In den vergangenen Tagen sind im Humanistischen Pressedienst (hpd) zwei Beiträge von GWUP-Mitgliedern erschienen, die sich mit kontroversen Themen befassen:
Wer ist hier blind?
Die „Rituelle Gewalt / Mind Control“-Verschwörungstheorie
vom 05.11.2025
Alexander Wolber, Neurowissenschaftler und Referent auf der SkepKon 2025 hat sich in einem hpd-Artikel ausführlich mit einem Dokumentarfilm auseinandergesetzt:
Der Dokumentarfilm von Liz Wieskerstrauch mit dem Titel „Blinder Fleck“ läuft derzeit in deutschen Kinos und beschäftigt sich mit „ritueller Gewalt“ an Kindern. Während der Film emotional mitreißt und sich gut in Szene setzen kann, krankt er an anderen Stellen. Er entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als Vehikel der „Rituellen Gewalt / Mind Control“-Verschwörungstheorie.
Im Mittelpunkt der Doku stehen Leute, die angeben, in ihrer Kindheit Opfer rituellen Missbrauchs geworden zu sein:
Gemeinsam ist ihnen, dass sie alle im frühen Kindesalter von geheimen Zirkeln oder satanischen Sekten entführt und in rituellen Zeremonien mehrfach vergewaltigt und gefoltert worden sein sollen. Man habe zudem versucht, gezielt ihre Persönlichkeit aufzuspalten, sie zu „konditionieren“ oder zu „trainieren“, sodass die unterschiedlichen Persönlichkeiten später einmal für die Täter verschiedene „Aufgaben“ erfüllen könnten. Bei einigen sei das von Erfolg gekrönt gewesen, da sie nun unter einer „dissoziativen Identitätsstörung“ (DIS) litten und mehrere „eigenständige“ Persönlichkeiten hätten.
Alexander Wolber kritisiert die einseitige Aufmachung des Films:
Der Film sucht keine differenzierte Auseinandersetzung mit „ritueller Gewalt“; er berichtet über die Perspektive der Betroffenen und versucht, das durch „Experten“ zu validieren, die diesem Glauben ebenfalls anhängen. Und dann gibt es da noch die Quotenkritiker – der kleine Lichtblick der Scharade, die sich Dokumentation nennt. Der ernüchternden Erkenntnis der Juristin und des Fallanalytikers, dass sämtliche Bemühungen, Tätergruppen zu ermitteln, über Jahre hinweg versandeten, wurde nicht weiter nachgegangen. Dabei hätte es sich genau an dieser Stelle angeboten, über „Verschwörungstheorie“, „satanic panic“, oder „Rituelle Gewalt / Mind Control“ (RG-MC) zu sprechen. Diese Worte fielen allerdings nicht ein einziges Mal. Zu Kritikern der rituellen Gewalt wurde stattdessen verallgemeinert, dass diese die Existenz von DIS leugneten. Damit war das Thema auch schon erledigt. Echte Kritiker der Verschwörungserzählung sucht man in der Doku vergebens.
In einer anschließenden Diskussion nach der Kinovorführung konfrontierte Alexander Wolber die Regisseurin Liz Wieskerstrauch direkt mit seiner Kritik:
Zudem wies ich Liz Wieskerstrauch darauf hin, dass der Film eben nicht, wie von ihr behauptet, ausgewogen und kritisch gedreht worden sei und dass es bereits Fälle gibt, in denen Patienten aufgrund des RG-MC-Verschwörungsmythos geschädigt wurden.
Die Regisseurin geriet daraufhin in deutliche Erklärungsnöte und lenkte in weitschweifigen Reden vom Thema ab und versuchte, sich selbst in einem positiven Licht darzustellen. Es gehe ihr darum, den Opfern zu helfen und nicht zu bewerten, entgegnete sie. Sie wolle den schwer traumatisierten Menschen Glauben schenken und ihnen eine Stimme geben – eine häufig entgegnete Antwort, die impliziert, dass Kritiker der RG-MC nicht am Leid der Betroffenen interessiert seien. Zudem sei die Geschichte mit der Mutter und der Tochter ein „fiktiver Fall“, der so nicht existiere und aus mehreren Betroffenenberichten konstruiert sei, der dann von einer Schauspielerin gespielt worden sei. Kurz darauf meldete sich ein junger Mann aus der ersten Reihe und stellte eine Frage, die, wie ich fand, genau ins Schwarze traf: „Wenn der Fall nur konstruiert und von einer Schauspielerin gespielt worden ist, dann ist das doch keine Dokumentation, oder?“ Das war mein Moment der Zufriedenheit.
Zum Volltext.
Raum für Argumente: Warum Hochschulen standhalten sollten
Erfahrungen mit einem Gastvortrag an einer deutschen Universität
vom 31.10.2025
Queer-Nations-Redakteur und GWUP-Mitglied Till Randolf Amelung hat vergangene Woche auf unserer Website sowie im hpd zu einem Vorfall an einer deutschen Universität berichtet, den er selbst erlebt hat. Er schreibt:
Am vergangenen Dienstag war ich eingeladen, einen Vortrag mit dem Titel „Transgender Wars – Why Became Biological Facts a Controversy?“ („Transgender-Kriege – Warum wurden biologische Fakten zu einer Kontroverse?“) im Rahmen eines Seminars an der Leuphana-Universität in Lüneburg zu halten. Der Vortrag wurde für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht, weil mein Thema von breiterem Interesse sein könnte. Inhaltlich sollte es um die Konflikte gehen, die sich im Kern auf politisch motivierte Veränderungen der Definition von biologischem Geschlecht zurückführen lassen.
Es deutete sich an, dass der Auftritt nicht ohne Zwischenfälle verlaufen würde, denn es
wurde auch dieses Mal im Vorfeld versucht, Druck auszuüben, damit mein Vortrag nicht stattfindet.
Dies erfolgte über entsprechende Instagram-Beiträge von Aktivisten-Gruppen, die vor der Veranstaltung mit Till warnten.
Als es losging, bestätigte sich die anfängliche Befürchtung:
Eine Gruppe von Personen machte den Eindruck, dass sie nicht in konstruktiver Absicht gekommen war. Es wurden Flugblätter mit den Diffamierungen verteilt, die von den Instagram-Beiträgen übernommen waren, ein Banner entrollt und Schilder hochgehalten.
Die Störergruppe ließ auch im Verlauf des Vortrags nicht locker:
Immer wieder wurde der Vortrag mit verächtlichen Zwischenrufen und Gelächter gestört. Mein Gastgeber versuchte regelmäßig auf die Störer einzuwirken, um mich meinen Vortrag zu Ende halten zu lassen, so dass es am Ende noch zu einem sachlichen Austausch kommen könnte. Manchmal sprangen einzelne Personen aus dieser Gruppe auf und riefen zum Beispiel: „Du gehörst nicht zu uns!“ Es wurde jede Gelegenheit genutzt, sich erregt zu zeigen und zu empören. Vor allem, wenn Zitate von missliebigen Personen wie J. K. Rowling oder sogar Claire Ainsworth gezeigt wurden. Dabei war mein Vortrag so konstruiert, konträre Positionen auch mit Zitaten zu belegen – wie es im wissenschaftlichen Rahmen üblich sein sollte.
Von echter Gesprächsbereitschaft war kaum etwas zu spüren:
Aus der Gruppe der Protestierenden wiederum blieb eine Handvoll zurück und lediglich eine Person aus dieser Gruppe war bereit, sachlich, konstruktiv und höflich mit mir über ihre Kritik zu sprechen. Die meisten der anderen blieben im Modus der Feindseligkeit und es wurde mir wiederholt vorgeworfen, ich würde Menschenrechte zur Debatte stellen. Ein Vorwurf, der an Absurdität nicht zu überbieten ist.
Till ergänzt einen Appell, der über diesen Vorfall hinausgeht:
Auch wenn die Veranstaltung unter stark erschwerten Bedingungen stattgefunden hat, bin ich froh, dass die Uni daran festgehalten hat und sie durchgezogen wurde – und damit dem Geist einer Universität als Ort für wissenschaftliche Debatten zumindest von der Intention her gerecht geworden ist. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Hochschulen hier Rückgrat zeigen und den Forderungen von kleineren Gruppierungen innerhalb der Universität nicht so oft stattgegeben würden, denn dadurch bekommen sie einen Einfluss, der häufig zu Lasten von anderen Studierenden geht. Auch würde ich mir wünschen, dass eine Universität, wenn es zu solchem Verhalten kommt, deutlich macht, dass so etwas an einer Universität nichts verloren hat.
Hier zum Volltext.
Zum Thema:
- Artikel: Ein neuer Ort für Aufklärung und Austausch: Das Humanistische Bildungs- und Begegnungszentrum Konstanz, GWUP-Blog vom 19.04.2025
- Artikel: Ein Teufelskreis, in dem Fakten geschaffen werden: Teil vier von „Geteiltes Leid“ über satanistisch-rituelle Gewalt und Mind Control, GWUP-Blog vom 06.12.2024
- Artikel: Till Randolf Amelung: Kritische Fachtagung wird von Aktivisten als Junk-Science und Pseudo-Wissenschaft diffamiert, GWUP-Blog vom 16.08.2025
- Artikel: Till Randolf Amelung und Andreas Edmüller: Der Trans-Komplex, GWUP-Blog vom 11.02.2025
Hinweis:
- Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org.
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