gwup | die skeptiker

… denken kritisch seit 1987.

Scharlatane haben praktisch Narrenfreiheit: Interview mit Jutta Hübner in der „Welt“

| Keine Kommentare

Heute in der Welt (und online bei Welt+): ein großes Interview mit der INH-Leiterin und -Sprecherin Prof. Jutta Hübner:

Die Professorin für Integrative Onkologie am Universitätsklinikum Jena kündigt darin eine Leitlinie zu alternativen Verfahren in der komplementären Therapie von Krebs an, denn:

Komplementäre und alternative Medizin wird bei Krebspatienten sehr häufig angewendet. Das geschieht aber oft nicht auf der Grundlage von gesicherten Informationen, sondern eher aus dem Bauch heraus. Häufig auch ohne ärztliche Anleitung – beispielsweise bei Heilpraktikern, Heilern oder eigenständig auf Basis von zweifelhaften Informationen aus dem Internet. Hier besteht aber durchaus ein Risiko, denn alternative Medizin kann den Patienten auch erheblich schaden.

Wir werden in der Leitlinie erstmals eine Übersicht darüber geben, was überhaupt wissenschaftlich gesichert und sinnvoll ist und welche Risiken bei einzelnen Methoden bestehen. Das gibt es bisher in diesem Umfang noch nicht – es ist aber extrem wichtig, sowohl für die Patienten als auch für die ärztliche Beratung.

Nach der Bewertung einiger „alternativer“ Verfahren …

  • Homöopathie: „Hat in der Behandlung von Krebs nichts verloren, zerstört das Vertrauen zwischen Ärzten und Patienten.“
  • Mistel: „Im Vergleich zu Placebos kein Überlebensvorteil für die Patienten.“
  • Aprikosenkerne: „Lebensgefährlich für unsere Patienten.“
  • Orthomolekulare Medizin: „Definitiv keine Anhaltspunkte dafür, dass man damit Krebs heilen kann.“

… geht es in dem Gespräch auch um das „Heiler“-Unwesen:

Welt: Eigentlich könnte man juristisch dagegen vorgehen, wenn man durch so eine Behandlung geschädigt wurde. In der Praxis scheint das aber nicht so einfach.

Hübner: Das ist genau der Grund, warum Sie sich in der Onkologie so gut als Scharlatan halten können: Sie haben nie ein Problem.

Wenn der Patient rechtzeitig merkt, dass das Verfahren nicht wirkt, dann geht er einfach zu einem anderen Therapeuten. Wenn er es nicht rechtzeitig merkt, dann ist oft die restliche Lebenszeit zu kurz und zu schade für einen kräftezehrenden Gerichtsprozess.

Und im Zweifelsfall – wenn beispielsweise so ein Vertrag unterzeichnet wurde – auch kaum Erfolg versprechend und verbunden mit einem extrem hohen finanziellen Risiko. Viele Patienten schämen sich auch dafür, dass sie sich haben täuschen lassen, und hängen das nicht an die große Glocke.

Welt: Das hört sich unbefriedigend an.

Ja, leider ist das so. Scharlatane haben in Deutschland praktisch Narrenfreiheit. Da sind die Patienten auf sich alleine gestellt, sich rechtzeitig durch gute Informationen zu schützen. Das ist eigentlich ein Dilemma – es müsste andere Organisationen geben, die gegen diese Leute vorgehen. Auch wenn einige Verbraucherschützer schon sehr gute Arbeit leisten.

Welt: Wie kann es sein, dass einige Menschen in Heilberufen dermaßen das Berufsethos missachten?

Ich glaube, es gibt da zwei Gruppen von Menschen. Der einen Gruppe ist tatsächlich egal, was sie damit anrichtet, solange es profitabel ist.Die weit größere Gruppe glaubt tatsächlich, dass ihre Methode funktioniert und hat dann moralisch auch kein Problem damit, dafür Geld zu nehmen.

Zum Weiterlesen:

  • Welche alternativen Mittel bei Krebs helfen – und welche eher schaden, Welt+ am 1. Juli 2020
  • Alternative Medizin: Keine Alternative bei Krebs, Dtsch Arztebl 2020; 117(10): A-498 / B-427
  • „Der Einsatz homöopathischer Mittel in der Onkologie verbietet sich“, GWUP-Blog am 1. Oktober 2019
  • Das vermeintliche Mistel-Wunder: Der Masterplan der Anthroposophie, MedWatch am 3. Dezember 2019
  • Krebsforscher: “Finger weg von komplementären Verfahren”, GWUP-Blog am 7. Januar 2015
  • Homöopathie und Krebs, GWUP-Blog am 23. Oktober 2019
  • Chemophobie, Aprikosenkerne und andere Krebsmythen, GWUP-Blog am 3. Februar 2019
  • Verschwörungsmythen rund um Krebs im „Skeptiker“, GWUP-Blog am 20. März 2019
  • Homöopathie, Ganzheitlichkeit und die sprechende Medizin, GWUP-Blog am 20. April 2013

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.