Eine neue Akupunktur-Studie hat es auf Medscape geschafft mit dem Hinweis, sie liefere
robuste Daten.
Das weckt natürlich die Neugier von Udo Endruscheit, der diese Studie auf seinem Blog analysiert.
Schon das Studiendesign wirft Fragen auf:
Die Studie ist randomisiert, aber nicht verblindet. Und zwar nicht nur formal, sondern strukturell. Es gibt keine Sham-Akupunkturgruppe, damit keine Placebo-Kontrolle, keine Möglichkeit, zwischen spezifischer und unspezifischer Wirkung zu unterscheiden.
Die Patienten wussten, dass sie Akupunktur erhalten. Die Therapeuten wussten es ebenfalls. Damit ist der Placeboeffekt nicht nur wahrscheinlich — er ist methodisch eingebaut. Eine solche Studie misst nicht die Wirksamkeit der Nadeln, sondern die Wirkung des Rituals. Und das ist kein Beleg für medizinische Relevanz, sondern für methodische Beliebigkeit.
An dieser Stelle erwähnt Udo bereits:
Wer eine solche Studie als „Evidenz“ präsentiert, hat den Begriff nicht verstanden. Unverblindet heißt: unverwertbar. Und den Fachartikel zur Studie so zu betiteln, diese liefere „robuste Daten“ zur Wirksamkeit der Akupunktur bei älteren Menschen, das lässt mich ein wenig verzweifeln.
Trotzdem geht er den Fachartikel weiter durch:
Die Studienteilnehmer wurden in drei Gruppen aufgeteilt: SA (Standardakupunktur), EA (erweiterte Akupunktur, zusätzliche Sitzungen) und UMC (Usual Medical Care, normale medizinische Versorgung). Wie letztere aussah und ob sie sich an den verschiedenen Orten, in denen die Patienten versorgt wurden, unterschied – kein Wort. Was – müssen wir es ausdrücklich erwähnen? – der Verwertbarkeit der UMC-Gruppe für Vergleichszwecke gleich noch mal einen Tritt vors Knie verpasst.
Einen Confounder hebt Udo besonders hervor:
Ein Punkt, der in der Studienkritik viel zu selten benannt wird, ist die psychosoziale Dynamik zwischen Patient und Behandler. Gerade ältere Menschen bringen oft eine tief verankerte Höflichkeit, Dankbarkeit und das Bedürfnis mit, „nicht zur Last zu fallen“ oder „dem Arzt etwas Gutes zurückzugeben“. Die Patienten neigen dazu, ihre Beschwerden milder darzustellen, wenn sie sich gut betreut fühlen. Sie berichten Verbesserungen, die nicht unbedingt mit einer tatsächlichen Veränderung korrelieren: der Consultation bias. Und dies kann in einem Design wie diesem nicht unberücksichtigt bleiben.
Nach weiteren Kritikpunkten schließt er mit dem Fazit:
Was hier als „klinisch bedeutsam“ etikettiert wird, ist ein Placeboeffekt im Gewand der Evidenz — flankiert von einem politischen Ziel. Die Studie misst nicht die Wirksamkeit von Akupunktur, sondern die Wirkung eines gut choreografierten Settings mit PR-Ambitionen.
Das ist keine Wissenschaft, das ist Strategie. Und es zeigt einmal mehr:
Wer Akupunktur als evidenzbasierte Medizin verkaufen will, muss tief in die Trickkiste greifen.
Hier zur kompletten Analyse.
Zum Thema:
- Artikel: „Falsche Hoffnungen bei Ärzten und Patientinnen“: BMJ zieht Akupunktur-Studie zurück, GWUP-Blog vom 13.06.2024
- Artikel: Neues MEGA-Video: Martin Moder über die Akupunktur, GWUP-Blog vom 03.02.2024
- Artikel: Edzard Ernst: „Ich persönlich würde mit keinem Leiden einen Akupunkteur konsultieren“, GWUP-Blog vom 14.09.2022
- Artikel: „Die Akte Akupunktur“ bei den Science Cops, GWUP-Blog vom 23.05.2022
- Artikel: Akupunktur – mal wieder eine Selbstdemontage, Udo Endruscheit (Science and Sense) vom 17.04.2020
- Artikel: Akupunktur – die Story (III), Susannchen braucht keine Globuli vom 16. Dezember 2017
- Artikel: Akupunktur – die Story (II), Susannchen braucht keine Globuli vom 13. Dezember 2017
- Artikel: Akupunktur – die Story (I), Susannchen braucht keine Globuli vom 13. Dezember 2017
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