen Klimas“, die man doch bis gefühlt gestern noch vehement abstritt. War doch angeblich alles nur Kulturkampf (meist versehen mit dem Zusatz „von rechts“). Besonders spannend ist, dass der soziale Aspekt, abseits der staatlichen Zensur und der Unterdrückung von oben nach unten – nach Aigner die „echte (sic) Unterdrückung” – explizit Erwähnung findet, wenn die Frankfurter Rundschau einen Antisemitismus-Experten mit den Worten zitiert: „Wer in diesem Klima Differenz wagt, riskiert nicht nur Widerspruch, sondern soziale Ächtung.“
Nun ist das Besondere an dem Fall, dass es eine Gegendarstellung der Jüdischen Gemeinde Frankfurt gibt, in der bestritten wird, dass sich der Vorfall so ereignet hat, wie von Stanley beschrieben. War also alles nur ein „Mythos“, wie Aigner das Phänomen der „Cancel Culture“ nennt, oder eine „moral panic“, wie Adrian Daub zum selben Komplex schreibt? Komisch nur, dass man sich in den Feuilletons bemüßigt fühlt, an „das Erbe des Liberalismus“ zu erinnern, dass von einem „öffentlichen Klima“ die Rede ist und an die Meinungsfreiheit appelliert wird. Der Verdacht liegt nahe, dass man erkennt, dass der Vorwurf des Antisemitismus gerade sehr locker sitzt, wenn jemand Israel kritisiert, und dass man diese Mechanismen der Feindmarkierung und Diffamierung durchaus erkennt, wenn sie einen selbst oder einem nahestehende Milieus treffen. Auf einmal erkennt man durchaus an, dass die Berufung auf Meinungsfreiheit nicht notwendigerweise ein Deckmäntelchen ist, um „Minderheiten zu beleidigen“, wie es bei Aigner heißt, sondern eben legitime Kritik enthalten kann, die jemand schlicht nicht hören möchte. Interessant auch, dass es über Stanley heißt, dass er “die Gefühle der Gemeindemitglieder massiv verletzt” hätte, auch wenn es laut Jüdischer Allgemeiner gar keinen Eklat gab. Auch das ist ein Muster, das wir von ähnlich gelagerten Fällen kennen: es ist gar nichts passiert, aber wenn doch, dann hat er es verdient, denn er hat ja Gefühle verletzt. Unabhängig davon, was nun in Frankfurt am 9. November tatsächlich vorgefallen ist, sollte die Reaktion auf Stanleys Version der Geschichte folgenden Konsens unter Demokraten zeigen: Zensur, Gewalt und Berufsverbote sind unter Demokraten kein zulässiges Mittel des Meinungsstreits, aber eben auch keine abgesagten Vorträge. Zur Meinungsfreiheit gehört, dass eine Rede überhaupt gehalten und zu Ende gebracht werden darf. So sieht es zumindest Jason Stanley – und der muss es als Faschismusforscher ja wissen.
- https://futurezone.at/meinung/florian-aigner-kolumne-wissenschaft-cancel-culture-meinungfreiheit/403072456 ↩︎
- https://taz.de/Streit-um-Gedenken-zum-9-November/!6128718/ ↩︎
- https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/niemand-hat-jason-stanley-von-der-buehne-gejagt/ ↩︎
- https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/debatten/jason-stanley-zum-9-november-110774123.html ↩︎
- https://www.fr.de/kultur/gesellschaft/faschismus-experte-jason-stanley-aus-synagoge-in-frankfurt-geworfen-94032638.html ↩︎

21. November 2025 um 14:20
Weil es sich in letzter Zeit häuft:
Es wäre wirklich gut, wenn die GWUP mal aufhören könnte, sich an Leuten wie Florian Aigner abzuarbeiten. Das liest sich ähnlich peinlich wie die Auslassungen von Menschen, die ihre Ex, mit der sie jahrelang zusammengelebt und Kinder in die Welt gesetzt haben, plötzlich als Inkarnation des Leibhaftigen hinstellen.
Und wenn dann die jeweiligen Artikelchen explizit betonen, dass es um Aigner ja gar nicht gehe: Ja, dann lasst es doch und bleibt bei der Sache. Das da oben wirkt einfach nur peinlich, kindisch und unsympathisch. Und damit schadet es der Wahrnehmung von Skeptikern in der Öffentlichkeit.
Kriegt eure gekränkten Egos langsam mal in den Griff.
Genervter Gruß
M.
21. November 2025 um 18:03
@Michael
Mich würde Ihre (und die Anderer) sachbezogene Kritik an dem Beitrag interessieren. Der Wahrnehmung von Skeptikern in der Öffentlichkeit wäre dies sicherlich zuträglich.
21. November 2025 um 22:30
Ich könnte noch hinzufügen, dass alles, worauf sich der wortgwaltig daherkommen wollende Artikel stützt, offenbar mehr oder weniger umstritten ist. Die Darstellung des Veranstalters und die von Jason Stanley lesen sich ja, als handele es sich um zwei verschiedene Veranstaltungen. Bei der dünnen Faktenbasis hätte man sich den Artikel schlicht komplett sparen sollen. Aber gut, wenn irgendwelche Ereignisse nur als Mittel zum Zweck dienen sollen, ist es natürlich egal, wie sie tatsächlich abgelaufen sind.
Ich fühle mich jedenfalls mal wieder darin bestätigt, dass ich meine Interpreation von skeptischer Denkweise weiter fernab jeglicher Vereinchen pflege, ob es nun GWUP oder Skeptix oder was auch immer ist.
Gruß und Over
Michael
22. November 2025 um 03:34
„Audiatur et altera pars möchte man den Verfassern gerne zurufen. Hat es sich denn wirklich so zugetragen, wie Jason Stanley es schildert – und wie dieser Beitrag es kritiklos übernimmt? Skeptisch sein heißt doch zunächst einmal, selbst zu recherchieren. In weniger als zehn Sekunden mit einer einfachen Suche (z. B. bei Ecosia) findet sich eine völlig andere Perspektive: Der Vorsitzende der Frankfurter Jüdischen Gemeinde sagt, Stanley konnte seine Rede vollenden und sei nicht von der Bühne gejagt worden.
Wenn man das weglässt, hat man einem zwischenzeitlich ungeliebten früheren Mitstreiter einfach noch einen „mitgegeben“ – so wirkt das jedenfalls. Dieser Stil ist Skeptikern und einer GWUP meiner Meinung nach nicht würdig. Was soll damit eigentlich bezweckt werden? Einfach mal nachtreten?“
https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/niemand-hat-
22. November 2025 um 08:58
Hallo Michael,
wenn ich mir die Beiträge der Gwup im Blog so anschaue, kann die Themenvielfalt, durchaus mal so einen Beitrag verkraften. Hat mich jetzt inhaltlich zwar auch nicht groß bereichert. Florian Aigner hat aber seinen Austritt selbst öffentlich mit fadenscheinigen Argumenten und Belegen natürlich als Opfer inszeniert. Ferner beziehen sich Dritte weiterhin auf ihn uns seine Austrittsprosa,daher sehe ich schon ein berechtigtes Interesse diese hier und da mal zu kontextualisieren. Ich war nach dem Beitrag vor ein paar Wochen in der TAz auch geschockt, was sich Neolinke und Möchtegern-Progressive so trauen: siehe den Fall mit der israelischen Soziologin Eva Illouz https://taz.de/Ausgeladen-wegen-Unwohlsein/!6122848/
Hier gibt es offensichtlich ein Phänomen, das gern kleingeredet wird. Ja, empirische Studien wären mir lieber. Aber das was Rechte so schön machen, können Neolinke auch, die politischen Gegner mit dem Mikroskop sezieren und im eigenen Lager vieles schönreden.
Mir gefällt die Themenvielfalt hier
22. November 2025 um 11:06
Auch ich finde den Kommentar (ein solcher ist es ja) hier auf der GWUP-Seite unpassend, und ja: Auch ich habe das Gefühl, hier wird eine Ereignis, zu dem es sehr widersprüchliche Aussagen gibt, benutzt, um Florian Aigner zu kritisieren. Es gibt ja gute Gründe, ihn zu kritisieren, aber dann bitte offen und nicht immer wieder, persönliche Animositäten sollten hier nicht im Blog ausgetragen werden. Ich bin überhaupt nicht seiner Meinung, dass es keine Cancel Culture gibt, finde aber dieses Beispiel völlig ungeeignet, weil sich die Darstellungen, was genau da passiert ist, so widersprechen. Die Aussagen von Benjamin Graumann im Interview scheinen mir durchaus glaubwürdig.
22. November 2025 um 13:54
Also, ich fasse mal die Fakten zusammen (soweit ich sie aus den angegebenen Quellen entnehmen kann): Herr Stanley hat da also einen Vortrag gehalten, der bei Teilen des Publikums nicht besonders gut ankam und er hat dafür vor Ort Kritik erhalten. Verschiedene Zeitungen haben diesen Vorfall dann aufgegriffen und der Vortrag wurde dann in einer davon komplett abgedruckt. So weit, so gut, ich sehe nicht, wie hier eine Meinung unterdrückt wurde oder dass Zensur, Gewalt oder gar Berufsverbote für Herrn Stanley im Raum standen.
Denkt denn wirklich jemand, dass man, nur weil man als Vortragender eingeladen wurde, dann automatisch ein Anrecht darauf hätte, kritiklos und so lange wie man möchte seine Meinung sagen zu können, ohne das andere Leute (z.B. solche im Publikum) von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung ebenfalls Gebrauch machen? Man ist schließlich nicht über Kritik erhaben, nur weil man ein Mikro vor der Nase hat.
Auch gibt es etwas, was als Hausrecht bezeichnet wird von dem man als Veranstalter notfalls Gebrauch machen kann, wenn etwas komplett aus dem Ruder läuft.
Also was nun soll nun dieser Artikel von Herrn Schnelle und Herrn Uttenthaler bezwecken? Und was hat das mit den Zielen der GWUP zu tun?
Wie schon von Michael gesagt kann auch ich hier leider primär die Absicht erkennen, Herrn Aigner (um den es natürlich gar nicht geht, dessen Name aber merkwürdigerweise 8-mal im Artikel auftaucht) um jeden Preis -und noch dazu auf ziemlich verschwurbelte Art und Weise- kritisieren zu wollen. Peinlich ist schon das richtige Wort dafür.
22. November 2025 um 19:57
„He said, she said“ Das alles hilft nicht weiter. In der Zeit hat man sich an einer (meines Erachtens) ausgewogenen Analyse versucht.
Schaut man sich diese Rede [Stanleys] im Detail an, wird schnell klar, was offenbar die Empörung auslöste. Natürlich sprach der Faschismus-Experte Stanley über den weltweiten Aufstieg von Autokratien, über die Erosion des Liberalismus und erinnerte daran, dass die Reichspogromnacht nicht nur Juden aus Deutschland vertreiben, sondern auch die Werte von Liberalismus, Humanismus und Kosmopolitismus zerstören sollte. Er stellte in Bezug auf die Gegenwart heraus, dass manche jüdische Intellektuelle einen Staat, der auf „Ethnizität, Rasse oder Religion“ basiert, ablehnen – und dass Kritik am Umgang Israels mit den Palästinensern per se kein Antisemitismus sei. Kurzum: Stanley bediente nahezu alle Talking Points, über die in der deutschen Öffentlichkeit gerade ohnehin heftig gestritten wird.
[…]
Zugleich muss sich aber auch Jason Stanley die Frage gefallen lassen, ob man das Gedenken an den 9. November 1938 gleich als Diskursseminar verstehen muss. Um nicht missverstanden zu werden: Natürlich ist es keine Option, einem geladenen Redner das Wort abzuschneiden, ihn nicht ausreden zu lassen. Dennoch muss es auch Orte der Trauer geben, die nicht gleich immer dem Verdacht ausgesetzt sind, einem bloßen Ritual zu folgen oder gar dem „Katechismus“ (Dirk Moses) der deutschen Erinnerungskultur zu dienen; in Frankfurt am Main ging es zudem explizit um ein Erinnern der Nachkommen der größten Opfergruppe der nationalsozialistischen Terrorherrschaft, der europäischen Jüdinnen und Juden. Es war kein staatlicher Trauerakt.
https://archive.is/iB0fu
23. November 2025 um 12:32
Jetzt mal ganz abgesehen von Stanley, Aigner und sonst irgendwem;
Die Verfassung garantiert die formale Freiheit, nicht vom Staat wegen einer Meinung gemaßregelt zu werden. Doch die kulturelle Freiheit lebt davon, dass Zivilgesellschaft Rede zulässt, Differenz aushält und Widerspruch nicht in Einschüchterung verwandelt. Wo das öffentliche Klima kippt und Vorträge niedergebrüllt oder abgebrochen werden, beginnt eine schleichende Verrohung, die nicht mit dem Hinweis auf die bloße Abwesenheit staatlicher Zensur entschuldigt werden darf. Meinungsfreiheit ist mehr als ein Abwehrrecht – sie ist ein Auftrag zur Kultur der Freiheit.
Das wäre so meine Kurzfassung.
23. November 2025 um 13:24
Das ist ein schlechtes Beispiel für das CC-Phänomen.
Scheint sich um eine copycat zu handeln, inspiriert durch Omri Boehm. Gleiches Muster, gleiche politische Gesinnung, gleiche Agenda, anderer Verlauf.
Meine Kurzrecherche ergab: statt vereinbarter 30 Min Sprechzeit (Limit!) nahm Stanley sich sogar knapp 40 Minuten.
Von Canceln kann somit keine Rede sein. Eher von Ausbuhen durch das Auditorium?
Zum Fall Aigner und dem Gemöppe der „Früher war alles besser wir wollen unsere alte langweilige gwup zurück“-Fans möchte ich anmerken –
Solange Aigner merkwürdige Texte wie „Man darf ja nichts mehr sagen“ in der Öffentlichkeit raushaut und davon lebt, darf auch darauf reagiert werden.
Wem er leid tut, der arme mehrfach gebeutelte Flori, der darf sich trösten, dass auch schlechte Kritiken Kohle in seine Kassen spülen.
23. November 2025 um 13:36
@ RPG
„He said, she said“
Heutzutage geht doch nichts mehr ohne Mitfilmen – sollte ausgerechnet von jener Gedenkveranstaltung keinerlei Mitschnitt oder wenigstens Auszüge eines offiziellen Pressefotografen o.ä. exisiteren?
Vielleicht sollte sich dieser empfindliche Herr Stanley mal auf einen Biologie- oder GC/Feministinnen-Vortrag wagen, um zu erfahren, wie wirkliches Canceln aussieht? Mit den bekannten Folgen, von denen er keine zu befürchten hat?
Die jüdische Gemeinde wird sich wohl kaum wie die Trantifa aufführen.
23. November 2025 um 23:36
Es lohnt sich, die Rede Stanleys in der FAZ zu lesen. Sie war betitelt: „Die Bedeutung der Reichspogromnacht: Damals und heute“.
Es ging also nicht nur um ein Trauern im Gedenken an die Geschichte, sondern explizit auch darum, was die Geschichte für heute bedeutet.
24. November 2025 um 10:45
@zimtspinne
Es gibt auch noch genügend Veranstaltungen, auf welchen mobile Aufnahmegeräte explizit verboten sind, da sie störend gelten bzw. der Würde nicht angemessen sind. Das Gedenken in der Frankfurter Synagoge war wohl ein solcher Fall. Denn ansonsten wären Mitschnitte schon im Netz erschienen, da gebe ich dir Recht.
24. November 2025 um 13:35
@ JK
Korrektur:
Es ging dem links“progressivem“ Faschismusforscher Stanley mit dem dicken Balken im Auge darum, „was die Geschichte für heute bedeutet“ und explizit um queertheoretische ‚Isreaelkritik‘.
Das war keineswegs das Motto der Gedenkveranstaltung, wie man aus Ihrem Kommentar leicht und fälschlich herauslesen könnte.
Wie Boehm vor ihm, kaperte auch Stanley eine jüdische Gedenkfeier, um seine „Israelkritik“ in epischer Breite und Eindimensionalität anzubringen.
Weshalb man die beiden für ihr einseitiges Sendungsbewusstsein und Geschichtsrelativierung bekannten Philosophie-Professoren überhaupt als Gastredner einlud, bzw aus der ersten Erfahrung nicht lernte und den Fehler wiederholte, ist mir rätselhaft.
Wenn Stanley wenigstens konsequent das Heute beleuchtet und sich nicht ausschließlich mit Israelkritik beschäftigt hätte, sondern einen Ausflug von früher brennenden Synagogen zu heute brennenden Israelflaggen und Angriffen auf Synagogen, jüdische Menschen und Störungen von Gedenkfeiern gemacht hätte….
lässt er natürlich bleiben, denn darin kämen reichlich queerlinker und islamischer Antisemitismus (in Taten!) vor.
Evtl fallen für Leute wie Stanley und Boehm aber auch brennende Israelflaggen unter „Israelkritik“.
24. November 2025 um 13:55
Die in der FAZ abgedruckte Rede war übrigens nur Teil seines Vortrages, nicht die vollständige Rede. Die ging wie gesagt laut Vorstand der jüd. Gemeinde FFM Benjamin Graumann 40 Minuten.
Hier stehen Aussagen gegen Aussagen und ich tendiere dazu, nicht Stanleys Darstellung zu glauben, sondern den Aussagen des jüdischen Gemeindevorsitzenden im ausführlichen (späteren) Interview.
Es scheint mir einfach sehr viel konsistenter und glaubwürdiger. Und letztlich werden ja Fakten aufgezählt, die leicht zu widerlegen wären. Anwesend waren schließlich auch Nichtjuden.
Ehrlich gesagt, finde ich die äh Tathergangsbeschreibung von Stanley schon ziemlich dreist. Das ist nicht nur eine subjektiv gefärbte Perspektive, sondern eine Fälschung der Tatsachen und absichtliche Irreführung.
Ich persönlich bin der Meinung, man sollte allgemein und speziell auf Veranstaltungen und in öffentlichen Diskursen andere grundsätzlich ausreden lassen und überhaupt niemanden ausbuhen wie krächzende Sänger in Karaokebars.
Das hätte man allerdings alles vorherahnen & auf so einer wichtigen Gedenkfeier abwenden können. Stanley ist schließlich bekannt für seine Welt- und Nahostsicht.
24. November 2025 um 15:10
@ zimtspinne:
Der Titel der Rede „Die Bedeutung der Reichspogromnacht: Damals und heute“ ist aus der FAZ, nicht von mir. Ob das der vereinbarte Redentitel war oder nicht, weiß ich nicht.
Wo genau zeigt Jason denn „einseitiges Sendungsbewusstsein und Geschichtsrelativierung“? Und wo in seiner Rede kommt „queertheoretische ‚Isreaelkritik‘“ vor, was immer das sein soll?
Aber Sie müssen die Fragen gar nicht beantworten, Ihr ätzender, polemischer Tonfall verdirbt mir jede Lust auf eine Diskussion. Sorry.
24. November 2025 um 17:10
Dann doch noch eine Anmerkung:
„Zum Fall Aigner und dem Gemöppe der „Früher war alles besser wir wollen unsere alte langweilige gwup zurück“-Fans möchte ich anmerken –
Solange Aigner merkwürdige Texte wie „Man darf ja nichts mehr sagen“ in der Öffentlichkeit raushaut und davon lebt, darf auch darauf reagiert werden.“
Natürlich darf und soll es. Ich finde auch etliches, was Herr Aigner so von sich gibt, unerfreulich. Aber davon wird der Artikel, um den es hier geht, nicht weniger peinlich. Denn in dem soll es ja angeblich gar nicht um Aigner gehen. Achje… da hält wohl jemand seine Leser für völlig blöde.
Was „die alte GWUP“ angeht: Der trauere ich nicht im Mindesten nach. Was ich traurig finde, ist, dass die Spaltung nicht an der Trennlinie „Unsympathische eifernde Egomanen“ vs. „Menschen mit wissenschaftlichem Anspruch und prinzipieller Gutwilligkeit“ stattgefunden hat, sondern dass – so sieht es zumindest für mich aus – in *beiden* Gruppen die erstgenannte Sorte „gewonnen“ hat.
24. November 2025 um 17:29
@zimtspinne
Hier stehen Aussagen gegen Aussagen und ich tendiere dazu, nicht Stanleys Darstellung zu glauben, sondern den Aussagen des jüdischen Gemeindevorsitzenden im ausführlichen (späteren) Interview.
Hast du irgendeinen Beweise für deine Behauptungen in Bezug auf Jason Stanley? Wie linksprogressiv oder queertheoretisch? Oder das Graumann die Wahrheit sagt?
Oder kommt dein Bauchgefühl dir in die Quere und verstellt dir einen kritischen Blick? Wäre nicht das 1. Mal.
Wie ich bereits schrieb: „He said, she said“. Wir waren beim Vortrag nicht dabei und sollten uns hüten, ein Urteil zu fällen. Ansonsten stimme ich dem Kommentar aus der Zeit zu. Jason Stanley und die jüdische Geminde sind mit ganz unterschiedlichen Erwartungenen an die Veranstaltung herangegangen. Ein Vorgespräch der Parteien, wo man sich hätte abstimmen können, hat nicht stattgefunden. Ebensowenig ein klärendes Gespräch im Nachgang, was manche Erregung aus der Debatte hätte nehmen können.
Im Spiegel> ist übrigens eine Analyse erschienen, die vielleicht weiteres Licht ins Dunkel bringen könnte, wie es überhaupt zur Eskalation kam. Sie schlägt einen ähnlichen Ton wie die der Zeit an.
Ist das nun ein Eklat? Ist es ein Skandal? Womöglich nur ein schreckliches Missverständnis. Zum Politikum wurde es wohl erst durch die empörten Interviews, die Stanley danach gab – und durch die ausdrückliche Distanzierung der Jüdischen Gemeinde, die tags darauf erfolgte. Die Aussagen ihres Gastes seien nicht nur »zutiefst unwürdig, sondern auch inhaltlich falsch und verletzend« gewesen: »Wir bedauern aufrichtig, Stanley eingeladen zu haben.«
Tatsächlich hätte sich die Gemeinde im Vorfeld mühelos darüber informieren können, was für einen kontroversen und streitbaren Intellektuellen sie sich da ins Haus holt. Und auch Stanley hätte sich vergegenwärtigen können, wohin er eingeladen worden ist. Eine Synagoge in Deutschland am 9. November ist kein Hörsaal in den USA, und die jüdische Gemeinde hierzulande besteht nicht aus »jungen amerikanischen Juden«. Gedenken ist nicht Debatte.
24. November 2025 um 17:57
@ Joseph
Das war die Überschrift im line-up für den Redebeitrag von Jason Stanley.
Ich hatte die Rede nur in Auszügen gesehen und bezog das mehr auf sein Gesamtwirken.
Er schrieb ein oder mehrere Bücher über Faschismus und bleuchtet ausschließlich den Faschismus von rechts; linke Facetten des Faschismus klammert er aus.
Er forscht auch an Antisemitismus und hat in Bezug auf linke uns islamische Facetten des Antisemitismus nicht nur eine kleine Sehbehinderung.
Die Bedrohung kommt für ihn nur und ausschließlich von rechts.
Ich empfehle ihm dann doch, mal mit einer Kippa abends durch Berlin-Neukölln zu laufen und zu gucken, wer die größte Bedrohung ist.
24. November 2025 um 18:14
@ RPG
Du bezichtigst also den Vorstandsvorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Frankfurt der Lügen in seinem Interview?
Ich muss hier einen Fehler einräumen: habe Benjamin Graumann mit Marc Grünbaum verwechselt. Beide sind Vorstandsvorsitzende der JG.
Von Stanley haben wir nur indirekte Aussagen aus mehreren Presseartikeln, die ihn nicht einmal zitieren.
Ungern komme ich mit dieser Quelle um die Ecke ;D, aber es geht ja um das Interview.
https://jungle.world/artikel/2025/47/stanley-relativierte-seiner-rede-die-shoah
Wie du lesen kannst, gab es offenbar auch eine (lose?) Vereinbarung vorab, an die sich Stanley nicht hielt.
Bei aller Voreingenommenheit, die ich gar nicht bestreite, überzeugt mich hier dennoch die Summe der Indizien, die Zweifel an Stanleys Behauptungen aufkommen lassen.
Sollte sich der Vorstand, der immerhin diese Veranstaltung organisierte und abhielt all die Angaben, die er zur Sache macht, nur aus den Fingern saugen?
Glaubst du das wirklich?
Ich habe in letzter Zeit einen Bogen umn sämtliche Quasselmedien gemacht, weiß also nicht, was sich dort evtl für neue Erkenntnisse aufgetan haben.
Vielleicht hatte ja einer ein Zweithandy für heimliche Aufnahmen dabei und hat die dort bereits präsentiert.
24. November 2025 um 18:59
@ zimtspinne:
Jason Stanley muss man gewiss keinen Rat geben, mit der Kippa durch Neukölln zu laufen, um Erfahrungen mit Antisemitismus hierzulande zu machen. Das ist jemandem gegenüber, dessen Vorfahren, sofern sie nicht ermordet wurden, aus Deutschland flüchten mussten und der in seiner Frankfurter Rede kurz auch von eigenen Erfahrungen in Deutschland spricht, ziemlich überheblich.
Ebenso ist der Vorwurf albern, er klammere aus seiner Arbeit Linksfaschismus aus. Im Zentrum seiner Arbeit steht, was unsere Gesellschaften derzeit von innen heraus bedroht, das ist sicher kein „Linksfaschismus“ von wem auch immer. False Balance ist keine gute Forschungsstrategie.
Man kann sich kritisch mit den Thesen Stanleys auseinandersetzen, z.B. ob der Faschismusbegriff mit Blick auf den Rechtspopulismus überhaupt weiterhilft, oder auch, ob er gut beraten war, sich Gessens Ghetto-Vergleich zu eigen zu machen, aber dazu sollte man sich inhaltliche Punkte suchen und nicht nur die Person angreifen. Ad hominem signalisiert meist das Fehlen von Argumenten.
Zur Problematik des Faschismusbegriffs, implizit auch zu manchen Überlegungen Stanleys (sein lesenswertes Buch „Wie Faschismus funktioniert“ kannte ich da noch nicht): https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2022/04/22/facetten-faschistischer-herrschaft/
24. November 2025 um 19:03
Ich möchte daran erinnern, dass eine gute Diskussionskultur davon lebt, dem Anderen möglichst wohlwollend zu begegnen, auch wenn er eine andere Meinung vertritt. Es ist außerdem hilfreich, zumindest in Betracht zu ziehen, den Anderen missverstanden zu haben oder sich selbst unglücklich ausgedrückt zu haben.
Jason Stanley hat in der TAZ (https://taz.de/Streit-um-Gedenken-zum-9-November/!6128718/) ein Interview gegeben, das im Originalbeitrag auch verlinkt ist.
24. November 2025 um 19:37
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.
Einer Lüge können wir Prof. Stanley immerhin schon gesichert überführen.
Stanley im taz Interview:
„“taz: Verstehen Sie die heftige Reaktion auf Ihre Rede?
Stanley: Nein. Ich unterstütze BDS, also die Sanktionsbewegung gegen Israel, nicht.““
—–
„“Prof. Jason Stanley, Jacob Urowsky Professor of Philosophy, Yale University.““
https://bds-kampagne.de/aufruf-an-die-bundesregierung-von-240-juedischen-und-israelischen-wissenschaftlern-setzen-sie-bds-nicht-mit-antisemitismus-gleich/
ps. habe noch nicht raus, wie Zitierfunktion hier geht – html scheint jedenfalls nicht zu funktionieren und Forumsbefehle ebenfalls nicht. Geht das überhaupt in der Kommentarspalte?
24. November 2025 um 21:05
@ zimtspinne:
Ob der verlinkte Aufruf Stanley wirklich „gesichert einer Lüge überführt“? Es heißt dort: „Die Meinungen zu BDS gehen unter den Unterzeichnern dieses Aufrufs erheblich auseinander: Manche mögen BDS unterstützen, während andere es aus verschiedenen Gründen ablehnen.“
Warum gehen Sie eigentlich so sehr die Person Stanley an? Warum schauen Sie nicht, was er inhaltlich in Frankfurt gesagt hat, ob das tragbar ist, was eventuell nicht? Ob man, selbst wenn man manche seiner Äußerungen kritisch sieht, aus anderen trotzdem etwas mitnehmen kann, etwa was sein Engagement für eine universalistische Moral angeht? Das hat übrigens eine Parallele auf der epistemischen Ebene, in der Kritik am postmodernen Relativismus.
Es gibt immer wieder Momente in Konflikten, die zu einem Übergang von der Ebene der Argumente und der Klärung von Sachfragen auf eine persönliche Ebene führen. Was sind das aus Ihrer Sicht in diesem Fall für Momente? Sie werden ja hoffentlich nicht einfach Juden in „gute Juden“ und „schlechte Juden“ einteilen?
25. November 2025 um 15:21
Mal weg vom Fall Stanley: https://x.com/rcbregman/status/1993246411291603301
Interessant wegen des Widerspruchs zwischen Themenstellung und Umgang mit einem Satz über Trump.
26. November 2025 um 09:19
@zimtspinne
Ich bezichtige zudem weder Graumann der Lüge noch Stanley oder Grünbaum. In einer aufgeheizten Atmosphäre, wie sie in Frankfurt ohne Zweifel herrschte, verschwimmen jedoch oft die Wahrnehmungen, so dass manche Vorgänge stärker in der Erinnerung bleiben während andere in den Hintergrund rutschen oder gelöscht werden.
BTW, der Artikel aus jungle world ist kein Beweis, wer nun richtig oder falsch liegt. Marc Grünbaum hat aber eine folgende wichtige Aussage getätigt. Wobei ich mir gar nicht sicher bin, ob er die grundsätzliche Problematik um die Einladung Stanleys erkannt und begriffen hat: [Der Konflikt] steht eher für einen tiefen Riss zwischen der europäischen und der US-amerikanischen jüdischen Community. Die europäischen Jüdinnen und Juden sind maßgeblich geprägt von der eigenen Verfolgungsgeschichte. Mit unterschiedlichen persönlichen Schicksalen sind wir alle Nachkommen von Überlebenden. Für uns hat »Nie wieder« eine andere Konsequenz: Für mich bedeutet es, dass es keine Vernichtung jüdischer Menschen mehr geben darf, weil sie Juden sind. Es bedeutet für mich, dass wir stark und selbstbewusst sein müssen. Das bedeutet auch, sich zu verteidigen und für die eigenen Rechte zu streiten, auch für den Staat Israel. Für Jüdinnen und Juden in den USA bedeutet »Nie wieder« häufig: »Nie wieder Krieg«.
Für Stanley gilt übrigens umgekehrt das gleiche.
26. November 2025 um 17:14
@RPGNo1:
Ich glaube auch, dass unterschiedliche Erfahrungen und unterschiedliche Zugehörigkeiten zumindest einen Teil des Streits samt der Wahrnehmung des „Nie Wieder“ erklären.
Eine wirklich schwierige Diskussion, siehe auch den letzten Teil hier: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2023/11/26/der-krieg-in-nahost-kontextualisierungen-erklaerungen-rechtfertigungen/
Ist zwar schon zwei Jahre alt, aber eine gute Antwort darauf habe ich immer noch nicht.
3. Dezember 2025 um 11:46
Der Philosoph Jason Stanley hatte bei Thilo Jung (Jung & Naiv) nun ausreichend Zeit, sich zu äußern.
Philosoph Jason Stanley über Trump, Faschismus & Propaganda
https://www.youtube.com/watch?v=V65KkQrUeaE
5. Dezember 2025 um 00:00
Jason Stanley hat in einer Frankfurter Synagoge eine Rede gehalten, welche bei großen Teilen des Publikums nicht gut angekommen ist.
Wie kommt jetzt Florian Aigner da rein? War der im Publikum? Einer der Veranstalter? Hat der den… diesen Stanley womöglich gar eingeladen?
5. Dezember 2025 um 14:34
Noch ein Fall als Hilfestellung zur Einordnung: https://www.reporter-ohne-grenzen.de/artikel/pressemitteilungen/4148/einschuchterungsversuche-gegen-sophie-von-der-tann-kolleginnen-zeigen-sich-solidarisch
5. Dezember 2025 um 16:34
@Joseph Kuhn
Ist das tatsächlich eine „Diffamierungskampagne“ oder „Einschüchterungsversuche“ gegenüber Sophie von der Tann, wie es Reporter ohne Grenzen beklagen?
Oder reagieren hier einige Personen stark emotional auf scharfe Kritik (von linker wie konservativer Seite) an der Art und Weise, wie von der Tann die Berichterstattung aus Gaza und Israel handhabt? Der Vorwurf des Haltungsjournalismus steht deutlich im Raum und konnte von ihren Unterstützern bisher nicht widerlegt werden.
Dieses Jahr wird der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für herausragende Leistungen im Fernsehjournalismus an Sophie von der Tann vergeben. Sie ist die ARD Korrespondentin in Tel Aviv. Ihr obliegt die die Berichterstattung über Israel und den Gazakrieg seit dem 7. Oktober. Der Begleittext zur Entscheidung der Jury beschreibt Sophie von der Tann als „cool, aber nicht kalt“. Ich habe sie anders erlebt. Eher umgekehrt, eher kalt, wenn es um ihre Berichterstattung aus Israel geht und gar nicht cool im Umgang mit den vom Massaker des 7. Oktober betroffenen Menschen.
https://www.belltower.news/anetta-kahane-ein-journalismuspreis-und-die-antisemitische-schlagseite-163501/
Daher wollte ich mich nicht zu der Preisverleihung an Sophie von der Tann äußern. Denn aus meiner Sicht ist sie nur ein Rädchen im Getriebe. Eine Journalistin, die alimentiert aus der Sicherheit von Tel Aviv berichtet. Und die sehr offensichtlich eine eigene Perspektive eingenommen hat, wie viele andere Journalisten und Redakteure auch.
Doch dann äußerten sich auch viele jüdische und israelische Stimmen. Was wiederum dazu führte, dass viele deutsche Medien das als „Kampagne“ erkannten und nun eine Gegenkampagne gestartet haben. Und die Preisverleihung verteidigen.
https://steady.page/de/u-m/posts/8f4b2abb-afb8-48ed-9176-3292fcae3a6d
Die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann erhält den Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis. Dabei steht sie stellvertretend für die verzerrte Berichterstattung über den Nahostkonflikt, die uns ARD und ZDF bieten. Die Sender bilden sich darauf sogar etwas ein.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien-und-film/medienpolitik/warum-der-friedrichs-preis-fuer-sophie-von-der-tann-ein-fatales-zeichen-ist-110795170.html
5. Dezember 2025 um 18:48
@ RPGNo1:
Müssten nicht erst einmal ihre Kritiker die Vorwürfe konkretisieren?
Wie soll man sich gegen abstrakte Vorwürfe wie „kalt“ oder „einseitig“ verteidigen? Wie soll man auf „alimentiert aus der Sicherheit von Tel Aviv“ reagieren? Oder sie stehe „stellvertretend für die verzerrte Berichterstattung“ von ARD und ZDF?
Ich finde, da bist du ziemlich einseitig, stellvertretend für die verzerrte Berichterstattung in WELT und NIUS. ;-)
Aber davon mal abgesehen, ich bin ja nicht von der Tanns Anwalt, oder deiner: Ist das jetzt ein Beispiel für eine „Verschärfung des öffentlichen Klimas“, so war der Beitrag hier ja betitelt, oder nicht? Und warum sind die massiven Vorwürfe ihr gegenüber keine „Einschüchterungsversuche“? Zumindest eine „Ermunterung“ ist es ja nicht.
5. Dezember 2025 um 20:46
@Joseph Kuhn
Wenn ich deine Fragen beantworten könnte, hätte ich nicht zuerst meine stellen müssen. :-)
Deswegen wegen habe ich auch den Beitrag des Bloggers U.M. (aka Joey Hoffmann) verlinkt.
6. Dezember 2025 um 09:59
@Joseph Kuhn
Gerade der Beitrag von U.M. zeigt sehr nüchtern und sachlich auf, woran es bei der Berichterstattung zu Israel und Gaza so sehr happert!
„Es ist die Ausnahme, dass ein Journalist etwas wirklich Falsches meldet. Es ist der Kontext, der Rahmen, die Formulierung, um die es hier geht. Denn die sind ganz entscheidend dafür, wie wir eine Information aufnehmen.“
Er beschreibt das anhand von 3 Beispielen. Framing, Priming, Veranwortungsdiffusion.
Letzeres möchte ich gerne zitieren.
„Verantwortungsdiffusion
Das letzte Beispiel, und es gäbe noch einige mehr, ist die Verantwortungsdiffusion.
„Die IDF haben bei einem Luftangriff dutzende palästinensische Zivilisten getötet. Der Krieg wurde ausgelöst, als am 7. Oktober fast 1200 Israelis getötet wurden.“
In diesen Sätzen steckt alles, was Verantwortungsdiffusion ausmacht. Was viele aber sicher nicht bemerken werden.
Im ersten Satz wird sehr deutlich benannt, dass die IDF Palästinenser getötet haben. Er ist aktiv. Die IDF hat das getan. Zudem wird hier der Hinweis verwendet, es seien Zivilisten getötet worden. Was bei den meisten Lesern eine moralische, also emotionale Hürde reißt. Warum die IDF das getan haben, dass sie dort vielleicht – in Übereinstimmung mit den Regeln jedes Krieges – Kombattanten angegriffen hat, wird nicht erklärt.
Der zweite Satz ist passiv. Die Israelis wurden getötet. Von wem, ist nicht klar.
Versuchen wir es nochmal, genau die gleiche Information:
„Dutzende Palästinenser wurden getötet. Die Palästinenser haben den Krieg ausgelöst, als sie am 7. Oktober fast 1200, überwiegend israelische Zivilisten getötet haben.“
Verantwortungsdiffusion ist ein psychologischer Effekt. Eigentlich dient er zum Selbstschutz. Um seine eigene Verantwortung zu minimieren. Das ist jedoch übertragbar.“
Das ist genau das, was mich an der Berichterstattung vieler Medien und im ÖRR, auch bei uns in Österreich so befremdet. Kritik ist deshalb wirklich schwer in Worte zu fassen, weil eben so diffus, so schwammig und meist keine wirklichen Lügen (wie U.M. schreibt), aber eben fast immer mit deutlicher Schlagseite gegen Israel. Ob dieser Art der Berichterstattung preiswürdig ist, naja.
6. Dezember 2025 um 14:33
@RPGNo1
Allein die Frage, ob es das eine oder das andere ist, könnte schon deutlich zu kurz greifen, denn natürlich nutzen gezielte Kampagnen auch das allgemeine Empörungspotential bei Menschen.
Ob man in diesem Fall schon von einer Kampagne gegen von der Tann sprechen kann, will ich mangels tiefergehender Informationen nicht beurteilen. Aber klar ist, dass die Journalistin in einer Weise angegangen wird, die mit Blick auf die Pressefreiheit problematisch ist, da ihr gegenüber, als auch gegenüber der ganzen Branche, Druck ausgeübt wird. Denn sich mit der Berichterstattung dem Vorwurf des Antisemitismus auszusetzen, kann die eigene Karriere beschädigen. Ganz unabhängig, wie man konkret zu dem Fall steht, ist ein solches Klima ein Problem für den Journalismus.
Konkret zum Fall kann ich nicht behaupten, von der Tanns komplette Berichterstattung analysiert zu haben. Was jedoch an Kritik von den Medien transportiert wird, erscheint mir keinen Antisemitismusvorwurf zu rechtfertigen.
So wird der Journalistin unter anderen vorgeworfen, dass sie die historische Verpflichtung Deutschlands thematisiert und dabei nicht nur das Existenzrecht Israels genannt hat, sondern auch Verpflichtungen gegenüber des Menschenrechts und die Frage, ob man Israel mit dieser Regierung uneingeschränkt unterstützen kann. Sollte eine solche Einordnung/Abwägung antisemitisch sein, so muss dies auch für mich und viele andere Menschen gelten, die sich in einer komplexen Situation an demokratischen und humanistischen Grundsätzen orientieren, die in anderen Kontexten nicht nur als demokratisch legitim, sondern als notwendig betrachtet werden.
Ein weiterer Vorwurf lautet, dass sie bezüglich des Terrorakts vom 7. Oktober 2023 auf eine Vorgeschichte hingewiesen hat. Hier wird offensichtlich die unterlassene Formel kritisiert, mit der man erst einmal den Hamas-Terror verurteilt, bevor man ohne Antisemitismusvorwurf Israel kritisieren kann – ähnlich wie es auch beim russischen Angriffskrieg ist, wenn man für Nato-Kritik nicht zum Putin-Knecht erklärt werden will.
Diese verlangte Formelhaftigkeit, die bei Unterlassung Empörungswellen erzeugt, ist nicht nur für den Journalismus problematisch, sondern auch für den demokratischen Diskurs. Mit Blick auf Israel ist dies zudem dahingehend problematisch, dass dies eine einseitige Schlagseite hat, denn wann wurde bei Kritik an den Palästinensern jemals gefordert, vorher bitte auch die Menschenrechtverstöße Israels zu erwähnen?
Und die gab es und sie sind Teil der Vorgeschichte, die von der Tann benennt und deshalb der einseitigen Berichterstattung und des Antisemitismus bezichtigt wird. Ich kann keinen rationalen Grund erkennen, diese ganze Vorgeschichte beim Thema Israel und Palästina nicht mitzudenken, außer eine einseitige Schuld konstruieren zu wollen, die jeweils aktuelle politische und militärische Aktionen rechtfertigen soll. Eine friedliche Lösung, die Humanismus und Menschenrechte berücksichtigt, ist aus meiner Sicht ohne Berücksichtigung der bisherigen Geschichte nur schwer denkbar.
Die von Ihnen verlinkten Artikel zeigen das Problem der „geisterhaften“ Vorwürfe eigentlich ganz gut auf. Frau Kahane steigt sofort auf der Gefühlsebene ein und wirft der Journalistin Kälte vor, ohne zu hinterfragen, ob das womöglich auch nur jene journalistische Distanz ist, die für Berichterstattung über hochemotionale Themen in aller Regel sinnvoll ist.
Der steady.page-Artikel kommt wie das Erzeugnis eines Medienkenners daher, der jeglichen Zweifel an der Richtigkeit der Vorwürfe zur Unwissenheit des medienfernen Publikums erklärt und von der Tann zum Ausdruck eines deutlich größeren Problems:
„Denn aus meiner Sicht ist sie nur ein Rädchen im Getriebe. Eine Journalistin, die alimentiert aus der Sicherheit von Tel Aviv berichtet. […] Das Ganze bleibt irgendwie schwammig. Substanzlos für diejenigen, die sich nicht ständig mit dem Medienzirkus beschäftigen. Die nicht verstehen, was die eigentliche Kritik ist. Die mit den wohlfeilen Worten von Politikern oder anderen Journalisten wenig anfangen können.“
Darüber hinaus spielt von der Tann keine Rolle mehr im Text. Sie ist nur der Aufhänger für das, was der Autor über die Israel-Berichterstattung sagen will.
Die FAZ legt hingegen mit einem BBC-Fehltritt los, aus dem von der Tann doch bitte hätte lernen sollen. Dann wird ihre Berichterstattung ohne jeglichen Beleg als Ergebnis von gezielten Falschmeldungen an Universitäten und wohl auch der Kritischen Kolonialismustheorie dargestellt. Ebenso wird kritisiert, dass sie bei einer „embedded“ Aktion der israelischen Armee von „mutmaßlichen Hamas-Tunneln“ sprach.
Zugegeben, dass die israelische Armee falsche Tunnel gräbt, um Angriffe zu rechtfertigen, halte ich für eher unwahrscheinlich, aber in der gesamten Gemengelage auch nicht für unmöglich. Zudem ist bei „embedded“-Berichterstattung natürlich journalistische Distanz und Vorsicht geboten, da diese in aller Regel mit dem Ziel stattfinden, Berichte in eine gewünschte Richtung zu lenken. Das (allein!) war es dann in der FAZ mit der konkreten Kritik an von der Tann. Der Rest ist allgemeines Klagen über eine angebliche Schieflage bei der Berichterstattung über Israel.
Sofern es da nicht noch deutlich mehr gibt, das bislang nicht thematisiert wurde, erscheint die Journalistin mir bislang eher als Projektionsfläche für eine gewähnte Schieflage. Das ist nicht nur unredlich, sondern beschädigt sowohl den Journalismus als auch das Diskussionsklima rund um dieses hochkomplexe Thema.
6. Dezember 2025 um 16:53
Ach ja, weil ich hier in die – aufgrund des Artikel wohl unvermeidliche – thematische Entgleisung eingestiegen bin, vielleicht noch mal die hier bereits schon aufgeworfene Frage, was genau Florian Aigner überhaupt mit Jason Stanley, Sophie von der Tann oder dem Thema Israel zu tun hat?
Sollte er sich diesbezüglich öffentlich oder zumindest irgendwo intern geäußert haben, so ist und bleibt mir das als externer Leser verborgen und wirkt wie eine bloße Unterstellung, auf der der Autor dann einen Artikel über eine von ihm gewähnte Parallele zur angeblichen „Cancel Cultur“ aufbaut. Was, wenn Aigner diesbezüglich eine ganz andere Einschätzung als die unterstellte trifft? Was, wenn er die Themen nicht so einfach in eine Linie stellen würde, sondern andere Sachverhalte zu erkennen meint?
Nur so als Tipp: Wenn man solch eine Behauptung aufstellen will, empfielt es sich, bei der betreffenden Person nach einen Statement anzufragen und dieses (oder die ausbleibende Reaktion) in den Artikel einzubauen. So wirkt das ebenfalls unredlich und reichlich konstruiert.
6. Dezember 2025 um 19:07
@ Bluesmaker:
Stanley und von der Tann hatte ich hier ins Spiel gebracht, um zu fragen, ob das Fälle einer „Verschärfung des öffentlichen Klimas“ sind.
Kurioserweise hat man sofort erklärt, dass diese Leute ja wirklich ganz unmögliche Sachen von sich gegeben haben (sollen). Richtig konkret hat man gar nichts, da muss dann die semantische Feinwaage wie beim Blogger UM herhalten. Wenn es nicht so kindisch wäre, könnte man sich dessen alte Sachen zu „harm reduction“ mal ansehen und ihn mit ein paar hermeneutischen Klimmzügen zum freundlichen Gesicht der Tabakindustrie machen. Aber wäre das angemessen?
Man hätte einmal innehalten und überlegen können, ob man so nicht gerade die „Verschärfung des öffentlichen Klimas“ praktiziert. Vielleicht hätten Stanley und von der Tann an der einen oder anderen Stelle anders formulieren sollen, mag sein, aber selbst wenn, sind ihre Äußerungen derart untragbar, dass man sie so angehen muss? Wäre weniger „Verschärfung“ und die Klärung ihrer Position nicht möglich und in der Sache auch besser gewesen? Statt sofort von der Sachebene auf die ad hominem-Ebene zu wechseln und sie in die Antisemitismus-Ecke zu schieben? Bei Stanley mit dessen Biografie finde ich das besonders absurd.
Ob es um die Ukraine geht, um Israel oder manch anderes identitätsrelevante Thema: Es kommt offensichtlich sehr schnell zu einem Bekenntniszwang, der die Brücke von der Sache zur Person ist. Ein Psychoanalytiker würde vermutlich von Abwehr eigener Zweifel ausgehen. Aber ich bin kein Psychoanalytiker, soll nur eine kleine Würzung des öffentlichen Klimas sein ;-)
Ansonsten zum Nahostkrieg: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2023/11/26/der-krieg-in-nahost-kontextualisierungen-erklaerungen-rechtfertigungen/
7. Dezember 2025 um 14:07
@Joseph Kuhn
„Stanley und von der Tann hatte ich hier ins Spiel gebracht, um zu fragen, ob das Fälle einer „Verschärfung des öffentlichen Klimas“ sind.“
Meine Frage dazu war falsch gestellt. Denn Sophie von der Tann kam tatsächlich erst in den Kommentaren dazu.
Der Vorfall mit Jason Stanley wird jedoch bereits von den beiden Autoren des GWUP-Artikels als Parallele zum Inhalt von Florian Aigners Streitschrift konstruiert, was sich mir auf mehreren Ebenen nicht so recht erschließt.
Denn hier werden Äpfel mit Birnen verglichen oder vielmehr Lehrveranstaltungen an Universitäten mit einer Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in einer Synagoge.
Da ist die zusätzliche Dimension der historischen deutschen Schuld noch gar nicht von mir gedanklich eingepreist. Nicht nur die macht es meiner Einschätzung nach problemlos möglich, sowohl Aigner (komplett oder auch nur teilweise) zuzustimmen, als auch Stanley zu kritisieren (oder auch zu loben).
Entsprechend erscheint mir der Artikel ziemlich eindimensional, denn er sagt ja quasi: „Sieh her Florian, weil du dort dieses und jenes gesagt hast, musst du im Fall Stanley das jetzt zwangsläufig auch sagen. Sonst haben wir dich überführt!“. Ich bin kein Akademiker oder ausgebildeter Wortakrobat, was vielleicht der Grund ist, warum mir nur das Wort infantil einfällt, um halbwegs angemessen zu beschreiben, wie diese Form der Argumentation auf mich wirkt.
„Vielleicht hätten Stanley und von der Tann an der einen oder anderen Stelle anders formulieren sollen, mag sein, aber selbst wenn, sind ihre Äußerungen derart untragbar, dass man sie so angehen muss?“
Meine Meinung zu von der Tann hatte ich bereits geäußert. Zum Fall Stanley habe ich zu wenig gelesen, um mir eine halbwegs fundierte Meinung zu bilden. Wichtig zu klären wäre dafür erst einmal, wie seine Rede wirklich geendet ist. Auch über die Art und Schärfe der Vorwürfe gegen ihn, weiß ich nur recht wenig.
Was ich darüber hinaus noch dazu sagen kann, ist, dass mir als deutscher Nicht-Jude im Traum nicht einfallen würde, bei einer solchen Gedenkveranstaltung eine Autorin zu zitieren, die Gaza mit dem Warschauer Ghetto gleichsetzt. Umgekehrt kann und will ich einem Juden aber auch nicht vorschreiben, was er bei solchen Veranstaltungen zu sagen hat.
„Man hätte einmal innehalten und überlegen können, ob man so nicht gerade die „Verschärfung des öffentlichen Klimas“ praktiziert. […] Wäre weniger „Verschärfung“ und die Klärung ihrer Position nicht möglich und in der Sache auch besser gewesen?“
Verständigung und Klärung wären aus meiner Sicht natürlich besser gewesen. Aufgrund der Faktoren Mensch, Sprache und Internet bin ich mir jedoch zunehmend unsicher, ob das noch gelingen kann. Wie bewerten Sie in diesem Kontext denn die Wirkung des Artikels, unter dem wir hier kommentieren?
„Ob es um die Ukraine geht, um Israel oder manch anderes identitätsrelevante Thema […]“
Ich führe keine Strichlisten darüber, wer hier im Blog was schreibt, will aber betonen, dass Sie mir bislang weder mit platten Kommentaren noch mit destruktivem Aktivismus in Erinnerung geblieben sind.
Deshalb nehmen Sie es mir bitte nicht allzu übel, sofern ich einfach nur eine eilige oder unbedachte Aussage von Ihnen fälschlicherweise überbewerte.
Aber meinen Sie wirklich, dass es der realen Situation angemessen ist, Themen wie Israel und die Ukraine so deutlich in die Nähe der Identitätspolitik zu rücken?
Sie selbst haben hier Sophie von der Tann angeführt. Die Frau wird unter anderem hart vom israelischen Botschafter angegriffen, der ja nicht gerade im Auftrag irgendwelcher „links-grünen Antifanten“ unterwegs ist. Und die Jüdische Gemeinde zu Frankfurt ist auch keine sozialpädagogische Stuhlkreisgruppe, sondern – soweit ich das beurteilen kann – ziemlich heterogen.
Ja, im weitesten Sinne gibt es – wie bei vielen anderen Themen auch – Schnittmengen und natürlich mischen da auch politischen Interessensgruppen mit, aber sie sind meiner Überzeugung nach nur Teil einer deutlich komplexeren Gesamtsituation. Bei der Ukraine ist mir nicht einmal klar, wo Sie da nennenswerte Bezüge zur Identitätspolitik zu erkennen meinen könnten.
„Ein Psychoanalytiker würde vermutlich von Abwehr eigener Zweifel ausgehen.“
Als jemand, der leidenschaftlich dafür eintritt, alles und jeden total dumm, dämlich oder irre finden zu dürfen, will ich hier nicht das Fass der Pathologisierung aufmachen – wer schauen möchte, wie das ordentlich misslingt, findet dazu hier im Blog ein mehr oder minder Anti-Wokes-Video. ;-)
7. Dezember 2025 um 16:07
Ich finde die Diskussion interessant und lehrreich.
Wir alle, die wir hier kommentieren, sind, soweit ich weiß, journalistische Laien. Egal ob der Fall von der Tann, Stanley oder Julia Ruhs (um einen weiteren Medienaufreger der letzten Monate zu erwähnen), wir tun uns furchtbar schwer mit einer Analyse und sind am Schwimmen. Wir weichen vom Thema ab, suchen Nebenschauolätze und begeben uns komplizierte Seitenpfade.
In einer solchen komplizierten Umgebung sollten besonders Medien und Journalisten die Tatsachen darbieten und versuche, vernünftige Erklärungen abgeben.
ABER (das ist jetzt meine ganz persönliche Einschätzung, wie ich betonen möchte): Sie scheitern in Teilen zunehmend an der Aufgabe. Es wird auf Klickzahlen geschaut, Information und Meinung vermischt, „Haltung“ gezeigt, Trends hinterhergechelt, politische Agenden vorangetrieben, dem Volk nach dem Mund geredet.
Wie man das ändern kann? Ich weiß es nicht. Aber die Journalimusbranche sollte sich neu aufstellen, um Vertrauen zurückzugewinnen.
7. Dezember 2025 um 16:31
@ Bluesmaker:
Ich denke schon, dass bei Themen wie dem Ukrainekrieg, dem Nahostkonflikt, der Genderfrage usw. das eigene Selbstverständnis, die eigene Selbstwahrnehmung, eine wichtige Rolle spielen und dann nicht nur eine konkrete Sachfrage verhandelt wird, sondern eben auch die eigene Identität verteidigt wird.
Man fühlt sich dann schnell angegriffen, das Ablegen von Bekenntnissen wird erwartet, es kommt zum Übergang von der Sachebene auf die ad hominem-Ebene.
Weil Sie speziell das Ukrainethema nennen: Viele Diskussionen dazu enden schnell dabei, dass eine Seite als „Putinknechte“, die andere als „Kriegstreiber“ gilt. Man will selbst auf der „richtigen“ Seite, der moralisch richtigen Seite, stehen, verständlich, aber die Gefahr ist eben groß, dass die Klärung in der Sache damit zuende ist.
Ein anderer Fall, vielleicht mit anderen Aspekten: https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2025/11/22/polarisierung-in-der-wissenschaft-und-darueber-hinaus/
8. Dezember 2025 um 16:31
@Joseph Kuhn
„[…] das eigene Selbstverständnis, die eigene Selbstwahrnehmung, eine wichtige Rolle spielen und dann nicht nur eine konkrete Sachfrage verhandelt wird, sondern eben auch die eigene Identität verteidigt wird.“
Hmm…, sorry, aber das ist mir deutlich zu pauschal und zeigt auch so ein bisschen das Problem auf, das ich zu erkennen meine.
Denn natürlich spielt das, was Sie der Identitätspolitik zuordnen, so ziemlich bei jedem in irgendeiner Form eine Rolle.
Wenn ich hier mal die Berliner Unterschichtsschnautze auspacke, die dort als normal und zur Identität gehört, gäbe es sicherlich Akademiker, die sich daran stören, dass die für sie zur Norm erklärten Sprachcodes und Normen nicht erfüllt werden. Und wenn die GWUP öffentlich in Videos bestimmte Normen zur eigentlichen DNA des Vereins erklärt, ist auch dies nichts anderes als Sinn- und Identitätsstiftung.
Wäre dann nicht die gesamte bürgerliche Mitte (mittlerweile ja gar selbstgewähltes Synonym für die alleinigen Demokraten), aus deren Umfeld viele gesellschaftliche Normen erwachsen sind, die größte und älteste identitätspolitische Bewegung? Und ist der Akademiker-Sprössling, der den beruflichen Spuren der Eltern folgt und öffentlich leidenschaftlich für die Wissenschaftsfreiheit eintritt, identitätspolitischer Aktivist, der hauptsächlich für die eigene Sache streitet?
Oder ist Herr Hegedüs indentitätspolitischer Aktivist, wenn er identitätspolitisch motiviertes Gendern kritisiert und dabei ins Feld führt, dass er kein Muttersprachler ist und das deshalb schwierig findet?
Dieser ja bereits seit längerem durch Diskussionen schwappende Trend, alles mögliche und unmögliche der „Wokeness“ zuzuordnen, scheint mir auch Teile der GWUP erfasst zu haben. Es erinnert mich so ein bisschen an den Kaninchenbau der Verschwörungstheorien, der, je tiefer man kommt, alles irgendwie als Teil der Verschwörung erscheinen lässt.
Florian Aigner argumentiert weitgehen zu Kalibern wie Baghdi & Co. Hier wird mit Stanley geantwortet. Als gäbe es da in der Akteure, Dimension, Thematik und möglichen Motivationen keinerlei Unterschiede. Die Autoren kritisiert letztlich gefühlt, dass gefühlt kritisiert wird.
Zu dieser aus meiner Sicht unsäglichen Neigung, alles immer gerade da einzuordnen, wo es in die eigene Sichtweise zu passen scheint, gesellt sich die Unart, diese mitunter tatsächlichen Probleme derart aufzublasen, dass sie in das künstliche und politisch motivierte Bild eines Kulturkampfes passen. Aus aktivistischen Uni-Gruppen werden Unis oder gar das ganze Universitätswesen, das schrille Aktivismusgeschäftsmodell Einzelner wird ganzen Gruppen zugeschrieben und aus den Gegenbewegungen entwickeln sich wiederum Geschäftsmodelle, die aktivistische Züge haben.
Auf mich, der zur Einzelfallbetrachtung neigt, wirkt das tatsächlich ziemlich befremdlich. Denn selbst der Wechsel der Bezeichnung von „Wokeness“ zur Identitätspolitik macht es doch nicht richtiger, alles, was auch nur entfernt mit Emotionen und Identität zu tun hat, zur Identitätspolitik zu erklären, die ja ebenfalls konnotiert ist und im Allgemeinen den politischen Rändern zugeschrieben wird.
Ich habe nicht die Möglichkeit, alle Kritiker von Stanley (vor allem die Gäste der Veranstaltung) nach ihren Motivationen zu fragen, aber diese pauschal in den „Identitätstopf“ zu werfen, erscheint mir problematisch.
„Weil Sie speziell das Ukrainethema nennen: Viele Diskussionen dazu enden schnell dabei, dass eine Seite als „Putinknechte“, die andere als „Kriegstreiber“ gilt. Man will selbst auf der „richtigen“ Seite, der moralisch richtigen Seite, stehen, verständlich, aber die Gefahr ist eben groß, dass die Klärung in der Sache damit zuende ist.“
Auch an dieser Stelle würde ich nicht mitgehen wollen. Leider finde ich ein Video des Journalisten und Satirikers Friedrich Küppersbusch nicht auf Anhieb, das anhand von Ausschnitten aus zeitnah ausgestrahlten Polit-Talks diese Formelhaftigkeit aufzeigt. Aber das waren alles gängige Formate etablierter Medien und für mich passen die Beteiligten überwiegend eben nicht in das Bild randständiger identitätspolitischer Aktivisten. Die gehören überwiegend zur sogenannten bürgerlichen Mitte.
Kippe ich die auch noch mit in den Topf, bin ich nicht mehr weit davon entfernt, mich von der Neu-Rechten-Strategie mitreißen zu lassen, alles als „links-grün-woken“ Aktivismus zu verbrämen, was nicht dem eigenen Weltbild entspricht.
@ RPGNo1
„Wir alle, die wir hier kommentieren, sind, soweit ich weiß, journalistische Laien.“
Da „Journalist“ keine geschützte Berufsbezeichnung ist, dürfen wir uns leider alle Journalist nennen. Die genau zu definieren ist in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen schwieriger geworden. Soweit ich weiß, rechtfertigt intern (also unter Berufsjournalisten) ein gewisses Einkommen und nicht eine konkrete Ausbildung diese Berufsbezeichnung.
Zwar schätze ich meine Anonymität, will aufgrund einiger meiner Kommentare aber auch mit offenen Karten spielen.
Da ich seit mehr als einen Jahrzehnt als Redakteur in einem kulturellen Nischenbereich arbeite, bin ich nicht gänzlich fachfremd. Allerdings als formal recht bildungsferner Quereinsteiger und im Rahmen eines Minijobs, aber durchaus professionell. Hauptberuflich lasse ich mich hingegen von Mitarbeitern des Jobcenters gängeln und werde in Krisenzeiten auch schon mal als Grund für so ziemlich alle aktuellen Probleme als Sau durchs Dorf getrieben.
Natürlich ist all das Teil meiner Identität, die auch mein Bewusstsein prägt, meine Interessen bestimmt und auch Einfluss darauf nimmt, wie ich wo zu welchen Themen kommentiere. So lange sich das nicht unkontrolliert die Bahn bricht oder den alleinigen Maßstab meines Handeln bestimmt, was punktuell passieren kann, sehe ich das nicht als Problem. Die Frage ist aus meiner Sicht vor allem, ob dann der Schritt zurück gelingt, um den eigenen Fokus über die eigene Person hinaus zu öffnen.
8. Dezember 2025 um 17:05
@RPGNo1
Vielen Dank für Ihre Bescheidenheit und Ehrlichkeit, die ich grundsätzlich teile. Vielleicht steht es um „unsere“ Medienkompetenz besser als wir meinen. Der Verdacht, dass der ÖRR, konkret NDR, etwas linkslastig berichtet, zeugt doch genau von dieser Medienkompetenz. Die Forderung, dass der ÖRR möglichst neutral und objektiv berichten möge, ist doch angesichts des BR, der noch nie ein Sozensender war, scheinheilig. Sind dies nicht eher Ideen, wie sie private Medien, z. B. Focus, fordern?
Bei Friede Springer weiß ich was ich bekomme und so ist es auch beim Spiegel und dem ehemaligen Flaggschiff seriösen Journalismus DER ZEIT.
Aber die Journalimusbranche sollte sich neu aufstellen, um Vertrauen zurückzugewinnen.
Nein. Ich denke, wir alle sind schon groß und können selbst entscheiden, was wir lesen und hören. Unseren Kindern können wir es lehren. Das funktioniert im Übrigen auch bei jenen, die nur die BILD-Zeitung zu Hause lesen.
8. Dezember 2025 um 18:15
@Carsten Ramsel
Ich bin mir nicht sicher, ob Sie damit meinen, dass das alleinige Hinterfragen ein Ausdruck von Medienkompetenz ist oder aber die mögliche, daraus gewonnene Ernenntnis, dass der ÖRR linkslastig berichtet.
Zumindest Letzterem würde ich widersprechen, denn selbst wenn ich moderne liberale bürgerliche Ideen als „typisch“ links betrachten würde, fehlt mir da das Soziale und die Kapitalismuskritik als Kernthemen des klassischen linken Spektrums.
Kapitalismuskritik begegnet mir im ÖRR ziemlich selten. Die Berichterstattung zum Sozialen steht meiner Wahrnehmung nach hingegen oft im Kontext der Sparzwänge und fokussiert sich, wenn nicht gerade auf Klischees, auf das Leid der Betroffenen, nicht auf deren Rechte – wie die Würde, die aus allen möglichen Richtungen mit den Füßen getreten wird.
Bei Sommer-Interview griff der ÖRR z.B. falsche Zahlen aus der BILD auf, mit denen er Merz die Vorlage gab, abermals ungehindert Fehlinformationen zu verbreiten.
Darüber hinaus stimme ich Ihnen aber zu.
8. Dezember 2025 um 22:14
@ Bluesmaker:
Da Sie mehrfach von „identitätspolitisch“ gesprochen haben: Ich habe davon gesprochen, dass man manche Themen mehr mit der eigenen Identität verbindet als andere. Aber vielleicht meinen Sie ja das Gleiche. Ansonsten habe ich zum Thema „Verschärfung des öffentlichen Klimas“ gesagt, was ich dazu beitragen konnte. Eventuell könnte ich noch auf das Buch „Polarisierung“ von Nils Kumkar hinweisen, der sich aus kommunikationstheoretischer Sicht mit dem Thema beschäftigt, falls das jemanden interessiert.
8. Dezember 2025 um 22:55
@Bluesmaker
Zunächst einmal freue ich mich von Ihnen zu lesen, denn Ihre Einwände verlangen von mir nach einer Präzisierung.
Wenn ich von politisch links spreche, würde ich mehrere Dimensionen unterscheiden: Wirtschaftspolitisch haben Sie Recht, Kapitalismuskritik findet sich im ÖRR nicht. In der Sozialpolitik mögen die von Ihnen genannten Beispiele dominieren. Die Berichterstattung ist jedoch deutlich sozialstaatorienter, also linker, als z. B. die Springer-Presse. So gab es in diesem Jahr im Presseclub mehrere Sendungen dazu, wie der Sozialstaat (Rente, KV) finanziert werden solle. Die dritte Dimension sei dann ein politischer Liberalismus vs. Konservatismus oder Autoritarismus. Statements von katholischen Bischöfen in der Frage der Abtreibung etc. finden sich im ÖRR ziemlich selten. Daran ändern auch die sonntäglichen Gottesdienste und das Wort zum Sonntag nichts. Hier würde ich linke/liberale Positionen konstatieren. Die Kritik an der Journalistin von der Tann zeigt allerdings noch eine weitere Dimension. So wird ihre Berichterstattung und Haltung deutlich einem identitätspolitisch linken Milieu oder deren Überzeugungen zugeordnet. Kritische Haltungen gegenüber israelischer Politik von rechts würde anders klingen. Dazu zählt auch eine gendergerechte Sprache oder Statements von „Vertretern“ bestimmter „betroffener“ Gruppen.
Die Medienkompetenz – ein gewisses Bildungsniveau vorausgesetzt – sehe ich nun nicht nur in der kritischen Distanz zu den Berichten und Kommentaren sondern besonders in der Fähigkeit zu differenzieren und bestimmte Aussagen oder Positionen bestimmten politischen Richtungen zuweisen zu können. Dies paart sich mit einer inzwischen wachsenden Skepsis, wenn das Geschrei bei einem bestimmten Thema mal wieder zu groß wird und die Erregung ein angemessenes Maß übersteigt. Dass Rechte wie Linke sich Fakten schön malen und es auch bei größter Sorgfalt zu Fehlinformationen kommt, sei zugestanden. Die Medienkompetenz in Bezug auf Faktentreue ist sicherlich noch zu verbessern.
Mein Vertrauen in den Journalismus wird eher dort erschüttert, wo ich mich auskenne und dann hören oder lesen muss, wie inkompetent einzelne Journalisten sind. Wenn dies für meine Fachgebiete gilt, so muss ich annehmen, dass dies auch für andere Gebiete gilt, bei denen ich mich nicht auskenne.
9. Dezember 2025 um 12:58
Es geht auch anders, ein Abend mit einer Erweiterung der Diskursräume, heute in der Printausgabe der SZ, online leider hinter der Paywall: https://www.sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-rachel-salamander-kammerspiele-diskussion-juden-7-oktober-li.3350678?reduced=true
9. Dezember 2025 um 17:37
@Joseph Kuhn
Ich muss zugeben, dass ich etwas verwirrt bin. Allerdings könnte ich selbst für die Konfusion gesorgt haben.
Denn erst einmal bin ich, losgelöst vom Thema des schon älteren Artikels, auf den Fall Sophie von der Tann eingestiegen. Dann habe ich nicht berücksichtigt, dass ich frisch in eine schon länger laufende Diskussion einsteige und meine Kritik an den Artikel dann in den Austausch mit Ihnen trage. Allein schon strukturell keine argumentative Meisterleistung von mir.
Die Identitätspolitik hatte ich konkret erst einmal nicht genannt, sondern den hier verlinkten FAZ-Artikel kommentiert, der von der Tann in diese Nähe rückt.
Ich wollte lediglich darauf hinweisen, dass es derzeit eine starke Tendenz gibt, die Definition von Identitätspolitik (und der weitgehend gleichbedeutenden „Wokeness“) ordentlich aufzubohren (im Sinne von erweitern) und diese wiederum als eine Art Synonym für ein diffuses Bild von irgendwas mit links und grün zu verwenden.
Da dies zunehmend zu einem Zerrbild wird, wollte ich aufzeigen, dass es durchaus sinnvoll sein kann, eine gewisse Trennschärfe zu wahren. Das war sicherlich etwas oberlehrerhaft, aber aus meiner Sicht auch angemessen und keinesfalls als Vorwurf gemeint.
Darüber hinaus hatten Sie die Identitätspolitik namentlich in unsere Diskussion getragen. Weshalb ich meine Schwierigkeiten mit diesem Themenkomplex zum Ausdruck gebracht habe und durchaus interessiert daran war (und bin), wie Sie Identitätspolitik definieren. Und wo diese und der damit assoziierte Aktivismus für Sie beginnen.
9. Dezember 2025 um 19:45
@Carsten Ramsel
„Zunächst einmal freue ich mich von Ihnen zu lesen, denn Ihre Einwände verlangen von mir nach einer Präzisierung.“
Und ich freue mich über Ihre Präzisierung, die durchaus auch einige Lücken meines etwas kurz geratenen Kommentar füllt und zusätzliche nachdenkenswerte Aspekte einbringt.
Im Prinzip könnte man zu jedem einzelnen Aspekt ein ganz eigenes Thema aufmachen. Ich picke mal einen Teilaspekt heraus, der mir besonders wichtig erscheint, wohl wissend auch damit unweigerlich zu kurz zu greifen.
„Die Medienkompetenz – ein gewisses Bildungsniveau vorausgesetzt – sehe ich […] besonders in der Fähigkeit […] bestimmte Aussagen oder Positionen bestimmten politischen Richtungen zuweisen zu können.“
Das wäre natürlich der Idealfall. Allerdings sind die Grenzen zwischen politischen Positionen seit jeher so fließend, dass genaue Eingrenzungen durchaus schwierig sein können. Dazu kommt, dass sich Akteure und Parteien verändern oder mitunter aus wahltaktischen Gründen grundlegende Positionen wechseln.
Dazu kommen Informationsflut, Aktualitätsdruck, Social-Media-Dynamiken und zunehmend auch gezielte politische Strategien, die perfiden Einfluss auf das Diskussionsklima und die Grenzen des Sagbaren zu nehmen versuchen. Begriffe und Themen werden gekapert und es entstehen teils gegensätzlich anmutende Allianzen, die vor wenigen Jahren nicht einmal denkbar waren.
Von daher denke ich, dass eine solche Positionsbestimmung selbst bei einem gehobenen Bildungsniveau schwierig werden kann. Mitunter lässt sich recht gut ausmachen, wo bestimmte Aussagen ihren historischen politischen Ursprung haben, nicht jedoch zwangsläufig, ob sich der, der sie äußert, auch wirklich darauf bezieht.
Ist der trendige X-Kommentar zum Brain Drain, der geliked werden will, die Kapitalismuskritik eines Alt-Linken oder doch eher die eines Neu-Rechten, dessen Interesse am Thema sich allein daran festmacht, Gründe gegen Einwanderung zu finden?
Auch wenn ich bei den traditionellen Medien durchaus Verbesserungsbedarf sehe, habe ich keine auch nur halbwegs solide Idee, wie sich das Problem im Bereich Social Media lösen oder zumindest abmildern ließe. Der Rechercheaufwand, um hinter die Kulissen zu blicken, ist oft unverhältnismäßig groß und wie geht man damit um, wenn sich der Verdacht erhärtet, dass ein reales Problem oberflächlich instrumentalisiert wird? Oder einfach nur, dass die Person, die da scheinbar neutral etwas Reales anspricht, Aktivitäten pflegt, die nahelegen, dass sie damit eine unlautere Strategie verfolgt?
Da stößt man dann an Grenzen, die auch innerhalb der GWUP verhandelt werden. Wird das Argument durch die Person oder deren mutmaßliche Intention zwangsläufig entwertet? Ist der Blick auf die Aktivitäten, Kontakte und Likes der Person bereits das Suchen nach möglicher „Kontaktschuld“? Soll man diesen Menschen, statt sie mehr oder minder zu verspotten und zu ächten, lieber in Diskussionen argumentativ stellen oder sie vielleicht auch einfach nur offen und ohne Vorbehalte einbinden?
Ich sehe zu viele, teils gegensätzliche Aspekte, um mich da final festzulegen.
Klar ist für mich nur, dass genau da, wo Demokratiefeindlichkeit und extreme Menschenfeindlichkeit (also nicht nur grantelnde Misanthropie) beginnen, klare Grenzen gezogen werden sollten. Aber selbst bei der Frage, wo diese Grenze beginnen sollte, dürfte es in diesem Klima schwer sein, einen halbwegs stabilen gesellschaftlichen Konsens zu finden.
„Mein Vertrauen in den Journalismus wird eher dort erschüttert, wo ich mich auskenne und dann hören oder lesen muss, wie inkompetent einzelne Journalisten sind. Wenn dies für meine Fachgebiete gilt, so muss ich annehmen, dass dies auch für andere Gebiete gilt, bei denen ich mich nicht auskenne.“
Auch wenn mir die Ernsthaftigkeit Ihrer Worte bewusst ist, muss ich gestehen, dass mich diese zum Lachen gebracht haben. Da ich mich als halbprofessioneller Schreiberling überwiegend mit Themen befasse, bei denen Fehler in aller Regel ärgerlich und/oder peinlich, aber nicht tiefgreifend problematisch sind, wollte ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Aber damit sprechen Sie mir durchaus aus der Seele!
Wenn es bei mir denn mal in Bereiche geht, die auch von größeren Medien thematisiert werden, kommt es erstaunlich oft vor, dass ich auf Mängel stoße. Am häufigsten bemerke ich, dass selbst Pressemitteilungen aus offensichtlich interessengesteuerten Quellen ohne Nachrecherche übernommen werden. Auch werden beim gegenseitigen Abschreiben immer mal wieder Fehler, Unschärfen und Falschbehauptungen reproduziert. Dazu kommen offensichtliche Vermischungen von Werbung und redaktionellen Inhalten und andere Interessenskonflikte.
Das finde ich aus gesellschaftlichen und journalistischen Gründen heraus problematisch und ärgerlich. Zudem wurmt mich ganz persönlich, dass integres und sorgfältiges Arbeiten am Ende deutlich schlechter entlohnt wird und (zumindest in Nischenbereichen) entlohnt werden kann, als einfach nur Meinungen und Meldungen ohne großen Arbeitsaufwand in die Medienwelt hinaus zu schreien.
Aber auch das wäre in seiner komplexen Dimension ein ganz eigenes Thema wert…
In diesem Sinne: Gern bald mal wieder!
9. Dezember 2025 um 20:12
@Bluesmaker
Deswegen sind für mich SocialMedia-Beiträge (X, TikTok) keine seriösen Quellen, aber das löst selbstverständlich nicht die Probleme, die Sie beschreiben. Falls Sie Ihre (vielleicht auch letztlich nicht abgeschlossenen) Ideen zur Diskussion stellen möchten, der GWUP-Blog freut sich über interessante Gastbeiträge.
9. Dezember 2025 um 23:25
@ Bluesmaker:
„Ich muss zugeben, dass ich etwas verwirrt bin.“
Zu sehen, dass man verwirrt ist, kann ein Zustand hochgradiger Selbstreflexion sein. Ich bemühe mich – zumindest manchmal – redlich darum. Außer wenn ich eindeutig Recht habe ;-)
„Darüber hinaus hatten Sie die Identitätspolitik namentlich in unsere Diskussion getragen. “
Bin etwas verwirrt. Wo?
„wie Sie Identitätspolitik definieren“
Schwierig. Am liebsten gar nicht. Vielleicht indirekt:
https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2023/06/21/radikaler-universalismus-eine-rezension-in-sieben-zeilen/
https://scienceblogs.de/gesundheits-check/2024/09/09/after-woke-eine-rezension-in-sieben-zeilen/