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4-teilige Artikelreihe „Die Wurzeln des Relativismus“ auf dem Blog Science and Sense

| 1 Kommentar

Im April hat Udo Endruscheit auf seinem Blog eine umfangreiche Artikelreihe zum philosophischen Relativismus veröffentlicht. Wir hatten sie hier auf dem Blog vorgestellt.

Nun legt er mit einem vierteiligen Follow-up nach, das die historischen Wurzeln dieses Denkansatzes beleuchtet. Ein kleiner Überblick.


Teil 1: Die Wurzeln des Relativismus I – Ein Blick in die Antike

Im ersten Teil geht Udo zurück bis in die Antike:

Die Vorstellung, dass es keine objektive Wahrheit gebe, sondern jede Erkenntnis relativ zu Perspektive, Kultur oder Sprache sei, fasziniert und beunruhigt gleichermaßen. Dass diese Idee keineswegs neu ist, sondern ihre Wurzeln tief in der Antike hat, ist weniger bekannt.

Neben dem Disput zwischen Protagoras und Platon, den pyrrhonischen Skeptikern und Aristoteles‘ Antwort auf den Relativismus beleuchtet Udo eine These des Sophisten Gorgias:

  • Es gibt nichts.
  • Wenn es etwas gibt, kann man es nicht erkennen.
  • Und selbst wenn man es erkennen kann, kann man es nicht mitteilen.

Hier erkennt Udo Parallelen zu dem, was bei einigen Relativisten des 20. Jahrhunderts vorzufinden ist:

Diese Position, die Sprache, Erkenntnis und Wirklichkeit voneinander trennt, findet sich ähnlich in Derridas Sprachskepsis oder Foucaults Machtbegriff. Der Gedanke, dass Wahrheit konstruiert sei, hat hier seinen historischen Vorläufer.

In der antiken Philosophie ist also schon Vieles angelegt, was in späteren Debatten wieder aufzutauchen scheint:

Schon die Antike kannte die Argumente, die heute in Diskussionen um „alternative Fakten“ und „gefühlte Wahrheiten“ wiederkehren. Protagoras, Gorgias und die Skeptiker auf der einen Seite, Platon und Aristoteles auf der anderen, markieren die großen Linien eines Streits, der bis heute andauert.

Zum ganzen Artikel:


Teil 2: Die Wurzeln des Relativismus II – Die Scholastik und der Aristoteles-Streit

Der zweite Teil führt ins Mittelalter. Es geht um die Aristoteles-Rezeption der Scholastiker.

Die Scholastik war kein homogener Denkstil, sondern eine intellektuelle Bewegung, die im 12. und 13. Jahrhundert versuchte, antikes Wissen mit christlicher Lehre zu versöhnen.

Thomas von Aquin bemühte sich um eine Synthese von Aristoteles‘ Lehren von Logik und Natur mit dem Glauben.

Weiter führten es die Vertreter des radikalen Averroismus rund um Siger von Brabant:

Es könne zwei Wahrheiten geben – eine theologische und eine philosophische. Was nach Vernunft als wahr gilt, müsse nicht notwendigerweise mit dem Glauben übereinstimmen. Dies war keine Synthese mehr wie beim Aquinaten, sondern ein Pluralismus der Wahrheiten.

Weil das für die Kirche inakzeptabel war, folgte die Antwort:

Die Pariser Theologiefakultät verurteilte 1277 219 aristotelische und averroistische Thesen. Offiziell ging es um Irrlehren. Inoffiziell war es ein politischer Akt zur Wahrung epistemischer Deutungshoheit.

Auf Dauer konnte das den Relativismus freilich nicht eliminieren. Er bestand fort, und die Scholastiker hatte ihn mitgeprägt.

Zum kompletten Beitrag:


Teil 3: Die Wurzeln des Relativismus III – Renaissance, Rationalismus und Empirie

Für den dritten Teil springt Udo in die Neuzeit.

Francis Bacon ist hier ein wichtiger Name für den neuen Erkenntnisoptimismus:

Bacons berühmter Leitsatz „Wissen ist Macht“ ist keine bloße Technikgläubigkeit, sondern Ausdruck eines tiefen Vertrauens in die menschliche Erkenntnisfähigkeit.

Sein Grundsatz:

Wahrheit existiert objektiv und ist dem Menschen prinzipiell zugänglich.

Im 18. Jahrhundert brachte David Hume Zweifel an, was das Verhältnis von Ursache und Wirkung betrifft:

Wir beobachten nur, dass Ereignis B regelmäßig auf Ereignis A folgt. Aber dass A die Ursache von B ist – das können wir nie wirklich „sehen“. Diese Verbindung sei nicht objektiv gegeben, sondern eine Gewohnheit unseres Geistes, die wir durch Erfahrung gebildet haben.

Immanuel Kant formulierte seine Unterscheidung zwischen der Erscheinung und dem Ding an sich:

Nicht die Dinge an sich (Ding an sich) erkennen wir – sondern nur die Erscheinungen, so wie sie unter den Bedingungen unseres Erkenntnisapparats möglich sind.

Ein Relativist war Kant jedoch explizit nicht:

Er relativierte nicht die Wahrheit, sondern nur unsere Zugangsweise zur Welt. Wahrheit bleibt bei Kant prinzipiell erreichbar – nicht absolut im Sinne metaphysischer Durchsichtigkeit, aber verlässlich innerhalb der Grenzen der Vernunft.

Hier ist der gesamte Artikel, der noch weitere Aspekte wie Nietzsches Verhältnis zur Wahrheit, den Historismus und den Pragmatismus behandelt:


Teil 4: Die Wurzeln des Relativismus IV – Das 20. Jahrhundert bis zur Postmoderne

Angekommen im 20. Jahrhundert weist Udo auf den Wiener Kreis hin:

Rudolf Carnap, Moritz Schlick und andere wollten mit Hilfe der formalen Logik und einer streng empirischen Wissenschaftssprache eine objektive Erkenntnisbasis schaffen.

Auch Karl Popper steht für einen Wissenschaftsbegriff, der Wahrheit nicht aufgibt, aber:

Wissenschaft, so Popper, könne nie endgültig verifizieren, sondern nur falsifizieren. Eine Theorie ist umso wissenschaftlicher, je mehr sie sich riskanten Tests aussetzt und prinzipiell widerlegbar ist.

Popper war kein Relativist, jedoch:

Unsere Wahrheiten sind immer hypothetisch, nie absolut sicher – und das öffnet späteren Theorien, die aus dieser Vorläufigkeit ein Beliebigkeitsprinzip machen, eine Hintertür.

Udo geht noch auf die Frankfurter Schule, Thomas Kuhns Paradigmen und Paul Feyerabends Anything goes ein, ehe er zur Postmoderne überleitet:

Mit Foucault, Derrida, Lyotard und Butler beginnt die Zeit des starken Relativismus: Wahrheit wird als diskursive Konstruktion entlarvt, Objektivität als Herrschaftsinstrument enttarnt, wissenschaftliche Rationalität als kulturell überformt dekonstruiert.

Er endet diese Artikelreihe mit einer klaren Positionierung gegen den radikalen Relativismus:

Dem möchte ich mich entschieden entgegenstellen. Nicht, weil ich naiv an eine „absolute“ Wahrheit glaube, sondern weil ich weiß, dass die Suche nach Wahrheit – in all ihrer Begrenztheit – zu den größten zivilisatorischen Errungenschaften gehört, die wir haben. Sie ist ein Bollwerk gegen Willkür, Manipulation und ideologische Erstarrung.

Hier entlang zum kompletten Beitrag:


Zum Thema:

  • Artikel: Relativismus auf dem Prüfstand – Udo Endruscheits kritische Tour durch die Postmoderne, GWUP-Blog vom 29.04.2025
  • Artikel: Gastbeitrag: Zynische Theorien – Wie Identitätsideologie die Geistes- und Sozialwissenschaften beschädigt, GWUP-Blog vom 05.09.2022
  • Buch: Paul Boghossian: Angst vor der Wahrheit. Ein Plädoyer gegen Relativismus und Konstruktivismus. Suhrkamp 2022.

Hinweis:

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Ein Kommentar

  1. Es ist verwunderlich, dass das Buch von Boghossian »Angst vor der Wahrheit« von Skeptikern eine derartige Wertschätzung erfährt.

    Nun gut: Der Titel vermag es, den Naturalisten anzusprechen. Aber man fragt sich, was eigentlich die Wahrheit ist, um die es hier gehen und die uns Angst machen soll? Es gibt Verweise auf Descartes und auf Thomas Kuhn. Das ist alles ziemlich dünn, finde ich.

    Als Beispiele für die Angst werden Strohmänner und falsche Dilemmata aufgeboten. Es ist eine Kampfschrift gegen das, was sich Boghossian unter Relativismus vorstellt. Für den Skeptiker bietet es nichts wirklich Bissfestes.

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