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Nostradamus: Das „Wesen, halb Schwein, halb Mensch“ – ein Soldat mit Gasmaske im Krieg?

Ein großer Schreckenskönig, der vom Himmel herabsteigt (Vers X/72).

Ein Wesen, halb Schwein, halb Menschenkind (I/64).

Ein Regen aus Milch, Blut und Fröschen (II/32).

Bestien, wild vor Hunger (II/24).

Zwei Monster mit zwei Köpfen (IX/3).

In den “Centurien” des Nostradamus finden sich zahlreiche mysteriöse Bilder, die aktuellen Horrorfilmen entsprungen sein könnten. Die Interpreten des großen “Sehers” lassen sich von diesen Metaphoriken regelmäßig dazu verleiten, ihrer verunsicherten Leserschaft angsteinflößende Deutungen aufzutischen, zum Beispiel

  • Großer Schreckenskönig = Endzeit-Impakt eines riesigen Kometen (Alexander Tollmann)
  • Wesen, halb Schwein, halb Menschenkind = Soldat mit Gasmaske (Focus-Online)
  • Regen aus Milch, Blut und Fröschen = Krieg auf dem Balkan. Und eine Seuche, radioaktive Verstrahlung (Kurt Allgeier)
  • Bestien, wild vor Hunger, durchschwimmen den Fluss = Bären (Russen) auf ihrem Weg nach Westen und Süden, Schlussphase des Zweiten Weltkriegs (Jean-Claude Pfändler)
  • Zwei Monster mit zwei Köpfen = zwei Banden oder Parteien (Kurt Allgeier)

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Tatsächlich handelt es sich dabei um bekannte Motive aus der Prodigienliteratur, die ab der Renaissance wieder großes Interesse fand:

Nachdem der Vorzeichenglaube in der Antike – vor allem bei den Römern – einen ersten Höhepunkt erlebt hatte, erhielt er im 16. Jahrhundert neuen Aufschwung.

Ob Nordlichter, Nebensonnenerscheinungen, Sonnenfinsternisse, Kometen, Kornregen, Blutwunder, Wunderbrunnen, Geistererscheinungen, Auferstehungen, Missgeburten und so weiter. Sie alle sorgten bei den Menschen der Frühen Neuzeit für Angst und Schrecken, da sie als Zeichen Gottes galten, der die Menschen für ihre Sünden bestrafen und vor größerem Unheil warnen möchte.”

Von humanistischer Bildung durchwirkt und zugleich Sprachrohr der prophetischen Tradition rankte Nostradamus viele seiner Verse um solche Wunderzeichen, die er in Beziehung zu Ereignissen seiner unmittelbaren Gegenwart setzte – wie etwa die “Himmelsschlacht” zweier Löwen über Glarus 1547 mit den Kämpfen zwischen Heinrich II. von Frankreich und Karl V.

Als Hauptinspirationsquelle diente ihm De Prodigiis (Liber prodigiorum) des antiken römischen Schriftstellers Julius Obsequens beziehungsweise die Edition von Conrad Lycosthenes (1552).

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Wie kaum ein anderer Autor seiner Epoche hat Nostradamus die prophetische Bedeutung von Prodigien ausgebeutet”,

schreibt Elmar R. Gruber in seiner historisch-kritischen Nostradamus-Analyse:

Bis über die Grenze des Erträglichen hinaus quellen seine Almanache und die Prophéties über von Vorzeichen und Monstern, und dennoch scheinen seine Leser ihrer nie überdrüssig geworden zu sein [...]

In der Auslegung von Prodigien bedient Nostradamus sich des gängigen Interpretationskanons der Tradition. Seine Schreckensankündigungen sind so gesehen nichts Besonderes; sie unterscheiden sich nicht von anderen.

Originell werden sie allein durch überraschende Kombinationen und vor allem durch den Stil, in den er sie verpackte. Überall in seinem Werk sind die Vorzeichen anwesend. Es ist die finstere Poesie der Zeichen, die den Vierzeilern ihren Rhythmus und ihre Faszination verleiht.”

Eines der schlagendsten Beispiele ist Vers I/64, die angebliche Vorhersage des Ersten Weltkriegs:

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Übersetzt:

Die Leute werden meinen, nachts die Sonne gesehen zu haben, wenn man das halb menschliche Schwein sehen wird, wenn man Zeuge eines Getöses, Gesangs und eines am Himmel kämpfenden Heeres sein wird und wenn man wilde Tiere sprechen hören wird.”

Auch der Deutschlandfunk steigt mit diesem Rätselgedicht in die heutige Berichterstattung zum 450. Todestag des “Propheten” ein.

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Aber lässt dieser Quatrain wirklich zuvörderst an “eine Leuchtkugel und einen Luftkampf” denken, wie es bei Focus-Online heißt?

Das Wesen in der zweiten Zeile erinnert an einen Soldaten mit Gasmaske und die wilden Tiere, die man am Ende sprechen hört, an Kommandos bellender Offiziere.”

Auch der Münchner Astrologe Kurt Allgeier stimmt in diese Deutung ein:

Vor fast 450 Jahren hat Nostradamus ohne Zweifel eine moderne Luftschlacht gesehen und geschildert. Das Wesen, halb Mensch, halb Schwein könnte der Soldat mit einer Gasmaske oder der Pilot mit einer Sauerstoffmaske sein. Die Nacht ist erhellt durch Leuchtkugeln und Flakfeuer. Die brutalen Bestien sind der Kanonendonner oder Raketen.”

Nichts dergleichen. Sämtliche Motive von I/64 finden sich in der Prodigienliteratur, etwa im “Augsburger Wunderzeichenbuch”.

Die Leute werden meinen, nachts die Sonne gesehen zu haben”

bezieht sich auf einen Kometen:

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 Überdies hat der bibliophile Gelehrte Nostradamus diese Passage offenbar aus dem apokryphen 4. Buch Esra (Kapitel 5, Vers 4) kompiliert:

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Wenn man das halb menschliche Schwein sehen wird”

gehört zur Wunderzeichen-Kategorie “Missgeburten und monströse Kreaturen”:

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 In der literarischen Vorlage, dem liber prodigiorum von Julius Obsequens, ist von einem “Schwein mit menschlichen Händen und Füßen” die Rede (und ebenfalls von einer nächtlichen Sonne):

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Sogar festgenommen wurde ein solches Wesen laut Augsburger Wunderzeichenbuch um 1552 bei Salzburg:

Augsburger_Wunderzeichenbuch_—_Folio_123-_„Monster_bei_Salzburg_festgenommen_worden“

 

Wenn man Zeuge eines Getöses, Gesangs und eines am Himmel kämpfenden Heeres sein wird”

beschreibt eine symbolische Himmelsschlacht, die man aus dramatischen Wolkenformationen herauslas und die Nostradamus in einem ähnlichen Vers (IV/43) zum Beispiel als Vorbote eines Glaubenskampfes deutet:

Seront ouys au ciel les armes battre (Man wird im Himmel Waffen kämpfen hören, im selben Jahr werden die Feinde des Göttlichen unrechtmäßig die heiligen Gesetze bekämpfen wollen)”

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 Auch bei solchen “Himmelsschlachten” handelt es sich um uralte prophetische Wandersagen, die sich sowohl bei Julius Obsequens finden

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als auch in den Sibyllinischen Weissagungen:

In den Wolken ihr schauet den Kampf von Fußvolk und Reitern, wie eine Hetzjagd auf Wild, vergleichbar Nebelgebilden.”

Kommen wir zum letzten Satz von Vers 64 der ersten Centurie:

Und wenn man wilde Tiere sprechen hören wird.”

“Wundersame” (darunter auch sprechende) Tiere wie dieser Fisch (r.) zählten ebenfalls zum Inventar der Prodigien:

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Kurzum: Die angebliche Voraussage des Ersten Weltkriegs in I/64 der “Centurien” ist nichts weiter als eine Sammlung von Vorzeichen, anscheinend ohne konkreten Zweck – und typisch für die “absonderliche, befremdliche und faszinierende Poesie” des Nostradamus.

Genau so verhält es sich auch mit der übrigen Gruselsymbolik der Quatrains:

Der große Schreckenskönig”

Ein Nostradamus’scher Neologismus für eine Sonnenfinsternis, die als Vorbote von Unglück und Not gedeutet wurde.

Bestien, wild vor Hunger, durchschwimmen den Fluss”

Wundergeschöpfe, wie sie in den Prodigien häufig als “grimmiges, zerreisendes und Leut-fressendes Thier” auftauchen und die von Gott geschickt wurden, “dass wir unsere Sünde erkennen, bekennen, ware reu und leyd darüber haben”:

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Zwei Monster mit zwei Köpfen”

Damalige Flugschriften berichteten zum Beispiel von einem Kalb “mit zweyen Köpffen” oder von einem “tweköppich Kalff” und vielen ähnlichen Missgeburten, die man zur Diagnose der sozialen, kulturellen und politischen Lage heranzog. Aus Nostradamus’ Almanachen und von seinem Biografen Jean Aymé de Chavigny wissen wir, dass der Renaissance-Gelehrte 1554 selbst Zeuge der Geburt einer Ziege mit zwei Köpfen in Aurons in der Nähe seiner Heimatstadt Salon wurde.

Aber auch Menschen mit zwei und mehr Köpfen sind im Wunderzeichenbuch und in der übrigen Prodigienliteratur abgebildet: “Die vielen Köpfe werden als Hinweis auf Zerrüttung im geistlichen und weltlichen Regiment interpretiert.”

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Regen aus Milch, Blut und Fröschen”

Ein klassisches “warzeichen” für “krieg und blutvergiessen:

Augsburger_Wunderzeichenbuch_—_Folio_81-_„Blut-_und_Fleischregen“

Zum 450. Todestag des “Sehers” können wir mit Elmar R. Gruber festhalten:

Mit Nostradamus haben wir einen Propheten verloren, aber [...] einen Dichter gewonnen.”

Seine vordergründig rätselhaften Motive, die allegorischen Bilder und verschleierten Hinweise waren gut gewählt – und faszinieren bis heute:

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 Zum Weiterlesen:

  • Entschlüsselt: Die prophetische Visitenkarte des Nostradamus – der Turniertod von Heinrich II., GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Prodigienliteratur in der frühen Neuzeit, historicum am 24. September 2007
  • Wunderzeichenberichte von der Antike bis zur frühen Neuzeit, wunderzeichen.de
  • Feuer und Fluten: Buch aus 16. Jahrhundert zeigt Endzeitphantasien, Spiegel-Online am 16. Februar 2014
  • Till-Holger Borchert/Joshua P. Waterman: Das Wunderzeichenbuch. Taschen-Verlag, Köln 2013
  • “The Book of Miracles”: Die Welt geht unter! Zeit-Online am 30. Dezember 2013
  • Phantomzeichnungen zur Lösung der Welträtsel, Frankfurter Rundschau am 15. Dezember 2013
  • The Book of Miracles, The New York Review of Books am 1. Mai 2014
  • Michaela Schwegler: Kleines Lexikon der Vorzeichen und Wunder. C.H.Beck, München 2004
  • Der liber prodigiorum des Julius Obsequens (Text Lateinisch-Deutsch)
  • Die Monster in der Prodigien-Literatur des Fortunius Licetus im 17. Jahrhundert, Phlebologie 5/2015
  • Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst, GWUP-Blog am 15. Juni 2016
  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • Elmar R. Gruber: Nostradamus. Scherz, Bern 2003
  • Die unglaublichen Weissagungen des Nostradamus, Astrodicticum simplex am 19. August 2015
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010
  • Strophen des Schauderns: Vor 450 Jahren starb der düstere Prophet Nostradamus, sonntagsblatt am 28. Juni 2016
  • Nostradamus: Die Angst geht um, Donauzeitung am 28. Juni 2016
  • Seher, Schwindler oder Dichter? Deutschlandfunk am 2. Juli 2016

Studien-Debatte: Woher wissen wir, was wirkt?

Prof. Harald Walach, der im April seine Abschiedsvorlesung an der Viadrina gehalten hat, diskutiert im Journal of Clinical Epidemiology mit IQWiG-Leiter Prof. Jürgen Windeler über das Verhältnis zwischen der Praxisnähe von Studien und ihrer methodischen Stringenz.

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Im Science-Blog Gesundheits-Check fasst Dr. Joseph Kuhn den Streit zusammen.

Zum Weiterlesen:

  • Praxisnähe versus methodische Stringenz? Ein Streit zwischen Jürgen Windeler und Harald Walach, Gesundheits-Check am 2. Juli 2016
  • Randomisierte kontrollierte Studien bleiben Goldstandard bei der Arzneimittel­bewertung, aerzteblatt.de am 7. Januar 2016
  • Randomisierte kontrollierte Studien: Kritische Evaluation ist ein Wesensmerkmal ärztlichen Handelns, Dtsch Arztebl 2008; 105(11)
  • „Ergebniswäsche“: Detailanalyse des Forschungsreaders Homöopathie der WissHom, GWUP-Blog am 19. Juni 2016
  • Evidenzbasierte Medizin, oder: Wie wir wissen können, was wirkt und was nicht, Skeptiker Schweiz am 26. Mai 2015
  • Abschied von Professor Walach, Psiram am 29. Mai 2016

„Staatliche Waldorfschule“ in Hamburg gescheitert

Der “staatlich-waldorfpädagogische” Schulversuch in Hamburg ist gescheitert.

Nach knapp zwei Jahren zieht sich der „Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik“ aus der Ganztagsschule Fährstraße in Wilhelmsburg zurück, berichtet die taz:

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Und damit nicht genug: Der „Bund der freien Waldorfschulen“ hat der Schule untersagt, die Bezeichnung Waldorf weiterhin zu benutzen.”

Im Hamburger Abendblatt heißt es, “die Unterschiede zwischen den pädagogischen Konzepten hätten sich als zu groß erwiesen”:

Es [gab] Differenzen wegen des Einsatzes von Fachlehrern in Deutsch und Mathematik, was aus Sicht der Waldorfpädagogen in den ersten beiden Klassen nicht erforderlich ist. Auch beim Musikunterricht sollen sich beide Seiten nicht auf ein Konzept geeinigt haben.”

Die Schulbehörde wolle den auf acht Jahre angelegten Versuch fortsetzen – ohne Waldorf-Bezug.

Das Experiment, “Elemente der Waldorfpädagogik” an einer staatlichen Schule zu integrieren (noch dazu in einem sozialen Brennpunkt), war seinerzeit massiv kritisiert worden.

Die GWUP hatte zu einer Podiumsdiskussion eingeladen und Schulsenator Ties Rabe eine Petitionsschrift sowie einen Offenen Brief des Wissenschaftsrats überreicht.

Initiator André Sebastiani schreibt heute bei Wissenschaft & Skeptizismus:

Jetzt zeigt sich, dass unsere Bedenken nicht falsch waren.”

Zum Weiterlesen:

  • Versuch geplatzt, taz am 1. Juli 2016
  • Rückschlag für die Waldorf-Pädagogik in Hamburg, Hamburger Abendblatt am 1. Juli 2016
  • Lernen im „Dreischritt“: Weiß Hamburgs Landesschulrat Rosenboom nicht, was Eso-Schlagworte bedeuten? GWUP-Blog am 27. August 2014
  • “Die anthroposophische Ideologie ist eine Verdummung der Menschen”, Telepolis am 26. November 2013

Entschlüsselt: Die prophetische Visitenkarte des Nostradamus – der Turniertod von Heinrich II.

Was liegt heute am 450. Todestag des großen “Sehers” Nostradamus näher, als sich mit dessen berühmtester Vorhersage zu beschäftigen – seiner “astrologischen Visitenkarte”, wie nicht zuletzt Der Spiegel in einer Nostradamus-Titelgeschichte (53/1981) applaudierte:

Seit dieser prophetischen Glanzleistung war Nostradamus der gemachte Hellseher.”

Welche “prophetische Glanzleistung”?

Sogar nach Ansicht nicht-verhexter Skeptiker hat Nostradamus den Turnier-Tod des Franzosen-Königs Heinrich II. bis in die Details genau vorausgesagt.”

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Das Handelsblatt greift diesen Mythos aktuell wieder auf:

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Es geht um Vers 35 der I. Centurie:

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Übersetzt:

Der junge Löwe wird den alten im Zweikampf auf dem Schlachtfeld besiegen. Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen ausstechen. Von zwei Flotten setzt sich eine durch, dann stirbt [er] einen grausamen Tod.”

So steht es in der Erstausgabe der “Centurien” von 1555.

Am 1. Juli 1559 – bereits vier Jahre später – erfüllte sich dieses Orakel”,

meint der Spiegel unisono mit zahllosen Nostradamus-Fans und -Interpreten weltweit:

Während einer königlichen Hochzeitsfeier fordert Heinrich II. den schottischen Grafen Delorges Montgomery, der ihm als Hauptmann seiner Leibwache dient, spaßeshalber zum Wettstreit mit Pferd und Lanze heraus. Aus der Show wird vor Zeugen ein Unglück: Montgomerys Lanze durchsticht Heinrichs goldenes Visier (“den Käfig”) und tritt in sein königliches Auge ein. Zehn Tage später ist Heinrich tot.”

Überaus tragisch. Was indes Nostradamus hier “bis ins Detail genau vorausgesagt” haben soll, bleibt das Geheimnis der Nostradamiker.

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Vergleichen wir die realen Ereignisse am 30. Juni 1559 mit dem Nostradamus-Vers I/35:

Der junge Löwe wird den alten im Zweikampf auf dem Schlachtfeld besiegen.”

Es gab weder einen “jungen” und “alten” Löwen noch ein “Schlachtfeld”.

Heinrich II. war 40 Jahre alt, sein Gegner Gabriel de Lorges nur sieben Jahre jünger. Gabriel I. de Lorges, Graf von Montgomery, war kein “Löwe” im Sinne eines Herrschers, sondern Hauptmann der Schottischen Garde. Weder er noch Henrich II. hatten einen Löwen als Wappentier.

Das ritterliche Zweikampfspiel war kein Kriegsduell, sondern fand anlässlich der Feierlichkeiten zum Frieden von Cateau-Cambrésis auf der Rue Saint-Antoine in Paris statt.

Im goldenen Käfig wird er ihm die Augen ausstechen.”

Nirgends ist überliefert, dass der König einen goldenen Helm trug (was ein berichtenswertes, weil ungewöhnliches und auffälliges Detail gewesen wäre). Der Lanzensplitter verletzte das rechte Auge, nicht beide.

Weitere entscheidende Punkte:

Nostradamus schickt seinen “Centurien” eine huldvolle Widmung an eben jenen Heinrich II. von Frankreich voraus – seinen “allermächtigsten und unbesiegbaren König von Frankreich”:

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Offenkundig rechnete Nostradamus mit einem langen und ruhmreichen Leben Heinrichs – ganz der prophetischen Tradition verhaftet, die von einem großen Monarchen aus Frankreich kündet, von einem Weltherrscher, unter dessen Führung ein neues Zeitalter beginnt.

Kein Wunder, dass bis zu Nostradamus’ Tod am 2. Juli 1566 niemand auf die obige Deutung von Spiegel und Konsorten kam. Weder in den jährlichen Almanachen, die Nostradamus ab 1549 publizierte, noch in der ersten Nostradamus-Biografie seines Sekretärs und Bewunderers Jean-Aimé de Chavigny aus dem Jahr 1594 (“La première face du Janus françois”) findet sich ein Wort davon.

Der berühmte Quatrain, in dem Nostradamus vorausgesagt haben soll, dass Heinrich II. im Verlauf eines Turniers den Tod finden werde, weil eine Lanze sein Auge durchbohren würde, ist von Zeitgenossen nicht einmal wahrgenommen worden”,

erklärt der französische Historiker Georges Minois in seiner “Geschichte der Zukunft”.

Tatsächlich haben wir es wieder einmal mit einer Nachhersage zu tun.

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Erst 1614 konstruierte César de Nostredame einen Zusammenhang zwischen Vers I/35 und dem Tod von Heinrich II., und zwar in seiner L’histoire et chronique de Provence, die der älteste Sohn des “Sehers” dazu nutzte, um die Familienlegende aufzuhübschen.

Mit Nostradamus’ “astrologischer Visitenkarte” ist es in Wahrheit also nicht weit her.

Bleibt allerdings die Frage: Wenn es in Vers I/35 nicht um den Tod von Heinrich II. geht, worum geht es dann?

Sehr wahrscheinlich um das genaue Gegenteil beziehungsweise um eine bildhafte Fortschreibung der “Epistle to Henry II”.

Der Großteil der vermeintlich so mysteriösen Symbolik in den Nostradamus-Versen entstammt der Prodigien-Literatur, zum Beispiel den Büchern von Conrad Lycosthenes, die kurz vor (1552) und während (1557) Nostradamus’ Arbeit an den “Centurien” herauskamen.

Zu den wichtigsten Prodigienschriften des 16. Jahrhunderts gehört darüber hinaus das “Augsburger Wunderzeichenbuch”, das der Taschen-Verlag 2014 als Faksimileband der Forschung erstmals vollständig zugänglich machte.

Es enthält …

… Illustrationen von wundersamen und oft furchterregenden Himmelserscheinungen, Sternenkonstellationen, Feuersbrünsten, Überschwemmungen sowie anderen Katastrophen und rätselhaften Phänomenen”,

die die Menschen damals als “Vorzeichen” betrachteten.

Dazu zählten auch symbolische Himmelsschlachten, also Kampfszenen, die man aus dramatischen Wolkenformationen herauslas und aus denen man Prognosen für den Ausgang realer Kriege auf der Erde ableitete:

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Dem “Augsburger Wunderzeichenbuch” verdanken wir denn auch den entscheidenden Hinweis zur Lösung von Vers I/35:

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Dieses “Wunderzeichen” einer Himmelsschlacht zwischen zwei Löwen und ihren Armeen wurde erstmals im Jahr 1547 beschrieben – dasselbe, in dem Nostradamus sich nach Studium und ausgedehnter Wanderschaft in Salon de Provence niederließ und anfing, sich seinem Hauptwerk zu widmen.

Nostradamus nahm dieses Omen zum Anlass, um seinem König Heinrich II. einen baldigen Sieg über den Erzfeind Karl V. zu “prophezeien” (= zu wünschen), den spanischen König und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, dessen (spanisches) Wappen sowohl einen Löwen als auch einen “goldenen Käfig” zeigt:

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1555, als die ersten 353 Vierzeiler erschienen, war Heinrich II. mit 36 Jahren der “junge” und Karl V. mit 55 Jahren der “alte” Löwe, die auf dem Schlachtfeld um die Vorherrschaft in Mitteleuropa kämpften.

Wie penetrant Nostradamus dieses Thema in den “Centurien”verfolgt, belegen zahlreiche weitere Verse ähnlichen Inhalts, insbesondere VI/70:

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Übersetzt:

Der große Chiren wird Führer der Welt sein: „noch weiter“, danach geliebt, gefürchtet, geachtet: Sein Ruf und Lob wird die Himmel übersteigen, und er wird sich mit dem einzigen Titel „Sieger“ begnügen.”

Der historisch-kritische Nostradamus-Experte Elmar R. Gruber schreibt dazu:

Chyren (oder Chiren) ist ein Anagramm für Henric, wie man den Namen Henri (Heinrich) im provenzalischen Dialekt der Heimat von Nostradamus schrieb. Der Vierzeiler ist ein Lobgesang auf König Heinrich II.

Frech bemächtigt sich Nostradaus hier in aller Klarheit der Devise Kaiser Karls V. (“noch weiter”) und schreibt sie nun seinem König zu.

In seinen Augen ist er der auserwählte Herrscher der Welt, der geliebt und gefürchtet werden wird, dessen Autorität aber so überzeugend sein wird, dass er sich allein mit dem Titel eines Siegers zufriedengeben wird.”

Und womit Nostradamus sich anno 2016 zufrieden geben muss, ist der Titel eines Bestseller-Autors der frühen Neuzeit – nichts weiter.

Zum Weiterlesen:

  • Nostradamus: Das „Wesen, halb Schwein, halb Mensch“ – ein Soldat mit Gasmaske im Krieg? GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst, GWUP-Blog am 15. Juni 2016
  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • James Randi: The Mask of Nostradamus: The Prophecies of the World’s Most Famous Seer. Prometheus Books, Amherst 1993
  • Elmar R. Gruber: Nostradamus. Scherz, Bern 2003
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010
  • Strophen des Schauderns: Vor 450 Jahren starb der düstere Prophet Nostradamus, sonntagsblatt am 28. Juni 2016
  • Die Angst geht um, Donauzeitung am 28. Juni 2016
  • Der Pestarzt und seine Visionen, Handelsblatt am 1. Juli 2016
  • Die Lust am Untergang, Frankfurter Neue Presse am 1. Juli 2016
  • Nostradamus 450. Todestag: Hinterher ist man immer schlauer, heute.de am 2. Juli 2016
  • Seher, Schwindler oder Dichter? Deutschlandfunk am 2. Juli 2016
  • Nostradamus wusste, wann es wirklich Dunkel wird, Welt-Online am 2. Juli 2016

SitP in Köln: Lydia Benecke über „Satanistenmorde“ und rituellen Missbrauch

Am Dienstag (5. Juli) ist die Kriminalpsychologin Lydia Benecke zu Gast bei Skeptics in the Pub Köln:

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Die Veranstaltung im Herbrand’s beginnt um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Zum Weiterlesen:

  • Satanistenmorde bei Hoaxilla, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Buchrezension: Satanismus und ritueller Missbrauch, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Was sind und tun eigentlich Satanisten? Ein Interview, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Satansopfer: Fakt oder Fantasie? GWUP-Blog am 18. Februar 2010
  • Falsche Erinnerungen an Missbrauch und Aliens, GWUP-Blog am 26. Oktober 2013
  • A Brief History Of “Satanic Panic” In the 1980s, io9 am 20. Januar 2015
  • Dan and Fran Keller: Innocence denied, viewpoints.blog am 22. Mai 2015
  • Remember the Satanic Panic, Real Clear Religion am 9. Januar 2013
  • Remembering Dangerously, Skeptical Inquirer Volume 19.2, March/April 1995
  • Beelzebubs Tochter, Vice am 30. April 2012
  • The “Satanic Panic” of the 1980s, Stuff You Should Know-Podcast vom 5. Januar 2016
  • Conviction of Things Not Seen: The Uniquely American Myth of Satanic Cults, Pacific Standard am 8. September 2015
  • Revisiting America’s Satanic Panic: When Heavy Metal and the Devil Himself Stalked the Earth, noisey am 3. Juli 2015
  • How Satanic Panic Worked, How Stuff Works am 24. Juni 2015
  • Elizabeth Loftus: Die Fiktion der Erinnerung, TED-Video Jun 2013
  • Elizabeth Loftus: The Memory Factory, Youtube-Video vom 14. Mai 2015
  • SkepKon-Video: Lydia Benecke über “Satanistenmorde” und rituellen Missbrauch, GWUP-Blog am 1. November 2015

Globuli ins Süßwaren-Regal

Neuer Artikel beim INH:

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Homöopathika sollten keine lateinischen Bezeichnungen mehr tragen und von der Apothekenpflicht ausgenommen werden. Gegen einen Verkauf in der Süßwarenabteilung im Supermarkt haben wir nichts einzuwenden.”

 Zum Weiterlesen:

  • CDU-Politikerin sieht Regelungsbedarf bei der Homöopathie, GWUP-Blog am 19. März 2014
  • „Homöopathiefreie Apotheke” – fernab von jeder Realität? GWUP-Blog am 1. Oktober 2015
  • Ich wünsche mir das Gute. Aber gibt’s das auch ohne Esoterik? Gesundheits-Blog am 3. März 2014
  • Kakerlake oder Blatta orientalis? apotheke adhoc am 25. April 2014
  • Homöopathische Mittel gehören ins Süßwaren-Regal, Süddeutsche am 21. März 2016
  • Globuli raus aus Apotheken, GWUP-Blog am 18. Juni 2014
  • Professoren sorgen sich um „deutsches Apothekenwesen“, DAZ-online am 12. Dezember 2013
  • The intriguing case of homeopathy in India, edzardernst am 30. Juni 2016
  • Helios abandons “homeopathic vaccines”, edzardernst am 28. Juni 2016

Verschwörungstheorien: Teilnehmer für Online-Umfrage der Uni Wuppertal gesucht

Studierende der Bergischen Universität Wuppertal suchen “dringend” Teilnehmer für eine Forschungsarbeit.

Die Studie untersucht den Zusammenhang zwischen dem Glauben an Verschwörungstheorien, visueller Vorstellungskraft und Ambiguitätstoleranz im Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Themen.

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Die Teilnahme an der Studie erfolgt anonym und die Ergebnisse sind zu keinem Zeitpunkt auf einzelne Versuchsteilnehmer zurückzuführen. Insgesamt nimmt die Bearbeitung etwa 30 Minuten in Anspruch.

Hier geht’s zum Fragebogen.

Zum Weiterlesen:

  • Wie starb Elisa Lam? Von offenen Fragen zu Verschwörungsmythen, GWUP-Blog am 1. Juli 2016

Interview mit Anousch Mueller: Sollten wir uns den Besuch beim Heilpraktiker künftig sparen?

Bei Edition F (ein digitales Lifestyle-Business-Magazin für Frauen) ist ein Interview mit Anousch Mueller zu ihrem “Unheilpraktiker”-Buch erschienen:

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Edition F: Auch im Bereich der Medizin gibt es die gesellschaftliche Tendenz, Dinge „von früher“ als besonders qualitätsvoll und erstrebenswert anzusehen, Stichwort Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Woher rührt das? Ist das so eine „Früher war alles besser’-Einstellung, die auch auf den Bereich Gesundheit übergreift?

Anousch Mueller: Ja, ich habe das Gefühl, die Leute hängen tatsächlich einer Art medizinischer Nostalgie an.

,Das benutzen die Leute schon seit tausenden von Jahren’, heißt es dann, aber: Was bedeutet das eigentlich? Wenn man das kritisch hinterfragt: Früher hatten die Leute eine Lebenserwartung von 30 Jahren, ein Großteil der Kinder sind vor dem ersten Geburtstag gestorben, die Menschen sind elend krepiert an Krankheiten, die sich heute wunderbar verhindern lassen.

In China ist man meines Wissens sehr froh, über eine moderne Schulmedizin zu verfügen, TCM läuft da eher so wellnessmäßig nebenher.

Wir sind historisch zu wenig gebildet. Die Versprechung ,Das haben schon unsere Vorfahren vor  Jahren gemacht’ ist eine Verheißung, ein Slogan, aber eigentlich eine ziemlich leere Worthülse. Da werden alte Zeiten beschworen, und da muss man wirklich sagen: Das sind Zeiten, in denen Not und Elend geherrscht haben, in denen eine Geburt ein Todesrisiko für Mutter und Kind darstellte.

Wenn ich heute richtig schlimme Kopf- oder Zahnschmerzen habe, dann kann ich ein Schmerzmittel nehmen und es geht mit sofort besser, und ich frage mich: Wie haben die armen Menschen das früher ohne ausgehalten? Das muss man sich mal bewusst machen.

Für mich ist das Zurückgreifen auf solche Prozeduren auch ein Wohlstandsphänomen: Wir sind hier so gut versorgt wie fast nirgendwo sonst auf der Welt. Vielleicht müsste man mal einen Geflüchteten fragen, der aus einem Kriegsgebiet kommt: Ich glaube, der ist ganz froh, wenn er hierher kommt und weiß, dass sein Kind hier schulmedizinisch versorgt und geimpft wird.

Das kann man sich ruhig ab und zu mal ins Bewusstsein rufen, das rückt die Dinge wieder ein bisschen zurecht.“

Zum Weiterlesen:

  • Sollten wir uns den Besuch beim Heilpraktiker künftig sparen? Gespräch mit einer Skeptikerin, editionf am 27. Juni 2016
  • Skeptiker-Interview mit Anousch Mueller, GWUP-Blog am 14. Juni 2016

Leonardo und Quarks und Co: „Verschwörungstheorien“ im Radio und im Fernsehen

Auch im WDR5-Magazin “Leonardo” gab es diese Woche – in der Sendung vom 28.6. – einen Beitrag über Verschwörungstheorien im Internet (ab 6:45):

WDR

Das “Quarks und Co”-Video ist mittlerweile online, in der ARD-Mediathek und bei Youtube:


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

  • „Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter, GWUP-Blog am 15. März 2016
  • Verschwörungstheoretiker sind eine politische Gefahr – vor allem, wenn sie so mächtig sind wie Donald Trump, Sektenblog am 4. Juni 2016
  • The truth behind your Orlando shooting hoaxes, theories and conspiracies, Washington Post am 16. Juni 2016
  • Verschwörungs-Theorien: Warum Deutschland eine Firma und kein Staat ist, Berliner Zeitung am 29. Juni 2016
  • Monitoringbericht 2015/16 der Amadeu Antonio Stiftung: Rechtsextreme und menschenverachtende Phänomene im Social Web
  • Chemtrails: Online-Petition gegen Himmelfotos in Hotel, futurezone am 29. Juni 2016

Klimawandel und Energiewende: Harald Lesch prüft das Parteiprogramm der AfD

Vor kurzem erging in einem (nicht veröffentlichten) Kommentar zu diesem Beitrag der Wunsch an uns, wir möchten uns doch mal unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten mit dem Parteiprogramm der AfD beschäftigen.

Das hat Prof. Harald Lesch für uns übernommen:


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

  • Die Anti-Wissenschafts-Partei, Süddeutsche am 2. April 2016
  • Faktencheck zum AfD-Grundsatzprogramm, klimafakten am 22. Juni 2016
  • Was sagt die AfD zum Klimawandel? Was sagen andere Parteien? Und was ist der Stand der Wissenschaft? klimafakten
  • Energieausschuss der AfD: Sammelbecken der Klimaskeptiker, taz am 27. September 2013
  • AfD: Die Anti-Professorenpartei, Zeit-Online am 7. Juli 2016




NEU: Skeptiker 3/2016

SKEPTIKER 3/2016

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