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Skeptiker-Interview mit Anousch Mueller – und Heilpraktiker- Geschädigte gesucht

Im aktuellen Skeptiker (2/2016) gibt es ein Interview mit Anousch Mueller zu ihrem Buch “Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen”.

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Als Blog-Bonus eine kurze Passage daraus, die im Skeptiker aus Platzgründen entfallen musste:

Skeptiker: Jeder kann bei der Berufswahl mal falsch abbiegen und schlechte Erfahrungen machen. Dann verabschiedet man sich davon, und gut ist. Warum machen Sie Ihren Fall öffentlich und schreiben ein Buch darüber?

 Mueller: Ich habe in den Jahren nach der Ausbildung, als ich mich schon weit von der Paramedizin distanziert hatte, gemerkt, dass mein Puls hochschnellt, wenn es um Heilpraktiker und ähnliche Themen ging.

Statt mich nur in den Kommentaren zu verlieren, dachte ich, mit einem Buch lässt sich die gewaltige Problematik mal auf den Punkt bringen.

Patienten, die ihre letzten Hoffnungen auf die sogenannte Alternativmedizin setzen, sind ja nicht blöd, sondern meistens einfach unwissend. Wer weiß schon, dass Heilpraktiker kein anerkannter Ausbildungsberuf ist und dass die meisten ihrer Therapien auf rein spekulativen Annahmen beruhen?

Mein Antrieb war und ist, für das Thema zu sensibilisieren und natürlich eine Debatte anzustoßen.”

Sie haben die Reaktionen der Homöopathen auf die „Aussteigerin“ Dr. Natalie Grams verfolgt. Sie können sicher sein, dass Ihnen das genauso ergehen wird. Wie gehen Sie damit um?

 Ja, es gibt schon einige grenzwertige Mails und Kommentare. Mich verblüfft jedes Mal aufs Neue, wie aggressiv, beleidigt und beleidigend einige Vertreter der Heilpraktiker-Zunft auf Kritik reagieren. Dabei liefere ich doch in erster Linie Fakten.

Kein Heilpraktiker kann abstreiten, dass es keine geregelte Ausbildung gibt und dass ihre Methoden aus dem Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert entstammen.

Diese Leute können offenbar auch nicht richtig lesen. Denn ich behaupte zum Beispiel nicht, dass heilpraktische Therapien keinerlei Effekte haben, sondern versuche zu erklären, worauf diese gründen, jenseits esoterischer Vorstellungen. Auf sachliche Kommentare reagiere ich gerne, aggressive lasse ich so stehen – sie sprechen ja für sich.”

In welcher Weise wollen Sie Ihre Aufklärungsarbeit fortsetzen?

Ich werde erst mal am Thema dran bleiben, vor allem publizistisch. Mal sehen, wie ich mich in der GWUP einbringen kann. Natalie Grams hat den Weg bereitet. Und ihre Unterstützung und die vieler weiterer Skeptiker ist großartig.

Das Spezielle bei Natalie Grams und mir ist sicher die Aussteigerstory. Und: Wir sind Frauen. Das ist nicht ganz unerheblich, schließlich sind Frauen und Mütter ja die Haupt-Zielgruppe paramedizinischer Versprechungen. Meine Hoffnung ist, dass uns Frauen eher zuhören.

Bei mir kommt noch dazu, dass ich weder Medizinerin noch Naturwissenschaftlerin bin, man mir also keine wissenschaftliche Überheblichkeit vorwerfen kann. Vielmehr will ich zeigen: Man kann auch ohne Medizin- oder Physikstudium Interesse an wissenschaftlichen Sachverhalten entwickeln und verstehen, warum etwa Homöopathie einfach nicht kausal wirken kann.”

Einen Auszug aus dem Buch gibt es bei der Huffington Post.

Das Interesse der Medien an dem Thema ist weiterhin groß. Dafür werden auch authentische Fälle von Patienten benötigt, die bereit sind, vor der Kamera über ihre negativen Erfahrungen mit Heilpraktikern zu sprechen. Geschädigte suchen in aller Regel keine Öffentlichkeit, aus ganz verschiedenen Gründen.

Dennoch ist es wichtig, der intransparenten Heilpraktiker-Branche den Schweigeschutz zu entziehen.

Kontaktieren Sie uns gerne mit einer gültigen E-Mail-Adresse über das Kommentarfeld (wird nicht veröffentlicht).

Zum Weiterlesen:

  • “Fragwürdig, irrwitzig, unglaubwürdig”: Interview mit Anousch Mueller, Skeptiker 2/2016
  • Tödliche Erfahrungen, Der Nesselsetzer am 20. April 2013
  • Nebenwirkungen – Wie ich die Homöopathie nur knapp überlebte, Der Spiegel Nr. 22/2013
  • Rezension: “Die Unheilpraktiker”, Chiemgau Gemseneier am 11. Juni 2016
  • Die Heilpraktiker-Formel: „Magie statt Technokratie“, GWUP-Blog am 9. Juni 2016
  • Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen, Huffington Post am 9. Juni 2016
  • Von der Gutgläubigkeit hin zu Faktendenken: Anousch Müller über ihr Buch „Unheilpraktiker“, GWUP-Blog am 15. Mai 2016
  • Anousch Müller: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Riemann, München 2016

So finden Homöopathen ein neues Mittel: Game of Thrones und vergewaltigte Engel

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, woher die Homöopathen wissen, für was ihre seltsamen Plutonium-, Tyrannosaurus rex- oder Kornkreisbrummen-Globuli eigentlich gut sein sollen?

Dr. Norbert Aust vom INH hat darüber mal geschrieben.

Eine wirklich beeindruckende First-Hand-Erklärung findet sich auf der Seite Körper Geist Seele.

Dort setzt ein Heilpraktiker und Homöopath in einem Interview detailliert auseinander, wie er die Anwendungsgebiete für ein homöopathisches Heilmittel aus Positronium (ein sogenanntes exotisches Atom) erschlossen hat.

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Ein Auszug:

Wie sind Sie zu Positronium gekommen und warum haben Sie das Mittel geprüft?

Ich habe seit 20 Jahren einen Positronium-Traum und seitdem ich „games of thrones“ schaue, weiß ich, dass der aus meinem Gehirn abgeschrieben hat: Der Winter naht und der Winter naht wirklich und es gibt nur eins, was sie aufhält, die weißen Wanderer: das Feuer unserer Drachen, das Glas unserer Drachen.

Ich träume ein bis zwei Mal jährlich, dass ich nach Armageddon ziehe. Das ist ein realer Ort in Syrien, an dem sich die Kräfte der Finsternis mit michaelischen Heeren gegenüberstehen werden. Positronium ist das einzige Mittel in der Rubrik „träumt von Armageddon”.

Was gibt es noch für Leitsymptome?

Ein weiteres Leitsymptom ist, von Lämmern zu träumen. Das Schaf ist das Symbol für die neue Zeit, Symbol für Christus und Symbol für den neuen Menschen als Schöpfermenschen. Positronium hilft, sich aus alten Fesseln des Opfertums emporzuschwingen zu etwas wirklich Neuem.

Außerdem ist ein Leitsymptom Träume von Sadismus, von Operationen und auch Wahnideen, irgendwelche Sender im Kopf zu haben. Positronium ist weiterhin ein wichtiges Mittel für Missbrauch, für Träume von Vergewaltigungen und sogar von Träumen, dass Engel vergewaltigt werden.

Es ist immer eine Welt der Aussichtslosigkeit: Der Winter naht. Wenn die Mauer durchbrochen ist und die weißen Wanderer kommen, ist Schicht im Schacht – außer wir haben genug Drachenglas, wir haben genug Drachen und Waffen, die aus Drachenglas sind und mit Positronium bestreut werden. Dann lösen sich die weißen Wanderer in Scharen auf.”

Dieses Gespräch sollte Pflichtlektüre für Homöopathie-Fans sein.

(Dank an Wissenschaft & Skeptizismus)

Zum Weiterlesen:

Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da

Nicht nur Nostradamus geistert derzeit wieder als prophetisches Schreckgespenst durch zahllose Internet-Foren – auch “Volksseher” wie der Mühlhiasl oder Alois Irlmaier werden zu den Vorverhandlungen für das Jüngste Gericht in den Zeugenstand berufen.

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Die Zeichen seien schließlich eindeutig, heißt es.

“Volksseher” machen zwar keine präzisen Zeitangaben („Eure Kinder werden es nicht erleben, aber eure Kindskinder bestimmt“), nennen aber eine Reihe von Entwicklungen und Ereignissen, die auf den Anfang vom Ende hindeuten.

Beim Mühlhiasl (geboren angeblich um 1750 bei Straubing) klingt das so:

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Auffallend ähnlich äußerte sich Alois Irlmaier aus Freilassing (1894-1959):

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Klar, das alles verweist natürlich eindeutig auf unsere heutige Zeit:

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Wirklich? Mitnichten.

Womit wir es im Kern tatsächlich zu tun haben, sind uralte Wandersagen, die von weltscheuen Sonderlingen als Warnung vor Teuerung, Klimaveränderungen, sittlichem Verfall, dem Niedergang des Althergebrachten und dem beängstigenden technischen Fortschritt kolportiert wurden.

Wie sehr sich in den Formulierungen des Mühlhiasl und bei Alois Irlmaier die Zeitläufe sowie die Ängste und Nöte von der Tradition orientierten Zeitgenossen widerspiegeln, lässt sich anhand der sogenannten Physikatsberichte aus jener Zeit belegen. Dabei handelt es sich um Protokolle der bayerischen Landgerichtsärzte, die sich mit den Lebensgewohnheiten der einfachen Leute (“Arbeit, Brauch, Wohnung, Nahrung, Kleidung, Festlichkeiten usw.”) beschäftigen.

Einige Beispiele:
Der Mühlhiasl:
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Die Physikatsberichte:

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Alois Irlmaier:irl_2

Die Physikatsberichte:

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Oder:

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Oder:

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Alois Irlmaier:

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Die Physikatsberichte:

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Der Mühlhiasl:

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Die Physikatsberichte:

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Der Mühlhiasl:

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Die Physikatsberichte:

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Selbst Mühlhiasl-Fans räumen ein, dass …

… die Ähnlichkeit mit den mündlich überlieferten Prophezeiungen sehr groß ist.”

In einer kritischen Rezension der Sprüche-Sammlung des Mühlhiasl heißt es:

Grundstimmung der Prophezeiungen ist: von der Donauebene, vom Gauboden, von Straubing breiten sich die Erneuerungen der modernen Zeit in den Wald aus, verwirren die alten guten Sitten und die christliche Religion, später droht dann verstärkte Gefahr aus dem Osten durch rotbejackte Antichristen und christliche Heuchler, bevor dann nach langen Kämpfen endlich die christliche Religion siegt und das tausendjährige Reich Christi anbricht [...]

Hier findet man die Methode “vaticinium ex eventu“ (Weissagung vom Ereignis her) sauber belegt: prophezeit werden die Umwälzungen und Schrecknisse der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, die Säkularisation, die Modernisierung Bayerns, vor der auch der Bayerische Wald nicht verschont wurde, vielleicht auch die Hungerjahre der Jahre 1816/17 (“Jahr ohne Sommer“), neue Sitten und Moden und überhaupt große Feindschaft gegen den katholischen Glauben.”

Fraglich ist zudem, ob es einen Klostermüller namens Matthäus Lang aus Apoig alias “Mühlhiasl” als reale Person überhaupt gegeben hat.

Der Volkskundler Reinhard Haller geht davon aus, dass der “Waldprophet” eine Erfindung der Volksphantasie ist. Ein Geistlicher namens Johann Evangelist Landstorfer habe erst 1923 die mündlich kursierenden „Weissagungen“ zusammengefasst und sie aktuell zugespitzt einer Kunstfigur auf den Leib geschrieben – eben dem sagenumwobenen „Mühlhiasl“.

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Aus diesem Grund sind auch die vielen kolportierten eingetroffenen Vorhersagen des Mühlhiasl wenig verblüffend – denn es handelt sich dabei ausschließlich um “Nachhersagen”.

Die zwei bekanntesten Beispiele:

An dem Tag, an dem zum ersten Mal der eiserne Wolf auf dem eisernen Weg durch den Vorwald bellt, an dem Tag wird der große Krieg angehen“,

soll der Mühlhiasl orakelt haben.

Und wahrhaftig: Im Jahre 1914, also zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde in der Nähe von Mühlhiasls Heimatort die Bahnstrecke von Deggendorf nach Kalteneck eröffnet.

Allerdings: In Johann Evangelist Landstorfers Erst-Veröffentlichung der Mühlhiasl-Verse im Straubinger Tageblatt existiert diese Weissagung noch gar nicht. Sie ist erst später hinzu gewachsen. Erstmals tauchte diese Botschaft 1948 als Mühlhiasl-Ausspruch in den Niederbayerischen Nachrichten auf.

Ebenso steht die Sache mit dem Zweiten Weltkrieg:

Wenn’s in Straubing über die Donau die große Brücke bauen, so wird’s fertig, aber nimmer ganz, dann geht’s los“,

rezitieren ehrfurchtsvoll die Mühlhiasl-Anhänger.

1939, beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, war die neue Donau-Überquerung tatsächlich bis auf die Betondecke vollendet. Aber dieses Orakel findet sich erst um 1950 in dem einschlägigen “Mühlhiasl”-Schrifttum.

Auch die „Voraussagen“ von Alois Irlmaier transportieren lediglich prophetische Überlieferungen. Auslöser waren kollektive Befürchtungen nach den Erfahrungen zweier Weltkriege, wie etwa Flucht, Vertreibung und nicht zuletzt der Beginn des Atomzeitalters in den 1950er Jahren.

In diesem Zusammenhang ist auch Irlmaiers Angst

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zu sehen.

Insbesondere dieser Vers scheint Facebook-Gruppen wie 3.Weltkrieg-Krisenvorsorge2015.Alois-Irlmaier in ihren sonderbaren Ansichten zu bestärken.

Unnötig, denn:

Unheilskündungen von Volkssehern sind vergleichbar mit einem Phantasie-Aufsatz zum Thema „Der letzte Tag auf der Erde“, den ein Deutschlehrer seine Schüler zuhause schreiben lässt.

Ungläubig stellt der Lehrer beim Korrigieren fest, dass die 20 oder 30 verschiedenen Aufsätze einander sehr ähnlich sind – und schließt aus den fast wortgleichen Übereinstimmungen auf eine geheimnisvolle, unerklärliche Verbindung zwischen den beschriebenen Bildern, Motiven, Facetten und Topoi.

Was der Mann nicht weiß: Erst vor kurzem hat der Religionslehrer der Klasse die „Offenbarung des Johannes“ besprochen. Kein Wunder also, dass in den Aufsätzen seiner Schüler immer wieder die Zahlen 3, 7, 666 oder 144 000 auftauchen.

Zweitens hat der Deutschlehrer keine Ahnung, dass wenige Tage zuvor der Katastrophenfilm „Deep Impact“ im Fernsehen lief, der den Einschlag eines riesigen Asteroiden in Nordamerika dramatisch in Szene setzt.

Drittens ist dem Lehrer in seiner Naivität entgangen, dass Schüler die Hausaufgaben gerne zusammen machen, was man prosaisch auch “Abschreiben“ nennen könnte.”

Bestes Beispiel dafür ist Irlmaiers “Schauung” einer “dreitägigen Finsternis” im Zusammenhang mit dem Dritten Weltkrieg.
Dieser prophetische Dauerbrenner findet sich bereits im Alten Testament, als eine der Zehn Plagen Ägyptens.
Zum Weiterlesen:
  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Geschichte des Weltuntergangs: Schrecken ohne Ende, GWUP-Blog am 17. März 2016
  • “Der Erdball wird durchs All schlingern”, Der Spiegel 46/1986
  • Der Mühlhiasl – ein falscher Prophet? Süddeutsche am 17. Mai 2010
  • Der Mühlhiasl hat’s g’sagt, Zeit-Online am 2. März 2000
  • Die falschen Propheten, bild der wissenschaft am 20. März 2012
  • Mühlhiasl, Albrecht Dürer und die Atomkatastrophe, GWUP-Blog am 4. April 2011

SkepKon-Review: Spielverderber in Aktion

In der Online-Ausgabe von Diesseits ist der erste Teil eines SkepKon-Rückblicks erschienen:

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Skeptiker zu sein, bedeutet leider auch oft, schöne und interessante Geschichten zu zerstören.”

Zum Weiterlesen:

  • SkepKon 2016: Spielverderber in Aktion, diesseits am 10. Juni 2016
  • SkepKon-Video: Giftige Gene? Grüne Gentechnik vs. hartnäckige Gerüchte, GWUP-Blog am 19. Mai 2016
  • SkepKon-Video: Gentechnik- Gegnerschaft zum Schaden von Entwicklungsländern, GWUP-Blog am 23. Mai 2016
  • SkepKon-Video: Wie Esoteriker Organspenden verhindern, GWUP-Blog am 30.Mai 2016
  • SkepKon-Video: Dr. Natalie Grams über Homöopathie, GWUP-Blog am 16. Mai 2016
  • „Vermisstenhellseher“: Ein Nach-SkepKon-Facebook-Posting von Lydia Benecke, GWUP-Blog am 10. Mai 2016

Glyphosat: Substanzlose Kritik und „gekaufte“ Befürworter

von Amardeo Sarma

In der Diskussion um die Glyphosat-Zulassung gibt es seitens der Kritiker so viele irreführende Behauptungen, dass eine weitere Entgegnung erforderlich ist. Dies ist gerade jetzt umso wichtiger, da die Gegner der modernen Landwirtschaft einen Etappensieg errungen haben: Die EU-Staaten haben sich vorerst nicht auf eine Verlängerung der Zulassung des Herbizids geeinigt. Damit wird eine weitere Abstimmung in einem Vermittlungssausschuss nötig.

Pauschale Ablehnung der modernen Landwirtschaft greift um sich

Viele angeführte Kritikpunkte gehen über eine Kritik an Glyphosat und Gentechnik hinaus und stellen die moderne Landwirtschaft insgesamt in Frage. Das heißt nicht, dass es nicht auch problematische Entwicklungen gibt, wie Resistenzen oder übermäßige Anwendung von Düngemittel. Diese sind in der Forschung und Praxis bekannt. An ihnen wird gearbeitet.

Wer aber behauptet, wie in der Diskussion bei hpd, wir müssten „zurück zu umweltgerechten Anbaumethoden” oder gar „Die konventionelle Landwirtschaft wird auf Dauer nicht in der Lage sein, die Menschheit zu ernähren“, lebt in einer Scheinwelt.

Erst die grüne Revolution (Düngemittel, Pflanzenschutz, neue Fruchtsorten mit neuen Methoden) hat erreicht, dass heute trotz des Bevölkerungswachstums weniger Menschen in absoluter Armut leben als 1820 oder 1970, als das Maximum erreicht wurde:

Es ist den vielen Beteiligten aus dem Bereich der konventionellen Landwirtschaft und der Verwendung der Gentechnik zu verdanken, dass es uns so gut geht, unter anderem durch die Pionierarbeit von Norman Borlaug, der durch die grüne Revolution Entwicklungsländern die Unabhängigkeit von Importen aus Industrienationen gebracht hat:

Promotion, Friedensnobelpreis, zwei Ehrendoktorwürden, Medal of Freedom, Ehrenmedaille des Kongresses, Aufnahme in diverse Akademien der Wissenschaften (u.a. Royal Society) und eine eigene Bronzestatue. Diese Auszeichnungen wurden Norman Borlaug zu Lebzeiten, bzw. nach seinem Tod im Jahr 2009 zuteil. Trotzdem dürfte kaum jemand diesen Namen in langer Zeit, bzw. überhaupt jemals gehört haben.”

Natürlich sollte man alles tun, um Verteilungsprobleme zu verbessern und Missstände zu korrigieren. Das ist reine Mathematik: Was ankommt, hängt von der Produktion und der Verteilung ab. Aber die Bevölkerung vor allem in ärmeren Ländern in der Zwischenzeit hungern zu lassen, bis die Verteilungsprobleme gelöst sind, ist keine Alternative. Selbst bei 100 Prozent optimaler Verteilung – unrealistischer Idealwert – wäre eine Landwirtschaft „zurück zur Natur“ eine Katastrophe für die Ernährung der Menschheit.

Sie würde den Rückfall in die Zeit vor Norman Borlaug bedeuten, als Hungersnöte an der Tagesordnung waren.

Angriffe auf Fachleute und Behörden: Sind sie “industrienah”?

Unter anderem wird das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) aufgrund seiner angeblichen „Industrienähe“ kritisiert. Hier möchte ich speziell auf einen Kommentar eingehen, der, wie ich glaube, eine Antwort erfordert. Dieser sehr wichtige und richtige Kommentar lautet:

Das muss von unabhängigen Instituten regelmäßig und genau überprüft werden. Das geht nur auf Staatskosten und die Gelder müssen zur Verfügung gestellt werden.”

Genau solch eine Institution wurde bereits 2002 unter der rotgrünen Regierung eingerichtet, eben das BfR. Über seine Aufgaben und Ziele heißt es in einer Verlautbarung des BfR:

Die Unparteilichkeit und Unabhängigkeit des BfR ist gesetzlich verankert. Das BfR wurde am 1. November 2002 unter Federführung der Grünen-Ministerin Renate Künast gegründet, um unabhängig, wissenschaftlich und überparteilich Risikoeinschätzungen vornehmen zu können und den gesundheitlichen Verbraucherschutz zu stärken.

Alle am BfR beschäftigten Beamtinnen und Beamten sowie die Beschäftigten des Bundes müssen die rechtlichen Bestimmungen des öffentlichen Dienstes einhalten. Dazu gehören zum Beispiel behördliche Regelungen zur Unbefangenheit, Effektivität, Sachkunde und Korruptionsprävention, wie sie von den deutschen Gesetzen und den Ausführungsbestimmungen des Bundesministeriums des Innern vorgeben sind (siehe z. B. das Bundesbeamtengesetz, § 10 Verwaltungsverfahrensgesetz und andere Vorschriften).

Hauptaufgabe des BfR ist es, Stellung zu möglichen gesundheitlichen Risiken von Lebensmitteln, Produkten oder Chemikalien zu beziehen und somit die Bundesministerien bei ihren politischen Entscheidungen unabhängig wissenschaftlich zu beraten. Aus Gründen der Unabhängigkeit werden keine finanziellen Mittel aus der Industrie eingeworben, das BfR beteiligt sich auch nicht finanziell an solchen Forschungsprojekten.”

Angesichts der eingangs erwähnten unsinnigen Angriffe ist es an Zeit, dass sich die Grünen (und ihrem damaligen Koalitionspartner in der Bunderegierung, die SPD) vor ihr Baby stellen. Sie haben das BfR aus meiner Sicht aus gutem Grund geschaffen. Warum stehen sie heute nicht dazu?

Bewertet das BfR „Leserbriefe“?

Sylvia Liebrich schreibt in der Süddeutschen Zeitung:

Recherchen der Süddeutschen Zeitung zeigen, dass für eine Neubewertung der Krebsrisiken unter anderem Leserbriefe an eine Fachzeitschrift als Studien gewertet werden. Ein großer Teil stammt von Wissenschaftlern, die direkt oder indirekt für einen der größten der Glyphosat-Hersteller arbeiten, den US-Agrarkonzern Monsanto.”

Diese Behauptung zu den „Leserbriefen“ ist irreführend. Wer sich auch nur flüchtig mit wissenschaftlichen Publikationen beschäftigt, weiß, dass „Letters“ oder „Letters to the editor“ in einer Fachzeitschrift nicht im Geringsten mit Leserbriefen in Tageszeitungen oder Wochenmagazinen vergleichbar sind.

Darüber hinaus hat Liebrich offenbar noch nicht einmal richtig gelesen, was sie zitiert. Sie schreibt:

Eineinhalb Seiten ist das Schreiben, das der Wissenschaftler Peter Langridge an die Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology geschickt hat. Eineinhalb Seiten, auf denen er Partei ergreift für ein höchst umstrittenes Pflanzenschutzmittel, für Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Eineinhalb Seiten, die das Magazin in der Rubrik „Letters to the Editor“, Briefe an den Chefredakteur, veröffentlicht.”

Hier eine Erwiderung aus dem Blog des Molekularbiologen Ludger Weß:

Der „Letter to the Editor“ von Peter Langridge ergreift mit keiner Silbe „Partei für ein hochumstrittenes Pflanzenschutzmittel“. Stattdessen kritisiert Langridge ausführlich die Methodik der umstrittenen Séralini-Studie, die schließlich wegen fachlicher Mängel zurückgezogen wurde (und auch inzwischen von der IARC in ihrer Glyphosat-Monographie als nicht auswertbar bezeichnet wurde, wegen eben der u.a. von Langridge kritisierten methodischen Mängel).”

Irreführend ist auch die Behauptung, dass „die Krebsforscher der WHO [gemeint ist der IARC] seit der Veröffentlichung ihrer Einschätzung schwer unter Beschuss von Herstellern und Lobby-Verbänden“ stünden. Nein, es sind keine „Lobbyverbände“ – da soll wohl wieder einmal ein Vorurteil geschürt werden –, sondern Wissenschaftler, die einiges bemängelt haben. Zwei Stimmen von vielen:

Dr Oliver Jones von der RMIT University in Melbourne: “This sounds scary and IARC evaluations are usually very good, but to me the evidence cited here appears a bit thin […] From a personal perspective, I am a vegetarian so I eat a lot of vegetables and I’m not worried by this report.”

Prof. Alan Boobis von der Imperial College London sagt das, was viele Wissenschaftsblogger auch in Deutschland geschrieben haben: “The IARC process is not designed to take into account how a pesticide is used in the real world […] In my view this report is not a cause for undue alarm.”

Kurz: Der Beitrag von Sylvia Liebrich hat wenig mit der Realität zu tun – ebensowenig wie ein Kommentar bei hpd, der auch mir unterstellt, dass “erfolgreiche Lobbyarbeit bei der GWUP wirksam war“.

Man geht anscheinend grundsätzlich davon aus, Wissenschaftler und die GWUP seien „gekauft“, wie auch das BfR und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Wo Argumente fehlen, müssen pseudowissenschaftliche Anti-GMO-Aktivisten sich in Ad-Hominem-Attacken flüchten.

Man sollte Industrie-Studien und Studien von Interessengruppen, wie Greenpeace oder Foodwatch, mit der notwendigen, der Wissenschaft immanenten Skepsis begegnen. Deshalb werden zur Bewertung Universitätsstudien einbezogen und staatliche  Institutionen geschaffen.

Zu Glyphosat ist der wissenschaftlicher Konsens klar

Zu dieser Feststellung hätte bereits die Wikipedia-Recherche über die Gefahreneinschätzung ausgereicht.

Die überwältigende Mehrheit der wissenschaftlichen Einzelstudien, Übersichtsarbeiten und Behörden bestätigt, dass die zugelassenen Anwendungen von Glyphosat keine Gesundheitsrisiken bergen. Es sind lediglich Interessengruppen, wie der Naturschutzbund Deutschland, Greenpeace oder Friends of the Earth, die den Außenseiterstandpunkt vertreten, dass wir mit Glyphosat erhebliche Gesundheits- und Umweltrisiken eingehen.

Hier zeigt sich auch, dass manche Verbände eben nicht vertrauenswürdig sind – sie vertreten ihre Interessen unabhängig von Tatsachen und den tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesundheit oder auf die Umwelt.

Die folgende Anmerkung – ebenfalls ein Kommentar zu meinem Artikel bei hpd – verdient ebenfalls eine Antwort:

Welche hinterhältigen, „wölfischen“ Ziele verfolgen denn Organisationen wie NABU und Greenpeace in Wahrheit, wenn sie scheinheilig vorgeben, der Umwelt- und Naturschutz liege ihnen am Herzen? Welche Gewinne generieren sie damit?”

Nicht nur materieller Gewinn und Profit können zu Stellungnahmen und Handlungen motivieren, die sich letztendlich gegen Gesundheit und Umweltschutz richten. Die Aussicht auf großen politischen Einfluss und die Durchsetzung der eigenen Weltanschauung kann ein ebenso starker Antrieb sein.

Gewiss glauben einige Anti-GMO-Aktivisten aufrichtig, der Umwelt oder der Gesundheit zu dienen. Das gilt sicher für viele Unterstützer, die in gutem Glauben und ohne jede böse Absicht einem Zeitgeist folgen und in diesen Verbänden unkritisch nur „das Gute“ sehen.

Dabei verfolgen “Bio”-Unternehmen, die Hand in Hand mit manchen Interessenverbänden arbeiten, selbstverständlich ebenso wirtschaftliche Interessen wie Unternehmen der konventionellen Landwirtschaft. Auf diesem Auge scheinen viele blind zu sein. Es wird mit zweierlei Maß gemessen.

Dass man jetzt jegliches Maß verloren hart und ohne Rücksicht auf Verluste knallharte Interessenpolitik betreibt, zeigt der neueste Beitrag von Greenpeace: Es wird die „Systemfrage“ gestellt. Der Bremer Journalist Jan-Phillip Hein bemerkt dazu in einem Facebook-Kommentar:

Dankenswerterweise sagt Greenpeace hier deutlich, was es will: den Totalumbau der Landwirtschaft. Dafür ist jedes Mittel recht: Demagogie bis an den Rand der Verhetzung und gezieltes Schüren von Ängsten. Traurig, wie viele Medien da mitspielen. Ich fürchte, dass wir den Tiefpunkt dieser Kampagne immer noch nicht erlebt haben.”

Glyphosat im Vergleich

Aber zurück zu Glyphosat: Wikipedia trifft die Problematik im Vergleich mit anderen Herbiziden ziemlich gut. Auch der „pro-science skeptical activist“ the „Credible Hulk“ hat hierzu aufgezeichnet, wie sehr viel problematischere Herbizide mit der Zeit aus dem Verkehr gezogen worden sind:

Many people never even hear about the herbicides that were phased out in favor of glyphosate simply because they aren’t pertinent to the anti-agricultural biotech narrative, and because their popularity had waned by the time it had become trendy to demonize GMOs and everything remotely associated with them.”

Viele andere, wesentlich problematischere Herbizide wurden aus dem Verkehr gezogen, und deshalb stieg der Verbrauch von Glyphosat an. Der Beitrag skizzert treffend die Folgen eines Glyphosat-Verbots:

Opponents of glyphosate often seem to hold this unfounded notion that, if they can manage to get glyphosate banned or simply willingly abandoned, then it would mean an improvement in both food and environmental safety, but the truth is it would likely be the exact opposite of that. Weeds are a legitimate problem in farming that has to be dealt with one way or another. In its absence, it would have to be replaced with something else, and it would likely be something more caustic: not less.”

Das Problem der Unkräuter wird dadurch nicht gelöst. Da der Verzicht auf Herbizide in Deutschland und vielen anderen Ländern aufgrund der dann drohenden Ernteeinbußen unrealistisch ist, müsste man auf andere Herbizide ausweichen. Und diese wären sehr wahrscheinlich problematischer.

Zurück zur Vernunft

Unsere Probleme werden nicht gelöst, wenn wir auf Interessengruppen – egal ob Industrie oder vermeintliche Umweltschützer – hören statt der Einschätzung von Fachverbänden zu folgen, die speziell zu diesem Zweck als unabhängige, staatliche Institutionen geschaffen wurden. Politiker aller Parteien sollten dies zu herzen nehmen, besonders die Parteien, die diese Institutionen geschaffen haben.

Zum Weiterlesen:

  • Glyphosat: Der Stellvertreterkrieg , GWUP-Blog, 21. Mai 2016
  • GWUP-Pressemitteilung: Vernunft statt Angstmache, 17. Mai 2016
  • Wissenschaft und Glyphosat: Das Gesetz des Stärkeren, NZZ am 6. Juni 2016
  • Die böse Chemie, futurezone am 17. Mai 2016
  • Ärger über Glyphosat-Berichterstattung, Deutschlandfunk am 9. Juni 2016
  • Glyphosat: Europa blamiert sich im Streit um das Pestizid, Welt-Online am 6. Juni 2016

Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“

In Frankreich rollt endlich der Ball – doch die angespannte Stimmung verdüstert diesmal sogar das fröhliche Orakeln um den Turniersieger.

Heute erreichte uns folgende E-Mail mit der Betreffzeile “Extrem präzise Nostradamus-Prophezeiung zu Mega EM-Terror”:

Mir ist bewußt, daß eine Nostradamus-Prophezeiung den meisten Menschen sehr unseriös erscheint. Bitte nehmen Sie sich trotzdem 3 min Zeit um die angehängten Dateien zu lesen. Ich weise Sie hiermit auf einen eventuell geplanten Mega-Terroranschlag auf ein EM-Spiel Italien-Spanien (Finale?) an. Eine Anzeige bei der Polizei gemäß § 138 StGB habe ich bereits erstattet.”

Wir haben uns die Zeit genommen und die angehängte Datei gelesen.

Es handelt sich um eine Seite aus dem Buch “Nostradamus Klartext” von Ray Nolan aus dem Jahr 2002.

Darin wird Vers 29 der IV. Centurie so wiedergegeben und kommentiert:

Auf Anhieb fällt auf, dass das Versmaß nicht mit dem Original übereinstimmt – Nostradamus schrieb keine Sechszeiler, sondern Vierzeiler, die sogenannten Quatrains.

Es existieren zwar einige Sechszeiler, die Nostradamus zugeschrieben werden, aber die Urheberschaft dieser Nachlassfunde ist umstritten und sie gehören jedenfalls nicht zum Hauptwerk des Renaissance-Gelehrten.

Das weiß der Absender der oben zitierten E-Mail sogar und schreibt dazu:

Nostradamus hat im 16. Jahrhundert Vierzeiler geschrieben. Ray O. Nolan, der Autor der angehängten Dateien, hat 2002 mit einem Computerprogramm aus den wirren Vierzeilern relativ aussagekräftige Sechszeiler gemacht.”

Tatsächlich?

Schauen wir uns den Original-Vers mal an:

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Übersetzen kann man dieses typische Nostradamsche Rätselbild in etwa so:

Die Sonne ist versteckt während der Abwesenheit Merkurs. Sie wird von niemand anderem aufgerichtet als durch den zweiten Himmel. Hermes wird aber zur Beute des Feuers gemacht. Die Sonne wird rein, rot und golden gesehen werden.”

Was hat das auch nur im Allerentferntesten mit der kreativen Umdeutung zu einem “Terroranschlag” zu tun?

Genau: nichts.

Noch erstaunlicher: Auf seiner Homepage nostradamus-prophezeiungen.de führt Nolan selbst eine ganz ähnliche Übersetzung von Vers IV/29 an:

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Offenkundig entspringt der am Computer konstruierte Sechszeiler “Terroranschlag der Zukunft – Olympiade oder Fußball-WM in Frankreich?” nicht der neuzeitlichen Gedankenwelt des Nostradamus, sondern der blühenden Phantasie seiner heutigen Deuter.

Wie ist dieser “neue” Vers überhaupt entstanden?

“… durch das Umstellen von Zeilen”,

schreibt Nolan dazu auf seiner Homepage.

Konkret hat er den Vierzeilern 6, 11, 36, 45 und 73 der IV. Centurie einzelne Sätze entnommen und zu einem Sechszeiler gemixt, dem er die “neue laufende Nummer” IV/29 gibt – angeblich nach einem von ihm entdeckten “geheimnisvollen Schlüssel zu den Nostradamus-Prophezeiungen”.

Bei Licht betrachtet heißt das nichts anderes als:

Die Vorlage wird nicht mehr nach ihrem Inhalt und der wahren Bedeutung, die ihr Autor gemeint hat, herangezogen, sondern als ein riesiges Zufallsmuster, in das “Sinn” hineinprojiziert wird.”

Demonstrieren kann man das zum Beispiel an dem Original-Vierzeiler IV/29 aus den Centurien, der nämlich keineswegs so “wirr” ist, wie unser besorgter E-Mail-Schreiber meint.

Kurioserweise können wir dabei nahtlos an eine vermeintliche “Sensation” anknüpfen, die Nolan schon 1996 in “Das Nostradamus-Testament” zutage gefördert haben will.

In diesem Buch misst er dem Vers IV/33 eine ganz besondere Bedeutung zu, denn darin seien “wichtige Hinweise” für den vermeintlichen “Nostradamus-Schlüssel” enthalten, die man “als aufmerksamer Codeknacker unbedingt beachten sollte”:

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Nolan schreibt dazu:

Denkwürdig an diesem Vierzeiler ist der Planet Neptun, den Nostradamus ganz offensichtlich im Zusammenhang mit einer astrologischen Konstellation erwähnt. Der Name Neptun, den sich erst 1846 ein Mann für den gerade neu entdeckten Planeten ausdachte, ziert seit dem Jahr 1555 den Text des 33. Verses in der 4. Centurie. Hier steht also für jeden lesbar ein Wort, das in den astrologischen Tabellen aus der Epoche des Sehers noch gar nicht existierte [...]

Der Einwand einiger Kritiker, mit Neptun habe Nostradamus vermutlich den römischen Meeresgott gemeint, lässt sich angesichts der anderen im gleichen Vers aufgeführten Planeten Jupiter, Venus, Mond und Mars nicht sonderlich ernst nehmen.”

Das mag schon sein, denn dass Nostradamus hier keine antiken Götter aufzählt, ist in der Tat offensichtlich.

Allerdings geht es ebensowenig um den “Planeten” Neptun.

Stattdessen wird hier sehr deutlich, dass der “Schlüssel” zu Nostradamus in dessen erlebter Gegenwart im 16. Jahrhundert liegt und absolut nichts mit einem mysteriösen Zukunfts-”Code” zu tun hat.

Nostradamus beschreibt in Vers IV/33 ein alchemistisches Ritual mit den sogenannten Planetenmetallen, die …

… im Altertum den damals bekannten Planeten zugeordnet wurden. Diese Metalle sollten die charakteristischen Eigenschaften der jeweiligen Planetengottheit widerspiegeln; beispielsweise das Waffenmetall Eisen den Kriegsgott Ares beziehungsweise Mars oder das Spiegelmetall Kupfer die Liebes- und Schönheitsgöttin Venus.”

Neptun steht in diesem Zusammenhang für Wasser.

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 Die vorausgehenden Verse – IV/28 und unser inkriminierter Vierzeiler IV/29 – leiten die Szenerie ein:

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Anscheinend schildert Nostradamus die Herstellung einer Legierung.

Sonne, Merkur und Vulcan repräsentieren Gold, Quecksilber und Feuer. “Hermes” und “le ciel second” sind Synonyme für “Merkur”, mit denen der bibliophile Nostradamus seine Gelehrsamkeit demonstrierte.

Hermes entspricht im Griechischen dem römischen Merkur und der “zweite Himmel” bezieht sich auf die philosophische Lehre von den “himmlischen Sphären” beziehungsweise auf das Standardlehrbuch de sphaera (1220) von Johannes de Sacrobosco, der zuerst den Mond, an zweiter Stelle Merkur und im Weiteren Venus und dann erst die Sonne und die oberen Planeten nannte. Nahezu alle neuzeitlichen Darstellungen des sphärischen Weltbildes beruhen auf dieser Abfolge.

Aus gutem Grund hat die historisch-kritische Nostradamus-Forschung längst Abschied vom “Propheten” genommen und sieht in dem Arzt und Astrologen lediglich noch einen „Literaten im Versuch, gegen das Elend seiner Zeit anzuschreiben“ – keinen Hellseher oder Propheten also, sondern einen humanistisch beseelten Dichter und Philosophen, der ähnlich wie in Platons Höhlengleichnis an den Wänden seiner Dachkammer in Salon de Provence die dunklen Schatten des Spätmittelalters irrlichtern sah und seinen Zeitgenossen in vierzeilige Gleichnisse übersetzte.

Zurück zum Ausgangspunkt: Die Angst vor Anschlägen bei der EM 2016 ist mehr als verständlich.

Ernstzunehmende Voraussagen von “Sehern” und “Propheten” dazu gibt es indes nicht.

Zum Weiterlesen:

  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010
  • Der Spoiler zur Fußball-EM: Nordirland holt den Titel, Wahrsagerchecks-Blog am 8. Juni 2016
  • Die irrsten tierischen EM-Orakel, Welt-Online am 10. Juni 2016
  • Diese tierischen Orakel tippen bei der Fußball-EM 2016, WAZ am 10. Juni 2016
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co.: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst, GWUP-Blog am 15. Juni 2016

Betrügereien mit Freier Energie

Dass das mit der “Freien Energie” ziemlicher Nonsens ist, hätte man zum Beispiel bei der diesjährigen SkepKon erfahren können oder auch hier im Blog.

Manchereiner lernt indes nur auf die harte Tour und verliert erst mal jede Menge Kohle an eine dubiose Firma, die …

… Anleger mit dem Versprechen ködert, eine energiesparende Wundermaschine zu bauen, die sich den Gesetzen der Physik widersetze und zugleich eine Rendite von bis zu 800.000 Euro abwerfe.”

frei

Die ganze Geschichte gibt’s im Vice-Kanal Motherboard.

Zum Weiterlesen:

  • Von freier Energie zu Adolf Hitler – kein Quantensprung, Vice am 8. Juni 2016
  • So ein Schmarrn: Freie Energie, derstandard am 12. November 2014
  • “Freie Energie” bei Psiram
  • “Freie-Energie-Geschäftsmodelle” bei Psiram
  • Ein Perpetuum Mobile ist auch 2015 immer noch unmöglich, GWUP-Blog am 12. April 2015
  • Eine Reise in die Welt der Freien Energie: Wie spart man jährlich mehr als 387,41 EUR an seiner Stromrechnung? Mimikama am 17. Juli 2014
  • Wunderenergie statt Atomkraft, Telepolis am 3. November 2009
  • Geld sparen durch Skeptizismus, naklar am 25. Februar 2013
  • Vortragsvideo: Immer wieder Perpetuum Mobile, GWUP-Blog am 3. Mai 2016

Video: Wie gefährlich sind die „Reichsbürger“?

Heute bei Kontraste:

kontra

Hier geht’s zum Video.

Zum Weiterlesen:

  • Verfassungsschutz warnt vor bewaffneten “Reichsbürgern”, rbb-online am 9. Juni 2016
  • „Reichsbürger“ gründen eigene Regierungen, Schwäbische Zeitung am 8. Juni 2016
  • Reichsbürger erscheint in Richterrobe und mit „Staatsanwalt“, Justillon am 8. Juni 2016
  • Reichsbürger wollen als Richter und Anwalt verkleidet ins Gericht, Augsburger Allgemeine am 7. Juni 2016
  • Reichsbürger und “Identitäre” erhalten Zulauf, rp-online am 7. Juni 2016

Die Heilpraktiker-Formel: „Magie statt Technokratie“

Bei der Huffington Post gibt es heute einen Auszug aus dem “Unheilpraktiker”-Buch von Anousch Mueller:

Ich erinnere mich, wie ein Heilpraktiker einen antiken Arzneimittelschrank öffnete und Aberhunderte Fläschchen mit Globuli, von A bis Z aneinandergereiht, zum Vorschein kamen. Die sagenumwobenen Wunderkügelchen, abgefüllt in kleine braune Fläschchen mit rotem Verschluss, etikettiert mit den wunderlichsten Namen – das hatte etwas von einer Kunstinstallation, ein faszinierendes Ready-made.

So ein Homöopathieschrank ist eine riesengroße Erzählung. Und Heilpraktiker sind nicht nur gute Zuhörer, sondern oft auch talentierte Erzähler. Sie verstehen es, Anamnese und Untersuchung zu einem sinnlichen Erlebnis zu machen, das den Patienten interessiert und integriert, statt einschüchtert und übergeht.

Dass es dabei nicht immer mit rechten, soll heißen rationalen Dingen zugeht, nehmen viele Patienten gern in Kauf. “Magie statt Technokratie” könnte die Erfolgsformel von Heilpraktikern lauten. Unter den Patienten gibt es, vereinfacht gesagt, zwei Fraktionen, die beim Heilpraktiker auf ein Wunder hoffen: Die Kranken und die Nicht-Kranken.

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Die einen kommen bereits mit ärztlichen Diagnosen in die Heilpraxis: mit Asthma, Allergien, Rheuma, Krebs, Multipler Sklerose, Neurodermitis, Bluthochdruck, Diabetes, Bandscheibenvorfall, Unfruchtbarkeit, psychischen Erkrankungen.

Sie wünschen oftmals eine zusätzliche, also komplementäre Behandlung zur konventionellen Therapie. Sie erhoffen sich davon zum Beispiel eine Besserung der Nebenwirkungen ihrer Medikamente oder mehr Lebensqualität.

Nicht selten versprechen sie sich aber auch, die Ursachen ihrer Erkrankung aufdecken zu können. Heilpraktiker vermitteln gern den Eindruck, es gäbe einen mehr oder minder mysteriösen Urgrund für die Erkrankung.”

Zum Weiterlesen:

  • Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen, Huffington Post am 9. Juni 2016
  • Von der Gutgläubigkeit hin zu Faktendenken: Anousch Müller über ihr Buch „Unheilpraktiker“, GWUP-Blog am 15. Mai 2016
  • Vorsicht, Heilpraktiker! Warum die sanfte Medizin Ihrer Gesundheit schaden kann, Stern-Online am 17. Mai 2016
  • Gedanken zum Heilpraktikerwesen, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 2. April 2015
  • Anousch Müller: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Riemann, München 2016

Video: „Wissen verändert noch kein Verhalten“: Eckart von Hirschhausen bei correctiv

Dr. Eckart von Hirschhausen zu Gast bei dem Medizin-Journalisten Markus Grill (correctiv.org):


Direktlink zum Video auf Youtube

Es geht auch um Homöopathie und “Alternativmedizin”.

Zum Weiterlesen:

  • Eckart von Hirschhausen bei Facebook: Homöopathie-Fans gegen Homöopathie-Kritiker, GWUP-Blog am 2. Mai 2016
  • „Wunderheiler“ von Eckart von Hirschhausen jetzt als Live-DVD, GWUP-Blog am 28. November 2015
  • Von „Notfall-Globuli“ und HIV-Heilung: Zu Besuch beim Homöopathie-Kongress, Vice am 31. Mai 2016
  • Homöopathie-Kongress in der Presse: „Irrsinn, überholt und überflüssig“, GWUP-Blog am 30. Mai 2016
  • 60 Seiten Papierverschwendung: Der „Reader“ der Homöopathen zum aktuellen Forschungsstand, GWUP-Blog am 29. Mai 2016




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