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Nach der GWUP-Mitgliederversammlung: „Freie Debatte statt Vereinsmeinung“ – Interview im hpd

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Die diesjährige GWUP-Mitgliederversammlung fand erstmals online statt. Einer der Punkte auf der Tagesordnung war ein Antrag des Vorsitzenden André Sebastiani mit dem Titel „Ablehnung von Vereinsmeinungen“, der von den Teilnehmern mit deutlicher Mehrheit angenommen wurde.

Im hpd ist dazu gestern ein Interview erschienen, in dem André Sebastiani und Nikil Mukerji über die Hintergründe und Motive dieses Antrags sprechen.

Erstmals seit der Richtungswahl 2024 gab es bei der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) eine Mitgliederversammlung. Diesmal fand sie online statt. Die Wissenschaftsorganisation stellt sich neu auf: freie Debatte statt Lagerdenken, gute Gesprächskultur als Leitmotiv. Im Gespräch mit dem Koordinator des Wissenschaftlichen Zentrums Felix Pfannstiel ziehen der Vorsitzende André Sebastiani und der wissenschaftliche Leiter Nikil Mukerji Bilanz. Und sie diskutieren einen wegweisenden Beschluss der Mitgliederversammlung, der die künftige Linie der GWUP prägen und die Organisation wieder zurück zu ihren Ursprüngen führen soll.

André fasst zusammen, wo die GWUP etwa 1,5 Jahre nach der Vorstandswahl steht:

Ich habe über die wichtigsten Meilensteine gesprochen, zum Beispiel über die größte „SkepKon“ in der GWUP-Geschichte, die im Mai stattfand, und über wichtige Wegmarken wie den Prognosencheck 2024, den wir deutlich verbessert haben und der ein enormes Medienecho erzeugt hat. Besonders wichtig war es mir aber, unsere strategische Neuausrichtung im Detail zu besprechen, weil sich daraus ableiten lässt, wie wir in der GWUP zusammenarbeiten. Eines der Kernelemente ist unser Werte-Statement, das Offenheit und den respektvollen Dialog über Meinungsverschiedenheiten als Grundwert benennt.

Aus diesem Wertgrundsatz folgt:

Heute gilt: Alle skeptischen Themen sind diskutierbar. Wissenschaftlich ernstzunehmende Kontroversen sind explizit erwünscht. Daher auch unser SkepKon-Motto: „Fakten – Mythen – Kontroversen“. Und: Man kann auch Dinge sagen, die andere Mitglieder für kompletten Unsinn halten. Sachliche Kritik ist immer zulässig und sogar eingeladen. Aber Angriffe auf die Person sind tabu. Wir sind also ein „Safe Space“ im besten Sinne – nämlich für Personen. Dagegen sind wir ein „Unsafe Space“ für irrationale Ideen. Zuvor war es teilweise leider genau umgekehrt.

Auf dieser Grundlage erklärt André seinen Antrag:

Im Kern lautete er: Die GWUP hat keine Vereinsmeinungen – weder in sachlichen, moralischen noch in weltanschaulichen Fragen. Dieser Antrag wurde mit großer Mehrheit angenommen.

Der Unterschied für unsere Arbeitsweise ist minimal. In der GWUP ging es immer darum, Argumente auszutauschen – untereinander und mit der Öffentlichkeit. Das machen wir natürlich immer noch – herzlich im Ton, aber in der Sache unnachgiebig, wenn unsere Argumente nicht widerlegt werden. Allerdings ist jedes Mitglied nur für eigene Äußerungen verantwortlich. Was einer sagt, kann ein anderer bestreiten – und das ist auch gut so! Wir wollen einander nur mit guten Argumenten zum Umdenken zwingen und nicht durch den sozialen Druck, der von einer verbindlichen Vereinsmeinung ausgeht.

Nikil erklärt das Problem des Konzepts Vereinsmeinung:

Die Idee ist also: Eine Person legt fest, was wahr ist. Andere müssen folgen. Keine Diskussion! Das wäre nicht einmal für einen Kindergarten ein gutes Modell. Diese Form von Meinungsautoritarismus ist mit dem wissenschaftlichen Skeptizismus unvereinbar. Wir wollen Menschen für das kritische Denken gewinnen und sie ermutigen, ihr Urteil zu schärfen, indem sie Argumente prüfen und Fehler revidieren. Dann müssen wir sie aber auch genau das tun lassen.

Damit kehrt die GWUP zu ihrem ursprünglichen Kurs zurück, wie Nikil ausführt:

Das ist der klassische Kurs, den auch die Gründer des „neuen Skeptizismus“ favorisiert haben. Ein Text von Douglas Hofstadter, den Amardeo Sarma als den „Urknall der skeptischen Bewegung“ bezeichnet hat, stellt klar: Skeptiker können in schwierigen Fragen zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen. Von oben eine Meinung verbindlich festzulegen, ist keine rationale Lösung. Und sie funktioniert auch nicht.

Nikil skizziert, was eine Skeptikerorganisation vermeiden sollte:

Wer nachhaltig effektiv für seine Sichtweisen werben und nicht nur Applaus von der eigenen Seite erhalten will, sollte nicht versuchen, Gegenargumente zu zensieren und Andersdenkende auszuschließen. Wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass andere Meinungen nicht sachlich widerlegt, sondern gecancelt werden, verlassen sie frustriert den Mainstream und nehmen mitunter völlig irrationale Auffassungen an – das exakte Gegenteil von dem, was wir erreichen wollen.

Zum Volltext.

Zum Thema:

  • Artikel: So viel SkepKon wie nie zuvor. Die SkepKon – Jahreskonferenz der GWUP – 2025 in Regensburg, Inge Hüsgen für den hpd am 11.06.2025

Hinweis:

  • Falls ihr Ideen, Anregungen oder Empfehlungen habt bzw. selbst ein Gastkapitel für den GWUP-Blog schreiben möchtet, kontaktiert uns unter: blog@gwup.org.
  • Wenn ihr noch nicht im Skeptischen Netzwerk angemeldet seid, möchten wir euch herzlich dazu einladen. Dort finden GWUP-Mitglieder und Interessierte eine Plattform für Diskussionen und Austausch rund um skeptische Themen:

6 Kommentare

  1. Als GWUP-Mitglied begrüße ich diesen Schritt ausdrücklich.
    Wissenschaft lebt von offener Debatte, nicht von Dogmen oder „offiziellen Wahrheiten“. Wenn ein Verein eine feste Meinung zu komplexen Themen vorgibt, besteht die Gefahr, dass kritische Fragen unterdrückt werden – und genau das widerspricht dem wissenschaftlichen Prinzip der Falsifizierbarkeit.
    Die neue Linie „keine Vereinsmeinung“ bedeutet:

    Argumente zählen, nicht Autoritäten.

    Hypothesen dürfen hinterfragt werden, auch wenn sie populär sind.
    Pluralität fördert Erkenntnis, weil unterschiedliche Perspektiven blinde Flecken sichtbar machen.

    Das ist nicht Beliebigkeit, sondern methodische Redlichkeit: Wir orientieren uns an Evidenz, nicht an Mehrheitsbeschlüssen oder dem Zeitgeist. Wissenschaft ist kein Konsens-Club, sondern ein Prozess, der durch Kritik besser wird.

    Ich finde: Mit dieser Entscheidung setzt die GWUP ein starkes Zeichen für intellektuelle Freiheit und wissenschaftliche Integrität. Nein das ist kein Freibrief für Schwurbelei

  2. Die Funktion der GWUP verstehe ich dann so, natürlich bekommt man einen Experten genannt oder vier Skeptikerartikel in die Hand gedrückt, wenn man eine Frage hat. Aber kein „ die GWUP sagt“ sondern „x von der GWUP sagt“. Das würde dann bei einer oberflächlichen Betrachtung, vermutlich als die Meinung der GWUP wahrgenommen werden, aber damit muss man leben. Finde ich grundsätzlich gut. Ort für Fakten und Debatten, kein Verkünden von Vereinsmeinung

  3. Der GWUP wird jetzt vorgeworfen, dass nun Meinungen und Argumente, vor allem Argumente, wichtiger sind als Fakten. Das halte ich für ausgemachten Unfug, aber wie entgegnet man diesem Vorwurf? Sind Argumente mit Evidenz und Fakten hinterlegt nicht auch die besseren Argumente??

  4. >> „… aber wie entgegnet man diesem Vorwurf?“

    Damit, dass das Gegenüber aufhören soll, Strohmänner abzufackeln.

    Wer hat diesen Unsinn denn behauptet?

  5. Fakten machen nur einen winzigen Teil unseres Erlebens und unserer Kommunikation aus. Die Gallup World Poll erfasst beispielsweise keine Fakten, es sei denn man ernennt die erfassten Daten zu Fakten. Diese Daten sind abhängig vom Fragenkatalog.

  6. Wie so oft, wird auf Facebook, Bluesky oder Twitter/x die schlimmstmögliche Interpretation hinausposaunt. Auf Facebook etwa, ob wir bald auch die Rassentheorie oder Rassismus diskutiert wird. In der erweiterten Skeptikerbubble tummeln sich einige, deren Argumentationsniveau sich nicht wesentlich von Esoterikern unterscheiden, nur die Themen sind andere. Es gibt noch viel für die Aufklärungszene zu tun, ich bin stolz, dass die GWUP sich von der Empörungsindustrie in den sozialen Medien nicht einschüchtern lässt. Weiter so

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