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Gastbeitrag: Der mögliche Einfluss des Mondes auf die menschliche Biologie und astrophysikalische Argumente dagegen

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ein Gastbeitrag von Stefan Uttenthaler

Too long, didn’t read: Wer die Geduld hat, meiner Stimme zuzuhören, kann sich mein ab der Zwischenüberschrift „Das Mondlicht“ zusammengefasstes Impulsreferat auf YouTube anhören.

Am 2. September 2025 ereignete sich eine seltene Konstellation: Mehrere internationale Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, die sich mit dem (möglichen) Einfluss des Mondes auf den Menschen beschäftigen, sind im Veranstaltungskeller des Lokals Aera in Wien zusammengekommen, um miteinander und mit dem anwesenden Publikum zu diskutieren. Organisiert und moderiert wurde die Round Table Discussion: The Impact of the Moon on Human Biology von Prof. Kristin Teßmar-Raible, Professorin für Chronobiologie an der Universität Wien, dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven und an der Carl-von-Ossietzky Universität Oldenburg, und mir, promoviertem Astrophysiker und Mitglied der GWUP. Prof. Teßmar-Raible hat bei den von mir organisierten Skeptics in the Pub Wien bereits einen Vortrag über „Die Bedeutung von Mondrhythmen für das Leben: Was sagt die Wissenschaft?“ gehalten, im Rahmen dessen die Idee für diese Round Table Discussion geboren wurde. Ich selbst halte regelmäßig Vorträge über gängige esoterische Mondmythen und was dran ist, zuletzt für den Klub der logischen Denker in Wien.

Mein Beitrag zur Diskussionsrunde war u.a. ein Kurzvortrag über den astrophysikalischen Hintergrund der Thematik, in dem ich versucht habe herauszuarbeiten, wie geringfügig die physikalischen Effekte des Mondes tatsächlich sind und weshalb ich es für recht unwahrscheinlich halte, dass die in der Literatur berichteten positiven Resultate tatsächlich etwas mit dem Mond zu tun haben. Meine Rolle war also eher die des Advocatus Diaboli. Manche der von den Wissenschaftlern in der Diskussionsrunde präsentierten Daten bringen einen allerdings tatsächlich ins Grübeln. Ich möchte ihre Arbeiten und Ergebnisse hier jedoch nicht im Detail analysieren oder gar infrage stellen, sondern möchte v.a. den Inhalt meiner Kurzpräsentation verschriftlichen. Wichtig zu erwähnen ist, dass die Diskussion trotz der unterschiedlichen Ansichten von höchstem gegenseitigem Respekt und Interesse an den Argumenten und Belegen der anderen Teilnehmer getragen war. Das war sicherlich auch für das Publikum im Saal spürbar, das am Ende viele durchdachte Fragen stellte. So war es dann auch nur logisch, dass die Diskutanten, die bleiben konnten, nach dem Ende des öffentlichen Teils noch länger im kleinen Kreis bei Getränken beisammensaßen und erst spät und mit einem freundschaftlichen Gefühl der Erfüllung auseinandergegangen sind.

Sonne und Mond sind die Zeitgeber für die menschliche Kultur und biologische Systeme in ihren natürlichen Umgebungen. Quelle: Claudia Amort, https://doi.org/10.1038/s44319-024-00196-5

Die Diskutanten

Zuerst möchte ich die Diskutanten und ihre wesentlichen Arbeiten sowie einige der ihnen widersprechenden Studien vorstellen.

  • Prof. Christian Cajochen vom Chronobiologischen Zentrum der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel wurde v.a. bekannt für seine 2013 in Current Biology erschienene Studie „Evidence that the Lunar Cycle Influences Human Sleep“, die EEG-Daten von gesunden Probanden im Schlaflabor auswertet. Christian Cajochens Einschätzung zufolge wird die Studie nicht häufig zitiert, allerdings wird sie sehr gerne von Boulevard-Zeitungen als der Beweis für den Einfluss des Mondes auf den menschlichen Schlaf und Melatoninspiegel angeführt. Unter anderem aus diesem Grund diskutiere ich die Studie gerne in meinen Vorträgen über „Die (Ohn-)Macht des Mondes“. Allerdings bin ich in letzter Zeit dazu übergegangen, sie weniger mit methodischer Kritik (auch wenn sie tw. angebracht ist) „wegzudiskutieren“, sondern zu sagen, dass man sich rund um den Vollmond nicht vor einer schlaflosen Nacht fürchten muss, denn selbst diese Studie findet nur eine durchschnittliche Verkürzung des Nachtschlafs um 15-20 Minuten. Das ist also eine gute Nachricht für alle, die bei hellem Mond am Himmel mit Sorge zu Bett gehen. Jedenfalls gibt es auch Schlaf-Studien, die eine weitaus größere Probandenzahl zur Verfügung hatten und keinen Zusammenhang mit dem Mond gefunden haben. Zum Beispiel haben Cordi et al. (2014), Haba-Rubio et al. (2015) und Smith et al. (2017) allesamt negative Ergebnisse berichtet. Die Studiendesigns sind jedoch recht unterschiedlich, der Teufel mag im Detail stecken.
  • Prof. Horacio de la Iglesia von der University of Washington beschäftigt sich ebenfalls mit Schlafstudien. Im Gegensatz zu Christian Cajochen untersucht er aber nicht Probanden mit dem EEG im Schlaflabor, sondern stattet sie mit Bewegungssensoren am Handgelenk aus, während sie in ihrer gewohnten Umgebung ihrem Leben nachgehen. Dabei kann die Umgebung recht unterschiedlich sein: Unter anderem hat er Angehörige der indigenen Volksgruppe der Toba/Qom in seiner Heimat Argentinien, die noch sehr traditionell ohne elektrisches Licht leben, als auch junge Erwachsene in der hell erleuchteten Metropole Seattle (USA) mit solchen Sensoren ausgestattet und die daraus gewonnenen Schlaf-Daten nach einem Zusammenhang mit der Mondphase untersucht. Eine seiner wesentlichen Arbeiten dazu hat de la Iglesia im Artikel „Moonstruck sleep: Synchronization of human sleep with the moon cycle under field conditions“ niedergeschrieben und in Science Advances veröffentlicht. Seinen positiven Ergebnissen widersprechende Studien sind im obigen Absatz aufgezählt.
  • Prof. Charlotte Förster ist seit kurzem pensionierte Professorin für Chronobiologie an der Universität Würzburg. Ihr eigentliches Forschungsgebiet sind circadiane (d.h. tägliche) und circalunare (d.h. monatliche) Rhythmen bei Insekten. Quasi als „Hobby“ hat sie aber viele Jahre an der möglichen Synchronisation des weiblichen Menstruationszyklus‘ mit dem Mond gearbeitet. Ihre wesentliche Publikation zu diesem Thema in Science Advances trägt den Titel „Women temporarily synchronize their menstrual cycles with the luminance and gravimetric cycles of the Moon“, in der Charlotte Förster berichtet, dass sie in den Aufzeichnungen ihrer Probandinnen eine zeitweise Synchronisation sowohl mit dem Lichtwechsel des Mondes (Mondphasen) als auch mit seinen gravimetrischen Zyklen findet. Der Artikel bildete auch die Basis für ihren Vortrag bei den von mir organisierten Skeptics in the Pub Wien, den man auf YouTube abrufen kann: „Der weibliche Menstruationszyklus und seine Beziehung zu Mondzyklen“. Allerdings finden sich auch hierzu Studien in der Literatur, die ein negatives Ergebnis berichten: Direkt unter dem Online-Artikel auf Science Advances findet sich ein sog. eLetter, also ein wissenschaftlicher Kommentar, von Ilias et al. mit Hinweis auf ihren Artikel „Do lunar phases influence menstruation? A year-long retrospective study“ in Endocrine Regulations (leider nicht Open Access verfügbar), der vom Nichtvorhandensein einer Synchronisation mit dem Mond berichtet. Beverly I. Strassmann konnte mit ihrer anthropologischen Studie an den traditionell lebenden Dogon in Mali ebenso keine Synchronisation mit dem Mond finden. In einem kurzen Übersichtsartikel aus dem Jahr 1999 („Menstrual synchrony pheromones: cause for doubt“) sammelte sie weitere Studien mit negativen Resultaten. Prof. Förster erwähnt auch in ihrem Vortrag Studien mit negativen Resultaten (ab 09:04 min) Aber auch hier könnte der Teufel im Detail stecken.
  • Prof. Till Roenneberg ist Professor für menschliche Chronobiologie an der LMU München. Eines seiner Hauptforschungsthemen ist der „soziale Jetlag“ und damit verbundene gesundheitliche Beschwerden wie z.B. Adipositas. Roenneberg hat auch zu möglichen Mondzyklen geforscht, gehört jedoch eindeutig der Skeptiker-Fraktion an, betrachtet er doch die Daten der Kollegen als interessant und jedenfalls diskussions- und publikationswürdig, findet jedoch, dass der Beweis für Mondzyklen beim Menschen bisher nicht erbracht wurde, siehe z.B. die Studie „Human Responses to the Geophysical Daily, Annual and Lunar Cycles“ aus 2008.
  • Prof. Thomas Wehr ist emeritierter Professor und Psychiater am National Institute of Mental Health in den USA. Er untersucht vorrangig die Synchronisation von manisch-depressiven Zyklen bei Patienten mit bipolaren Störungen mit verschiedenen Mondzyklen. In seinen Studien berichtet er von solchen Synchronisationen, z.B. im Artikel „Bipolar mood cycles associated with lunar entrainment of a circadian rhythm“. Er publiziert auch gemeinsam mit Charlotte Förster, z.B. den Artikel „Longitudinal observations call into question the scientific consensus that humans are unaffected by lunar cycles”. Konkret zu bipolaren Störungen ist mir keine widersprechende Studie bekannt. Wilkinson et al. (1997) konnten immerhin keinen klaren Zusammenhang zwischen der Mondphase und der Häufigkeit, mit der Patienten mit Depressionen und Angstzuständen Arztpraxen aufgesucht haben, finden. Außerdem kann man wohl mit einigem Recht einwenden, dass die Zahl der untersuchten Patienten mit bipolaren Störungen relativ klein ist und manche Phänomene gar nur an einzelnen Patienten untersucht wurden. Sehr starke Schlussfolgerungen lassen sich damit nicht ziehen.

Etliche weitere Mond-Studien, v.a. mit negativen Befunden, sind auf der Seite https://dermond.at/ gesammelt. Es sollte außerdem nicht unerwähnt bleiben, dass es auch bad science auf diesem Gebiet gibt: Matsumoto & Shirahashi (2020) berichten, dass um den Vollmond mehr Kinder geboren werden als um den Neumond, wenn nachts der Mond über dem Horizont steht – eine astronomische Trivialität. Von solcher niederen Qualität sind die Diskutanten dieser Veranstaltung jedoch weit entfernt.

Zur weiteren Orientierung sei auch die deutsche Kurzzusammenfassung der Diskussion wiedergegeben:

Eine umfangreiche Fachliteratur beschreibt rhythmische Phänomene bei Meeresorganismen, die nicht mit dem Tageszyklus, sondern vielmehr mit dem Mondzyklus zusammenhängen: Tiden-, Mond- (monatliche) und Halbmondrhythmen (halbmonatlich). Im Gegensatz zu täglichen (circadianen) Rhythmen, die sich typischerweise in täglichen Aktivitätsmustern äußern, sind diese circalunaren Rhythmen häufig mit der Fortpflanzung verknüpft: Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass das Fortpflanzungsverhalten und die sexuelle Reifung von so unterschiedlichen Tieren wie Korallen, Borstenwürmern, Mücken, Stachelhäutern, Fischen und Schildkröten durch den Mondzyklus synchronisiert werden, was die grundlegende Bedeutung unterstreicht.

Eine wahrscheinliche Erklärung für die Existenz der circalunaren Rhythmen bei Meeresorganismen ist, dass diese häufig bei äußerer Befruchtung entscheidende Fortpflanzungsvorteile haben, wenn sie den Zeitpunkt der Fortpflanzung innerhalb der Population und/oder an bestimmte, vom Mond gesteuerte Umweltbedingungen (z. B. Spring- und Nipptide) anpassen können.

Aber wie ist das bei Tieren, die am Land leben? Eine wachsende Zahl an wissenschaftlichen Studien beschreibt Korrelationen zwischen den Reproduktionszyklen und dem Mondrhythmus bei Landtieren, bis zum Menschen. Beim Menschen gibt es außerdem mehrere Studien, die bestimmte Schlafparameter und Mondphasen statistisch signifikant korreliert finden. Dann gibt es aber auch viele wissenschaftliche Studien, die beim Menschen keine solchen Korrelationen finden können.

In dieser Diskussionsrunde wird eine internationale Expertenrunde renommierter Chronobiologen den momentanen Status der Forschung diesbezüglich besprechen, Schwachpunkte, Stärken und mögliche zukünftige Experimente diskutieren und sich natürlich auch den Fragen des Publikums stellen.

Das Mondlicht

Damit komme ich zu den physikalischen Effekten, über die der Mond potenziell Einfluss auf die Biologie nehmen kann. Der Einfluss des Mondlichts bzw. der Mondphasen auf diverse Meereslebewesen und auch einige Landlebewesen ist sehr gut belegt und kann als wissenschaftlich nachgewiesen betrachtet werden. Sehr viele davon reagieren nicht nur unmittelbar auf Mondlicht, sondern haben auch eine innere, circalunare Uhr, die biologische Abläufe (meist die Fortpflanzung) auch dann einige Zeit weiterhin steuert, wenn man diese Lebewesen nicht mehr dem Mondlicht (oder simuliertem Mondlicht) aussetzt. Insbesondere mit Meeresborstenwürmern als Modellorganismen kann man das sehr gut im Labor machen. Im Unterschied zum Menschen leben diese Tiere jedoch normalerweise an abgeschiedenen, sehr dunklen Orten. Der moderne Mensch ist nicht nur der nächtlichen Lichtverschmutzung in Städten ausgesetzt, sondern künstlichem Licht ganz allgemein. Insbesondere in Großstädten ist die Lichtverschmutzung oft heller als der Vollmond, und der natürliche Lichtrhythmus „ertrinkt“ in der nächtlichen Beleuchtung.

Um diesen Punkt zu illustrieren, kann ich auf eine meiner eigenen Arbeiten verweisen, die ich 2014 mit den Kollegen Johannes Puschnig und Thomas Posch veröffentlicht habe und die am Pre-Print-Server arXiv frei zugänglich ist. Abbildung 3 der Arbeit zeigt die mittlere Nachthimmelshelligkeit an zwei Orten in bzw. außerhalb von Wien: Am Institut für Astrophysik (IfA) der Universität Wien, ca. 3,5 km vom Stadtzentrum Wiens gelegen, und am Leopold-Figl-Observatorium für Astrophysik (LFOA) im Wienerwald, ca. 35 km von Wien entfernt. Die Nachthimmelshelligkeit wurde ein Jahr lang aufgezeichnet. Am dunklen Ort des LFOA ist deutlich die Variation aufgrund der Beleuchtung des Mondes zu erkennen: Um Vollmond ist der Himmel relativ hell, um Neumond sehr dunkel. Am Ort des IfA jedoch ist der Himmel nicht nur generell heller, sondern auch die natürliche Variation aufgrund der Mondphasen ist nur noch schwer, wenn überhaupt erkennbar. Dabei ist Wien eine im Vergleich zu anderen Großstädten eher „dunkle“ Stadt, werden hier doch durchaus erfolgreiche Anstrengungen gegen die Lichtverschmutzung unternommen. Die Lichtverschmutzung ist also ein starkes Störsignal für jeglichen Einfluss des Mondes auf die menschliche Biologie.

Wie erwähnt, ist der moderne Mensch nicht nur der Lichtverschmutzung vor der Tür ausgesetzt, sondern auch künstlichem Licht in Innenräumen. Dieses ist meist noch viel heller als der Mond: Selbst eine gewöhnliche Kerze in zwei Metern Entfernung hat die gleiche Beleuchtungsstärke wie der Vollmond im Zenit, nämlich ca. ein viertel Lux. Menschen nutzen künstliches Licht, aber nicht erst seit kurzem. Menschen haben vor mindestens 40 000 Jahren Höhlenmalereien angefertigt, für die sie Feuer kontrolliert nutzen mussten, vermutlich über viele Jahre oder gar Jahrhunderte hinweg; sie waren also Licht ausgesetzt, das viele Male heller als der Vollmond ist. Menschen nutzen das Feuer in kontrollierter Weise seit mindestens über 1 Million Jahren, was ihre Ausbreitung über den Globus und weitere Entwicklung maßgeblich begünstigt hat. Das sind vermutlich evolutionär relevante Zeiträume, sodass sich die Frage auftut, ob unter diesen Bedingungen ein Entrainment, wie die Biologen das Mitführen einer inneren biologischen Uhr durch einen äußeren Zeitgeber nennen, beim Menschen überhaupt möglich ist oder ob eine Korrelation von menschlichem Verhalten mit den Mondphasen nicht vielmehr eine direkte Reaktion auf einen äußeren Reiz darstellt. Bei für die Fortpflanzung wichtigen Hormonen bei nahen Verwandten des Menschen wie z.B. Gorillas wurde eine Synchronisation mit dem Mond festgestellt (siehe den SitP-Vortrag von Charlotte Förster), aber es ist fraglich, ob das beim Menschen im Laufe der Evolution durch die Verwendung von Feuer nicht verloren gegangen ist.

Gravitation und Gezeiten

Wie klein die Variation der Gravitation durch den Umlauf bzw. die Gezeitenkräfte des Mondes sind, kann man sehr genau berechnen. Anschaulicher ist es aber immer noch, nachzumessen. Das haben in Bezug auf die Gravitation Wu und Kollegen von der University of California in Berkeley in ihrer Studie aus dem Jahr 2019 gemacht (Wu et al., 2019). Sie haben ein hoch-sensibles und mobiles Atominterferometer gebaut, das sie u.a. 12 Tage im Dauerbetrieb laufen ließen, um die Veränderung der lokalen Erdbeschleunigung aufzuzeichnen, in der sich der Einfluss des Mondes zeigt. Ich verweise auf Abb. 2 in dem Artikel, der diese Variation zeigt. Aus der Abbildung lässt sich herauslesen, dass die volle Amplitude der Variation ca. 230 μGal ausmacht. Das Gal (benannt nach Galileo Galilei) ist die cgs-Einheit, in der in den Geowissenschaften häufig die Schwerebeschleunigung auf der Erde angegeben wird. 1 Gal entspricht einer Beschleunigung von 1 cm/s2. Die Erdbeschleunigung hat also annähernd 1 kGal. Die Variation von 230 μGal entspricht also in etwa dem vier Millionsten Teil der Erdbeschleunigung! Um greifbar zu machen, wie gering das ist, sei noch ein anderer Vergleich mit einer Alltagssituation angebracht. Die Erdbeschleunigung nimmt mit zunehmender Seehöhe ab, da man sich dann ja weiter von der anziehenden Masse der Erde entfernt befindet. Auch wenn man die Treppen steigt, sinkt daher die Erdbeschleunigung geringfügig. Eine Verringerung der Erdbeschleunigung um 230 μGal erfährt man, wenn man die Stufen ganze 74 cm hoch steigt – das ist unmerkbar klein und es gibt keine damit verbundenen biologischen Effekte, die jemals berichtet worden wären.

Der Autor während seines Impulsreferats (Foto: C. Cajochen).

Im Hinblick auf die Gezeitenkräfte rechne ich bei meinen Mond-Vorträgen gerne den Vergleich vor, wie stark die von der Masse meines Körpers von ca. 90 kg auf Objekte in einer Entfernung von 1 m davon ausgeübte Gezeitenkraft im Vergleich zur Gezeitenkraft des Mondes auf die gleichen Objekte ist. Da der Mond mit 384 000 km mittlerer Entfernung sehr weit weg ist und die Gezeitenkraft mit der dritten Potenz des Abstands abnimmt, ist die von meinem Körper ausgeübte Gezeitenkraft um einen Faktor ca. 70 000 größer! Da aber auch meine Gezeitenkraft mit der dritten Potenz des Abstands abnimmt und die Gezeitenkraft des Mondes zwar gering ist, aber überall auf die riesigen Ozeane wirkt und deren Wasser selbst den geringsten Kräften folgt, erzeuge ich im Gegensatz zum Mond keine merkbaren Gezeiten.

Unsere Körper sind außerdem den ganzen Tag über Beschleunigungen ausgesetzt, sei es, wenn wir Verkehrsmittel nutzen, wenn wir mit dem Lift fahren oder einfach, wenn wir per pedes Geschwindigkeit aufnehmen und Richtung Kaffeemaschine gehen. Diese Beschleunigungen überlagern die Kräfte des Mondes. Wie wir aus all diesen Störfaktoren, diesem Rauschen, den Mond herausspüren können sollen, ist nicht unmittelbar einleuchtend.

Magnetfelder

Auch Magnetfelder wurden als möglicher Weg einer Einflussnahme des Mondes auf das irdische Leben und insbesondere auf die menschliche Biologie ins Feld geführt. Der österreichische Astronom und Meteorologe Karl Kreil, Gründungsdirektor der Centralanstalt für Meteorologie und Erdmagnetismus in Wien (heute Teil von Geosphere Austria), beschäftigte sich schon im 19. Jahrhundert mit einem möglichen magnetischen Einfluss des Mondes auf die Erde. Heute weiß man allerdings, dass der Mond kein großräumig geordnetes Magnetfeld und auch keine Ionosphäre hat. Außerdem liegt seine Umlaufbahn weitgehend außerhalb der Magnetosphäre der Erde und spielt in wissenschaftlichen Untersuchungen derselben keine nennenswerte Rolle. Die Forschungen Kreils können heute also als verworfen betrachtet werden.

Allerdings hat der Mond über die Gezeiten einen geringen indirekten Einfluss auf das lokale Magnetfeld. Da Meerwasser ein guter, wenn auch nicht ausgezeichneter elektrischer Leiter ist, „zieht“ es die Erdmagnetfeldlinien ein bisschen mit. Es gibt also tidale Veränderungen der magnetischen Feldstärke im Wasser, die z.B. auf der Website der NASA visualisiert sind. Diese Änderungen sind allerdings auch sehr gering: Sie machen gerade mal 1 nano-Tesla aus, also ein Zehntausendstel der Feldstärke des Erdmagnetfelds. Selbst Sonnenstürme können eine zehnmal größere Änderung des Magnetfelds bewirken, ohne dass wir es merken würden.

Fazit

Das Mondlicht ist zwar schwach, hat jedoch einen nachgewiesenen Einfluss auf die biologischen Rhythmen von Meereslebewesen und einigen Landtieren, v.a. auf die Fortpflanzung. Es stellt sich die Frage, ob das Mondlicht auch einen Einfluss auf den Menschen hat, v.a. angesichts der vielfältigen künstlichen Lichtquellen, denen wir Menschen bereits seit Jahrtausenden ausgesetzt sind. Interessanterweise zeigen die beim Runden Tisch präsentierten Daten die stärksten Effekte des Mondes in den Tagen kurz vor Vollmond, und zwar erstaunlich konsistent. Bei einer Absenz eines Einflusses würde man völlig zufällig verteilte Phasen erwarten. An den Tagen vor Vollmond wird das Mondlicht von uns Menschen am ehesten wahrgenommen, da der Mond dann in den Stunden nach Sonnenuntergang, wenn wir meist noch wach und aktiv sind, den Himmel und die Landschaft erhellt. Diese Zeiten wurden (und werden) vielfach für Aktivitäten wie Reisen, Jagd, Feldarbeit und dgl. genutzt; eine gewisse Anpassung des Schlafes ist daher durchaus plausibel. Von diesem Blickwinkel her erscheint diese Phase der stärksten Effekte also durchaus logisch. Außerdem sind die gefundenen Effekte durchwegs bei der Periode des Lichtwechsels (synodischer Monat, ca. 29,5 Tage) stärker als bei der Periode der gravimetrischen Variation (anomalistischer Monat, ca. 27,5 Tage). Auch hier würde man kein Muster erwarten, wenn beide Perioden keinerlei Einfluss hätten. Dies finde ich jedenfalls bemerkenswert, einen Einfluss des Mondlichts kann man also vielleicht nicht grundsätzlich von der Hand weisen. Mehr Forschung ist hier durchaus wünschenswert, ich rege jedoch auch unabhängige Analysen der vorhandenen Daten an.

Der Mensch hat Augen als Sinnesorgane, um das Mondlicht wahrzunehmen. Das Gleichgewichtsorgan kann Beschleunigungen wahrnehmen, es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass es so kleine Änderungen registrieren kann, wie sie vom Mond verursacht werden. Es sind sehr sensible und von Störquellen vollkommen abgeschirmte Messinstrumente nötig, um Änderungen der Schwerebeschleunigung oder die Gezeitenkräfte des Mondes zu detektieren. Für mich erscheint es daher sehr unwahrscheinlich, dass sie einen kausalen und direkten Einfluss auf den Menschen haben. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Licht und den anderen physikalischen Wirkmechanismen (Gravitation, Gezeiten, Magnetfelder) ist auch, dass es beim Licht eine Zeit gibt, in der der Mond alles andere dominiert, nämlich nachts. Die Gravitation der Erde und ihr Magnetfeld sind jedoch ständig vorhanden und jede vom Mond induzierte Veränderung daran ist im Vergleich dazu sehr, sehr klein. Das ist mit ein Grund, weshalb ich eine Wirkung des Mondlichts auf den Menschen nicht (mehr) für unmöglich halte, die anderen Wirkmechanismen jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausschließen würde.

5 Kommentare

  1. Ich habe in einem Buch über die Tierwelt, ich glaube es war von Konrad Lorenz oder Frans Hals darüber gelesen . Der etwa launische Kommentar zu der behaupteten Tatsache, warum Löwen bei Vollmond auf die Jagd gingen, war höchst einfach. Löwen gehen wenn , dann bei Vollmond auf die Jagd, weil sie nur dann genug Licht hätten, Ihre Beutetiere entsprechend zu erspähen.

  2. Die nächtliche Beobachtung von Löwen ist mit gewissen Risiken behaftet. Ich vermute daher, Edmund, dass es die Grosswildjäger waren, die diese These über das Jagdverhalten der Löwen aufgestellt haben. Die die Löwen einfach deshalb nur zu Vollmondzeiten jagend beobachtet haben, weil dies die einzigen Zeiten waren, in denen sie selbst im Zweifel einen sehr schnellen Rückzug antreten konnten, ohne gegen die nächste Dattelpalme zu knallen.

  3. „Die Erdbeschleunigung hat also annähernd 1 kGal. Die Variation von 230 mGal entspricht also in etwa dem vier Millionsten Teil der Erdbeschleunigung! “
    Beim Präfix scheint mir ein Tippfehler vorzuliegen. mGal vs. μGal
    230mGal=0,23Gal
    0,23*4000000=912000=912k

  4. Erratum
    Bei mir liegt eindeutig ein Rechenfehler vor.
    23*4 ergibt 92 und nicht 912.

  5. @uwe hauptschueler es ist kein Tippfehler. Vielmehr wurde durch copy-paste aus dem μ im Original ein m im Blogartikel. Ich werde um entsprechende Korrektur bitten.

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