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Butter: Jeder Dritte glaubt an Verschwörungstheorien

Die Kernaussagen unseres Skeptiker-Interviews mit dem Tübinger Amerikanistik-Professor Michael Butter finden sich heute auch in der Neuen Osnabrücker Zeitung wieder:

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Ein Auszug:

NOZ: Worin sehen Sie die Gefahr von den Verschwörungstheorien? Werden die Menschen dadurch radikalisiert?

Butter: Einerseits können Verschwörungstheorien die Menschen dazu motivieren, gewalttätig zu werden. Ein bekannter Fall ist Anders Breivik, der in Norwegen ein verschwörungstheoretisches Manifest ins Netz gestellt hat, ehe er die 77 Menschen auf Utøya tötete. Verschwörungstheorien sind darüber hinaus dann problematisch, wenn sie sich gegen sozial Schwache und ohnehin schon Benachteiligte richten.

Das Hauptproblem besteht aber darin, dass Anhänger das Vertrauen in das politische System verlieren. Deshalb ist es wichtig, sich mit Verschwörungstheorien auseinanderzusetzen, da sie ein guter Indikator dafür sind, dass gesellschaftlich etwas im Argen liegt. Man kann sie daher als einen symbolischen Ausdruck von Ängsten und Problemen verstehen, die eine Gesellschaft umtreiben.

Sie sind eine Spielart des Populismus und entstehen vor allem dann, wenn man das Gefühl hat, dass die Politiker nicht mehr die Interessen des Volkes vertreten, sondern die eigenen.”

Zum Weiterlesen:

  • Interview mit Michael Butter: Jeder Dritte glaubt an Verschwörungstheorien, NOZ am 22. März 2016
  • „Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter, GWUP-Blog am 16. März 2016
  • Versagen aller Vernunft, derFreitag am 22. März 2016
  • Verschwörungstheorien: Die Faszination der Unvernunft, Berner Zeitung am 20. März 2016
  • Zwischen Hohlwelt und Reptilienhirn: Die schönsten Verschwörungstheorien, lokalkompass am 19. März 2016
  • Warum Verschwörungstheorien so populär sind, Augsburger Allgemeine am 20. März 2016
  • “Lügenpresse”: Die Mutter aller Verschwörungstheorien, NOZ am 20. März 2016
  • Internet-Gerüchte: Auf vielen Seiten werden Lügen und Verschwörungstheorien verbreitet, echo-online am 19. März 2016
  • Wie funktionieren Verschwörungstheorien? SWR 2 am 16. März 2016
  • Wer ist für 9/11 verantwortlich? literaturkritik am 13. Oktober 2015

Werner Bartens: Homöopathie gehört in den Supermarkt

Dr. Werner Bartens über das “Informationsnetzwerk Homöopathie”:

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Zum Weiterlesen:

  • Homöopathische Mittel gehören in den Supermarkt, Süddeutsche am 21. März 2016
  • Professor Walach antwortet auf unseren Brief zu seinem Blogbeitrag, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 20. März 2016
  • Homöopathen in der Defensive: Rechtfertigungsversuche zeigen nur Argumentationslosigkeit, GWUP-Blog am 3. März 2016
  • Homöopathie: Video-Kolumne von Dr. Werner Bartens, GWUP-Blog am 27. April 2013

Impfgegner und Argumente in der „Welt am Sonntag“

Die Welt am Sonntag berichtet heute über den Masern-Prozess und die Impfgegner-Szene:

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Um die “Kommunikation von und mit Impfgegnern” geht es auch bei der SkepKon vom 5. bis 7. Mai in Hamburg.

Den Frühbucherrabatt gibt’s noch bis zum 5. April.

Zum Weiterlesen:

  • Das unlösbare Problem mit den Märchen der Impfgegner, Welt am Sonntag am 20. März 2016
  • Masern-Prozess: Sieg in der Sache, Niederlage in der Form, GWUP-Blog am 16. Februar 2016
  • Ex-Impfgegnerin: “Dann wurde mir klar, wie dumm ich war”, GWUP-Blog am 12. März 2016
  • Es geht weiter: Der Arzt und die Impfgegner Teil V, GWUP-Blog am 12. März 2016
  • Jetzt auf Deutsch: „Immun: Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung“, GWUP-Blog am 1. März 2016
  • Woher die Angst vor dem Impfen wirklich kommt, Welt-Online am 29. Februar 2016
  • “Wir merken nicht, dass Impfungen uns schützen”, GWUP-Blog am 11. Mai 2015
  • Was tun gegen Impfgegner? GWUP-Blog am 18. Februar 2015
  • Neue Studie zur Impfaufklärung: Proaktiv auf die Gefahren der Unterlassung hinweisen, GWUP-Blog am 4. August 2015
  • Soll ich mein Kind impfen lassen? Das sagen die Fakten, Geo-Wissen Gesundheit 3/2016

Eine Dame verschwindet

Die “Entrückung” hat begonnen.

Oder so. Gähn.


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

  • Mysteriöses Ereignis: Frau verschwindet plötzlich während Live-TV-Sendung, Huffington Post am 18. März 2016
  • Frau verschwindet während TV-Sendung, oe24 am 17. März 2016
  • Woman mysteriously ‘disappears’ on live television – and the internet is left scratching its head, Mirror am 17. März 2016
  • Das russische Geisterauto – und die Auflösung, Wahrsagerchecks-Blog am 23. April 2014

Homöopathie und Politik: Norbert Schmacke im Skeptiker-Interview

In der Jungle World findet sich diese Woche ein feiner Artikel über die homöopathischen Zucker-Esoteriker:

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Und für den aktuellen Skeptiker (1/2016) haben wir den Bremer Gesundheitswissenschaftler Prof. Norbert Schmacke zu seinem Buch “Der Glaube an die Globuli” interviewt.

Ein Auszug:

Skeptiker: Eine scharfe Reaktion auf „Der Glaube an die Globuli“ gibt es von dem homöopathischen „Krebsheiler“ Jens Wurster – den Sie allerdings schon in den Anmerkungen Ihres Buches als „unbelehrbar“ bezeichnen. Können Sie auch von belehrbaren Lesern berichten?

Schmacke: Es ist offenbar so, dass sich am ehesten diejenigen zu Wort melden, die entsetzt auf derartige Analysen reagieren. Ich habe aber auch eine ganze Reihe Zuschriften von Lesern erhalten, die sich für die klaren Aussagen und insbesondere den Hinweis auf die Verantwortung der Politik bedanken.

Indirekt habe ich daraus geschlossen, dass angesichts der Popularität von Homöopathie und Co. heute fast eine Angst davor besteht, klar und deutlich zu sagen, was von der Homöopathie zu halten ist.”

Ihr Buch dreht sich nicht mehr um die Frage, ob Globuli Placebos sind, sondern nur noch um die Konsequenzen, die aus dieser belegten Tatsache folgen. Unter anderem fordern Sie, den Begriff der „Besonderen Therapierichtungen“ aus dem Sozialgesetzbuch zu streichen. Wie stehen dafür die Chancen?

Mit Blick auf die bisherigen Auseinandersetzungen zwischen Kritikern der „alternativen“ Heilverfahren und der Gesundheitspolitik in vielen Ländern bin ich erst einmal skeptisch, ob es gelingen kann, die Einsicht zu wecken, dass es wirklich so ist wie in Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“: Der hat ja gar nichts an.

Aber ich bin gespannt, wie unsere verantwortlichen Politikerinnen und Politiker reagieren, wenn sie jetzt direkt darauf angesprochen werden, wie es sein kann, auf der einen Seite das Hohelied der evidenzbasierten Medizin zu singen und auf der anderen Seite am bedingungslosen Bestandsschutz für Homöopathie, Anthroposophie und Phytotherapie festzuhalten.”

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Was müsste denn konkret passieren, damit die absurde Ausnahmeregelung für die „Besonderen Therapierichtungen“ von Politik und Gesetzgeber auf den Prüfstand gestellt oder gar abgeschafft wird?

 Ich denke, zweierlei:

Zunächst müssten die fachkundigen Politikerinnen und Politiker der Aussage zustimmen, dass die doppelte Buchführung in Sachen „Besondere Therapierichtungen“ versus böse Schulmedizin wirklich nicht haltbar ist.

Zweitens, und das ist vielleicht der schwierigere Teil, müssten sie die Mehrheit der Parlamentarierinnen und Parlamentarier davon überzeugen, dass die Angst vor einem Weglaufen der Wählerinnen und Wähler zu anderen Parteien völlig unbegründet ist, da es ja – zur Zeit wohl noch mit Ausnahme der Linken im Bundestag – ein parteiübergreifendes Phänomen ist, einerseits auf die wissenschaftliche Begutachtung der Medizin zu setzen und andererseits auf den Binnenkonsens der Alternativmedizin“.

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Sie beschreiben am Beispiel der Schweiz, wie Druck und Lobbyarbeit über wissenschaftliche Tatsachen und ökonomische Vernunft obsiegen. Wie könnten umgekehrt Homöopathie-kritische Organisationen wie die Skeptiker und engagierte Einzelpersonen auf die Politik einwirken?

 Das Wichtigste ist vielleicht, den entscheidenden Punkt zu treffen, und das ist aus meiner Sicht die Frage der politischen Privilegierung: die ist unhaltbar und auch im politischen Diskurs nicht zu verteidigen.

Wenn Homöopathie, wie Dr. Jens Wurster glaubt, Menschen mit metastasierten Tumoren heilen kann, dann würde sich diese therapeutische Sensation in Windeseile in der Scientific Community herumsprechen und die Kritiker alt aussehen lassen.

Heißt: Wenn etwa Homöopathie nachweisbar funktionieren würde, bräuchte sie überhaupt keinen Schutzzaun, denn dann würde sie in der Evidenzbasierten Medizin aufgehen. Natürlich wissen die nicht ganz Unbedarften dieser Schulrichtungen aber ganz genau, wie wichtig gerade dieser Schutzzaun für sie ist.

Die zweite Auseinandersetzung ist mit den medizinischen Fakultäten, Ärztekammern und Krankenkassen zu führen, die solchen Unsinn mit Nuancen zulassen bis unterstützen. Vor allem die Universitäten müssen in die Pflicht genommen werden, sich auf wissenschaftliche Kriterien zu besinnen, statt auf Popularität zu setzen.

Diese Fronten sind allerdings, das muss man wissen, in der Geschichte der Medizin immer wieder aufgetaucht. Was mir aussichtslos erscheint, ist die Hoffnung, dass man das Vertrauen auf Strohhalme und Magie beenden kann.”

Zum Weiterlesen:

  • “Die Besonderen Therapierichtungen raus aus dem Sozialgesetzbuch”: Interview mit Norbert Schmacke, Skeptiker 1/2016
  • Magischer Kinderglaube, brand eins 1/2016
  • Homöopathie hat keine Zukunft, schon gar nicht in der Krebsbehandlung, GWUP-Blog am 5. Dezember 2015
  • Homöopathie: ein geschlossenes unwissenschaftliches System, GWUP-Blog am 4. November 2015
  • Gesundheitswissenschaftler kritisiert Homöopathie: kein Nutzen, ethisch unvereinbar, GWUP-Blog am 26. Oktober 2015
  • Buch-Tipp: “Der Glaube an die Globuli – Die Verheißungen der Homöopathie”, herausgegeben von Norbert Schmacke, Ratgeber-News-Blog am 20. Dezember 2015
  • DocCheck: „Globuspokus“ raus aus dem Sozialgesetzbuch, GWUP-Blog am 22. Februar 2016
  • Esoterik in Zucker, Jungle World am 17. März 2016

Satanic Panic reloaded: Vortrag von Lydia Benecke in Bielefeld

Am nächsten Samstag (26. März) gibt’s in Bielefeld die Langfassung von Lydia Beneckes Skepkon-Vortrag 2015:

Teufelswerk oder Hexenjagd?”

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Aus der Ankündigung:

Was steckt hinter Satanistenmorde und anderen düsteren Verbrechen?

Bekannt gewordene Kriminalfälle wie die Mordfälle von Witten oder Sondershausen aber auch Medienberichte aus jüngster Zeit wie die “Harry Potter Satanisten” suggerieren:  Potenzielle Killer im Auftrag Satans sind mitten unter uns.

Und sie scheinen der “Schwarzen-Subkultur” zu entstammen – eine These, die unter anderem von der deutschen Politikerin Ursula Caberta vertreten wird.

Sind Gruftis also mordlüsterne “Schläfer im Auftrag des Teufels“? Oder haben Massenmedien, Autoren und übereifrige Sektenbeauftragte auf der Jagd nach Aufmerksamkeit und Einschaltquoten einen Gruselmythos erschaffen, der mit der Realität bestenfalls wage Berührungspunkte hat?

Diesen Fragen geht die Kriminalpsychologin und Straftätertherapeutin Lydia Benecke nach.

Sie geht auf eine Zeitreise zu den Ursprüngen moderner Vorstellungen von “Satans-Verbrechen”. Einige der bekanntesten und tragischsten Fälle dieser Art werden aus psychologischer Sicht neu aufgerollt. Die verhängnisvollen Auswirkungen abergläubischer Überzeugungen von Ermittlern und Juristen werden anhand eines US-Justizskandals dargestellt.

Lydia Benecke zeigt: Hexenjagden gibt es auch heute noch!”

Die Veranstaltung im Movie Bielefeld beginnt um 19 Uhr.

Zum Weiterlesen:

  • Satanistenmorde bei Hoaxilla, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Buchrezension: Satanismus und ritueller Missbrauch, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Was sind und tun eigentlich Satanisten? Ein Interview, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Satansopfer: Fakt oder Fantasie? GWUP-Blog am 18. Februar 2010
  • Falsche Erinnerungen an Missbrauch und Aliens, GWUP-Blog am 26. Oktober 2013
  • A Brief History Of “Satanic Panic” In the 1980s, io9 am 20. Januar 2015
  • Dan and Fran Keller: Innocence denied, viewpoints.blog am 22. Mai 2015
  • Remember the Satanic Panic, Real Clear Religion am 9. Januar 2013
  • Remembering Dangerously, Skeptical Inquirer Volume 19.2, March/April 1995
  • Beelzebubs Tochter, Vice am 30. April 2012
  • The “Satanic Panic” of the 1980s, Stuff You Should Know-Podcast vom 5. Januar 2016
  • Conviction of Things Not Seen: The Uniquely American Myth of Satanic Cults, Pacific Standard am 8. September 2015
  • Revisiting America’s Satanic Panic: When Heavy Metal and the Devil Himself Stalked the Earth, noisey am 3. Juli 2015
  • How Satanic Panic Worked, How Stuff Works am 24. Juni 2015

Reaktorkatastrophen: Zwischen Angstmache und Verharmlosung

Von Dr. Florian Aigner

Als Skeptiker haben wir es oft mit unbegründeten Ängsten zu tun. Manche Leute fürchten sich vor Chemtrails, andere vor Handymasten oder der Zahl Dreizehn.

Wenn wir über Kernenergie und Radioaktivität sprechen, sieht die Sache anders aus. Radioaktivität ist gefährlich, Strahlung kann Menschen töten – daran besteht kein Zweifel. Man kann daher rational und auf wissenschaftlicher Basis zur Überzeugung gelangen, dass Kernkraftwerke eine schlechte Idee sind, oder dass man mehr Vorsicht bei der Lagerung von Atommüll walten lassen soll.

Das ist eine politische Diskussion, mit sinnvollen Argumenten auf beiden Seiten.

Entscheidend ist allerdings gerade bei einem politisch so heiklen Thema, dass der Diskurs auf dem Boden der Tatsachen geführt wird. Wir brauchen keine Polemiken, wir brauchen weder Angstmacherei noch Verharmlosung. Ich habe den Eindruck, dass über kaum ein politisches Thema heute auf derart schlechtem wissenschaftlichem Niveau gestritten wird wie über Atomenergie.

Ein Grund dafür ist, dass über die Auswirkungen von Reaktorkatastrophen so verwirrend große Uneinigkeit herrscht.

Wenn man wissen möchte, wie viele Leute am nuklearen Unfall in Tschernobyl gestorben sind, findet man ganz unterschiedliche Zahlen: 50, 9000, 93000, eine Million. Wie kann es sein, dass über die Antwort auf eine scheinbar so eindeutig formulierte Frage solche Uneinigkeit herrscht? Um die Gefahr von Radioaktivität und nuklearen Unfällen richtig einschätzen zu können, muss man verstehen, wie es zu diesen merkwürdigen Diskrepanzen kommt.

Direkte Todesfälle

Die Zahl von etwa 50 Todesfällen ist leicht zu erklären – das waren Leute, die bei der Katastrophe direkt vor Ort waren und an Strahlenkrankheit aufgrund einer extrem hohen Dosis an radioaktiver Strahlung gestorben sind. Das sind Todesfälle, die ohne jeden Zweifel mit dem Reaktorunfall in Verbindung gebracht werden können.

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Ähnliches gilt für einige der am schwersten betroffenen Aufräumarbeiter (sogenannte „Liquidatoren“). Ein UN-Report (UNSCEAR 2000) geht von 28 verstorbenen Liquidatoren aus.

Bei allen anderen Todesfällen ist es aber komplizierter. Wenn ein Einwohner der Region um Tschernobyl ein paar Jahre später an Krebs gestorben ist – zählt er dann als Tschernobyl-Opfer, oder wäre er auch ohne das Reaktorunglück an Krebs gestorben?

Epidemiologie

Das kann natürlich niemand eindeutig beantworten. Krebs ist Krebs – es gibt keine medizinische Methode, seine Ursache herauszufinden. Man kann allerdings epidemiologische Untersuchungen durchführen. Es ist bekannt, dass das Risiko, an bestimmten Arten von Krebs zu erkranken, durch Radioaktivität erhöht werden kann. Daher ist es sinnvoll, sich die Krebsstatistiken betroffener Regionen genauer anzusehen und zu erheben, ob erhöhte Krebsarten feststellbar sind.

Dabei sticht ein sehr eindeutiges Ergebnis hervor: Die Häufigkeit von Schilddrüsenkrebs bei Kindern stieg in den Jahren nach der Katastrophe in der Gegend um Tschernobyl statistisch signifikant an. Es dürfte aufgrund der Strahlung zu tausenden zusätzlichen Fällen von Schilddrüsenkrebs gekommen sein. Das ist zweifellos katastrophal, tragisch und beunruhigend. Zum Glück ist Schilddrüsenkrebs bei Kindern gut behandelbar, nur fünfzehn der betroffenen Personen sind daran gestorben (bis 2011).

Erstaunlicherweise – und ganz im Gegensatz zur verbreiteten Meinung in Mitteleuropa – konnte man bei anderen Krebsarten keine statistisch signifikante Erhöhung nachweisen. Die Krebsraten sind nicht höher als man auch ohne Reaktorunfall erwarten würde. (Dasselbe gilt für Fehlgeburten und Missbildungen.)

Es gibt zwar einzelne Publikationen, die geringfügig erhöhte Krebsraten etwa unter den Liquidatoren möglich erscheinen lassen – aber einen wissenschaftlichen Konsens darüber gibt es nicht. Fest steht: Die Krebsrate in den betroffenen Gebieten nicht drastisch anders als in anderen Gebieten. Entweder gibt es gar keine Unterschiede, oder die Unterschiede sind gering, verglichen mit den aus anderen Gründen auftretenden Krankheitsfällen.

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Ist damit zweifelsfrei erwiesen, dass es keine durch Tschernobyl verursachten Krebsfälle gab?

Nein, das kann man so nicht sagen. Wenn ich bewusst und gezielt meine Nachbarn mit meinem Auto überfahre, kann man das auch nicht epidemiologisch nachweisen, und trotzdem sollte man mich in diesem Fall dringend wegsperren.

Die Frage ist, inwieweit man einen Zusammenhang zwischen Radioaktivität und Erkrankungen herstellen kann, auch wenn die Unterschiede zwischen betroffenen und nicht betroffenen Gebieten statistisch nicht mehr nachgewiesen werden können. Das funktioniert, indem man abschätzt, wie hoch die radioaktive Belastung in verschiedenen Gebieten war und daraus dann auszurechnen versucht, wie viele zusätzliche Todesfälle dadurch zu erwarten sind.

Von Millisievert bis Sievert

Man hat für die Abschätzung der Gefährlichkeit von Strahlung eigens eine eigene Dosisangabe eingeführt: Die Äquivalentdosis. Sie gibt an, wie stark die Wirkung einer Strahlenexposition für den Menschen ist. Dabei wird nicht nur berücksichtigt, wie viel Energie in dieser Strahlung steckt, man berechnet auch ein, dass unterschiedliche Strahlungsarten (elektromagnetische Strahlen oder Teilchenstrahlen) unterschiedlich gefährlich sind. Die Einheit der Äquivalentdosis ist Sievert (Sv) – ein Sievert ist allerdings bereits eine ziemlich hohe Dosis, daher liest man häufiger von Millisievert (mSv).

Welcher Äquivalentdosis (in mSv) verschiedene Personen nach der Reaktorkatastrophe ausgesetzt waren, lässt sich ganz gut abschätzen. Um diese Äquivalentdosis nun in Todesfälle umzurechnen, braucht man ein mathematisches Modell, das den Zusammenhang zwischen diesen beiden Größen beschreibt – und das ist nicht so einfach.

Wichtige Erkenntnisse über diesen Zusammenhang hat man durch die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki gewonnen. Dort konnte man tatsächlich sehr klar zeigen, dass eine höhere Äquivalentdosis auch ein höheres Krebsrisiko mit sich bringt. Wenn man sich die Statistiken genau ansieht, erkennt man, dass dieser Zusammenhang in guter Näherung linear ist: Eine doppelt so hohe Äquivalentdosis bedeutet auch ein doppelt so hohes Krebsrisiko.

Diese Erkenntnis kann man nun in eine einfache Formel packen und von nun an für jede Art der Risikoabschätzung verwenden.

Das Problem dabei: Die Daten für dieses Modell hat man von Personengruppen, die extrem hohen Dosen ausgesetzt waren, wie eben bei einer Atombombenexplosion. Der lineare Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung zeigt sich bei sehr hoher Strahlenbelastung – bei einer Äquivalentdosis von einigen Sievert, oder zumindest hunderten Millisievert.

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Zum Glück waren selbst nach der Katastrophe von Tschernobyl die allermeisten betroffenen Personen von vergleichsweise geringeren Dosen betroffen: Die Aufräumarbeiter hatten es mit einer Äquivalenzdosis von etwa 100 mSv zu tun, die evakuierten Personen aus der Gegend um den Reaktor mit etwa 31 mSv, Personen aus besonders schwer betroffenen Gebieten in Belarus, Russland und der Ukraine lagen in der Größenordnung von 9 mSv (0.5 mSv pro Jahr, in den Jahren 1986 bis 2005).

In anderen europäischen Staaten lag die durch Tschernobyl verursachte Belastung in der Größenordnung von 0.3 mSv pro Jahr.

Das ist bereits deutlich weniger als die natürliche Strahlenbelastung, die es überall gibt – ganz unabhängig vom menschlichen Einfluss. Aus dem Boden kommt radioaktives Radon, das Gestein kann radioaktive Isotope enthalten, die kosmische Strahlung wirkt aus dem Weltraum auf uns ein, und auch mit der Nahrung nehmen wir ganz zwangsläufig radioaktive Elemente auf. Das war schon immer so, das wird immer so sein.

Insgesamt ergibt sich durch alle diese natürlichen Quellen eine Äquivalentdosis von etwa 2.4 mSv pro Jahr – sie hängt unter anderem von den geologischen Bedingungen an unserem Wohnort ab. Eine Computertomographie belastet uns deutlich stärker, sie schlägt mit etwa 15 mSv zu Buche.

Der Crew von Langstreckenflugzeugen (hoch oben wirkt sich die kosmische Strahlung stärker aus) werden 1-2 mSv an zusätzlicher Dosis erlaubt, wer sechs Monate auf der Raumstation ISS verbringt, muss mit einer zusätzlichen Dosis von 72 mSv rechnen – das kommt schon in die Tschernobyl-Aufräumarbeiter-Größenordnung.

Dosis und Wirkung

Wie wirkt sich eine solche Dosis auf das Krankheitsrisiko aus? Das ist schwer zu sagen.

Es wäre denkbar, dass der Körper mit einer geringen Dosis überhaupt kein Problem hat, etwa weil natürliche zelluläre Reparaturmechanismen bei kleinen Dosen ausreichen um Schäden zu verhindern. Möglicherweise gibt es also eine kritische Grenze, über der Radioaktivität schädlich ist, unter der man sich aber keine Sorgen machen muss.

Es gibt auch Leute, die einen komplizierteren Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung vermuten, oder die eine minimale Dosis sogar für potenziell nützlich halten – die Wahrheit ist, wir haben keine ausreichenden Daten um zu sagen, was eine minimale Dosis von einigen Millisievert für den Körper bedeuten.

Niemand weiß, ob und in welchem Ausmaß man bei solchen Dosen mit Gesundheitsschäden rechnen muss.

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Man kann nun vorsichtshalber annehmen, dass es keine Grenze gibt, unterhalb derer das Risiko verschwindet. Dann kann man bis hinab zu einer Äquivalentdosis von exakt null einen linearen Zusammenhang zwischen Dosis und Wirkung annehmen – das bezeichnet man als „Linear No-Threshold-Modell“ (LNT).

Genau das machen Umweltorganisationen gerne, wenn sie ausrechnen, wie viele Tote die Katastrophe von Tschernobyl verursacht hat: Damals war ganz Europa von der Radioaktivität betroffen (oder wenn man möchte auch: die ganze Welt). Allerdings war die durch Tschernobyl verursachte Zusatzbelastung (zusätzlich zur natürlichen Radioaktivität) in den meisten Gebieten glücklicherweise verschwindend gering.

Man hat also eine gewaltig große Anzahl von Menschen (hunderte Millionen, wenn man Europa betrachtet) und multipliziert sie mit einer verschwindend geringen Krebswahrscheinlichkeit, die man aus dem LNT-Modell errechnet, obwohl dieses Modell für so geringe Strahlenbelastungen eigentlich nicht gemacht ist.

Wenn man sehr große Zahlen mit sehr kleinen Zahlen multipliziert, ist die Unsicherheit beim Ergebnis sehr groß – schon in der Schule lernt man, dass etwas völlig Unbestimmtes herauskommt, wenn man versucht, null mit unendlich zu multiplizieren. Mit ein bisschen statistischem Geschick und kreativem Verbiegen von Daten kann man damit fast jedes Ergebnis erzielen, das man haben möchte.

So ergeben sich dann die Horrorzahlen, die man immer wieder in den Zeitungen liest: Zweitausend Tschernobyltote allein in Österreich, zehntausende oder hunderttausende Tschernobyltote in Europa, vielleicht sogar eine Million?

Vorsicht ist gut

Nun gut, könnte man sagen – dann müssen wir eben zur Kenntnis nehmen, dass diese Zahlen mit großen Unsicherheiten behaftet sind. Aber sollten wir unsere Einstellung zu Radioaktivität und Kernkraft nicht trotzdem an diesen Zahlen ausrichten, schon aus reiner Vorsicht? Ist es nicht immer besser, Belastungen zu vermeiden, wenn man nicht genau weiß, wie sie sich auswirken können?

Das stimmt ganz zweifellos.

Doch wenn wir dieses Argument bringen, müssen wir zumindest konsequent sein – wenn wir extreme Vorsicht fordern, dann müssen wir diese Vorsicht überall fordern: Brauchen wir dann ein Verbot von Langstreckenflügen? Müssen wir Regionen evakuieren, in denen man aus natürlichen Gründen einer höheren Strahlenbelastung ausgesetzt ist als anderswo?

In Mitteleuropa ist die zusätzliche Dosis, die man abbekommt, wenn man in einem radonreichen Haus wohnt, höher als die Zusatzbelastung, die man durch Tschernobyl abbekommen hat. Sollen wir ein Gesetz verabschieden, das Radonmessungen vorschreibt und Häuser gegebenenfalls zum Abriss freigibt?

Im „TORCH-Report“, der von den europäischen Grünen in Auftrag gegeben wurde, kommt man mit Hilfe des LNT-Modells auf 30.000 bis 60.000 Tschernobyl-Tote weltweit. Das klingt gewaltig, doch mit genau derselben Rechenmethode käme man auf eineinhalb bis drei Millionen Tote durch Tests von nuklearen Waffen.

Man kann das Modell auch auf eher skurrile Bereiche ausweiten: Eine Banane enthält radioaktives Kalium. Wendet man das LNT-Modell auf die weltweite jährliche Bananenproduktion an, dann kommt man auf einige Tausend Bananentote im Jahr. Demonstrationen und Mahnwachen gegen Bananen gab es bisher freilich noch nicht.

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Man muss die Gefahren, die von sehr kleinen Strahlungsdosen ausgeht, absolut ernst nehmen. Aber man muss sich dabei auch klar machen, dass andere Themen einen größeren Einfluss auf unsere Gesundheit haben. Für ungesunde Ernährung, Feinstaub, Bewegungsmangel, Zigaretten oder Alkohol rechnen wir bloß normalerweise keine statistischen Todesopferzahlen aus, und darum lesen wir darüber auch keine Horrorzahlen in der Zeitung.

Solche Vergleiche würden auch nichts bringen, und Polemik ist hier fehl am Platz.

Doch an einem Vergleich kommen wir in dem Zusammenhang nicht vorbei: Wenn wir uns von der Kernenergie abwenden wollen, müssen wir auf Alternativen umsteigen, die tatsächlich gesünder und weniger gefährlich sind. Kohlekraftwerke haben zweifellos schon viel mehr Menschen das Leben gekostet als Kernkraftwerke.

Man kann berechtigterweise unterschiedliche Ansichten darüber haben, wie wir die Bedeutung solcher Gefahren einschätzen sollen. Wir müssen mitbedenken, dass Kernenergie nicht nur im Katastrophenfall Probleme verursacht, sondern alleine schon durch die Tatsache Schaden anrichten, dass sich viele Menschen vor ihnen fürchten. Unter Angst zu leiden kann genauso schmerzhaft sein wie eine körperliche Beeinträchtigung.

Wenn wir aber aus Angst vor schädlichen Folgen einer Technologie auf eine noch gefährlichere Technologie umsteigen, dann handeln wir irrational.

Zum Weiterlesen:

  • Fukushima: Realitätsverlust in Deutschland und Österreich, GWUP-Blog am 12. März 2016
  • Hört auf mit dem Angstmachen, futurezone am 8. September 2015
  • Goldener Reis: Wenn Technikfeindlichkeit tötet, futurezone am 30. Juni 2015
  • Das ist pfui! futurezone am 16. Mai 2015

Erfahrungen einer Aussteigerin: Verschwörungstheorien, Chemtrails und Morddrohungen

Vor zwei Jahren haben wir über die Chemtrail-Aussteigerin Stephanie Wittschier berichtet, die das Buch

Die Welt der Verschwörungsideologien – Erlebnisse einer Aussteigerin”

geschrieben hat.

Ein Interview mit ihr ist hier zu lesen (und auszugsweise auch zu hören):


Direktlink zum Video auf Youtube

Jetzt hat Vice ihre Geschichte noch einmal nacherzählt:

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Zitat Wittschier:

Irgendwann liest du auch Sachen, da denkst du: Ist das euer Ernst?

Kommentare von Verschwörungsideologen, die am liebsten sterben möchten, weil sie alles nicht mehr aushalten. Ankündigungen von Selbstmorden. Es gab sogar schon einen Aufruf eines Verschwörungsideologen auf seiner Pinnwand an die Illuminaten, dass sie ihn doch endlich umbringen sollen.

Und da hört für mich alles auf. Das ist auch keine Meinung mehr, denn damit gefährden sie sich und andere. Es gibt einfach richtig Wahnsinnige in dieser Szene, und das sind eben nicht nur Leute, die irgendetwas friedlich glauben.”

Zum Weiterlesen:

  • Von Chemtrails zu Morddrohungen: eine Verschwörungstheorie-Aussteigerin erzählt, Vice am 16. März 2016
  • Die heute-show über Chemtrails und das Buch einer Aussteigerin, GWUP-Blog am 18. Mai 2015
  • Chemtrails und goldene Aluhüte: Eine Verschwörungstheoretikerin steigt aus, GWUP-Blog am 4. Mai 2015
  • Neues Plonquez-Video und ein Aussteiger-Interview zum Thema „Chemtrails“, GWUP-Blog am 5. April 2014
  • Die Wahrheit über die Kondensstreifen, tagesanzeiger am 11. März 2016
  • 7 Tage undercover auf Dunkelfacebook, La Vie Vagabonde am 13. März 2016
  • Sieben Tage unter Rechten auf Facebook, DRadio Wissen am 16. März 2016
  • Verschwörungstheorien: „Pegida und IS teilen Wahrnehmungsstandard“, Frankfurter Rundschau am 16. März 2016
  • Neues Wiki beleuchtet das verzweigte Netzwerk der „Neuen Rechten“, netz-gegen-nazis am 15. März 2016
  • „Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter, GWUP-Blog am 16. März 2016
  • Zwischen Hohlwelt und Reptilienhirn: Die schönsten Verschwörungstheorien, lokalkompass am 19. März 2016

Geschichte des Weltuntergangs: Schrecken ohne Ende

Weltuntergangstermine ohne Ende.

Den 16. Februar haben wir folgenlos überstanden – dafür soll im Mai ein Asteroid die Erde treffen oder wahlweise im Juni (oder früher) der dritte Weltkrieg beginnen.

Sogar Mimikama sah sich schon zu einer Stellungnahme zu den kursierenden Kriegs-Gerüchten genötigt.

Der Heidelberger Historiker Johannes Fried hat jetzt

Eine Geschichte des Weltuntergangs”

vorgelegt.

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In “Dies irae” erklärt Fried, dass …

… Endzeitängste auch im Zeitalter der Säkularisierung und fortschreitender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht verschwunden sind. Die Menschen geben Milliarden aus, um zu erfahren, wie die Welt eines Tages enden wird.”

Der emeritierte Mittelalterhistoriker von der Universität Frankfurt beschreibt den Weltuntergang primär als christlich-abendländisches Phänomen:

Die Apokalypse, der Antichrist, das Endgericht, ein neuer Himmel und eine neue Erde: Sie werden in der Bibel vorausgesagt und genauestens beschrieben. Und sie haben sich tief in die Kultur des Westens eingebrannt [...] Fried weist darauf hin, dass die Tempelzerstörung durch die Römer im Jahr 70 nach Christus die Vorstellungen von einem umfassenden Weltgericht radikalisierten.

Endzeitfurcht und Erlösungssehnsucht: Die Faszination am Weltuntergang blieb über die Jahrhunderte groß. Fried schildert, wie der Glaube an das unerbittliche Ende Heulen und Zähneknirschen hervorrief – und wie die Schreckensszenarien immer wieder dafür missbraucht wurden, um Menschen gefügig zu machen.”

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Spektrum schreibt in einer Rezension:

Man sollte meinen, mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften würden apokalyptische Vorstellungen überwunden. Doch weit gefehlt.

Das christliche Denken von Anfang und Ende der Welt hat sich längst in die kollektive Psyche eingebrannt, wie der Autor zeigt. Deshalb seien Wissenschaftler noch heute von Anfängen und Untergängen fasziniert – man denke an den Urknall, an den Sturz von Materie in schwarze Löcher oder an Endszenarien wie “Big Rip” und “Big Crunch”.

Die Kultur, so der Autor, sei ebenfalls von Weltuntergangsszenarien geprägt.

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Heutige Filmkunst wiederholt und propagiert – je jünger, desto eindringlicher – die Prognose eines endgültigen Untergangs von Erde und Menschheit, die sich seit Jahrhunderten im ‘Westen’ eingenistet hat.

Die ursprüngliche christliche Idee des Weltenfinales sei allerdings mittlerweile verblasst; in den großen Kirchen werde kaum noch über sie gesprochen. Dennoch erschaudern Zeitgenossen nach wie vor, wenn sie von einschlägigen religiösen oder esoterischen Prophezeiungen erfahren.

Kurz vor der zurückliegenden Jahrtausendwende fanden die Weissagungen des Nostradamus selbst unter aufgeklärten Zeitgenossen Gehör. Und Zeitungen wie Die Welt, eigentlich in der seriösen Presselandschaft zu verorten, berichten allen Ernstes über die Endzeitprognosen der bulgarischen Seherin Baba Wanga.

Frieds Resümee: “Das apokalyptische Repertoire hat sich nicht verflüchtigt, die eschatologische Denkfigur ist so aktuell wie eh und je.”

Das hatten wir auch schon festgestellt.

Zum Weiterlesen:

  • Nur noch wenige Tage bis zum 3. Weltkrieg? Mimikama am 23. Februar 2016
  • Johannes Fried: Dies irae: Eine Geschichte des Weltuntergangs. C. H. Beck, München 2016
  • Apokalypse now, spektrum.de am 3. März 2016
  • Das Buch „Dies irae“ von Johannes Fried, SWR-Fernsehen am 7. März 2016
  • Buchvorstellung “Dies Irae” von Johannes Fried, WDR3 am 9. März 2016
  •  Darum findet der Weltuntergang im Westen statt, The Weather Channel am 16. März 2016
  • Nicht vergessen: Heute ist Weltuntergang, haben die „Ghostbusters“ vorausgesagt, GWUP-Blog am 14. Februar 2016
  • Der Weltuntergang einst und jetzt – Rückschau und Ausblick, GWUP-Blog am 1. Januar 2016
  • Was machen Apokalyptiker, wenn die Welt nicht untergeht? Einfach so weiter, GWUP-Blog am 4. Dezember 2015
  • Prognosen-Check: Was hat die blinde bulgarische Seherin Baba Wanga zum IS gesagt? GWUP-Blog am 11. Dezember 2015
  • Weltuntergang: Selbstmord aus Angst vor dem Tod, GWUP-Blog am 2. Februar 2015
  • Jeden Tag Weltuntergang: Die Psychologie der Apokalypse, GWUP-Blog am 1. Mai 2013
  • Peter Dinzelbacher: Weltuntergangsphantasien. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2014
  • Das kleine Weltuntergangsinterview: Diesmal mit Bernd Harder, Neue Szene am 1. Dezember 2014

„Verschwörungstheorien“, NSA und CIA: Skeptiker-Interview mit Professor Michael Butter

Kaum eine Verschwörungsseite, auf der nicht behauptet wird, dass der Begriff “Verschwörungstheorie” vom US-Geheimdienst CIA erfunden worden sei:

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Dass das nicht stimmt, stand beim CSI schon vor drei Jahren zu lesen. Bob Blaskiewicz konnte den Begriff “conspiracy theory” bis zur “medical literature” des Jahres 1870 zurückverfolgen.

Im aktuellen Skeptiker (1/2016) erklärt auch der Amerikanistik-Professor Michael Butter vom Englischen Seminar der Universität Tübingen:

Der Historiker Andrew McKenzie-McHarg von der Universität Cambridge arbeitet beim Conspiracy and Democracy Research Project. Er hat herausgefunden, dass der Begriff bereits um 1880 in amerikanischen Zeitungen kursierte.

Es ging um verschiedene Thesen zu ungeklärten Mord- oder Todesfällen, und die Polizei stellte zum Beispiel eine „conspiracy theory“ der „suicide theory“ gegenüber – also keineswegs abwertend, sondern als gleichrangige Option [...]

Seine heutige Form und Bedeutung bekam der Begriff erst Mitte des 20. Jahrhunderts, vor allem durch Karl Poppers Hauptwerk „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Popper schreibt darin von der „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“, die er als eine primitive Art des Aberglaubens und säkularisierte Dämonologie bezeichnet. Damit war der Begriff etabliert, und zwar mit einer delegitimierenden Komponente.

Das CIA-Dokument 1035-960, das Direktiven für den Umgang mit Kritikern des Warren-Reports – also mit „Verschwörungstheoretikern“ – beinhaltet, spielte dafür überhaupt keine Rolle.”

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Butter koordiniert das Forschungsnetzwerk “Comparative Analysis of Conspiracy Theory”, an dem derzeit rund 80 Wissenschaftler aus 30 Ländern beteiligt sind.

Im Skeptiker-Interview legt Butter die Ziele der neu gegründeten Initiative dar und spricht über die Faszination und Gefahren von Verschwörungstheorien.

Ein Auszug:

Skeptiker: Sicher werden Sie oft auf die NSA-Abhöraffäre angesprochen.

Butter: Affäre trifft es wohl besser als Verschwörung. Die NSA handelt weder aus überraschenden Motiven noch als Teil einer großen Verschwörung wie etwa der Neuen Weltordnung NWO. Sondern es geht schlicht um die ureigenen Interessen der USA. Für eine echte Verschwörungstheorie müsste der Geheimdienst selbst von dunklen Kräften unterwandert sein.

Aber all das bringt uns wieder zu dem Punkt, dass Verschwörungstheorien symbolisch und symptomatisch für ein tiefes Misstrauen gegenüber den Eliten zu sehen sind.”

 Diese Sichtweise kann man teilen. Sie gereicht aber vermutlich kaum als Grund, Verschwörungstheorien eine „maßgebliche Bedeutung zur Erklärung der Entwicklungen in der Welt“ zuzuschreiben und Verschwörungstheoretiker zu „Wahrheitssuchern“ zu stilisieren, wie einige Autoren dies versuchen.

Ich denke nicht. Die meisten Disziplinen, die sich mit dem Thema beschäftigen, sehen Verschwörungstheorien aus guten Gründen sehr kritisch.

Allenfalls könnte man Verschwörungstheorien eine utopische Dimension zubilligen. Denn im Grunde gehen Verschwörungstheoretiker davon aus, dass eine bessere Welt vorstellbar ist, wenn erst einmal die Verschwörer besiegt sind. Das ist sympathischer als eine rein fatalistische Haltung, andererseits gäbe es konstruktivere Möglichkeiten, diese Energie in politisches Engagement umzusetzen.

Auch solchen Fragen wird sich das Forschungsnetzwerk widmen, inwieweit man Verschwörungstheoretiker zurückgewinnen kann für eine rationale gesellschaftliche Debatte.”

Demgegenüber hält man uns zum Beispiel Matthew Dentith und seine Arbeit „In defence of conspiracy theories“ vor. Ich habe aber gar nicht den Eindruck, dass Dentith wirklich Verschwörungstheorien verteidigt.

 Matt Dentith verfolgt den Ansatz, Verschwörungstheorien nicht von vorneherein abzulehnen, sondern Verschwörungstheoretiker ernst zu nehmen und ihre Argumente zu prüfen.

Allerdings kommt er dabei regelmäßig zu der Erkenntnis, dass nichts dran ist, es sich also um eine bloße Verschwörungstheorie handelt, ohne reale Verschwörung dahinter. Ab diesem Moment sieht Dentith sich genau denselben Hassmails enttäuschter Verschwörungstheoretiker ausgesetzt wie andere Forscher auch.

Ich vermute, dass es in unserem Netzwerk niemanden gibt, der Verschwörungstheorien wirklich als positiv oder Diskursbereicherung betrachtet.”

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In der Pressemitteilung der Uni Tübingen dazu heißt es: „Verschwörungstheorien können zur Radikalisierung von Extremisten beitragen, Spannungen zwischen Nationen befeuern und das Vertrauen in demokratische Institutionen und Medien unterlaufen.“

 Ja, es gibt Verschwörungstheorien, die sehr problematisch sind, zum Beispiel wenn sie antisemitische oder rassistische Elemente enthalten oder sich gegen Schwache und Minderheiten richten. Die Grenze zu ziehen, ist im Einzelfall aber nicht ganz leicht.

Dafür sinnvolle Kriterien zu entwickeln, wird eine Aufgabe unseres Forschungsnetzwerks sein. Das Gefahrenpotenzial einer Verschwörungstheorie hängt sicher auch davon ab, inwieweit sie noch einer Falsifizierung offensteht. Oder ob gegenläufige Fakten einfach zu weiteren Beweisen umgedeutet werden, also eine Diskussion darüber unmöglich ist.”

Letzteres ist für uns Skeptiker eine nahezu alltägliche Erfahrung. Aber auch für viele andere, die sich mit Impfgegnern, Klimaleugnern, Chemmies und anderen Believern auseinandersetzen müssen. Deshalb interessiert uns besonders ein weiteres Ziel des Forschungsnetzwerks, nämlich „praktische Handlungsanweisungen zu entwickeln für Leute, die mit Verschwörungstheorien konfrontiert sind, wie zum Beispiel Politiker und Journalisten, die als Teile der Lügenpresse beschimpft werden, oder Naturwissenschaftler“.

 Genau. Momentan könnte ich Ihnen dazu nur das sagen, was alle sagen: dass man Verschwörungstheoretiker kaum vom Gegenteil überzeugen kann. Aber vielleicht bekommen wir ja zu diesem Aspekt Input aus der Perspektive anderer Forschungsdisziplinen. Das allein wäre schon ein lohnenswertes Ergebnis.”

Zum Weiterlesen:

  •  ”Verschwörungstheorien sind symbolisch zu betrachten”: Interview mit Prof. Michael Butter, Skeptiker 1/2016
  • Nope, It Was Always Already Wrong, CSI am 8. August 2013
  • Warum sind Verschwörungstheorien so verführerisch? Berliner Morgenpost am 16. Januar 2016
  • Zweifelhafte Ehrenrettungsversuche: Rezension des Buches “Konspiration – Soziologie des Verschwörungsdenkens”, hpd am 8. April 2014
  • Sind Verschwörungstheoretiker “vernünftiger“? Natürlich nicht, GWUP-Blog am 18. Januar 2015
  • Trost suchen bei Karl Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, FAZ am 17. November 2015
  • Verschwörung? Was ist dran an solchen Theorien? Kurier am 12. März 2016
  • Zwischen Hohlwelt und Reptilienhirn: Die schönsten Verschwörungstheorien, lokalkompass am 19. März 2016




NEU: Skeptiker 2/2016

SKEPTIKER 2/2016

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