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Die neue Vorzeige-Studie der Homöopathen: nachträgliche Anpassung der Ergebnisse?

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In der Ausgabe 26/2020 der Österreichischen Apotheker Zeitung (ÖAZ) durfte sich Mag. pharm. Ilse Muchitsch, ihres Zeichens „Pharmacy Coordinator“ des European Committee for Homeopathy (ECH), über die „selbsternannten Experten“ in der „Skeptikerszene“ echauffieren:

Nach einer „besonders vielversprechenden Studie“ gefragt, nannte Muchitsch eine Veröffentlichung im Fachjournal Oncologist über die homöopathische Komplementärbehandlung von Lungenkrebspatienten, an der sie selbst beteiligt war:

Tatsächlich?

Eine Arbeitsgruppe des INH und der Initiative für wissenschaftliche Medizin aus Wien hat die Arbeit gründlich analysiert.

Demnach erscheint es „naheliegender, von einer nachträglichen Anpassung der Ergebnisse im Sinne eines gewollten Resultats als von einer validen Studie auszugehen“. Ein Zurückziehen der Arbeit scheine angebracht.

Eine erste Veröffentlichung dazu ist beim INH erschienen. Die Autoren streben eine breite Debatte über die Ergebnisse in den nächsten Wochen und Monaten an.

Zum Weiterlesen:

  • Verbesserungen beim Überleben von Lungenkrebspatienten mit homöopathischer Komplementärbehandlung (Frass et al. 2020)? – Eine Studienkritik, INH am 8. Juni 2021

26 Kommentare

  1. Und noch eine gute Nachricht:

    „Ärztekammer Bremen gewinnt Homöopathie-­Rechtsstreit“:

    https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/124516/Aerztekammer-Bremen-gewinnt-Homoeopathie-Rechtsstreit

  2. Fragen sich denn die so überzeugten Homöopathie-Forscher wie Frau Muchitsch eigentlich wirklich nicht, weshalb ihre bahnbrechenden Erkenntnisse außerhalb ihrer Blase im Rest der wissenschaftlichen Welt so gar keine Resonanz und kein Interesse daran erzeugen, daran weiterzuforschen?

    Obwohl hier bekanntlich gleich mehrere Nobelpreise winken?

    Die Festigkeit der homöopathischen Blase mit eigenem Wissenschaftsuniversum hat erschreckende Ausmaße angenommen. Es wird Zeit, dass sie von den Pfeilen der Realität endlich getroffen und durchdrungen wird. Wir werden sehen.

  3. @Martina Rheken

    Den letzten Absatz des Artikels aus dem Ärzteblatt muss man sich ganz langsam auf der Zunge zergehen lassen.

    „Die von ihm vorgetragenen Erwartungen – insbesondere die Erwartungen, geeignete Praxisvertreter zu finden und seine Praxis später mit Gewinn verkaufen zu können – begründeten keine grundrechtlich geschützten Rechtspositionen und mithin auch keine Verpflichtung der Ärztekammer Bremen, Ärzten auch künftig die Erlangung der Zusatzbezeichnung Homöopathie zu ermöglichen. “

    Ein 1A-Offenbarungseid! Es geht dem Herrn Medicus einzig und allein ums eigene Geldsäckel.

  4. @RPGNo1:

    Ganz genau. Eine wenig feinstoffliche Peinlichkeit.

  5. Ich hoffe, dass ich alt genug werde um zu erleben, dass wir nicht mehr von einer Globuli-Gesellschaft reden müssen.

  6. Sollte sich der Verdacht der gezielten Schönung von Daten und Ergebnissen bestätigen, wäre das ein schweres wissenschaftliches Fehlverhalten.

    In dem Fall wären Konsequenzen unvermeidlich und die Vorzeigestudie würde zu einem veritablen Skandalfall.

    Man darf gespannt sein. Die Studienautoren und die Zeitschrift werden ja sicher auf die Vorhaltungen reagieren.

  7. @ Joseph Kuhn

    Wir haben selbstverständlich auch die MedUni Wien mit auf dem Verteiler.

    Der Rektor dort freut sich bestimmt, dass Frass in 2020 eine Studie publiziert hat, in der es nicht mit rechten Dingen zugeht, und sich dort immer nach als der MedUni Wien zugehörig bezeichnet.

    Bei den Co-Autoren sind ja auch ganz honorige Leute dabei. Da gehe ich auch von einer gewissen Gruppendynamik jetzt aus.

    Und ja, ich träume von einem zweiten Nieber/Süß-Skandal:

    http://www.xy44.de/belladonna/presse/index.html

  8. Das wird ja immer peinlicher mit der Homöopathie und ihren Vertretern.

    Ich hab langsam den Eindruck, die radikalisieren sich ähnlich wie die Querdenkerszene. Je stärker die Fakten und die gesellschaftliche Resonanz (Medien, Politik etc.) gegen die Homöopathie sprechen, desto größer ist der Wunsch eine Erklärung zu finden.

    Dabei wird gern mal verschwörungstheoretisch geschwurbelt, die bösen Skeptiker und die böse Pharmaindustrie. Und man schreckt vor dem Missbrauch wissenschaftlicher Methoden nicht zurück. Die Fakestudie oben ist doch der peinliche Versuch, die wissenschaftliche Anerkennung zu erlangen, die sie glauben verdient zu haben. Das ist Ideologie und keine Wissenschaft.

    Peinlich, aber der Verfall der Homöopathieideologie schreitet voran. In 100 Jahren wird man vielleicht darüber lachen, wieso Menschen sich mit wirkungslosen Zucker haben behandeln lassen.

    So wie wir jetzt über Aderlass und Quecksilbertherapie lachen oder innerlich schreien

  9. Das ist so schäbig. Ich arbeite schon einige Jahre im klinischen Bereich und habe einige Onko-Studien mit NSCLC Patienten geleitet.

    Es ist schändlich und offensichtlich, dass hier auf Kosten von schwer kranken Menschen versucht wird, eine völlig unnötige (vielleicht aus Verzweiflung) klinische Studie mit dem Verdacht intensiver Datenmassage zu präsentieren.

    Ich hoffe sehr, dass diese Farce den Beginn des endgültigen Endes der Homöopathie einläuten wird. Wünsche den Mitstreitern viel Erfolg!

  10. Die Studie wurde ambulant durchgeführt, d.h. die Proband*n erschienen alle 9 Wochen zur Konsultation und blieben ansonsten „unkontrolliert“ hinsichtlich Lebensführung, Compliance etc.

    Auch für die Lebenserwartung und das Wohlbefinden einflussreiche „prognostische Faktoren“ wie Partnerschaftsstatus, Wohlstand, Ernährung, Sport etc wurden nicht erhoben. Man verließ sich auf die Segnungen der Randomisierung – mutig bei nur 98 Probanden.

    Diese Vorgehensweise produziert sehr große Biasrisiken, die im Paper allesamt nicht diskutiert werden. Die Erklärung, es sei die Wirkung der Homöopathie, die für den Vorteil hinsichtlich Lebenserwartung und Lebensqualität des entspr. Studienarms verantwortlich ist, ist unter diesen Umständen die unwahrscheinlichste von allen.

    Wie wahrscheinlich ist es denn, dass ein so drastischer Therapieerfolg wie vorliegend behauptet in der bisherigen Erforschung der Homöopathie nicht aufgefallen ist? Wenn man sich auf hochwertige Studien und Reviews beschränkt?

    Dazu kommen die Hinweise auf Schönung der veröffentlichten Daten und, vom INH bisher nicht thematisiert, offensichtlich unsorgfältige Arbeitsweise, vulgo Schlampigkeit.

  11. @2xhinschauen

    Ist die Konsultation im Abstand von 9 Wochen üblich? Ist eine monatliche Abfrage nicht angezeigt?

  12. @ Carsten Ramsel

    Bin kein Mediziner, d.h. ich kann die Frage nicht kompetent beantworten. Die eigentliche Behandlung der Probanden war ja eine Chemotherapie, und die findet i.a. ja auch ambulant statt und m.W. in Neun-Wochen-Zyklen.

    Mein Punkt war ein anderer: Durch das „ambulante“ Studiendesign und zusätzlich die vielen Einflussfaktoren, die aus unbekannten Gründen nicht erhoben wurden, gibt es auch ohne eine nachträgliche Anpassung der Ergebnisse so viele andere (undiskutierte) Erklärungen für die Studienergebnisse, dass die Studie einfach wertlos ist: Man sieht den Ergebnissen nicht an, wo sie herkommen.

    Die von den Autor*n vertretetene These ist die unwahrscheinlichste von allen.

  13. @2xhinschauen

    Das klingt für mich danach, dass der Prof. Frass & Co. und noch nie etwas von Ockhams Rasiermesser gehört oder gelesen haben, Denn sonst hätte ihnen auffallen müssen, welche Schieflage die Studie hat.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ockhams_Rasiermesser

  14. @ RPGNo1
    Meine Vermutung (unter der Voraussetzung, dass die Studie tatsächlich nachträglich manipuliert wurde):

    Frass weiß sehr genau, welches Bild die Studie abgibt. Schließlich hat er selber dafür gesorgt.

    Weiter gehe ich davon aus, dass Frass nicht so dumm ist, davon auszugehen, dass sich das niemand genauer ansieht. Er musste also damit rechnen, dass das auffliegt.

    Das ist aber egal, da die Studie bereits veröffentlicht wurde und in Homöopathiekreisen begeistert aufgenommen wurde. Und nur das zählt, auch wenn sie später korrigiert/zurückgezogen werden sollte.

    Das geht unter, bzw. interessiert niemanden mehr, dem diese Studie gefällt. Sie wird weiter zitiert werden.

    Schlechtes Vorbild: Wakefields Autismus-Fake. Der geisterst immer noch herum, obwohl schon längst zurückgezogen.

  15. Was mich noch interessieren würde, welches Prinzip der Homöopathie lt. Dr. Frass hier zur Anwendung gekommen ist?

    Gleiches mit Gleichem? Aber was?

    Krebs mit verdünnten Krebszellen bekämpfen, kann es ja wohl nicht sein. Und das ganze Potpourri von Q(!) Potenzen (1:50000 Schritte!) in 15% Ethanol möchte vermutlich zu einer besserne QoL beitragen, die wohl nicht am nicht mehr existenten Homöopathischen Mittel liegt, sondern am Lösungesmittel (?).

    Dazu hätte ich gerne eine Erklärung.

  16. Die Analyse von Frass‘ Studie hat es auch auf Edzard Ernst Blog geschafft.

    https://edzardernst.com/2021/06/a-thorough-analysis-of-prof-m-frass-recent-homeopathy-trial-casts-serious-doubts-on-its-reliability/

    Ich bin gespannt, wann die englischsprachigen Homöopathiefans dort zur Verteidigung auflaufen werden.

    Oder auch ein gewisser Bauingenieur und Homöopath aus Bayern, der auch schon GWUP-Blog aufgeschlagen ist, aber sich jetzt darauf verlegt hat, mit haarsträubenden Argumenten bei Edzard Ernst aufzutauchen, um seine Religion zu verteidigen.

  17. Wenn die Studie offen kundig solche Mängel aufweist, wieso wurde sie veröffentlicht? Kommt eine Gefälligkeit im Peer Review in Frage?

  18. @ Philipp Temel

    Das Paper geht hinsichtlich der homöopathischen Behandlungen nicht sehr ins Detail. Aus den Tabellen geht hervor, dass die 98 Proband*n insgesamt 392 Verschreibungen von insgesamt 98 verschiedenen Präparaten erhalten haben, und zwar bunt durch die Bank C-, D-, LM- und Q-Potenzen.

    Wer das für ein Methodendurcheinander hält, findet Bestätigung darin, dass sich die Autor*n ausweislich des Literaturverzeichnisses sowohl auf Hahnemann (wird „genuine“ Homöopathie genannt) als auch auf Kent („klassische“ Homöopathie) berufen, deren Lehren sich z.T. fundamental widersprechen. Im Homöopedia-Artikel „Klassische Homöopathie“ findet sich eine detaillierter Vergeich der beiden Lehrgebäude:

    https://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Klassische_Homöopathie#Zusammenfassender_Vergleich_mit_der_genuinen_Hom.C3.B6opathie

  19. In der ORF-Fernsehreihe „Meryns Sprechzimmer“ gab es am 8.6. wieder ein schlechtes Beispiel in Sachen „false balance“, d.h. die Diskussion einer Homöopathin mit einem Skeptiker, in diesem Fall der „Stiftung Gurutest“- und Buchautor Christian Kreil.

    Ich frage mich ja immer, ob die Sender solche Formate auch über die Flache Erde oder Chemtrails etc machen und mit „Experten“ dieser Disziplinen bestücken würde.

    Wir wissen jetzt immerhin, dass die Homöopathie alle Kriterien der evidenzbasierten Medizin erfüllt und warum die MedUni Wien sie trotzdem rausgeworfen hat (bei etwa 21:00), nämlich aufgrund einer „Kampagne der Skeptiker“, einer „geschlossenen und höchst suspekten Gruppierung“.

    Allein der Gesichtsausdruck von Herrn Kreil an dieser Stelle ist das gesamte Video wert :-) Erfreulicherweise wagt der Moderator an dieser Stelle Widerspruch.

    Wir wissen jetzt auch, dass es „tausende“ hervorragende Studien zugunsten der Homöopathie gibt, zum Beispiel eine ganz aktuelle von Prof. Frass – die hat die Dame sogar ausgedruckt mitgebracht (etwa bei 23:00). Tja.

    https://tvthek.orf.at/profile/MERYNS-sprechzimmer/12486668/MERYNS-sprechzimmer-Alternativmedizin-Wirklich-alles-nur-Placebo/14095018

    Ich weiß nicht, wie lange das online ist.

  20. @2xhinschauen:

    Noch fünf Tage.

  21. @2xhinschauen

    Du hast einen wichtigen Punkt (ab 21:00) vergessen: Selbstverständlich durfte ein Bashing von Edzard Ernst unter Verwendung von den typischen Vorwürfen der Homöopathielobby, an denen nichts dran ist, nicht fehlen.

  22. @ RPGNo1

    Du hast recht, und es gab noch mehr Highlights. Aber ich wollte ja kein Protokoll schreiben :-)

  23. „Wissenschaftliche Sensation oder Betrug? Studie zu Homöopathie bei Lungenkrebs am Prüfstand“:

    https://www.derstandard.at/story/2000127344797/wissenschaftliche-sensation-oder-betrug-studie-zu-homoeopathie-bei-lungenkrebs-am

  24. „Evidenzbasierte Medizin und Homöopathie (I) – Die “reine Empirie”

    https://keineahnungvongarnix.de/?p=7649

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