Vor Kurzem gab es im YouTube-Kosmos ein gutes Beispiel, wie redlicher Umgang mit Kritik aussehen kann. Gleichzeitig war es leider auch ein Musterbeispiel für Cancel Culture.
Es geht um den Kanal Geschichtsfenster von Andrej Pfeiffer-Perkuhn. Auf seinem Kanal erklärt er das Leben im Mittelalter, räumt mit Mythen auf und reagiert live auf fehlerhafte Beiträge.
Neulich gab es eine Attacke gegen ihn, die Andrej in einem Video aufarbeitet:
Geschichtsfenster nur fake? | Geschichtsfenster
Was ist passiert? Andrej erklärt:
Es ist eine Mail rumgegangen an über 30 Empfänger: Werbepartner, potenzielle Werbepartner, Universitäten, Museen.
Der Absender: Rote Kapelle international. Wer oder was genau dahintersteckt, ist unklar, aber der Name ist schon in anderen Kontexten aufgefallen (z. B. bei Topfvollgold oder bei Massengeschmack-TV).
Inhalt der Mail: eine Warnung vor Geschichtsfenster. Es wird davon abgeraten, mit Andrej zusammenzuarbeiten. Also keine öffentliche oder direkte Kritik, sondern eine gezielte Rufschädigung bei möglichen Kooperationspartnern.
Trotz dieses hinterhältigen Vorgehens geht Andrej die in dem Schreiben vorgelegte Kritik unaufgeregt und selbstkritisch durch.
Zu Beginn kommt das Argument, dass Andrej kein Historiker sei, womit der Mailschreiber wohl suggerieren möchte, dass Andrej für seine Aufgaben nicht qualifiziert sei. Geschichtsfenster antwortet:
Ich bin kein Historiker, das sage ich immer. Ich arbeite auch gar nicht als Historiker.
Andrej hat einen kulturwissenschaftlichen Hintergrund und übernimmt Aufgaben der Wissenschaftskommunikation. Er betreibt keine Forschung, sondern stellt geschichtliche Forschungsergebnisse auf seinem Kanal vor. Mehr dazu weiter unten.
Der Hauptkritikpunkt aus dem anonymen Schreiben ist der, dass Andrej ein zu positives Bild vom Mittelalter zeichne:
Meiner fundierten Analyse nach ist Herr Pfeiffer-Perkuhn als unvoreingenommener Experte für den Bildungskontext strikt abzulehnen. Seine Arbeit verbreitet unter dem Deckmantel der Mythenwiderlegung ein systematisch verharmlosendes, einseitig positives und damit historisch falsches Bild des Mittelalters.
Hier zeigt Andrej Größe:
Den Vorwurf, dass ich oft zu positiv bin, den würde ich mir sogar gefallen lassen.
Diese Tendenz ist in gewissem Maße auch der Ausrichtung seines Kanals zuzuschreiben: Weil er oft gegen negative Klischees anarbeitet, kann es vorkommen, dass er das Bild vom Leben im Mittelalter zu positiv zeichnet. Der unbekannte Kritiker nennt das eine „Romantisierung durch Überkorrektur“. Andrej gesteht ein, dass dieser Bias möglicherweise vorliegen könnte.
Die weiteren Argumente kann er souverän widerlegen. Viele angebliche ‚Belege‘ (über Andrejs Aussagen zum Bauernleben, zur Inquisition oder zur Rolle der Frau) aus seinen Videos sind teils stark aus dem Zusammenhang gerissen und können die aufgestellten Kritikpunkte nicht stützen.
Am Ende hat Andrej vor allem mit 2 Sachen ein Problem:
- Die Methode (Rufschädigung statt offenes Gespräch)
- Missbrauch des Namens „Rote Kapelle“
Und er stellt klar: Er ist Wissenschaftsvermittler und für seinen Job sehr wohl qualifiziert. Wer sachlich über Inhalte diskutieren will, könne jederzeit auf seinen Discord kommen.
Ein anderer Geschichtsyoutuber hat das Thema aufgegriffen:
Geschichtsyoutuber – aufgeflogen! [SSP061] | DasPanzermuseum
Der Kanal des Deutschen Panzermuseums Munster befasst sich ebenfalls mit Geschichtsthemen. Dort ist man naturgemäß mit Wissensvermittlung sehr vertraut, und sie bringen daher eine fundierte Außenperspektive mit ein.
Sie bestärken Andrej in seinem Video und geben noch einige Ergänzungen hinzu.
- Wissenschaft betreiben und Wissenschaft vermitteln sind zwei Paar Schuhe. Dass Andrej kein Historiker ist, spricht nicht gegen seine Arbeit.
- Gute Vermittlung ist selbst eine Fähigkeit: Wissenschaftliche Inhalte so aufzubereiten, dass sie verständlich bleiben, ohne verfälscht zu werden.
- (Geschichts)wissenschaft lebt vom Diskurs. Unterschiedliche Deutungen sind normal; entscheidend ist, dass methodisch sauber gearbeitet wird.
Unter dem Video hat sich Andrej beim Panzermuseum bedankt:

Geschichtsfenster hat in diesem Fall nicht nur Souveränität bewiesen, sondern auch gezeigt, wie Fehlerkultur und Diskursfähigkeit aussehen können. So ein selbstkritischer und sachlicher Umgang mit Kritik sollte eine Blaupause für gelungene Wissenschaftskommunikation im Netz sein.
Zum Thema:
- Video: Wer kennt diese Stimme? Die ROTE KAPELLE verrät sich immer mehr, Massengeschmack-TV vom 05.08.2025
- Video: „Das ist übergriffig“ Drohmail nach Böhmermann Kritik | BiasedSceptic, Varnan | Psychologe vom 08.07.2025
- Video: Ich werde bedroht, Topfvollgold vom 04.07.2025
Hinweis:
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15. September 2025 um 11:04
Ich möchte noch folgendes ergänzen. Ralf Raths vom Deutschen Panzermuseum Munster ist nicht „nur“ Geschichtsyoutuber, sondern studierter Historiker und wissenschaftlicher Direktor des Museums. Er besitzt Expertise, und seine positive Einschätzung über Pfeiffer-Perkuhns Wissensvermittlung erhält somit besonderes Gewicht.
https://de.wikipedia.org/wiki/Ralf_Raths
16. September 2025 um 11:57
Aus dem Beitrag geht für mich nicht hervor, welchen Zweck diese völlig seltsame Diffamierung verfolgen könnte. Was hätten die anonymen Verfasser von dieser Aktion?
17. September 2025 um 07:59
„Was hätten die anonymen Verfasser von dieser Aktion?“
Erstvermutung ist ein gefühlter Angriff auf die persönliche Wahrheit…
17. September 2025 um 10:12
Ralf Raths Expertise erhält außer dem Autoritätsargument kein besonderes Gewicht. Im Mittelalter gab es keine Panzer. Andrej hat sich argumentativ gut selbst verteidigt.
17. September 2025 um 14:56
„… „Was hätten die anonymen Verfasser von dieser Aktion?“
Erstvermutung ist ein gefühlter Angriff auf die persönliche Wahrheit… …“
Ist natürlich möglich (wie überhaupt bei „online harassment“ alle möglichen Dinge ursächlich sein können). Wenn im allgemeinen eine Person/Gruppierung jemand oder „Etwas“ online diskreditieren will, dann wird jedoch wohl oft der Zweck verfolgt, irgendeine „alternative Darstellung“ zu promoten/bewerben bzw. die Aufmerksamkeit auf andere Seiten im Internet umzulenken (siehe z.B. die vielfältigen Aktivitäten im Bereich „Klimawandelleugnung“). Der „Gewinn“ wäre dann die Aufmerksamkeitsumlenkung oder das „Zweifel säen“ bei online-Beobachtern. Auch das Umlenken von Einnahmen aus Werbegeldern könnte bei solchen Aktivitäten der Hauptzweck sein.
Das scheint hier aber nicht recht zutreffend zu sein (es fehlt das Anbieten irgendwelcher „Alternativen“).
Womöglich geht es hier mehr um ganz klassisches „Doxing“ auf persönlicher Ebene – irgendjemand hat es vielleicht aus persönlicher Antipathie heraus auf den Vlogger abgesehen.
17. September 2025 um 21:06
„Was hätten die anonymen Verfasser von dieser Aktion?“
Nächste Hypothese: Ideologie.
Die sog. „Rote Kapelle“ scheint ja aus dem linksextremen Umfeld zu kommen. Da gehören Adel, Klerus und jahrtausendelange Unterdrückung als Feindbild mithin dazu. Wer da stattdessen differenziert oder das Mittelalter gar „romantisiert“, macht sich also mit dem ewigen „Klassenfeind“ gemein. Was in einem Weltbild des allgemeinen Kulturkampfes immer auch bedeutet, die heutige herrschende Ordnung (und somit alles Böse dieser Welt) zu legitimieren, da eine Kontinuität zwischen alten und neuen Unrechtsstrukturen gesehen wird. Nicht umsonst sind zweifelhafte Geschichtsnarrative antiklerikaler Stoßrichtung heute auch in der Religionskritik- und sogar Skeptikerszene durchaus etabliert: Die Verbrechen der Kirche damals delegitimieren die heutige Kirche – wer diese also anzweifelt, unterstützt nach dieser Logik den heutigen Feind der Aufklärung. Man kann der Kirche damals und heute mehr als genug vorwerfen, doch einige der beliebtesten Vorwürfe (Stichwort Inquisition) werden von der seriösen Geschichtswissenschaft nun einmal deutlich differenzierter eingeordnet.
Das alles einmal unter der Annahme, dass die Attacke tatsächlich aus dieser Richtung kommt (worauf im Moment ja alles hindeutet) und nicht, wie von Andrej ebenfalls in Betracht gezogen wurde, eine False-Flag-Aktion anderer Provenienz darstellt.