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Teufelswerk oder Hexenjagd? „Satanistenmorde“ bei Außer Sinnen 2015 in Nürnberg

Am Dienstag (30. Juni) ist Lydia Benecke bei “Außer Sinnen” in Nürnberg zu Gast, und zwar mit der Vollversion ihres Skepkon-Vortrags

Teufelswerk oder Hexenjagd? Satanistenmorde und ritueller Missbrauch im Vergleich mit dem echten Leben der Schwarzen Szene“

Aus der Ankündigung:

Bekannt gewordene Kriminalfälle wie die Mordfälle von Witten oder Sondershausen, aber auch Medienberichte aus jüngster Zeit wie die „Harry Potter Satanisten” suggerieren:

Potenzielle Killer im Auftrag Satans sind mitten unter uns – und sie scheinen der „schwarzen Subkultur” zu entstammen.

Sind Gruftis also mordlüsterne „Schläfer im Auftrag des Teufels”? Oder haben Massenmedien, Autoren und übereifrige Sektenbeauftragte auf der Jagd nach Aufmerksamkeit und Einschaltquoten einen Gruselmythos erschaffen, der mit der Realität bestenfalls vage Berührungspunkte hat?

Diesen Fragen geht die Kriminalpsychologin und Straftätertherapeutin Lydia Benecke nach.

Sie begibt sich auf eine Zeitreise zu den Ursprüngen moderner Vorstellungen von „Satans-Verbrechen”. Einige der bekanntesten und tragischsten Fälle dieser Art werden aus psychologischer Sicht neu aufgerollt. Die verhängnisvollen Auswirkungen abergläubischer Überzeugungen von Ermittlern und Juristen werden anhand eines US-Justizskandals dargestellt.

Lydia Benecke zeigt: Hexenjagden gibt es auch heute noch. Ihre Ursachen sind dieselben wie vor Jahrhunderten: Angst vor dem Fremden, dem Düsteren und Unbekannten gemischt mit dem Wunsch, möglichst einfache Erklärungen zu finden und dabei die Welt in „Gut” und „Böse” aufzuspalten.

Einfache Erklärungen, die es in einer psychologisch, kulturell und gesellschaftlich komplexen Welt so nicht gibt.

Der Analyse von als „Satansverbrechen” bekannt gewordenen Fällen wird ein psychologischer Einblick in die „Schwarze Subkultur” gegenüber gestellt. Ihre Grundwerte sowie typische Persönlichkeitseigenschaften und Motive der Menschen, die sich ihr zugehörig fühlen, werden vermittelt.

Auch psychologische Profile benachbarter Subkulturen wie der BDSM-Szene und der Real-Life-Vampyr-Szene werden thematisiert.”

Die Veranstaltung im Nicolaus-Copernicus-Planetarium beginnt um 19.30 Uhr, der Eintritt kostet 7 Euro.

Zum Weiterlesen:

  • Satanistenmorde bei Hoaxilla, GWUP-Blog am 5. Mai 2015
  • Hoaxilla #159 – ‘Satanistenmorde – HOAXILLA Crime’ vom 4. Mai 2014
  • Was sind und tun eigentlich Satanisten? Ein Interview, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Buchrezension: Satanismus und ritueller Missbrauch, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • A Brief History Of “Satanic Panic” In The 1980s, io9 am 20. Januar 2015
  • Dan and Fran Keller: Innocence denied, viewpoints.blog am 22. Mai 2015
  • Remember the Satanic Panic, Real Clear Religion am 9. Januar 2013
  • Paranormales und Skepsis: “Außer Sinnen 2015″ in Nürnberg, GWUP-Blog am 25. Februar 2015

„Ich könnte kotzen“: Krebs- Betroffene kritisiert Quackseite “Zentrum der Gesundheit”

Ja klar – “die Pharma denkt nicht daran, die wirklichen Ursachen für Krebs zu bekämpfen” und “bekämpft alle alternativen Ansätze zur Heilung von Krebs”.

Willkommen in Honkland.

In Wahrheit werden in Deutschland zurzeit rund 1000 Industrie-initiierte Arzneimittelprüfungen durchgeführt. Mit Abstand am meisten wird an Krebsmedikamenten geforscht. Etwa ein Drittel der jährlich zugelassenen Medikamente sind Onkologika, gefolgt von Arzneimitteln gegen Infektionskrankheiten.

Neue vielversprechende Ansätze wie Immuntherapien oder eine Chemotherapie mit weniger Nebenwirkungen gehen fast täglich durch die Medien. Dass Verschwörungstheorien um angeblich unterdrückte Krebsmedikamente also blanker Nonsens sind, haben wir schon vor zwölf Jahren geschrieben.

Jetzt ist auch einer unmittelbar Betroffenen der Kragen geplatzt.

Das Tattoo-Model Myriam von M. hat HPV-induzierten Gebärmutterhalskrebs besiegt und engagiert sich für die Krebsvorsorge und die HPV-Impfung.

Für einen geplanten Dokumentarfilm

Gesichter einer Krankheit – Wir Helden gegen Krebs”

sammelt sie derzeit Spenden. Auch GWUP-Mitglied Dr. Mark Benecke unterstützt das Projekt:


Direktlink zum Video auf Youtube

Auf ihrer Facebook-Seite kommentiert Myriam von M. aktuell eine “Warnung” der berüchtigten Quack-Seite Zentrum der Gesundheit vor den angeblich schlimmen Folgen der HPV-Impfung – mit deutlichen Worten:

WENN ICH DIESEN SCHEISSDRECK LESE, MÖCHTE ICH AM LIEBSTEN KOTZEN!!!!!

Alle möglichen pseudomedizinischen Heilverfahren für Krebs werden angepriesen.

Mal heilt man Krebs mit Aprikosenkernen (bzw. einem Extrakt daraus), ein andermal ist Krebs in Wirklichkeit nur eine Pilzerkrankung [...]

Das wirklich Schlimme dabei ist, dass einige der Ratschläge durchaus sinnvoll sind, viele andere aber blanker Unsinn. Es wird einfach wahllos abgedruckt, was irgendwie in das eigene Weltbild passt oder passend gemacht werden kann.

Der Realitätsgehalt ist dabei unerheblich.

Medizinische Behauptungen werden nach dem Schrotflintenprinzip aufgestellt. Man behauptet beliebig alles mögliche und manchmal landet man sogar ein Trefferchen [...]

Fazit: Die Seite ist gemeingefährlich.”

Zum Weiterlesen:

  • “Zentrum der Gesundheit” bei Psiram
  • „Alternativmedizin“ und der Krebstod der „Wellness Warrior“, GWUP-Blog am 10. März 2015
  • Homöopathie gegen Krebs? GWUP-Blog am 15. Juni 2015
  • Steve Jobs und die Pseudomedizin, GWUP-Blog am 22. Oktober 2011
  • Krebsforscher: “Finger weg von komplementären Verfahren”, GWUP-Blog am 7. Januar 2015
  • Krebs-Scharlatane: Wenn Patienten den Tumor ärgern, GWUP-Blog am 8. Juli 2014
  • Zwangschemotherapie rettet 17-Jähriger das Leben, Welt-Online am 10. März 2015
  • Make Health, not War!“ – Die Vitaminverschwörung des Dr. Rath, Skeptiker 4/2003
  • Größte Hoffnung seit Jahrzehnten: Individuelle Krebsimpfung tötet Tumore, Focus-Online am 22. Juni 2015
  • Tumor halbiert, Lebenszeit verdoppelt – Krebsforscher sprechen schon von Heilung, Focus-Online am 4. Juni 2015
  • Forscher entwickeln revolutionäre Krebs-Behandlung – sie bekämpft die Nebenwirkungen von Chemotherapie, Huffington Post am 23. Juni 2015

Pharmaindustrie, Atomkraft, Klima: „Könnt Ihr ambivalent?“

Interessanter Diskussionsbeitrag von Jörg Wipplinger:


Direktlink zum Video auf Youtube

Ein Auszug:

Richtig interessant wird es, wenn beide Seiten nicht nur gültige Argumente haben, sondern gültige Totschlagargumente. Also so entscheidende Punkte, dass die Gegenseite eigentlich ausgehebelt sein müsste.

Damit sind wir bei einem österreichischen Antithema: der Atomkraft.

Hier in Österreich wird traditionell nur das Totschlagargument der Atomkraftgegner angeführt: Es gibt keine Lösung für den laufend entstehenden Atommüll. Das stimmt. Und es ist absolut unverantwortlich, Atommüll zu produzieren, wenn es keine Lösung gibt, wohin damit.

Konsequenz daraus: Atomkraft muss sofort eingestellt werden.

Das Totschlagargument der Atomkraftbefürworter ist: Ohne haben wir nicht genug Energie, außer wir setzen auf fossile Brennstoffe und ruinieren endgültig und rasend schnell das Klima. Auch das ist richtig.

Alternative Energiequellen haben bei all den Jubelmeldungen massive Schwächen. Ihre Leistung ist so unregelmäßig, dass für den steten Bedarf fossile Kraftwerke herhalten müssen. Daher wäre es vollkommen idiotisch, die Atomkraft abzuschalten [...]

So lange beide Seiten gültige Totschlagargumente haben, macht es keinen Sinn, dafür oder dagegen zu sein. Beides ist gleichermaßen falsch.

Es macht auch keinen Sinn, dass die beiden Seiten miteinander diskutieren. Für beide Seiten ist die einzige Lösung, das Problem so lange zu bearbeiten, bis das Totschlagargument der Gegenseite wegfällt.

Bei Atomkraft heißt das: Entweder löst die eine Seite das Atommüllproblem – und mit lösen meine ich nicht, eine diffuse technische Lösung, die sich irgend wo am fernen Zeithorizont vielleicht abzeichnet.

Oder die andere Seite löst das Energieproblem.”

Zum Weiterlesen:

  • Wenn der Feind Recht hat, diewahrheit am 21. Juni 2015
  • Sind die Klimaziele des G7-Gipfels ernst gemeint? GWUP-Blog am 9. Juni 2015
  • 4 Young Scientists und ein großes Thema: Klimawandel, Lindau Blog am 23. Juni 2015
  • The Hoax of Climate Denial, billmoyers am 17. Juni 2015
  • „Die Pseudoargumente der Klimawandelleugner“ gewinnen den Kölner Bullshit-Slam, GWUP-Blog am 1. März 2015

Gentechnik: NGOs verbreiten Angst statt Informationen

Es ist gerade ein halbes Jahr her, seit Matin Qaim und Wilhelm Kümper von der Georg-August-Universität Göttingen eine weithin beachtete Metaanalyse über die Auswirkungen gentechnisch veränderter Nutzpflanzen veröffentlichten.

Die Schlussfolgerung:

This meta-analysis confirms that – in spite of impact heterogeneity – the average agronomic and economic benefits of GM crops are large and significant. Impacts vary especially by modified crop trait and geographic region.

Yield gains and pesticide reductions are larger for IR crops than for HT crops. Yield and farmer profit gains are higher in developing countries than in developed countries.”

Doch offenbar lesen weder Vertreter der NGOs noch die Mehrzahl der Journalisten und die gesetzgebenden Politiker wissenschaftliche Publikationen.

Hieß es nicht, die Gentechnik treibe Menschen in Indien und andernorts in den Selbstmord? Nicht nur von den “usual suspects“, sondern auch im gebührenfinanzierten Fernsehen?

Ein Mythos, der sich bis heute hält, wie unter anderem im MIT-Programm für Wissenschaftsjournalismus berichtet wird.

In seinem Blog Neurologica schreibt der Mediziner, Wissenschaftsautor und Skeptiker Steve Novella dazu:

When the data is reviewed in a more objective and thorough way it seems clear that there is no correlation between the use of Bt cotton by Indian farmers and farmer suicide, and if anything there is a small decrease (although too small to conclude causation).”

Nun ist Bangladesch ins Visier der Anti-Gentechnik-NGOs geraten.  Das Land hat als erstes in Südasien den Anbau der genetisch veränderten Auberginensorte Bt Brinjal erlaubt.

Doch Medien vor Ort und Anti-GMO-Aktivisten verbreiten unter den Bauern Angst vor dem neuen Produkt. Und immer wieder wird behauptet, das Projekt sei gescheitert, die Pflanzen eingegangen.

Diesen Behauptungen ging Mark Lynas nach, dessen Bericht hier zu sehen ist:


Direktlink zum Video auf Youtube

Den Berichten der  Bauern zufolge haben ihnen Journalisten bei früheren Besuchen erklärt, dass Bt Brinjal  nicht nur ihre eigene Gesundheit, sondern auch die ihrer Kinder und Enkel schädigen werde.

Auch wird der Verdacht geäußert, dass neben NGOs auch Hersteller von Pflanzenschutzmitteln hinter der Desinformation stecken könnten. Denn im Gegensatz zu konventionellen Sorten benötige Bt Brinjal keine Pflanzenschutzmittel mehr.

Nebenbei: Wie der Bericht zeigt, waren die Berichte vom Scheitern falsch.

Auch Begum Matia Chowdhury, die Landwirtschaftsministerin von Bangladesch,  findet deutliche Worte für die Protestierer: sie seien entweder unaufrichtig oder ignorant.

Einen weiteren empfehlenswerten BBC-Bericht zum Thema gibt es hier:


Direktlink zum Video auf Youtube

Dort entschuldigt sich im Übrigen Mark Lynas öffetnlich dafür, dass er zwei Jahrzehnte lang zur Verteufelung von  Gentechnik beigetragen hat.

Bemerkenswert sind auch die klaren Worte des ehemaligen britischen Greenpeace-Chefs Stephen Tindale:

Es ist aus meiner Sicht unakzeptabel, moralisch unakzeptabel, sich gegen diese neuen Technologien zu erheben.”

Weiter ruft er Greenpeace & Co. dazu auf, Ideologien nicht über humanitäre Aktionen zu stellen.

Es ist zu hoffen, das wir bald auch im deutschen Fernsehen Berichte über Gentechnik sehen, die von Wissenschaftlichkeit statt Ideologie und Ignoranz geprägt sind.

Gleichwohl heißt es noch immer, die Risiken der grünen Gentächnik seien nicht abzuschätzen. Doch die Forschung der letzten 30 Jahre spricht eine klare Sprache, so berichten Nicolia et al. zum Beispiel von den letzten zehn Jahren Forschung.

Generelle Risiken der Gentechnik gibt es nicht. Vielmehr muss jedes einzelne Lebensmittel  – ob genetisch verändert, konventionell erzeugt oder aus Bio-Landwirtschaft – vor der Zulassung geprüft werden.

Für eine pauschale Diskrimierung  genetisch veränderter Pflanzen besteht kein objektiver Anlass.

Wie beim Klimawandel gibt es auch zur Grünen Gentechnik in der Wissenschaft einen klaren Konsens. Doch noch ist die europäische Politik ist weit von diesen Erkenntnissen entfernt.

Vielleicht wäre deutschen, österreichichen und europäischen Politikern eine Bildungsreise nach Bangladesch zu empfehlen.

Zum Weiterlesen:

Skepkon-Video: Coaching zwischen Profession und Konfession

Ein weiteres Skepkon-Video von Andreas Weimann ist online.

Der Wirtschaftspsychologe Prof. Uwe P. Kanning spricht zum Thema “Coaching zwischen Profession und Konfession”:


Direktlink zum Video auf Youtube

Aus dem Abstract:

Seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts zählt Coaching zu den etablierten Methoden der Personalentwicklung.

Ursprünglich handelte es sich dabei um eine Beratungssituation, in der eine Führungskraft in mehreren Einzelsitzungen mit einem Coach Probleme des Arbeitsalltags bespricht, Lösungsansätze entwickelt und deren Umsetzung in die Wege leitet.

Im Fahrwasser dieses wirtschaftlich erfolgreichen Ansatzes werden inzwischen unterschiedlichste Methoden unter dem Label „Coaching“ vermarktet, die nicht einmal mehr Plausibilität für sich in Anspruch nehmen können.

Drei dieser Ansätze – Horse Sense, Organisationsaufstellung und Spirituelles Coaching – sollen kurz vorgestellt und kritisch hinterfragt werden. Am Ende des Vortrags steht eine Analyse der Vermarktungsstrategien sowie der Gründe dafür, dass derartige Methoden überhaupt Abnehmer finden.”

Zum Weiterlesen:

  • Das war die Skepkon 2015, hpd am 20. Mai 2015
  • Skepkon-Video: 100 000 Euro für den Beweis der Existenz des Masernvirus – im Ernst?!? GWUP-Blog am 23. Mai 2015
  • Skepkon-Video: Bettina Wurche über Twi’leks und andere Wesen im Star-Wars-Universum, GWUP-Blog am 1. Juni 2015
  • Skepkon-Video: Haben alle Esoteriker einen Knall? GWUP-Blog am 14. Juni 2015
  • Gescheitert am Schädeldeuter, GWUP-Blog am 26. April 2011
  • Schädeldeuter und Graphologen, GWUP-Blog am 21. März 2010
  • Uwe Kanning: Von Schädeldeutern und anderen Scharlatanen. Unseriöse Methoden der Psychodiagnostik. Pabst Science Publishers, Lengerich 2010
  • Uwe Kanning: Schädeldeutung & Co. Absurde Methoden der Psychodiagnostik, Skeptiker 3/2010
  • Die Unsinnigkeit von Typologien, haufe.de am 29. Januar 2014
  • Uwe Kanning: Wie Sie garantiert nicht erfolgreich werden! Dem Phänomen der Erfolgsgurus auf der Spur. Pabst Science Publishers, Lengerich 2007

Ein „Bund“ zwischen Ärzten und Heilpraktikern? Das freut nur die Pseudomediziner

Wieder einmal meint ein Medizinjournalist, für “mehr Aufgeschlossenheit” gegenüber “Alternativ”-Medizin werben zu müssen, diesmal sogar im renommierten DocCheck-Portal:

Vielleicht sollten Ärzte und Heilpraktiker einfach häufiger zusammenarbeiten [...]

Am Ende geht es sowohl Ärzten als auch Heilpraktikern darum, dem Menschen zu helfen. Vielleicht kann Ferrum phosphoricum bei einem Schnupfen tatsächlich bessere Dienste leisten als das Antibiotikum, das Patienten so oft von ihrem Arzt erwarten, obwohl es gegen virale Infektionen gar nicht wirken kann?

Vielleicht hilft die ausführliche, homöopathische Anamnese dem Patienten, sich ernst genommen zu fühlen und sich besser mit den Ursachen seine Erkrankung auseinander setzen zu können? Und möglicherweise steckt hinter den chronischen Abdominalschmerzen gar keine Darmentzündung, sondern eine Depression, die sich in 8 Minuten nicht so einfach diagnostizieren lässt?

Was spricht eigentlich dagegen, beide Heilansätze zu vereinen, sie mit gesundem Menschenverstand miteinander zu kombinieren und dem Patienten das Beste aus „beiden Welten“ anzubieten?

Sicher profitiert ein Krebspatient von einer gesunden Ernährung, allerdings erst nach der Tumoroperation.”

Gegenfrage:

Was spricht eigentlich dagegen, die “sprechende Medizin” besser zu vergüten, die Ärzteausbildung zu optimieren und zum Beispiel Psychoonkologen in die Behandlung von Krebspatienten einzubeziehen?

Denn die “zwei Welten”, von denen die Kollegin schreibt, sind lediglich in der Phantasie von Pseudomedizinern kompatibel:

Da gibt es zum einen die reale Welt, in der wir alle tatsächlich existieren und in der die uns bekannten Naturgesetze gelten. Und zum anderen eine Parallelwelt, in der alles Objektive und alle Beschränkungen auf wundersame Weise aufgehoben sind”,

erklärte der Allgemeinmediziner Dr. Werner Hessel im Skeptiker-Interview:

Wer sich ein solches Weltbild zu eigen macht, ist zugleich immun gegenüber jedweder vernünftiger Argumentation. Im Gegenteil, meistens muss ich mir dann sagen lassen, dass ich mit meiner „beschränkten“ und „eindimensionalen“ Sicht der Dinge arm dran sei.”

Deutlicher kann man die Unvereinbarkeit von evidenzbasierter Medizin und “alternativer” Medizin kaum darstellen.

Der Vorschlag der DocCheck-Journalistin wäre nur dann eine Überlegung wert, wenn Homöopathen, Heilpraktiker und Co. sich im Klaren darüber wären und akzeptieren würden, dass sie lediglich eine Wohlfühl-/Placebotherapie betreiben.

Eben dies ist aber nicht der Fall, sondern die “Alternativ”-Fraktion ist von der absoluten Richtigkeit ihrer Nonsens-Methoden völlig überzeugt – und allein diese Tatsache macht auch nur den Gedanken an eine “Integration” obsolet.

Wie die meisten Skeptiker engagierte Hessel sich nicht “gegen” Alternativmedizin, sondern für eine transparente und richtig angewandte wissenschaftsbasierte Medizin zum Wohle der Patienten.

Das ausführliche Gespräch mit ihm ist auch heute noch überaus lesenswert:

  • Was hat die GWUP gegen Homöopathie? Teil I, GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze, Teil II,  GWUP-Blog am 2. Februar 2011
  • Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung,Teil III, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Homöopathie: Unmögliches muss man nicht erklären, Teil IV, GWUP-Blog am 4. Februar 2011

Aber auch bei anderen Experten hätte die DocCheck-Autorin sich umhören können, bevor sie ihr Plädoyer

Einen Versuch wäre es wert”

niederschrieb.

Etwa bei Prof. Edzard Ernst, der der Süddeutschen Zeitung sagte:

Gute Medizin besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Das eine ist die Kunst der Medizin, das andere die Wissenschaft der Medizin.

Gute Medizin besteht aus zwei wesentlichen Elementen. Das eine ist die Kunst der Medizin, das andere die Wissenschaft der Medizin. Moderne Medizin ist vielleicht zu sehr fokussiert auf das wissenschaftliche Element. Alternativmediziner wie die Homöopathen konzentrieren sich dagegen fast ausschließlich auf die Kunst der Medizin. Die können mit den Patienten sehr gut umgehen.

Wenn eines der beiden Elemente fehlt, ist es keine gute Medizin. Das ist eine Kritik an der sogenannten Schulmedizin als auch an den sogenannten Alternativmedizinern.”

Fragen wir einfach mal:  Was wäre leichter und auch gesundheitspolitisch-strukturell umzusetzen?

Ärzten die Kunst der Medizin beizubringen? Oder Alternativmedizinern die Wissenschaft der Medizin zu vermitteln?

Die Antwort findet sich zum Beispiel hier oder hier – und sie zeigt anschaulich, dass ein “Bund” zwischen Ärzten und Heilpraktikern so sinnvoll wäre wie Schokolade, die nach Radieschen schmeckt.

Oder bei der internistischen Onkologin Prof. Jutta Hübner, die gegenüber Spiegel-Online klarstellte:

Barbara Steffens, Ministerin für Gesundheit in Nordrhein-Westfallen, fordert die Integration der Homöopathie in die Schulmedizin. Was halten Sie davon?

Schulmedizin ist eigentlich evidenzbasierte Medizin, also eine Medizin, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Will man dort die Homöopathie integrieren, müsste sie wissenschaftliches Denken anerkennen und mit klinischen Studien zeigen, dass sie funktioniert.

Aber allein aufgrund der Tatsache, dass in den Globuli nichts drin ist, wird das nicht passieren. Es gäbe die Möglichkeit, in Studien zu zeigen, dass der intensive Arzt-Patienten-Kontakt etwas bewirkt, sicherlich auch unabhängig von Globuli und dem dahinter stehenden Gedankengebäude.

Wenn wir also die Homöopathie in die evidenzbasierte Medizin integrieren wollen, lösen wir gerade diese Systeme auf. Solche Vorschläge laufen aber eher darauf hinaus, dass wir die Schulmedizin und die alternative Medizin, die eine ganz andere Grundlage hat, gleichberechtigt nebeneinander stellen – und sich beide Systeme auch noch gut vertragen sollen.

Das ist schädlich für unsere Patienten und ein Rückschritt von hundert Jahren.”

Wie könnte man dann mehr Menschlichkeit in die Medizin bringen?

Evidenzbasierte Medizin in einer fortschrittlichen Definition bedeutet, dass wir den Menschen als Ganzes betrachten und seine Bedürfnisse wahrnehmen müssen, nicht nur seine Krankheit. Davon ausgehend überlegen wir, welche Therapie optimal wäre.

Das ist die fortschrittlichste Medizin, die wir möglich machen können. Dann gibt es keinen Grund, etwas anderes daneben zu setzen.

Wir müssen aber die Fehlanreize korrigieren, die wir in unserem modernen westlichen Gesundheitssystem haben. Hier muss die Politik angreifen. Sie müsste die evidenzbasierte Medizin auch außerhalb der medikamenten- oder technikgeschützten Therapien unterstützen, statt über Alternativen zu spekulieren.”

Das sehen wir genauso.

Zum Weiterlesen:

  • Ärzte und Heilpraktiker: (K)ein Bund fürs Leben? DocCheck News am 18. Juni 2015
  • Heilpraktiker, Homöopathie und Impfen, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 13. März 2015
  • Heilpraktiker: “Irrationalismus und voraufklärerisches Denken”, GWUP-Blog am 16. Februar 2015
  • Kompetenzbefreite Heilpraktikerinnen im Doppelpack, dieausrufer am 16. März 2015
  • Homöopathie, Ganzheitlichkeit und die sprechende Medizin, GWUP-Blog am 20. April 2013
  • Homöopathie: Wenn Skeptiker Hoffnungen zerstören, GWUP-Blog am 18. April 2013
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013
  • Alternativmedizin, Lebensqualität mit Krebs und die Schaden-kann-es-nicht-Hypothese, Fischblog am 19. April 2013
  • Die absurde finanzielle Ungleichbehandlung von Ärzten und Heilpraktikern, GWUP-Blog am 18. Juli 2014
  • Homöopathie: Nicht Globuli sind entscheidend, sondern die ärztliche Zuwendung, GWUP-Blog am 18. Juli 2014

Neue Temperaturrekorde und die Klimawette der US-Skeptiker

Leider keine Verschnaufpause: Es gibt erneut Temperaturrekorde, wie auf der NOAA Website zu lesen ist.

Der Mai 2015 war der wärmste in den 136 Jahren der Temperaturmessung und übertrifft den bisherigen Rekordhalter 2014:

The combined average temperature over global land and ocean surfaces for May 2015 was the highest for May in the 136-year period of record, at 0.87°C (1.57°F) above the 20th century average of 14.8°C (58.6°F), surpassing the previous record set just one year ago by 0.08°C (0.14°F).”

Nebenbei war auch die Periode seit Anfang des Jahres der wärmste derartige Zeitraum, der je gemessen wurde:

The first five months of 2015 were the warmest such period on record across the world’s land and ocean surfaces, at 0.85°C (1.53°F) above the 20th century average, surpassing the previous record set in 2010 by 0.09°C (0.16°F).”

Das trifft einige Länder sehr hart. Ich war selbst gerade ich Indien, wo Rekordtemperaturen das Land im Griff hatten. Über 2200 Menschen starben.

Da ist es mehr als zynisch, wenn manche inzwischen zwar die menschengemachte Erwärmung widerwillig anerkennen, aber allein auf Anpassung setzen.

Natürlich werden wir uns anpassen müssen. Wenn wir aber mit der fossilen Verbrennung auf “weiter so” setzen, werden wir ein massives, vermeidbares Problem haben.

Hierzu Hans Joachim Schellnhuber, Direktor am Potsdam Institute Klimafolgenforschung (PIK), zutreffend:

Nicht die Armen, sondern die Reichen verursachen die größten Risiken für unseren Planeten, und letztlich für die Menschheit.”

Nebenbei läuft die Leugnungspropaganda gegen die Klimawissenschaften weiter auf Hochtouren.

Ein solches Institut, das als Händler des Zweifels fungiert und Desinformation streut, ist das US-amerikanische Heartland Institute. Es behauptet unter anderem, die Erwärmung der Erde sei 1998 zum Stillstand gekommen.

Nun hat das Committee for Skeptical Inquiry (CSI) das Heartland Institute herausgefordert:

If the 30-year average global land surface temperature goes up in 2015, setting a new record, the Heartland Institute must donate $25,000 to a science education nonprofit.”

Sollte der 30-Jahres-Durchschnitt der Landtemperaturen 2015 steigen, muss das Heartland Institute 25.000 Dollar an eine gemeinnützige Wissenschaftsorganisation spenden.

Wenn nicht, würde CSI eine entsprechende Summe an eine Institution spenden, die vom Heartland Institute ausgewählt wird.

Mal sehen, wie ernst solche Gruppierungen ihre eigenen Aussagen nehmen.

Zum Weiterlesen:

  • Sind die Klimaziele des G7-Gipfels ernst gemeint? GWUP-Blog am 9. Juni 2015
  • Has Science a Problem? CSI am 18. Juni 2015
  • Ideology Subsumes Empiricism in Pope’s Climate Encyclical, Scientific American am 18. Juni 2015

Staatlich geförderter Aberglaube: „Hellseher“-Ausbildung in den Niederlanden

Die GWUP-News haben es schon gemeldet:

Arbeitsamt in den Niederlanden zahlt Hellseher-Ausbildung”

Dazu ist jetzt ein Kommentar des Schweizer Sektenexperten Hugo Stamm erschienen:

Man könnte es auch Ausbildung zu Scharlatanen nennen. Wer ohne Eignungstest und psychologische Ausbildung suizidgefährdete, schwer kranke und verzweifelte Menschen berät und als “Diagnoseinstrumente” Karten und Kristallkugeln verwendet, spielt Schicksal.

Fahrlässige Ratschläge können tödlich sein. Mitverantwortlich ist dann das Arbeitsamt. Der Staat ist es ohnehin. Er erhebt die Wahrsagerei zum seriösen Beruf und fördert ihre Reputation.

Das ist staatlich geförderter Aberglaube.”

Den umgekehrten Fall beleuchtet GWUP-Vorstand Dr. Florian Aigner in seiner Rubrik Wissenschaft & Blödsinn:

In der Politik werden Dinge für böse und gefährlich erklärt, echte Begründungen bleiben oft aus. Als wissenschaftlich denkende Menschen sollten wir das nicht erlauben.”

Zum Weiterlesen:

  • Arbeitsamt in den Niederlanden zahlt Hellseher-Ausbildung, GWUP-News am 14. Juni 2015
  • Staatlich geförderter Aberglaube, Hugo-Stamm-Blog am 20. Juni 2015
  • Sind Hellseher sympathisch? GWUP-Blog am 30. September 2012
  • Sind Hellseher seriös? GWUP-Blog am 1. Oktober 2012
  • Sind Hellseher anerkannt? GWUP-Blog am 2. Oktober 2012
  • Sind Hellseher Schwindler? GWUP-Blog am 2. Dezember 2012
  • Das ist pfui! futurezone am 16. Juni 2015
  • Holländisches Arbeitsamt zahlt Hellseher-Ausbildung, Wahrsagerchecks-Blog am 12. Juni 2015

„Irrationale Weltanschauungen“ in der Kritik

Neu bei Alibri:

Kritik der irrationalen Weltanschauungen”

Im Verlagstext heißt es:

Die Aufklärung hat die irrationalen Weltbilder nicht zum Verschwinden gebracht, sondern nur neue Formen unterschiedlicher Mythen und Einbildungen geschaffen. Der Sammelband analysiert deren wichtigste Erscheinungsformen und ihre Zusammenhänge.”

Ein Interview mit dem Herausgeber Merlin Wolf gibt’s beim Humanistischen Pressedienst:

Der Untertitel des Buches benennt Religion, Esoterik, Verschwörungstheorien und Antisemitismus als Themen –was verbindet diese doch recht unterschiedlichen Erscheinungen denn, dass sie zusammen behandelt werden können?

Alle vier Denkstrukturen versuchen, das alltägliche Elend dieser Welt zu verstehen, und glauben an Verbindungen, die nur von Initiierten wahrgenommen werden. Es sind mythische Formen des gesellschaftlichen Spiels “Ich sehe was, das du nicht siehst”.

Es handelt sich um Ideologien, also vorgestellte oder eingebildete Begriffe oder Lehren, die ein Bewusstsein der gesellschaftlichen Vorgänge verhindern. Autoritäre Elemente aufzuzeigen, die diese Themen miteinander verbinden, genau darum geht es in dem Buch.”

Ihr eigener Beitrag wendet sich Verschwörungstheorien zu und schlägt als Bezeichnung “Verschwörungsglaube” vor – warum?

Selbstverständlich geschehen Verschwörungen tatsächlich, aber in der Regel sind die Verschwörungstheorien, die wir meinen, überhaupt keine Theorien. Ein interessantes Phänomen ist doch, dass einzelne Menschen in Studien angaben, es sowohl für wahrscheinlich zu halten, dass die Attentäter in den Flugzeugen von 9/11 im Auftrag des CIA handelten, als auch dass die Flugzeuge leer waren, als auch dass es gar keine Flugzeuge gab.”

Ist Verschwörungsglaube ein Problem der politischen Diskurse oder sehen Sie einen nennenswerten Einfluss auf politische Bewegungen oder Entscheidungen?

Meine Motivation, diesen Beitrag zu schreiben, war, dass wir 2014 mit einem neuen Phänomen konfrontiert wurden:

Zu sogenannten Montagsmahnwachen für den Frieden versammelten sich in bis zu 80 Städten – in Berlin kamen sogar Tausende zusammen – Menschen, die von einem verschwörungsgläubigen Kitt zusammengehalten wurden und schließlich in einem Schulterschluss mit der bisherigen Friedensbewegung zusammenarbeiteten.

Ich halte die Auswirkungen für fatal.

Aber verschwörungsgläubige Elemente finden sich in vielen politischen Bewegungen oder Entscheidungen. Es gibt gute Gründe dafür, dass die Leugnung des Holocausts – also das Verbreiten eines bestimmten Verschwörungsglaubens – in Deutschland verboten ist.”

Zum Weiterlesen:

  • Merlin Wolf (Hrsg.): Kritik der irrationalen Weltanschauungen. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2015
  • Interview: Es gibt keine Garantien, die einem das kritische Denken abnehmen, hpd am 17. Juni 2015
  • Viagra in Chemtrails und anderer Nonsens: Verschwörungsfans sind leichtgläubiger, GWUP-Blog am 4. Juni 2015

Der Promi-Gesundheitskult: Timothy Caulfield im Interview

Über den kanadischen Gesundheitswissenschaftler Timothy Caulfield und sein Buch

Is Gwyneth Paltrow Wrong About Everything? When Celebrity Culture and Science Clash”

haben wir schon zweimal berichtet.

Jetzt ist bei Point of Inquiry ein Audio-Interview mit Caulfield erschienen:

Celebrities have always played an oversized role in our culture, and there’s nothing new about them using their star power to endorse ideas or products.

But we now live in a time in which mass media consumption is greater than ever before, and the celebrities we revere are now at our fingertips, often only tweet away. This constant bombardment of celebrity culture is proving to have a greater impact on how we live our lives than we may even realize.

Even if you aim to ignore celebrity endorsement, the ripple effects in our hyper-connected world are often unavoidable.

This week on Point of inquiry, Lindsay Beyerstein chats with Tim Caulfield, law professor in the School of Public Health at the University of Alberta, as well as the Canada Research Chair in Health Law and Policy. Caulfield is here to discuss his newest public health book, Is Gwyneth Paltrow Wrong About Everything?: When Celebrity Culture and Science Clash.

Caulfield’s research provides new insight into just how much of our well-being is at the mercy of our favorite stars.”

Hier geht’s zum Podcast (zirka 35 Minuten).

Zum Weiterlesen:

  • Overwhelmed by Celebrity Culture, with Tim Caulfield, CFI am 15. Juni 2015
  • Interview mit Timothy Caulfield: “Zurück zu Wasser und Seife”, Spiegel-Online am 28. März 2015
  • „Amy Farrah Fowler“ will keine Impfgegnerin mehr sein, GWUP-Blog am 11. Februar 2015
  • Promi-Kultur à la Gwyneth Paltrow: Hort der Pseudowissenschaft, GWUP-Blog am 1. April 2015
  • Why do we believe celebrity pseudoscience? CBS-News am 5. Februar 2015
  • Timothy Caulfield: Is Gwyneth Paltrow Wrong About Everything? When Celebrity Culture and Science Clash. Viking, New York 2015
  • Stellungnahme „Public Health in Deutschland“ – wer hört die Botschaft? Gesundheits-Check am 20. Juni 2015




NEU: Skeptiker 2/2015

SKEPTIKER 2/2015

GWUP im Social Web