Archiv-Seite 14

Homöopathie: So wirken Placebos bei Tieren

Natürlich darf bei der aktuellen DocCheck-Kommentardebatte auch das abgegriffendste Pseudo-Argument nicht fehlen:

Die Diskussion um den Placebo-Effekt der Homöopathie sollte schon allein dadurch entkräftet werden, dass man Säuglingen eine Wirkung nicht einreden kann.”

So?

Erstens hat der Placebo-Effekt nichts mit “Einreden” zu tun, er wirkt sogar dann, wenn der Patient nicht daran glaubt.

Zweitens gibt es natürlich auch bei Kindern Placebo-Effekte – und bei Tieren.

Wie der Zufall es will, greift Spiegel-Online heute genau dieses Thema auf, in Form eines Interviews mit Paul Enck, Professor für Medizinische Psychologie und Forschungsleiter der Abteilung Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Tübingen.

Ein Auszug:

Herr Enck, ein Argument von Homöopathie-Anhängern für die Wirksamkeit der Therapie ist, dass Globuli auch Tieren helfen, die nicht an die Wirkung glauben können. Ein Placeboeffekt sei somit ausgeschlossen und die Wirkung der Globuli bewiesen. Stimmt das?

Die Besitzer sind in diesem Fall die treibende Kraft. Wenn wir ein Medikament nehmen und eine Erwartungshaltung bezüglich seiner Wirkung haben, hat das schon eine Wirkung auf den Gesundungsprozess – das ist der Placeboeffekt.

Das Tier hat diese Erwartungshaltung bezüglich der Pillen natürlich nicht, aber sein Besitzer. Man nennt das “Placebo by Proxy”, Placebowirkung durch die Angehörigen.”

Der Besitzer ändert also sein Verhalten?

Man muss sich den Tierbesitzer genau anschauen. Wenn sein Tier krank wird, ist er natürlich nervös. Er hat die positive Erwartung an die Pillen, beobachtet den Krankheitsverlauf genau und reagiert sofort auf jede Verbesserung und entspannt sich.

Er ändert sein Verhalten, kümmert sich womöglich auch einfach mehr um das Tier. All das wirkt positiv auf das kranke Tier.

Ganz besonders extrem können Sie das in der Pferdehaltung sehen. Dort sind Homöopathika sehr verbreitet. Ich kann mir das nur so erklären, dass Pferdehalter hinsichtlich der Gesundheit ihrer Tiere außergewöhnlich nervös sind, weil Pferde schon an Kleinigkeiten, wie beispielsweise Koliken, sterben können.

Die Homöopathika entspannen dann vor allem die Pferdehalter. Und das wirkt auf die sehr sensiblen Pferde stark zurück.”

Sogar von Placebo-Effekten bei Pflanzen ist in dem Gespräch kurz die Rede. Denn auch auf diesem Feld doktern mittlerweile Homöopathen herum.

Und auch dazu hat Jens Lubbadeh heute bei Spiegel-Online einen Artikel geschrieben:

Globuli fürs Grünzeug”

Zum Weiterlesen:

  • Homöopathie: So wirken Placebos bei Tieren, Spiegel-Online am 11. Juni 2014
  • Globuli fürs Grünzeug, Spiegel-Online am 11. Juni 2014
  • Homöopathie bei Kindern und Tieren, GWUP-Blog am 5. März 2010
  • Homöopathie – auch wenn wir es leid sind, GWUP-Blog am 5. Januar 2012 (mit Links zum Thema “Homöopathie bei Tieren”)
  • L. Hektoen: Review of the current involvement of homeopathy in veterinary practice and research. In: Vet Rec. 2005 Aug 20;157(8):224-9.
  • Bei Tieren kann es keinen Placeboeffekt geben – ein Beweis für die Homöopathie? Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 22. Oktober 2013
  • Homöopathie bei Hunden – eine skeptische Auseinandersetzung, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 9. November 2013
  • Auch bei Kindern ist Homöopathie nur eine Lüge, GWUP-Blog am 22. Oktober 2013
  • Placebo-Effekt und Evolution, GWUP-Blog am 7. September 2012
  • SkepKon-Rückblick: Die fehlende interne Validität von Homöopathie-Studien, GWUP-Blog am 10. Juni
  • „Selbsttäuscher und Geschäftemacher” – ein Interview mit Dr. Hans-Werner Bertelsen, Kritisch gedacht am 11. Juni 2014

“Homöopathie mit schweren Nebenwirkungen”

Wenn “Tierheilpraktikern” die Hitze nicht bekommt, dann liest sich das so:

Wer die GWUP anführt kann auch, um es ganz krass auszudrücken, die größten Kriegsverbrecher als Weltfriedenskomitee zusammen stellen.”

Nun ja, dass es bei Homöopathie-Debatten im Kommentarbereich von DocCheck hoch her geht, ist nichts Neues.

Wenden wir uns lieber einem aktuellen Erfahrungsbericht zu, veröffentlicht von David Bordiehn in der Internet- und Blogzeitung Die Freie Welt:

Homöopathie mit schweren Nebenwirkungen.”

Ein Auszug:

Nun ist es also doch passiert, Sohn Johann hat mit der Nase voran auf die Fliesen im Wintergarten “Bautz gemacht”. Der Schreck war groß, was tun? Zwei Telefonate [...]

Während ich also mit dem Kindernotarzt telefonierte, sprach meine Frau mit unserer Hebamme. Was man tun könne?

Arnica D10 irgendwas. Also Homöopathie-Hokuspokus! Kein Arzt, keine Beobachtung, kein nichts.

Aus der Dilettantenperspektive der wissenschaftlich unbelasteten Homöopathen “half” Arnika D10 ja auch in 99,9% der Fälle. Meine Frau und mich stimmte es aber äußerst ärgerlich.

Nehmen wir obigen Sturz und nehmen wir an, es wäre a) zu keiner Verletzungen im Kopf gekommen:

Nach einer Woche Arnika-Zuckerkügelchen stünde der Homöopath mit stolz geschwellter Brust da, die Homöopathie habe womöglich eine schlimmere Entwicklung verhindert, zumindest aber habe sie nicht geschadet!

Nehmen wir nun b) an, es wäre zu einer kleinen Schwellung (ähnlich einem blauen Fleck) im Kopf gekommen:

Nach einer Woche würde der Körper – ebenfalls wie bei einem blauen Fleck – die Schwellung abgebaut haben. Der Homöopath würde ein Hohelied auf seine Kunst anstimmen [...]

Bei ernsten Fällen kann Homöopathie ausgesprochen gefährlich sein, da eine wirkliche Behandlung ausbleibt oder erst mit lebensgefährdender Verspätung eingeleitet wird.

Stand ich der Homöopathie bisher eher gleichgültig, wenn nicht belustigt gegenüber, bin ich nunmehr ein ausgesprochener Gegner.”

Wäre interessant, was unser “Tierheilpraktiker” und Homöopathie-Fan dazu sagt.

Zum Weiterlesen:

  • Homöopathie mit schweren Nebenwirkungen, Die Freie Welt am 10. Juni 2014
  • Vortragsvideo: Tierheilpraktiker – Alles für die Katz, GWUP-Blog am 27. September 2013
  • Master of Verdünnung, DocCheck-News am 10. Juni 2014
  • SkepKon-Rückblick: Die fehlende interne Validität von Homöopathie-Studien, GWUP-Blog am 10. Juni
  • „Selbsttäuscher und Geschäftemacher” – ein Interview mit Dr. Hans-Werner Bertelsen, Kritisch gedacht am 11. Juni 2014

Als die CIA übernatürliche Fähigkeiten erforschte

In der Reihe “Gescheiterte Wissenschaft” schreibt die Süddeutsche Zeitung heute über das Projekt “Star Gate”, Fernwahrnehmung und die PSI-Forschung der US-Geheimdienste.

Zitiert wird auch Dr. Martin Mahner vom Zentrum für Wissenschaft und kritisches Denken der GWUP:

Die CIA stampfte Projekt “Star Gate” nach Empfehlung der Prüfer ein. Warum die Geheimdienste mehr als 20 Jahre benötigten, um Fernwahrnehmung als Pseudowissenschaft zu durchschauen, erscheint mehr als rätselhaft.

“Im Kalten Krieg hat man nach jedem Strohhalm gegriffen, der einen Vorteil bringen könnte”, mutmaßt Martin Mahner, der sich in der Skeptikerorganisation GWUP mit Parawissenschaften auseinandersetzt. “Wenn es ein paar Leute gibt, die fest daran glauben, kann sich so ein Humbug durchsetzen.”

Selbst im Weißen Haus glaubte man in den 80ern an das Übernatürliche. Von Präsident Ronald Reagan ist überliefert, dass er seinen Dienstplan erst nach Konsultation einer Astrologin absegnete – wohl unter dem Einfluss seiner abergläubigen Frau Nancy. “Politik nach Horoskop” titelte der Spiegel 1988, als bekannt wurde, dass die Sterne über die Termine des Präsidenten mitbestimmten.

Auch die Geheimdienste verfielen wohl dem Zeitgeist der Spiritualität.”

Zum Weiterlesen:

  • “Star Gate”: Als die CIA übernatürliche Fähigkeiten erforschte, Süddeutsche am 11. Juni 2014
  • GWUP bei “Welt der Wunder”: PSI und Ziegen, GWUP-Blog am 24. Februar 2010
  • Warum Uri Geller nicht auf Ziegen starrte, GWUP-Blog am 3. März 2010
  • PSIdiotie II: Studenten, die auf Trickser starren, GWUP-Blog am 4. März 2010
  • Militärhellseher im Kalten Krieg, Telepolis am 12. März 2007
  • Hoaxilla #134 – „MKULTRA“ vom 15. September 2013
  • Hoaxilla #8 – “Extra Sensory Perceptions (ESP)” vom 18. Juli 2010
  • Mental, physisch und spirituell, Skeptiker 1/2010

Impfgegnerin bei „Dr. House“

Nach den zahlreichen Impf-Postings der letzten Zeit lassen wir heute noch “Dr. House” zu Wort kommen, der das Baby einer Impfgegnerin behandeln soll:


Direktlink zum Video auf Youtube

Ob es wirklich Kindersärge in Froschgrün gibt?

Zum Weiterlesen:

  • Impfungen, Autismus und der Fall Hannah Poling, GWUP-Blog am 8. Juni 2014
  • Pseudos und Autismus, GWUP-Blog am 6. Juni 2014
  • “Die Impf-Lüge” als Video – und wieder die Autismus-Mär, GWUP-Blog am 3. Juni 2014
  • Fatales Natürlichkeitsdenken der Impfgegner, GWUP-Blog am 11. Mai 2014
  • Reich werden durch Impfen? GWUP-Blog am 31. März 2014
  • Kinderarzt zu Impfgegnern: “Get Out of My Office”, GWUP-Blog am 5. Februar 2014
  • “Für Impfen” bei Facebook, GWUP-Blog am 5. April 2014
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013

Strichcodes und Co: Die Gefahren absurder Hysterien

Angesichts des grassierenden Irrsinns mit Online-Warnungen vor der “Reduzierung der Menschheit” (“Welchem Zweck könnten all die gesundheitsschädlichen Chemikalien, die absichtlich in Lebensmittel, Medikamente und Pflegeprodukte gemischt werden, sonst dienen?”) oder Nano-Titandioxid (“Und dieses Beispiel ist nur eine einzige Komponente des Giftcocktails der Konzerne”) oder Fluoridvergiftung (“Mindestens jede zehnte Kind ist betroffen”) sind wir dankbar für die aktuelle Stern-Kolumne von Meike Winnemuth.

Ein Auszug:

Keine Ahnung hat noch nie jemanden davon abgehalten, vor etwas Angst zu haben [...]

Die neueste Gefahr droht nach Überzeugung vieler durch Strichcodes auf Packungen, die eine nicht näher benannte Strahlung bündeln und an den Packungsinhalt abgeben; Laserscanner würden “die bioenergetische Toxizität” der Striche aktivieren.

Um diese Käufer nicht zu verlieren, haben einige Biohersteller wie Rabenhorst bereits begonnen, einen Querstrich über den Barcode zu drucken, der die schädlichen Energien “neutralisieren” soll.

Schadet ja nichts, oder?

Schadet natürlich doch. Wenn sich immer mehr Leute in immer absurdere Formen von Hysterie hineinsteigern, wenn sich jeder als zartes Pflänzlein sieht, das schutzlos im bösen Wind der Moderne steht, dann gnade uns Gott.

Man starrt auf die Erbse und verliert alle tatsächlichen Probleme aus dem Blick.”

Zum Weiterlesen:

  • Bürger auf der Erbse, Stern am 8. Juni 2014
  • Peterswalder Schwarzwaldperle: Entstört oder gestört? GWUP-Blog am 2. Dezember 2013
  • Rabenhorst-Fruchtsäfte: Wer entstört die Barcode-Gegner? GWUP-Blog am 16. Mai 2014
  • Molkerei vertreibt Teufel aus dem Strichcode, Süddeutsche am 27. Mai 2014
  • Ursprung der Verschwörungstheorie, derfreitag am 16. März 2013
  • Elaine Showalter: Hystorien – Hysterische Epidemien im Zeitalter der Medien. Aufbau-Verlag, Berlin 1999

SkepKon-Rückblick: Die fehlende interne Validität von Homöopathie-Studien

Das Bonmot von den “weichen Endpunkten” bei Durchfallstudien war gewiss einer der humorigen Höhepunkte der SkepKon 2014 – gehört beim Vortrag von Dr. Norbert Aust.

Der Ingenieur und Blogger von Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie referierte zum Thema

Mangelnde interne Validität als Grundlage erfolgreicher Wirkungsnachweise zur Homöopathie”

und besprach dabei auch die Arbeit “Treatment of Acute Childhood Diarrhea With Homeopathic Medicine”.

Aber gehen wir der Reihe nach.

Bekanntlich ist der Streit darüber, ob es sich bei der Homöopathie um eine wirksame Therapieform handelt oder nicht, so alt wie die Homöopathie selbst.

Inzwischen liegen (Stand 2013) 188 placebokontrollierte randomisierte Vergleichsstudien (PCT) vor, die zu einem recht hohen Anteil zu positiven Ergebnissen kommen, mit 82 jedenfalls deutlich mehr, als aufgrund der Wahrscheinlichkeit falsch positiver Resultate zu erwarten wäre.

Homöopathie-Kritiker erklären dies mit einer schlechten Studienqualität – auch wegen der Tatsache, dass die Grundprinzipien der Homöopathie den bekannten Naturgesetzen widersprechen.

Aber was sind eigentlich die Kriterien für die Qualität von klinischen Studien?

Üblicherweise erfolgt die Bewertung anhand der Punkte

  • Randomisierung ( Ist die Gruppeneinteilung nach einem Zufallsprinzip erfolgt und war das dazu verwendete Verfahren angemessen, also z.B. die Reihenfolge sicher nicht zu erraten?)
  • Verblindung (Sind die Patienten und das sie behandelnde Personal in Unkenntnis der Gruppeneinteilung und ist das Verfahren geeignet, diese Verblindung auch während der Studiendauer aufrechtzuerhalten?)
  • Intent to treat (Bezieht sich das Studienergebnis auf alle Probanden, also auch auf diejenigen Patienten, die die Studie nicht beendet haben?)

Weitere wichtige Kriterien, wie sie in anderen Fachgebieten zwingend gefordert werden, spielen überhaupt keine Rolle, etwa die Datenermittlung, die Auswertung und die Schlussfolgerungen daraus.

Fehlschlüsse und die Überbewertung der Ergebnisse sind daher eher die Regel als die Ausnahme”,

erklärte Aust.

Seiner Überzeugung nach sind die genannten drei Qualitätskriterien nicht ausreichend, um ein unplausibles Heilverfahren wie Homöopathie zu bewerten.

Die spannende Frage des SkepKon-Referenten:

Wie würden sich klinische Studien und Metaanalysen in der Homöopathie darstellen, legte man erweiterte Qualitätsforderungen an, wie sie zum Beispiel für die Entwicklung von Medizinprodukten gelten?

Exemplarisch nahm Aust die letzte große Metaanalyse zur Homöopathie unter die Lupe, die Arbeit von Shang und Kollegen aus dem Jahr 2005 (ergänzende Daten dazu finden sich hier).

Das Thema der Arbeit war ein Vergleich von konventioneller Therapie und Homöopathie. Insgesamt untersuchten Shang et al. 110 Homöopathiestudien, die bis 2003 veröffentlicht worden waren.

Die Arbeitsgruppe sah 21 Studien als von hoher Qualität an – davon bescheinigten 13 Studien der Homöopathie eine Wirksamkeit, acht Studien gingen negativ aus. Damit erzielten die homöopathischen Arzneimittel in der Metaanalyse ein signifikant positives Ergebnis.

Danach indes führten die Forscher ein zusätzliches Kriterium ein, um weitere Studien auszuschließen, nämlich die Probandenzahl (> 98). Somit blieben insgesamt nur noch acht Studien übrig, von denen fünf für die Homöopathie sprachen und drei dagegen.

Das bedeutete zwar immer noch einen Überhang positiver Homöopathie-Studien, der allerdings nicht mehr statistisch signifikant war, weshalb der Lancet 2005 “Das Ende der Homöopathie” ausrief.

Seitens der Homöopathen wird die Metaanalyse Aijin Shangs von der Universität Bern natürlich heftig kritisiert, zuletzt von Robert G. Hahn, Professor für Anästhesie und Intensivmedizin an der Universität Linköping.

Dafür hat Aust durchaus ein gewisses Verständnis, denn:

  • Offenbar wurde die Grenze für die Studiengröße willkürlich post hoc festgesetzt, jedenfalls gibt es keine sinnvolle Begründung für eine Festlegung von 98 Probanden als Grenzwert.
  • Die hohe Zahl der Teilnehmer ist kein zuverlässiges Qualitätskriterium, denn für den Nachweis starke Effekte reicht eine niedrige Teilnehmerzahl aus.

Die Problematik liege allerdings nicht darin, dass Studien ausgeschlossen wurden – sondern dass hierfür die falschen Kriterien Anwendung fanden.

Bei der SkepKon schlug Aust einen neuen Ansatz zur Bewertung einer klinischen Studie mit folgenden Schritten vor:

  • Aufstellung der Hypothese: Was soll nachgewiesen werden?
  • Festlegen des Testkriteriums: Anhand welcher Kennwerte kann man entscheiden?
  • Studiendesign: Mit welchen Methoden kann man die Kennwerte ermitteln?
  • Durchführung nach Versuchsplan,
  • darin Erfassung der Messwerte
  • Datenauswertung
  • Signifikanztest: Wurde vielleicht nur ein Zufallsergebnis erzeugt?
  • Relevanz: wird leider meist nicht betrachtet: Wie groß ist der tatsächliche therapeutische Nutzen für den Patienten?
  • Diskussion: Ist das Ergebnis belastbar?
  • Schlussfolgerung aus den Ergebnissen: Wurde die Thesebestätigt?
  • (Replizierung).

Und um auf die Einleitung zurückzukommen:

Diese Vorgehensweise legte Aust beispielhaft anhand der Diarrhö-Studie von Jacobs et al. dar, einer der Studien aus der Shang-Analyse.

Bei Punkt 2 (“Sind die Testkriterien geeignet, um die Ausgangsthese der Autoren zu entscheiden?”) kritisierte der Ingenieur und Blogger den “weichen Endpunkt” der Studie, nämlich die Dauer der Durchfallerkrankung mit dem Endpunkt “Weniger als drei Ereignisse am Tag”.

Aust:

Die Beschwerden sind dann bei weitem noch nicht ausgeheilt.”

Was aber käme nun dabei heraus, wenn man die ursprünglich 13 positiven Studien der Shang-Metaanalyse nach diesen erweiterten Qualitätskriterien beurteilen würde?

Bliebe es auch dann bei dem signifikant positiven Ergebnis für die Homöopathie?

Mitnichten, erklärte Aust.

Allenfalls bei zweien der 13 positiven Studien könne die interne Validität nicht widerlegt werden.

Eine davon (Lepaisant 1995) lag Aust nicht im Originaltext vor, sodass der Inhalt nicht geprüft werden konnte. Einzelheiten hierzu kann man den Vortragsfolien entnehmen:

Prinzipiell zeigt sich, dass nach Anwendung der Kriterien der internen Validität ein Prozentsatz von falsch positiven Studienergebnissen verbleibt, der gut mit der Erwartung einer 5-prozentigen Wahrscheinlichkeit in Deckung zu bringen ist.”

Der SkepKon-Referent schlussfolgerte, dass die meisten der bis 2003 veröffentlichten PCTs von hoher Qualität und mit positivem Ergebnis einer Überprüfung der internen Validität wohl nicht standhalten:

Es ist allerdings etwas zu früh, dies als Endergebnis anzusehen. Die Autoren hatten sieben Homöopathie-Studien nicht betrachtet, weil man für sie keine Studien zu vergleichbaren konventionellen Therapien fand. Zudem erklären die Kritiker der Metaanalyse, dass vier weitere Studien in früheren Metaanalysen anderer Autoren als hochwertig eingestuft wurden.

Erst nach einer Betrachtung dieser 11 Studien wird ein zwischen Befürwortern und Kritikern offenbar unstreitiges Ergebnis vorliegen. Die eingangs zitierten Angaben zur Zahl der erfolgreichen Studien bedürfen aber auf jeden Fall der Korrektur.”

Die Betrachtung der internen Validität scheint geeignet zu sein, mit objektivierbaren Kriterien falsch positive Ergebnisse auszuschließen – und um “handfeste und nicht so einfach angreifbare Argumente” zu bekommen, warum man diese oder jene Studie nicht in eine Metaanalyse mit einbezieht.

Richtlinien für ein valides internes Studiendesign bedürfen der weiteren Ausarbeitung.

Den Vortrag gibt es hier auch als Video.

Zum Weiterlesen:

Skeptiker-Kampagne in den USA gestartet: „Keep Health Care Safe and Secular”

Nachahmenswert:

Das Center for Inquiry hat die nationale Kampagne

Keep Health Care Safe and Secular”

gestartet.

Ziel ist es, die öffentliche Gesundheitsversorgung auf wissenschaftsbasierte Verfahren und Methoden zu stützen,

… frei von magischem Denken, religiösen Überzeugungen und Verschwörungstheorien”.

Das geschäftsführende CFI-Vorstandsmitglied Roland A. Lindsay sieht insbesondere fünf Bereiche, in denen die Evidenzbasierte Medizin von ideologischen Geltungsansprüchen attackiert werde:

Dreh- und Angelpunkt der Kampagne ist die neue Webseite SafeandSecular.org.

Dort sollen unter anderem Erfahrungsberichte von Betroffen veröffentlicht, Informationen über Quacksalberei bereitgestellt und Aktionen koordiniert werden.

Lindsay:

In einer Zeit, da Firmenchefs versuchen, ihre religiösen Überzeugungen den Mitarbeitern aufzudrängen, längst besiegte Kinderkrankheiten wegen der Desinformation von Impfgegnern wieder ausbrechen und Kranke durch nutzlose oder sogar schädliche Therapien gefährdet werden, ist eine breite Allianz für Vernunft und Wissenschaft bitter notwendig [...]

We need to come together to fight for health care based on sound, scientific principles.”

Zum Weiterlesen:

  • Campaign Takes On Religion and Junk Science in Health Care, CSI am 3. Juni 2014
  • The Fight To Take Back Our Health Care System From Junk Science, ThinkProgress am 5. Juni 2014
  • The Clinical Evidence for Homeopathy, NeuroLogica-Blog am 2. Juni 2014
  • Warum Leute trotzdem nicht schlau werden: Rechtfertigungsstrategien in der Alternativ-Medizin, Chiemgau Gemseneier am 9. Juni 2014
  • A conspiracy theory seems to be driving the popularity of alternative medicine, edzardernst am 16. Mai 2014

Islamischer Kreationismus à la Harun Yahya und ein Plonquez-Video „Evolution“

Florentin Will hat bei seinem Science-Funtainment-Kanal Plonquez auch ein cooles Video zum Thema “Evolution” am Start:


Direktlink zum Video auf Youtube

Dazu passt ein Artikel aus dem Skeptical Inquirer von Januar/Februar, der gerade online gegangen ist:

Harun Yahya’s Islamic Creationism: What It Is and Isn’t”

Hinter dem Pseudonym “Harun Yahya” verbirgt sich der muslimische Kreationist Adnan Oktar.

Seiner Auffassung nach ist Darwins Evolutionslehre die Wurzel von Terrorismus, Totalitarismus, Rassismus und vielerlei Übeln mehr.

Außerdem stehe das Kommen des Mahdi (des Propheten der Endzeit) kurz bevor.

SI-Autor Stefano Bigliardi zeichnet Oktar als extravaganten Selbstdarsteller und Marketing-Strategen:

The attack [on Science and Darwinism] is the message.”

Sein Wirtschaftsunternehmen verbreite die Evolutionsleugnung wie eine Art Lifestyle-Produkt, vergleichbar mit einem gefälligen TV-Format, das in jedem Land von jedem Sender eingekauft werden könne:

It is neither Harun Yahya’s, nor Islamic, nor creationism.”

Oktar profitiere dabei von dem, was Lewis Wolpert “the unnatural nature of science” nannte: von dem schlechten Image der Wissenschaft und einer weit verbreiteten Unkenntnis der wissenschaftlichen Methodik.

Zum Weiterlesen:

  • Harun Yahya’s Islamic Creationism: What It Is and Isn’t, Skeptical Inquirer Volume 38.1, January/February 2014
  • Flash-Mob torpediert Kreationistenvortrag, Psiram am 31. Mai 2010
  • Türkischer Kreationismus: Feldzüge fürs ewige Kaninchen, Süddeutsche am 28. November 2008
  • Kreationismus in Europa, Skeptiker 1/2009
  • GWUP-Infos: Kreationismus
  • Evolution bizarr: Großbrüstige Blondinen und US-Missen, GWUP-Blog am 16. Februar 2013
  • SkepKon-Rückblick: Der „Kamikaze-Ichthyosaurier“ und die Kreationisten, GWUP-Blog am 2. Juni 2014
  • Interview mit Lewis Wolpert, Science in School
  • Vince Ebert zu Kreationismus und Wissenschaftsfeindlichkeit, GWUP-Blog am 6. April 2014
  • Mit Allah gegen Darwin, Stern am 29. März 2007
  • Interview mit Harun Yahya: “Alle Terroristen sind Darwinisten”, Der Spiegel am 22. September 2008
  • Video: Impfungen, Autismus und der Fall Hannah Poling, GWUP-Blog am 8. Juni 2014
  • Video: Was will denn der Fette auf SRSLY?, SRSLY am 10. März 2014
  • Argumente der Kreationisten, aargks/pro Logik am 11. Juni 2014

„Slenderman“-Mordversuch: Eine Nachahmungstat – und der Beginn einer moral panic

Zuerst die gute Nachricht:

Das 12-jährige Opfer des “Slenderman-Mordversuchs” ist einigermaßen wohlauf und konnte mittlerweile die Klinik verlassen.

Die schlechte:

Es scheint sich eine Nachahmungstat ereignet zu haben, und zwar in Ohio.

Dort hat eine 13-Jährige in der Küche auf ihre Mutter eingestochen. Während der Tat habe das Mädchen eine weiße Maske und weiße Handschuhe getragen, sagte die Frau dem Lokalsender WLWT.

Dass ihre Tochter sich von der fiktiven Gruselgestalt “Slender Man” beeinflusst wähnte, ist allerdings eine Interpretation der Mutter:

She said her 13-year-old daughter was obsessed with the fictional character Slender Man”,

wird die Frau von den Medien zitiert.

Nicht nur das Skeptiker-Portal Doubtful News warnt daher vor vorschnellen Urteilen:

Slenderman is turning into another typical moral panic – like heavy metal music, Dungeons and Dragons, World of Warcraft, Harry Potter, etc.

Social issues like these are so very complicated, you can not logically blame one cause. If you do, you are apt to totally misunderstand and probably make things worse.”

Auch das Online-Magazin Slate schrieb zum ersten “Slenderman”-Fall Anfang Juni:

Der Slender Man ist keine Erklärung für irgendwas.”

Es sei so viel einfacher, über Slenderman zu schreiben, als sich darüber Gedanken zu machen, warum zwei Mädchen solche Gewalt anwendeten.

Zum Weiterlesen:
  • “Slender Man”-Mordversuch sorgt für Schlagzeilen, GWUP-Blog am 4. Juni 2014
  • Hoaxilla #118 – “Slender Man” vom 10. März 2013
  • Girl, 12, repeatedly stabbed in “Slenderman” attack leaves hospital, news.com am 9. Juni 2014
  • Second attack linked to CreepyPasta fictional character Slenderman as 13-year-old daughter stabs Ohio mother, news.com am 9. Juni 2014
  • Daughter’s knife attack influenced by Slender Man, wlwt.com am 6. Juni 2014
  • Another Slenderman-connected attack. Another girl. More parental reaction, Doubtful News am 8. Juni 2014
  • Slenderman stabbing case: When can kids understand reality vs. fantasy? Fox8 am 8. Juni 2014
  • Because of Slender Man: Why the Internet Bogey Is the Perfect Metaphor for How We Explain Violence, Slate am 4. Juni 2014
  • Ein Opfer für Slenderman, Spiegel-Online am 5. Juni 2014
  • Slender Man Is Real: From Cultural Conversation To Paranormal Topic, Paranormal Pop Culture am 10. Juni 2014

SkepKon-Rückblick: Benzin sparen durch „magisches“ Zubehör fürs Auto?

Warum eigentlich gibt es noch kein Wasserauto?

Mehr noch: Wieso wurde ein Wasserauto-Erfinder unlängst sogar wegen Betrugs verurteilt?

Für das Internet-Portal weltverschwoerung.de ist die Sache klar:

Solange es Öl gibt, solange wird alles andere unterdrückt werden. Die Ölkonzerne werden alles daran zu setzen, deine Erfindung entweder zu zerstören oder sie dir abzukaufen und unter Verschluss zu halten.”

Und wenn nicht die Ölkonzerne, dann die Autoindustrie – diesselbe Branche, die eine Vielzahl weiterer revolutionärer Techniken unter Verschluss hält, mit denen die gebeutelten Verbraucher Benzin sparen könnten, wie etwa magnetische Kraftstoffaktivierung oder Spritsparkarten.

Bei der SkepKon 2014 in München ging der Physiker Dr.-Ing. Philippe Leick solchen Benzinspar-Mythen auf den Grund.

Leick, selbst in der in der Forschungsabteilung eines großen Automobilzulieferers tätig, sieht in seinem Arbeitsbereich wenig Raum für eine großangelegte Konspiration:

Die Autoindustrie ist nicht gerade der beste Ort, wo man die Unterdrückung neuer Techniken vermuten sollte. Denn es gibt einen intakten Wettbewerb – Sie können von zig verschiedenen Herstellern Autos kaufen, die im Wesentlichen das Gleiche leisten.

Die Konzerne kommen aus den unterschiedlichsten Ländern, einschließlich einiger neuer Player aus China und Indien. Die Hersteller stehen unter einem enormen Preisdruck und haben mit immer schärferen gesetzlichen Auflagen zu kämpfen.

Mir scheint es nicht plausibel, dass unter diesen Rahmenbedingungen jemand auf eine revolutionäre Technik verzichtet, die ihm einen enormen Markt- und Imagevorteil sichern würde.”

Sodann ging der SkepKon-Referent in die Details.

Ein Auto, das ausschließlich mit Wasser betankt wird, sei nichts anderes als ein Perpetuum Mobile erster Art. Denn Wasser ist kein Energieträger, als Endprodukt der vollständigen Verbrennung von Wasserstoff kann man es sogar mit Fug und Recht als Abgas bezeichnen.

Das hat “Erfinder” wie Stanley Meyer, den eingangs erwähnten Daniel Dingel oder die japanische Firma Genepax indes nicht davon abgehalten, Pläne für solche “Wasserautos” verschiedenen Investoren anzudrehen.

Was ist daraus geworden?

Meyer und Dingen wurden wegen Betruges verurteilt, Genepax ist 2009 von der Bildfläche verschwunden.

Nichtsdestotrotz erfreuen sich Bauanleitungen für „Wasserautos“ im Internet gleichbleibender Beliebtheit.

Hauptantrieb für solche Vehikel bleibt ein konventioneller Diesel- oder Benzinmotor. Durch Zugabe des sogenannten Brown‘schen Gases soll aber der Wirkungsgrad erheblich gesteigert werden.

Trotz gegenteiliger Beteuerungen der Freien-Energie-Szene handelt es sich dabei jedoch um nichts anderes als Knallgas, ein detonationsfähiges Gemisch aus Wasser- und Sauerstoff, erzeugt im Fahrzeug selbst durch Elektrolyse von Wasser.

Um Wasser in einer Elektrolysezelle aufzuspalten, muss aber mindestens die Energie aufgewendet werden, die später bei der Verbrennung des Knallgases wieder frei wird.

„Nebenbei“ damit ein Fahrzeug anzutreiben, erfordert bereits einen Wirkungsgrad der Elektrolyse von über 100 Prozent. Wenn diese Energie dann aber noch in Form von Verbrennungswärme frei wird, sieht die Energiebilanz besonders bescheiden aus, da Wärme niemals vollständig in mechanische Energie umgewandelt werden kann.

Tatsächlich kann für den Gesamtprozess von der Verbrennung bis zur Elektrolyse bestenfalls ein Wirkungsgrad um 15 Prozent angenommen werden.

Wenig überraschend ist daher das Fazit der US-Wissenschaftszeitschrift Popular Mechanics: Keines der Selbstbaukits zur Erzeugung von Wasserstoff an Bord des Fahrzeugs konnte in einem Test die versprochenen Vorteile einlösen.

Dabei ist das „Doping“ eines Verbrennungsmotors durch Wasserstoff keinesfalls abwegig und durchaus Gegenstand aktueller Forschung.

Aufgrund seiner Zündwilligkeit und der sehr hohen Flammengeschwindigkeit kann Wasserstoff eigentlich als idealer Brennstoff gelten. Selbst kleine Mengen sollen die Verbrennung in einem Benzinmotor positiv beeinflussen können, wie einer aktuellen Facharbeit zu entnehmen ist.

Doch für die Erzeugung von Wasserstoff an Bord eines Fahrzeugs ist die Elektrolyse ein besonders ineffizienter Weg.

Gängige Bausätze für Brown‘s Gas kommen mit grob 240 W nicht über die Leistung eines kleinen Stabmixers hinaus – und erzeugen damit nur einen Bruchteil der Menge, die für einen echten Durchgriff auf die Verbrennung notwendig wäre.

Zum Vergleich: Der Benzinverbrauch bei konstanten 100 km/h entspricht einer Gesamtleistung um 40 kW.

Sehr beliebt ist auch das „Aktivieren“ des Kraftstoffs, führte Leick weiter aus.

Dies soll durch eine besondere Anordnungen von Magneten geschehen, wie zum Beispiel in einem US-Patent von 2001 beschrieben. Oder aber durch ganz andere, oft nicht näher spezifizierte oder offenkundig pseudowissenschaftliche Verfahren.

Der behauptete Wirkmechanismus soll dabei unter anderem zu folgenden Effekten führen:

  • Ausrichtung der Kraftstoff-Moleküle im (Magnet-) Feld
  • Aufbrechen von Kraftstoff-Clustern, lösen von Wasserstoffbrücken
  • einer „erhöhten Unruhe der Elektronen“
  • Cracken von Kohlenstoff-Kohlenstoff-Bindungen ermöglicht Andocken von Sauerstoff
  • Aktivierung, Ionisation von Molekülen

All das wiederum soll zu einer schnelleren und vollständigeren Verbrennung führen.

Und damit zu einer höheren Leistung des Motors, geringeren Emissionen und einem um bis zu 20 Prozent  reduzierten Verbrauch.

Von magnetischen Feldern geht immerhin eine reale Wirkung aus. Kraftstoffe sind nicht vollkommen unmagnetisch, sondern – wie jede andere Substanz auch – diamagnetisch und werden daher aus Magnetfeldern herausgedrückt.

Manche Moleküle können im Magnetfeld sogar ausgerichtet werden.

Diamagnetismus ist aber die schwächste Form des Magnetismus und die auftretenden Kräfte sind dementsprechend gering, wie Leick vorrechnete: Selbst mit den stärksten Neodym-Magneten schafft man es nicht annähernd, gegen die allgegenwärtige thermische Unordnung anzukommen.

Für andere der oben aufgeführten Effekte führte der Physiker ähnliche Argumente ins Feld, denn die erforderliche Energie ist für das Aufbrechen von chemischen Bindungen oder das Ioniseren von Molekülen um ein vielfaches höher als für ein „einfaches Ausrichten“.

Deshalb nimmt es kaum wunder, dass kontrollierte Tests der vermeintlichen Spritspar-”Innovationen” bislang stets negativ ausgegangen sind.

Trotzdem schwören nicht wenige Anwender auf ihre vollkommen wirkungslosen Gadgets – wie kann das sein?

Leicks Erklärung:

Die allerwenigsten Autofahrer können den eigenen Kraftstoffverbrauch zuverlässig bewerten. Die Werte schwanken erheblich und hängen sowohl vom eigenen Fahrverhalten als auch von nicht beeinflussbaren Faktoren wie der Strecke, dem Verkehr und dem Wetter ab.”

Bei einem Test mit einem Mitarbeiter in seinem eigenen Unternehmen ist Leick sogar einer Art “Placebo-Effekt” auf die Spur gekommen:

Manch ein Fahrer verändert nach dem Einbau der Wunderapparaturen unbewusst seine Fahrweise.”

Außerdem:

Diverse Anbieter empfehlen neben ihrem „magischen“ Zubehör zugleich eine konservativere Fahrweise oder eine Umprogrammierung des Motorsteuergerätes. Das sogenannte Chip-Tuning könne durchaus wirkungsvoll sein, zeitige aber nicht nur Vorteile.

Bessere Verbrauchswerte (oder höhere Leistung) können mit einer geringeren Lebensdauer des Motors, schlechteren Abgasemissionen oder erhöhten Motorgeräuschen einhergehen. Nicht umsonst muss ein  Chip-Tuning durch anerkannte Prüfer (wie TÜV oder DEKRA) abgenommen und in den Fahrzeugpapieren eingetragen werden.

Und woran erkennt man nun reine Abzocke?

If it’s too good to be true, it probably is”,

zitierte Leick das Mantra des gesunden Misstrauens:

  • Verspricht ein Anbieter Verbesserungen in allen Aspekten, ist das ein sicheres Anzeichen dafür, dass keines dieser Versprechen gehalten wird.
  • Die Werbung besteht vor allem aus Erfahrungsberichten.
  • Nebenbei wird eine Umprogrammierung des Motorsteuergeräts empfohlen.
  • Soll das Produkt mit allen Motortypen funktionieren, hat der Anbieter sich sehr wahrscheinlich überhaupt nicht mit den technischen Details beschäftigt, denn:

Die Unterschiede in der Bauart moderner Motoren seien derart groß, dass es an ein Wunder grenzte, wenn die gleiche Methode allen Brennverfahren auf die Sprünge helfen könnte.

Die Anbieter bekümmere das jedoch wenig, sie …

… empfehlen ihre Produkte häufig sogar für Öl- und Gasheizungen.”

Das häufig gegebene Versprechen einer „vollständigeren Verbrennung“ stehe zudem in augenfälligem Kontrast zu der Tatsache, dass in heutigen Motoren die Verbrennung bereits zu annähernd 100 Prozent vollständig ist.

Bezogen auf den eingesetzten Kraftstoff handele es sich bei den Schadstoffen im Abgas (abgesehen von CO2, neben Wasser das einzige Endprodukt einer vollständigen Verbrennung) selbst vor der Abgasnachbehandlung um Spurenelemente.

Leick abschließend:

Eine „schnellere Verbrennung“ kann unter bestimmten Umständen tatsächlich zu einer höheren Effizienz führen. Ob der Fahrer damit glücklich würde, ist aber eine andere Frage, denn die niedrigeren Verbrauchswerte würde er sich aller Voraussicht nach mit erhöhten Verbrennungsgeräuschen und Stickoxid-Emissionen erkaufen.”

Funktionierende Benzinspar-Tipps gibt es zum Beispiel hier oder hier.

Den SkepKon-Vortrag “Kraftstoffsparen durch magisches Zubehör fürs Auto. Übersicht und physikalische Hintergründe” von Dr. Philippe Leick finden Sie hier auch als Video.

Zum Weiterlesen:




NEU: Skeptiker 2/2014

SKEPTIKER 2/2014