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Hype, aber Hoax: Das angebliche Social-Media-Todesspiel „Blue Whale Challenge“

Bei Tipps for Kids spricht Lydia Benecke vom GWUP-Wissenschaftsrat über die “Blue Whale Challenge”.

Die Kriminalpsychologin fokussiert insbesondere auf den öffentlichen Hype um das angebliche Social-Media-Spiel und die Gefahren von Nachahmer-Effekten.

Mittlerweile scheint festzustehen, dass das vermeintliche “Selbstmord-Spiel” ein Hoax ist, der im Laufe der vergangenen Monate Züge einer Urban Legend angenommen hat.

Beim “Blue Whale Challenge” – so wurde von verschiedenen Medien, darunter Spiegel TV, behauptet – erhalten Jugendlichen über einen Zeitraum von 50 Tagen Anweisungen, die sie in die Verzweiflung treiben sollen. Diese reichen von Aufrufen zur Selbstverletzung über Anweisungen zum Anhören und Ansehen von bestimmten Songs und Filmen bis hin zur finalen Aufforderung, sich das Leben zu nehmen.

Daraufhin warnten Schulen und Boulevardmedien wie Bild sowie der Youtube-Star LeFloid reißerisch vor dem “Todes-Spiel”.

Neben Tipps for Kids und Mimikama stuft auch das amerikanische CSI die “Blue Whale Challenge” als “moral panic” mit drei klassischen Hauptmerkmalen ein:

  1. Modern technology and seemingly benign personal devices as posing hidden dangers to children and teens;
  2. In classic “Stranger Danger” fashion, the threat is some influential evil stranger who manipulates the innocent; and
  3. There is an element of conspiracy theory to these stories: it’s always a “hidden world” of anonymous evil people who apparently have nothing better to do than ask teens to do things for fifty days before (somehow) compelling them to commit suicide.”

Benecke spricht in ihrem Statement von einem “medialen Schneeballeffekt”, rät aber besorgten Eltern unabhängig von dem aktuellen Hype, mit ihren Kindern über potenzielle Gefahren im Internet zu sprechen:

Medienkompetenz ist ein wichtiges Thema in der heutigen Zeit. Sich damit anhand seriöser Quellen auseinanderzusetzen ist grundlegend hilfreich und wichtig für Eltern, nicht nur in Bezug auf plötzlich aufkommende Medien-Phänomene wie die Blue Whale Challenge.”

Zum Weiterlesen:

  • Verwirrung um die Blue Whale Challenge, Mimikama am 1. Juli 2017
  • Die “Blue-Whale” Challenge ist ein Fake! Mimikama am 30. Juni 2017
  • “Blue Whale Game“ – echt oder Fake? Mimikama am 26. Juni 2017
  • The Blue Whale game paradox, digital literacy and fake news, Parenting for a Digital Future am 25. Mai 2017
  • Moral Panic Du Jour: The ‘Blue Whale Game’, CSI am 15. Juni 2017
  • Sinister ‘Blue Whale’ Suicide Game Alarms Parents—But Is It Real? CFI am 15. Juni 2017
  • Blue Whale’ Game Responsible for Dozens of Suicides in Russia? snopes am 10. Mai 2017
  • Hoax? Medienhype mit Suizid im Netz, NDR am 4. Juli 2017
  • „Blue Whale Challenge“ – Echt, Fake oder Urban Legend? tippsforkids am 12. Juli 2017

Vortragsvideo: Florian Aigner über „Der Zufall, das Universum und du“

Bei “Skeptics in the Pub” Wien sprach Dr. Florian Aigner über sein neues Buch:

Der Zufall regiert unsere Welt. Mit welchen Zahlen man morgen im Lotto gewinnt oder wo es in zwei Jahren regnen wird, ist reine Glückssache. Trotzdem gehen wir davon aus, dass sich die Welt an berechenbare Naturgesetze hält – wie eine Uhr, in der ein Zahnrad das nächste bewegt.

Wenn man sich auf die Suche nach den wissenschaftlichen Wurzeln des Zufalls begibt, stößt man auf Schmetterlinge, die mit einem Flügelschlag den Lauf der Welt verändern, auf winzige Teilchen, die ihre Eigenschaften ganz zufällig festlegen, und auf genetische Mutationen, die das Leben in neue Bahnen lenken.

Seltsamerweise fällt es uns aber schwer, den Zufall richtig einzuordnen. Wir glauben Muster zu sehen, wo in Wirklichkeit nur das Chaos am Werk ist, wir verwechseln echte Leistung mit purem Glück.

Florian Aigner nimmt den Zuhörer mit auf eine Reise von der Physik über die Biologie bis zur Psychologie. Leichtfüßig und unterhaltsam manövriert er uns durch ein Panoptikum der Wissenschaften, auf der Suche nach der tiefen Bedeutung des Zufalls für das Universum, für das Leben und für uns alle.”

Zum Weiterlesen:

  • Zufälle gibt’s überall: Beim Lotto, in Lourdes und im Labor von Parapsychologen, GWUP-Blog am 1. Januar 2017
  • „Der Zufall, das Universum und du“: Erstes Buch von Dr. Florian Aigner erscheint im Januar, GWUP-Blog am 25. Dezember 2016
  • Florian Aigner: Der Zufall, das Universum und du. Brandstätter-Verlag, 248 Seiten, 22,90 €
  • Wie viel Einfluss haben wir auf unser Schicksal? Süddeutsche am 24. Januar 2017
  • Würfelt Gott? Dr. Florian Aigner in der Süddeutschen Zeitung, GWUP-Blog am 24. Januar 2017
  • Rezension „Der Zufall, das Universum und du“ von Florian Aigner, Wissen bloggt am 4. Januar 2017
  • “Der Zufall, das Universum und du”: Madonna heilt nur zufällig, Zeit-Online am 9. Januar 2017
  • Der Zufall, das Universum und du, na klar am 3. Februar 2017

„Flat Earth Challenge“ mit Stratosphärenballon muss vertagt werden

Die “Flat Earth Challenge” vom Goldenen Aluhut muss leider vertagt werden.

Der Sondenstart heute in Müncheberg östlich von Berlin scheiterte an einem Materialfehler. Geplant war, einen Stratosphärenballon steigen zu lassen, um die Erdkrümmung zu fotografieren.

Dafür gibt’s ein neues Video von Walulis zum Thema:

Führende YouTube-Veganer behaupten: Die Erde ist flach! Findet ihr absurd? Dann wartet mal ab, bis ihr die Argumente der Verschwörungstheoretiker hört, die sind noch viel absurder! Das alles, angereichert mit etlichen Flachwitzen in unserem Video.”

Zum Weiterlesen:

  • Video: So “erklären” Flat Earther die flache Erde, GWUP-Blog am 1. Juli 2017

Jetzt als Video: „Bekenntnisse einer Ex-Homöopathin“ von Natalie Grams in Nürnberg

Der Vortrag von Dr. Natalie Grams bei “Vom Reiz des Übersinnlichen – Paranormales und Skepsis” in Nürnberg ist jetzt online:

Den Film produzierte Andreas Weimann.

Die letzte Veranstaltung im Rahmen der diesjährigen Kortizes-Vortragsreihe bestreitet am 25. Juli die Ägyptologin Yvonne Vosmann:

Ägyptische Weisheit? Geschichte, Tradition und Innovation esoterischer Objekte”

Zum Weiterlesen:

  • Von der Ideologie zu den Fakten: Natalie Grams bei “SWR-Leute”, GWUP-Blog am 8. Juni 2017
  • Mitternächtliches über Globuli: Natalie Grams bei Markus Lanz, GWUP-Blog am 11. Mai 2017
  • Video: Natalie Grams bei “daheim und unterwegs”, GWUP-Blog am 12. Mai 2017
  • Warum ich mich von der Homöopathie abwandte, Xing am 19. April 2017
  • Radio-Interview mit Natalie Grams: „Homöopathie – eine Lehre spaltet die Gemüter“, GWUP-Blog am 8. Juni 2017

Video: „Körper entschlacken mit DETOX – Wie gesund ist das?“

Gestern abend bei “betrifft” im SWR-Fernsehen:

Körper entschlacken mit DETOX – Wie gesund ist das?”

Jeder kennt das Gefühl, wenn es einem an Energie fehlt und die Waage auch noch ein paar Pfunde zu viel anzeigt, wenn sich Müdigkeit breit macht oder der Bauch aufgebläht ist. Dann ruft das schlechte Gewissen: Habe ich etwa zu viele Stoffe gegessen, die meinen Körper belasten, zu viele Umweltgifte aufgenommen?

Rettung versprechen da Entgiftungs- oder Entschlackungskuren, neudeutsch auch “Detox-Kuren” genannt. Sie werden als wahre Wundermittel angepriesen. Säfte und Tees sollen den Körper entgiften, teure Pulver ihn stärken: danach fühle man sich “wie neugeboren”! Ein Millionen-Geschäft.

Doch was steckt hinter dem Trend: Hält die Detox-Industrie, was sie verspricht oder schadet uns Detox letztlich sogar?”

Die erste Viertelstunde ist grausam, danach wird’s kritischer.

Hier geht’s zum Video (zirka 45 Minuten).

Zum Weiterlesen:

  • Fasten – Heilfasten – Entschlacken – Entgiften, Gute Pillen, schlechte Pillen 2/2016
  • Der Detox-Schwindel, futurezone am 21. Februar 2017
  • Warum “Entschlacken” Unsinn ist, GWUP-Blog am 2. Januar 2012
  • Skeptisches Entschlacken, GWUP-Blog am 23. Januar 2010
  • “Schlacken” gibt es nicht, GWUP-Blog am 26. April 2011
  • Detox: Der Mythos von der bösen Schlacke, SPON am 5. April 2013

Tommy Krappweis im aktuellen „Nachgefragt“-Podcast

Im aktuellen Nachgefragt-Podcast unterhält sich Michaela Voth mit unserem “Skeptical”-Stargast Tommy Krappweis.

Für die fünfte Folge hatte ich Gelegenheit, ein Interview mit Tommy Krappweis führen zu dürfen.

Mit dem Erfinder von Bernd das Brot spreche ich über sein Engagement in Sachen kritisches Denken und was er über Religion, Bildung und Politik denkt. Wie erreicht man Verschwörungstheoretiker und was kann man tun, um sich in diesem Bereich zu engagieren?

Natürlich sprechen wir auch über seinen äußerst erfolgreichen Dunning-Kruger-Blues und wie die Menschen auf den Song regieren.”

Ein Video von der Live-Präsentation des “Dunning Kruger Blues” beim Skeptical in Berlin gibt’s hier.

Zum Weiterlesen:

  • NGF005-Special: Gespräch mit Tommy Krappweis, Nachgefragt am 9. Juli 2017
  • “Abnehmstrategien” im neuen Nachgefragt-Podcast, GWUP-Blog am 15. Mai 2017
  • Bosnische Pyramiden und mehr: Mirko „der Buddler“ Gutjahr im Nachgefragt-Podcast, GWUP-Blog am 1. Juni 2017
  • Neuer skeptischer Podcast: “Nachgefragt”, GWUP-Blog am 24. April 2017
  • “Reichsbürger” im aktuellen Nachgefragt-Podcast, GWUP-Blog am 24. Juni 2017
  • Die “Postfaktokalypse” bei Tommy Krappweis, GWUP-Blog am 8. Dezember 2016
  • Skeptiker-Interview: Tommy Krappweis über Wirrwuzzis und den Dunning-Kruger-Blues, GWUP-Blog am 14. Dezember 2016
  • „Meine Fresse, Lügenpresse”: Neuer Live-Talk mit Tommy Krappweis und Gästen, GWUP-Blog am 8. Januar 2017
  • FERNGESPRÄCH – Der Live – Videotalk Thema: “Schimpfwort Gutmensch”, youtube am 24. April 2017
  • Der Dunning-Kruger-Blues live beim “Skeptical 2017”, youtube am 3. Mai 2017

Geoengineering und Chemtrails: Interview mit Jörg Lorenz

Schluss mit Verschwörungstheorie – Harvard-Wissenschaftler bestätigen nunmehr, dass „Besäen“ der Atmosphäre möglicherweise die einzige Hoffnung ist, den Klimawandel reduzieren zu können – aber zu welchem ​​Preis für die Menschheit?”

Diese Meldung vom April nahmen wir zum Anlass für ein Interview mit dem Berliner “Chemtrail”-Aufklärer Jörg Lorenz im Skeptiker (2/2017).

Lorenz betreibt die Webseiten chemtrail-fragen sowie chemtrailbilder und hat das “Chemtrailhandbuch” geschrieben.

Zu unserem Interviewthema findet sich bei chemtrail-fragen der Artikel “Debunking: Aktuelle Experimente beim Geoengineering”.

Veröffentlichungen zur Debatte um “Climate Engineering” haben unter anderem das Bundesforschungsministerium (“Gezielte Eingriffe ins Klima?”) und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (“Der Traum von der Steuerung des Klimas”) herausgegeben.

Hier in einer leicht gekürzten Fassung unser Gespräch mit Jörg Lorenz.

Skeptiker: In der Facebook-Gruppe „Globale Vergiftung durch Chemtrails & HAARP“ postete im Mai jemand einen interessanten Artikel: „Solar Geo-Engineering Experiment zur Klimamanipulation beginnt“. Diese Pläne existieren tatsächlich, bei den Initiatoren handelt es sich um die renommierten Harvard-Professoren David Keith und Frank Keutsch. Ist das „das Ende der angeblichen Verschwörungstheorie“, wie Chemtrail-Gläubige das Posting kommentierten?

Jörg Lorenz: Nein, die wird es weiterhin geben. Aber sie verändert sich. Wir können derzeit beobachten, dass die Chemtrail-Verschwörungstheorie zu ihrem zentralen Kern zurückkehrt. Es ging dabei von Anfang an um das Klima – nicht um Bevölkerungsreduktion, heimliche Impfungen, Wetterkriegsführung, das Verbergen des herannahenden Planeten Nibiru oder ähnliches.”

Aber all das wird doch in Chemtrail-Foren diskutiert.

Ja, aber das sind Teilströmungen, die entstanden sind, als man zum eigentlichen Thema Klimamanipulation nichts Brauchbares fand. Es gab für die Verschwörungstheoretiker eine Zeitlang praktisch nichts mehr zu tun.

Dieses vorübergehende Vakuum füllten einige Szene-Protagonisten mit bizarren Spekulationen wie den eben genannten. Das Fußvolk musste schließlich bei der Stange gehalten werden. Von außen konnte man deshalb den Eindruck gewinnen, dass jeder Chemtrail-Anhänger an etwas anderes glaubt.”

Wie ist denn dieses Vakuum entstanden?

Mitte bis Ende der 1990er-Jahre war in den USA und in Kanada schon von Chemtrails die Rede. Über die englischsprachigen Länder schwappten die Chemtrail-Märchen in den 2000ern nach Deutschland. Die Initialzündung gab 2004 ein Artikel in der Zeitschrift Raum & Zeit: „Die Zerstörung des Himmels“. Dieser Text ist gewissermaßen die Basis der Verschwörungstheorie – bis heute.

Der Schweizer Gabriel Setter behauptet darin, dass es sich bei den langlebigen Kondensstreifen um künstlich ausgebrachte Chemtrails aus Barium und Aluminium handele. Diese Chemtrails seien ein Mittel des Geoengineering, um die Sonneneinstrahlung abzuschwächen. Alles vor dem Hintergrund einer gezielten Beeinflussung des Klimas im Kampf gegen die globale Erwärmung.

Solche theoretischen Ansätze gab es wirklich. Was es nicht gab, waren konkrete Fachaufsätze oder wissenschaftliche Dokumente dazu. Zumindest nicht im deutschen Sprachraum. In dieser Zeit füllten Chemtrail-Gläubige die Konsistenzlücken ihrer Verschwörungstheorie mit allem möglichen Unsinn. Jeder brachte eine andere Pseudo-Erklärung ein, wozu die Streifen am Himmel gut sein könnten.”

Und das ist heute nicht mehr so?

Die Situation änderte sich um 2011, als immer mehr deutschsprachige Veröffentlichungen zum Thema Geoengineering erschienen, bis in die Boulevardpresse hinein. Vor allem die Überlegungen zum Solar Radiation Management elektrisierten Chemtrail-Gläubige, denn SRM soll der globalen Erwärmung durch eine Reduzierung der Sonnenstrahlen entgegenwirken – also genau das, wovon in „Die Zerstörung des Himmels“ die Rede war.”

Und darum geht es auch in dem geplanten Experiment von David Keith und Frank Keutsch. Sie wollen nächstes Jahr untersuchen, wie man das Licht der Sonne schon in höheren Luftschichten ablenken könnte. Nur hat das nichts mit chemischen Kondensstreifen zu tun, die angeblich von Aberhunderten Flugzeugen täglich versprüht werden.

Richtig. Das ist zugleich die Antwort auf Ihre Eingangsfrage. Die Chemtrail-Verschwörungstheorie lebt fort. Chemtrail-Gläubige werden weiterhin Fotos von Kondensstreifen und neuerdings auch vom Abendrot posten und behaupten, das seien Beweise für Geoengineering. Ich denke eher, dass sich für uns Aufklärer einiges ändert.”

Nämlich?

Die wissenschaftliche Debatte über die Risiken und Chancen von Geoengineering ist in vollem Gange. Und jetzt gibt es auch die ersten begrenzten Experimente dazu in freier Natur, wie jene von Keith/Keutsch, die Kalzit-Partikel mit Ballons oder Flugzeugen in die Stratosphäre sprühen wollen.

Mittlerweile gibt es Indizien dafür, dass in absehbarer Zeit eine weitere Methode am Himmel experimentell getestet werden soll, genannt Cirrus cloud seeding, also das Ausdünnen von Cirrus-Wolken. Während SRM bei einer möglichen Umsetzung per Ballon in großer Höhe durchgeführt würde, fände Cirrus cloud seeding genau dort statt, wo auch Kondensstreifen entstehen.

Hier können wir dann nicht mehr wie bisher argumentieren, dass Geoengineering sich in einer Höhe abspielt, die von Flugzeugen gar nicht erreicht werden kann, sondern müssen ins Detail gehen, um aufzuzeigen, dass die Streifen damit trotzdem nichts zu tun haben.

Auf solchen aktuellen Entwicklungen müssen wir als Skeptiker und Debunker vorbereitet sein. Sonst machen wir uns unglaubwürdig.”

Zumal die Chemtrail-Szene aus diesen Vorhaben ganz neues Selbstbewusstsein ziehen wird.

Ohne Frage. Von 2004 bis vor ein paar Jahren konnte man Chemtrail-Gläubige, wenn man das denn wollte, als Spinner, Wichtigtuer oder Versager abtun, die die Schuld für alles, was ihnen widerfährt, bei anderen suchen. Das ist nicht mehr angemessen.

Dadurch, dass Geoengineering ein reales öffentliches Thema ist, verfallen auch Menschen dem Chemtrail-Glauben, die normalerweise überhaupt nichts mit Verschwörungstheorien am Hut haben.

Selbst Akademiker. Diese Frauen und Männer wollen gegen Geoengineering kämpfen, kennen sich aber am Himmel nicht aus und nehmen deshalb alles, was man ihnen dort zeigt, als Bestätigung für eine bereits stattfindende Klimamanipulation.”

Aus welchem Grund meinen diese Leute, Geoengineering bekämpfen zu müssen?

Das Hauptmotiv ist die Angst vor Gesundheitsgefahren. Hauptsächlich durch den Fallout der „Chemtrail-Gifte“. Andere fürchten den „Lichtraub“, also dass sie weniger Sonnenlicht abbekommen oder nur noch ein unvollständiges Lichtspektrum. In entsprechenden Online-Foren finden sich ganze Listen von Erkrankungen als Folge des „psychisch-geistigen Lichtmangels“. Viele haben auch Angst um ihre Tiere.”

Was heißt das nun effektiv für die Aufklärungsarbeit?

Das heißt vor allem, dass Personen, die über die Chemtrail-Verschwörungstheorie aufklären wollen, auf dem neuesten Stand sein müssen. Das ist leider nicht immer der Fall.

Journalisten suchen gerne bei besonders krassen Facebook-Gruppen – eine davon haben Sie genannt – nach abseitigen Zitaten, wie etwa zur „Neuen Weltordnung“ oder zu „Erdbebenwaffen“. Natürlich findet man dort auch sowas – nur hat das nichts mit dem roten Faden der Chemtrail-Verschwörungstheorie zu tun.

Dann stehen plötzlich Fremdeinflüsse aus der Esoterik oder dem rechten Verschwörungsmilieu im Mittelpunkt, aber nicht das eigentliche Thema.”

Was meinen Sie mit Fremdeinflüssen?

Die Chemtrail-Verschwörungstheorie hat sich fest etabliert und zählt viele Gefolgsleute. Das lockt Verschwörungsgurus anderer Richtungen an, die Anhänger abschöpfen oder schlicht Geld verdienen wollen.

Vereinfacht könnte man sagen: Chemtrail-Gläubige sind angstgetrieben – und andere verkaufen ihnen die Mittel dagegen.

Die „Reichsbürger“ zum Beispiel wildern im Revier der Chemmies. Sie sind damit erfolgreich, weil sie neue Staatskreationen versprechen, etwa ein „echtes Deutschland“, in denen Schluss gemacht werde mit Chemtrails und Geoingeneering. Oder die Wundermittelanbieter von der MMS-Fraktion.

Miracle Mineral Supplement ist anschlussfähig, weil dieses Zeug angeblich gegen alle möglichen Beschwerden helfen soll, die von Chemtrails verursacht würden. Querverbindungen zu „Reichsbürgern“, Flacherdlern, Impfgegnern, 9/11-Truthern und sogar zur Partei „Deutsche Mitte“ gibt es.

Aber das sind Nebenschauplätze. Der Fokus der Chemtrail-Verschwörungstheorie ist das Klima, der Klimawandel und der Einfluss des Menschen darauf. Für Chemtrail-Gläubige sind Kondensstreifen Geoengineering, explizit das Sonnenstrahlungsmanagement. Das wird häufig falsch dargestellt. Und damit viel kaputtgemacht.”

Haben Sie dafür Beispiele?

In einem Science-Blog gab es vor kurzem einen ausgezeichneten Beitrag zum Thema Wettermanipulation. Leider stand am Schluss noch ein Satz drin zu Verschwörungstheorien „über böse Regierungen oder Geheimorganisationen, die unser Wetter heimlich durch Chemtrails aus geheimen Chemie-Sprühflugzeugen manipulieren“.

Auch in anderen Medien finden sich immer wieder Formulierungen wie „Es gibt kleinräumige Versuche zum Geoengineering wie Hagelflieger“ oder „Geoengineering in dem Sinne gibt es zwar nicht, aber im kleinen Rahmen wird es schon durchgeführt, zum Beispiel mit Hagelfliegern.“

Das ist verkehrt. Den Chemtrail-Gläubigen kann man nicht unbedingt verübeln, dass sie den Unterschied zwischen Wetter und Klima nicht so genau kennen und alles in einen Topf werfen. Aber Wissenschafts-Blogger und Journalisten sollten eigentlich schon in der Lage sein, Wetter und Klima zu differenzieren.

Wetterbeeinflussung hat mit Geoingeneering nichts zu tun und damit auch nichts mit der Chemtrail-Verschwörungstheorie. Auch in der ZDF-Doku „Leben im Wahn“ von Rayk Anders wurden „Wettermanipulation“ und „Geoengineering“ als Doppelpack genannt. Das fand ich nicht sehr gelungen.”

Welche Folgen von aus Ihrer Sicht suboptimaler Aufklärung nehmen Sie denn wahr?

 Ich engagiere mich seit fast zehn Jahren aktiv gegen die Chemtrail-Märchen und habe unzählige Diskussionen mit Chemtrail-Gläubigen geführt. Dadurch genieße ich bei ihnen den Ruf, ziemlich sachlich zu sein.

Es kommen auch immer wieder Chemtrail-Gläubige mit ihren persönlichen Fragen auf mich zu. Das zeugt von einer gewissen Vertrauensbasis und trägt mit dazu bei, dass meine Mitstreiter und ich immer wieder Betroffene in die Realität zurückführen können.

Allerdings muss ich mir auch oft sagen lassen: „Herr Lorenz, sie sind zwar sachlich und freundlich zu mir, aber in der Regel werde ich überall als Spinner behandelt. Die andere Seite dagegen – also die Verschwörungsgruppen – versteht mich und nimmt mich ernst.“ Verschwörungsanhänger merken natürlich, wenn Quatsch über sie erzählt wird, und das bestärkt sie darin, dass sie Recht haben, denn wozu sonst sollte man offenkundige Lügen über sie verbreiten?

Derartige Pseudo-Aufklärungsversuche sind also eher begünstigend für Verschwörungstheorien.”

Vermutlich ist der Umgang von Verschwörungsgläubigen mit Ihnen aber nicht nur von gegenseitigem Respekt geprägt.

Nein, das geht bis zu Morddrohungen. Wie wohl bei den meisten, die sich kritisch mit solchen Themen beschäftigen.”

Trotzdem können Sie von Erfolgen, also von „Bekehrungen“, berichten. Wie gehen Sie da vor?

Ich bin vor allem bei Twitter aktiv. Wir haben es dort mit vielen Leuten zu tun, die gerade erst in der Anfangsphase der Verschwörungstheorie stecken, also vielleicht eine Beobachtung gemacht haben, die irgendwie merkwürdig ist und die sie sich nicht erklären können. In diesem Stadium kann man mit sachlicher Information und Widerlegung noch viel erreichen.

Das sind nicht alles Idioten, sondern Menschen, denen wir einfach die Falschbehauptungen und auch die Funktionsweise der Chemtrail-Verschwörungstheorie aufzeigen sollten. Dazu muss man die Methodik kennen und man sollte auch wissen, wovon man spricht.

Wenn ein Verschwörungstheoretiker, auch auf der ersten Stufe, Wissenslücken in den Aussagen oder gar Widersprüche entdeckt, hat man verloren und braucht gar nichts mehr zu erklären. Dann ist es im Zweifelsfall besser, mal gar nichts von sich zu geben.

Ich denke, entscheidend sind zwei Punkte: mit Verschwörungsgläubigen so umzugehen, dass sie nicht noch tiefer in ihre Überzeugungen hineingetrieben werden. Und eine Methodik zu vermitteln, mit der sie selbst genau die Punkte finden können, wo sie manipuliert und betrogen werden.”

Zum Weiterlesen:

  • 49-Jähriger blendet Hubschrauber mit Laserpointer und muss ins Gefängnis, SPON am 31. Mai 2017
  • Angeblicher Giftregen aus Flugzeugen, Neues Deutschland am 2. Juni 2017
  • Was jeder über Gewitter wissen sollte, Frank Wettert am 17. Juni 2007
  • Incredible contrail made by Boeing 787 – what causes them, and are they part of a global conspiracy? The Telegraph am 4. Juli 2017
  • Explained: Viral Video of 787 Leaving Thick Contrails with Forced Perspective, Metabunk am 20. Juni 2017
  • Fear of solar geoengineering is healthy – but don’t distort our research, The Guardian am 29. März 2017
  • Unglaubliches Phänomen: Ein skeptisches Chemtrail-Buch, GWUP-Blog am 30. Mai 2013
  • Lehrreicher Lehrfilm Teil 2: Chemtrails & Geo-Engineering – Die Wahrheit, GWUP-Blog am 24. Mai 2017
  • “Fakt”-Video: Wenn Verschwörungstheoretiker sich radikalisieren, GWUP-Blog am 13. Juni 2017
  • Geoengineering-Ideen: Mit Hightech den Klimawandel stoppen? BR am 10. März 2016
  • Climate Engineering: Der Mensch als Klimamacher, Deutschlandfunk Kultur am 2. März 2017

Skeptical-Video: „Die Esoteriker hatten recht“ mit Florian Aigner und Martin Moder

Ein Highlight vom “Skeptical” in der Berliner Urania:

Der Physiker Dr. Florian Aigner und der Molekularbiologe Dr. Martin Moder erklären, warum sie von der Wissenschaft zur Esoterik übergelaufen sind.

Das Video produzierte Andreas Weimann.

Zum Weiterlesen:

  • „Der Zufall, das Universum und du“: Erstes Buch von Florian Aigner, GWUP-Blog am 25. Dezember 2016
  • Furchteinflößende Hühner: Das erste Buch von Molekularbiologe Martin Moder, GWUP-Blog am 22. September 2016
  • SkepKon 2017: 30 Jahre kritisches Denken, diesseits am 31. Mai 2017
  • Skeptical 2017: Wissenschaft von Unsinn unterscheiden, diesseits am 9. Mai 2017
  • Mit Sachlichkeit gegen den Unsinn, Süddeutsche am 1. Mai 2017
  • Fakten gegen den groben Unsinn, tagesspiegel am 2. Mai 2017
  • Die hohe Kunst der Skepsis, tagesspiegel am 29. April 2017
  • Zweifeln hält gesund, taz am 5. Mai 2017
  • Nerds, Stubenhocker und Bücherwürmer, hpd am 4. Mai 2017
  • SkepKon 2017: Die Stimme des Intellekts, wissenschaftskommunikation am 5. Mai 2017
  • Bericht von der SkepKon 2017, skeptiker.ch am 7. Mai 2017
  • SkepKon-Impressionen, youtube am 10. Mai 2017

Interview mit James Randi: „Der Don Quixote des Rationalismus“

Anlässlich seines Auftritts beim “Spektakuli” in Zürich hat der Tagesanzeiger ein ausführliches Interview mit James Randi veröffentlicht.

Ein Auszug:

Tagesanzeiger: Sie sind der Don Quixote des Rationalismus.

Randi: Kann man so sehen. Aber ich erlebe ja immer noch überwältigende Reaktionen. Wenn es mir gelingt, mit etwas Humor die Aufmerksamkeit zu wecken, ist vieles möglich. Nach jeder Show kommen zuverlässig sieben, acht Menschen voller Dankbarkeit auf mich zu, häufig mit Tränen in den Augen.”

Wieso?

Sie realisierten während meiner Darbietung, dass man sie zum Narren gehalten hatte. Dass sie für Hirngespinste sinnlos Geld ausgegeben hatten, dass man sie an der Nase herumgeführt hatte. Wenn ich merke, dass ich diese Leute zu eigenem, kritischem Denken animiert habe, ist das ein grosser Triumph für mich. Typischerweise sagen mir diese Leute sehr häufig diesen einen Satz: Sie haben meinem Leben eine grosse Wende gegeben.”

Manchmal werden die Leute Ihretwegen aber auch wütend – gerade weil Sie ihre ­Illusionen zerstört haben. Das ist doch ­frustrierend.

Das gibts die ganze Zeit. Dass ich nicht alle Leute überzeugen kann, muss ich akzeptieren. Ich sehe die Verneiner ja schon im Publikum, wie sie ihre Köpfe schütteln – der physische Ausdruck ihrer vehementen Abwehrhaltung. Sie schützen die Lüge wider besseres Wissen. Manche Leute wollen belogen werden. Traurige Sache.”

Gibt es nicht Leute, die mit Illusionen besser bedient sind, leichter leben?

Nein. Erstens verschwenden sie so unnötig Geld, reiten zweitens oft auch die Familie mit ihrem Nonsens ins Unglück und sind drittens ausgeschlossen vom Verständnis der Welt.”

Zum Weiterlesen:

  • “Gellers Löffeltrick war simpel”, tagesanzeiger am 1. Juli 2017
  • Richard Feynman besucht Uri Geller, Indian Skeptic am 11. April 1997
  • James Randi at CSICon: Much More Than a “Theatrical Character”, CFI am 29. Oktober 2016
  • Behind the Magic: An Interview with James Randi, Skeptical Inquirer Volume 39.2, March/April 2015
  • James Randi wird 85, GWUP-Blog am 6. August 2013
  • “Ein bisschen Show”: Interview mit James Randi im Skeptiker, GWUP-Blog am 17. März 2017
  • Jetzt als Video: „Oberhummer Award 2016“ mit der Preisverleihung an James Randi, GWUP-Blog am 11. Januar 2017
  • James Randi: Magier und Urvater der Skeptiker, profil am 22. November 2016
  • James Randi: Dem Unfug auf der Spur, diepresse am 26. November 2016

In memoriam: Professor Dr. Bernulf Kanitscheider

Die Skeptiker trauern um Professor Bernulf Kanitscheider, Mitglied im GWUP-Wissenschaftsrat.

Er starb am 21. Juni an einer Krebserkrankung.

Mit ihm verliert die GWUP einen wichtigen Vertreter einer wissenschaftsfreundlichen zeitgenössischen Philosophie”,

schreibt die GWUP in einer kurzen Meldung. Ein ausführlicher Nachruf erscheint im nächsten Skeptiker.

Der Humanistische Pressedienst würdigt Kanitscheider als einen der bedeutendsten Vordenker des Naturalismus:

In Erinnerung wird uns Bernulf nicht nur als blitzgescheiter Universalgelehrter bleiben, sondern auch als ein ungemein weltoffener, warmherziger, humorvoller und vielseitig interessierter Mensch, der in wunderbarem Einklang mit seiner Philosophie lebte.

Letzteres änderte sich auch nicht, als er im Herbst 2016 von seiner Krebserkrankung erfuhr. Diejenigen, die kurz vor seinem Tod Gelegenheit hatten, mit ihm zu sprechen, waren erstaunt darüber, mit welcher Ruhe und existentiellen Gelassenheit er dem Unvermeidlichen entgegenblickte.

Offenkundig profitierte er am Ende sehr davon, dass er sich ein Leben lang konsequent und illusionslos wie nur wenige andere mit der Vergänglichkeit des Menschen, des Sonnensystems, ja des gesamten Universums auseinandergesetzt hatte.

“Der Kosmos schweigt uns an” – auf diese kurze Formel hat Bernulf Kanitscheider seine kosmologischen und existentialphilosophischen Erkenntnisse gerne gebracht. Wir können uns alle glücklich schätzen, dass Bernulf uns nicht angeschwiegen hat, sondern so großzügig war, sein enormes Wissen mit uns zu teilen.

Dies wird auch künftige Generationen bereichern, sofern sich evidenzbasierte, sinnlich erfahrbare und intellektuell plausible Konzepte durchsetzen sollten. Bernulf Kanitscheider hat dafür wichtige Grundlagen geschaffen.

Das wird von ihm bleiben – weit über seinen Tod hinaus.”

Zum Weiterlesen:

  • Ein Meister der intellektuellen Redlichkeit, hpd am 7. Juli 2017
  • Bernulf Kanitscheider: Kleine Philosophie der Mathematik. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2017
  • Können gute Wissenschaftler religiös sein? Contra von Bernulf Kanitscheider, Zeit-Wissen am 11. Oktober 2011
  • “Der Kosmos schweigt uns an”: Interview mit Bernulf Kanitscheider, Süddeutsche am 17. Mai 2010




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