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Granderwasser: Wenn Schulen sich für Eso-Marketing einspannen lassen

Klar, wir sind voreingenommen.

Wir wissen, was “Granderwasser” ist – nämlich “esoterischer Unfug”.

Wir wissen auch, dass die “GRANDER Wasserbelebung Gesellschaft m.b.H.” mit einer gut gemachten Webseite namens weltwassertag durchaus nicht ungeschickt den Eindruck erweckt, irgendwie in den Weltwassertag der Vereinten Nationen involviert zu sein, der von UN Water jedes Jahr am 22. März organisiert wird.

Wir wissen ferner, dass die “GRANDER Wasserbelebung Gesellschaft m.b.H.” marketingmäßig auch im Bereich Schulen und Hochschulen unterwegs ist.

Aber: Das alles ist kein Geheimwissen, sondern öffentlich zugänglich.

Ob die Klassenlehrerin der 1 b der Konradinschule Kaufbeuren nicht weiß, wie man googelt, oder ob ihr die Hintergründe des “GRANDER®-Weltwassertag-Kids-Challenge” einfach egal waren, wissen wir nicht.

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Wir wissen auch nicht, wie ihre Aussage “Auch dadurch bekomme ich die Bestätigung für meine Arbeit” bei der Preisverleihung gemeint war beziehungsweise was genau die Arbeit der Grundschulpädagogin ist – doch nicht etwa, begeisterungsfähige Kids für die Public Relations eines fragwürdigen kommerziellen Unternehmens einzuspannen?

Ist das so schwierig herauszufinden, dass “GRANDER®” (auch noch selbstentlarvend immer in Versalien und mit Registered Trade Mark geschrieben) weder ein UN-Mitgliedsstaat ist noch eine nichtstaatliche Organisation, die für sauberes Wasser und Gewässerschutz kämpft, wie der Weltwassertag bei Wikipedia beschrieben wird?

Ist es so schwierig, kritische Informationen über Granderwasser zu finden – nicht nur bei den Skeptikern, sondern zum Beispiel auch bei Cochrane Österreich?

Anscheinend ist es das.

Und deshalb hat Dr. Erich Eder von der Gesellschaft für kritisches Denken der Frau Lehrerin einen kurzen Brief geschrieben:

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Erich Eder und Grander – war da nicht was?

Doch gewiss, nämlich ein neuerlicher Prozess, für den der Zoologe eine Fundraising-Kampagne gestartet hat.

Eine Zwischenbilanz veröffentlichte Eder gestern bei OTS:

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Und der Konradinschule Kaufbeuren empfehlen wir als Unterrichtsmaterial:


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

Radio: GWUP bei „Die Fröhlichen Gottlosen“ in Hamburg

In der Radiosendung Die Fröhlichen Gottlosen (“für die säkulare Szene Hamburgs”) geht es eine Stunde lang um die GWUP:

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Der Podcast findet sich hier.

Zum Weiterlesen:

  • GWUP-Vorstand Dr. Julia Offe mit dem Deutschlandfunk auf der Hamburger Esoterikmesse, GWUP-Blog am 4. April 2016
  • SkepKon und mehr: GWUP-Vorstand Dr. Julia Offe beim European Skeptics Podcast, GWUP-Blog am 23. April 2016

SkepKon-Review Teil 2: „Feuerwerk kritischer Vernunft“

Bei diesseits.de ist der zweite Teil des SkepKon-Rückblicks erschienen:

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Das letzte Wort der Konferenz hatte schließlich der Vorsitzende der GWUP, Amardeo Sarma, der alle Besucherinnen und Besucher herzlich zum 30. Jubiläum der SkepKon einlud. Dieses wird vom 29. April bis zum 1. Mai 2017 in Berlin stattfinden – und hoffentlich wieder zahlreiche Interessierte aus ganz Deutschland anlocken können.

Denn die Kreativität von Scharlatanen und Pseudowissenschaftlern ist bekanntlich riesig und nur wenige Thesen sind zu abwegig, um nicht wenigstens einige dankbare Abnehmer – oder gar zahlende Käufer – zu finden. Der SkepKon als einem Feuerwerk der kritischen Vernunft und unterhaltsamen Aufklärung wird der Brennstoff daher wohl in der nächsten Zeit nicht ausgehen.”

Zum Weiterlesen:

  • SkepKon 2016: Prophezeiungen, Pädagogik-Mythen und Genderwissenschaften auf dem Prüfstand, diesseits am 17. Juni 2016
  • SkepKon-Review: Spielverderber in Aktion, GWUP-Blog am 11. Juni 2016

Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst

Durchaus vorhersehbar zog unser Nostradamus-Debunking noch einen Mailwechsel nach sich, der uns davon überzeugen sollte, dass bei diversen Deutungen der mysteriösen Vierzeiler viele Ereignisse “aus der Vergangenheit zutreffend hervorgekommen” sind.

Mit der Betonung auf “Vergangenheit” – die Kunst der “Nachhersage” haben wir gerade erst hier beschrieben.

Bei Nostradamus funktioniert das so: Man nehme einen verrätselten Vers, löse ihn aus seinem historischen Kontext und übe sich damit im freien Assoziieren.

Zum Beispiel:

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Übersetzt heißt das in etwa:

Einer wird vom Mont Gaulsier und Aventin hervorgehen, der durch das Loch die Armee warnen wird. Zwischen zwei Felsen wird die Beute ergriffen, vom SEXT. mansol verblasst der Ruf.”

Der Nostradamus-Interpret Bernhard Bouvier bricht die “schweren Siegel” von Vers V/57 auf gewohnt eigentümliche Art und Weise:

Montgaulsier = Montgolfière = Ballon der Brüder Montgolfier.

Aventin = à vent = mit dem Wind.

Le trou = das Loch = die Öffnung unter dem Ballon.

Zwei Felsen = zweimal Petrus (der Fels) = zwei Päpste.

SEXT. = (lat.) sextus = der VI. Papst.

Mansol = man sol(us) = Mann Solus = Priester im Zölibat”

Was soll das bedeuten? Ganz einfach:

1794 wurde die Montgolfière erstmals zu Beobachtungszwecken gegen die Österreicher in der Schlacht von Fleurus eingesetzt (Zeile 1 und 2). Zwischen Pius VI. (1775 – 1799) und Pius VII. (1800 – 1823) nahm sich Napoleon I. im Frieden von Tolentino als Kriegsbeute einen Teil des Kirchenstaates. Unter Pius VI. sank das Ansehen des Papsttums.“

Netter Einfall – wenn man Biografie, Lebensumfeld und Zeitverhaftung von Nostradamus vollständig außer Acht lässt.

Michel de Nostredame wurde 1503 in Saint-Rémy-de-Provence geboren.

Was er dort von Kindheit an kannte, sind zwei Berge in der näheren Umgebung, nämlich der Mont Gaussier

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… und unweit davon der Rocher des Deux Trous, ein Felsmassiv, in dem zwei etwa mannshohe Löcher klaffen:

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 Offenkundig ist das die reale Entsprechnung der Begriffe “Mont Gaulsier”, “das Loch” und “zwei Felsen” in Vers V/57.

Im Süden von Saint-Rémy finden sich überdies die Reste der römischen Stadt Glanum mit einem bekannten Ensemble zweier antiker Architekturen, genannt “Les Antiques”: der Triumphbogen Arc du Sex und das Juliermonument beziehungsweise ein Mausoleum mit einer Inschrift:

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Im Vorwort zu seinem Buch „Excellent et moult utile Opuscule“ von 1555 mit allerlei kosmetischen und medizinischen Ratschlägen nennt Nostradamus sich selbst „Sextropheae Natus Gallia“, also „Bewohner der Gegend Galliens mit dem Zeichen des Sextus”.

Beziehen wir in unsere Überlegungen mit ein, dass die damaligen Schrifttypen häufig zu typografischen Fehlern in den „Centurien“ führten, wovon die Verwechselung von „n“ und „u“ einer der häufigsten war (deshalb “mansol” statt “mausol” für mausolée), erschließt sich die Bedeutung von Vers V/57 ohne interpretatorische Verrenkungen.

Nostradamus beschreibt hier weder den “Ballon der Brüder Montgolfier” noch Papst Pius VI., sondern lediglich einige Besonderheiten seiner Heimat, im letzten Satz speziell das römische Mausoleum mit seiner verwitterten (“verblassenden”) Inschrift, die mit “SEXT” beginnt.

Dazu gibt’s etwas Zeitgeschichte aus Nostradamus erlebter Gegenwart im 16. Jahrhundert:

Die Warnung durch das Loch im Felsen ist zweifellos eine Reminiszenz an ein Ereignis aus dem Jahr 1536: Durch Signale aus einem Loch im Rocher des deux Trous neben dem Mont Gaussier wurde ein Handstreich gegen eine Abteilung der Truppen Karls V. während seiner versuchten Invasion in der Provence ausgeführt.”

Natürlich kann man die Nostradamus-Verse wie einen literarischen Rorschach-Test betrachten und retrospektiv alles herauslesen, was man darin finden möchte.

Das hat nur nichts mit der Intention des Autors zu tun.

Zum Weiterlesen:

  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016
  • James Randi: The Mask of Nostradamus: The Prophecies of the World’s Most Famous Seer. Prometheus Books, Amherst 1993
  • Elmar R. Gruber: Nostradamus. Scherz, Bern 2003
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010

Dangerous propaganda: The Cinema Snob verreißt „Vaxxed“ von Andrew Wakefield

Brad Jones von der populären US-Webseite The Cinema Snob hat sich das Anti-Impf-Machwerk “Vaxxed: From Cover-Up to Catastrophe” angetan, um das es beim Tribeca-Festival diversen Trouble gab:


Direktlink zum Video auf Youtube

Sein Fazit (ab 22:40):

The worst film I’ve seen this year [...] This is really harmful, dangerous propaganda, that will hurt your children”

Die Washington Post titelte:

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Zum Weiterlesen:

  • Raging Bull(shit): Robert De Niro outet sich als Impfgegner, GWUP-Blog am 24. April 2016
  • Nach Protesten: Robert de Niro wirft Anti-Impf-Machwerk aus Tribeca-Festival-Programm, GWUP-Blog am 27. März 2016
  • “Vaxxed: From Cover-Up to Catastrophe”: Closer to horror film than documentary, Washington Post am 19. Mai 2016
  • ‘Vaxxed: From Cover-Up to Catastrophe’ is Designed to Trick You (Review), Indie Wire am 12. Mai 2016
  • The Woo Boat, part 2: Andrew Wakefield versus the skeptics, Respectful Insolence am 26. Februar 2016
  • In which antivaccine activist J. B. Handley thinks attacking Andrew Wakefield’s movie “backfired”, Respectful Insolence am 8. April 2016
  • The fall of Andrew Wakefield, Science-Based Medicine am 22. Februar 2010
  • Film Review: ‘Vaxxed: From Cover-Up to Catastrophe’, Variety am 3. April 2016
  • Impfgegner: Mit solchen Leuten will man nicht mehr diskutieren, GWUP-Blog am 8. Juni 2016
  • Vaxxed, reviewed: What happened inside the movie, Violent Metaphors am 13. Juni 2016
  • Vaxxed misinformation: Legal remedies for those harmed? Skeptical Raptor’s Blog am 14. Juni 2016

Skeptiker-Interview mit Anousch Mueller – und Heilpraktiker- Geschädigte gesucht

Im aktuellen Skeptiker (2/2016) gibt es ein Interview mit Anousch Mueller zu ihrem Buch “Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen”.

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Als Blog-Bonus eine kurze Passage daraus, die im Skeptiker aus Platzgründen entfallen musste:

Skeptiker: Jeder kann bei der Berufswahl mal falsch abbiegen und schlechte Erfahrungen machen. Dann verabschiedet man sich davon, und gut ist. Warum machen Sie Ihren Fall öffentlich und schreiben ein Buch darüber?

 Mueller: Ich habe in den Jahren nach der Ausbildung, als ich mich schon weit von der Paramedizin distanziert hatte, gemerkt, dass mein Puls hochschnellt, wenn es um Heilpraktiker und ähnliche Themen ging.

Statt mich nur in den Kommentaren zu verlieren, dachte ich, mit einem Buch lässt sich die gewaltige Problematik mal auf den Punkt bringen.

Patienten, die ihre letzten Hoffnungen auf die sogenannte Alternativmedizin setzen, sind ja nicht blöd, sondern meistens einfach unwissend. Wer weiß schon, dass Heilpraktiker kein anerkannter Ausbildungsberuf ist und dass die meisten ihrer Therapien auf rein spekulativen Annahmen beruhen?

Mein Antrieb war und ist, für das Thema zu sensibilisieren und natürlich eine Debatte anzustoßen.”

Sie haben die Reaktionen der Homöopathen auf die „Aussteigerin“ Dr. Natalie Grams verfolgt. Sie können sicher sein, dass Ihnen das genauso ergehen wird. Wie gehen Sie damit um?

 Ja, es gibt schon einige grenzwertige Mails und Kommentare. Mich verblüfft jedes Mal aufs Neue, wie aggressiv, beleidigt und beleidigend einige Vertreter der Heilpraktiker-Zunft auf Kritik reagieren. Dabei liefere ich doch in erster Linie Fakten.

Kein Heilpraktiker kann abstreiten, dass es keine geregelte Ausbildung gibt und dass ihre Methoden aus dem Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert entstammen.

Diese Leute können offenbar auch nicht richtig lesen. Denn ich behaupte zum Beispiel nicht, dass heilpraktische Therapien keinerlei Effekte haben, sondern versuche zu erklären, worauf diese gründen, jenseits esoterischer Vorstellungen. Auf sachliche Kommentare reagiere ich gerne, aggressive lasse ich so stehen – sie sprechen ja für sich.”

In welcher Weise wollen Sie Ihre Aufklärungsarbeit fortsetzen?

Ich werde erst mal am Thema dran bleiben, vor allem publizistisch. Mal sehen, wie ich mich in der GWUP einbringen kann. Natalie Grams hat den Weg bereitet. Und ihre Unterstützung und die vieler weiterer Skeptiker ist großartig.

Das Spezielle bei Natalie Grams und mir ist sicher die Aussteigerstory. Und: Wir sind Frauen. Das ist nicht ganz unerheblich, schließlich sind Frauen und Mütter ja die Haupt-Zielgruppe paramedizinischer Versprechungen. Meine Hoffnung ist, dass uns Frauen eher zuhören.

Bei mir kommt noch dazu, dass ich weder Medizinerin noch Naturwissenschaftlerin bin, man mir also keine wissenschaftliche Überheblichkeit vorwerfen kann. Vielmehr will ich zeigen: Man kann auch ohne Medizin- oder Physikstudium Interesse an wissenschaftlichen Sachverhalten entwickeln und verstehen, warum etwa Homöopathie einfach nicht kausal wirken kann.”

Einen Auszug aus dem Buch gibt es bei der Huffington Post.

Das Interesse der Medien an dem Thema ist weiterhin groß. Dafür werden auch authentische Fälle von Patienten benötigt, die bereit sind, vor der Kamera über ihre negativen Erfahrungen mit Heilpraktikern zu sprechen. Geschädigte suchen in aller Regel keine Öffentlichkeit, aus ganz verschiedenen Gründen.

Dennoch ist es wichtig, der intransparenten Heilpraktiker-Branche den Schweigeschutz zu entziehen.

Kontaktieren Sie uns gerne mit einer gültigen E-Mail-Adresse über das Kommentarfeld (wird nicht veröffentlicht).

Zum Weiterlesen:

  • “Fragwürdig, irrwitzig, unglaubwürdig”: Interview mit Anousch Mueller, Skeptiker 2/2016
  • Tödliche Erfahrungen, Der Nesselsetzer am 20. April 2013
  • Nebenwirkungen – Wie ich die Homöopathie nur knapp überlebte, Der Spiegel Nr. 22/2013
  • Rezension: “Die Unheilpraktiker”, Chiemgau Gemseneier am 11. Juni 2016
  • Die Heilpraktiker-Formel: „Magie statt Technokratie“, GWUP-Blog am 9. Juni 2016
  • Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen, Huffington Post am 9. Juni 2016
  • Von der Gutgläubigkeit hin zu Faktendenken: Anousch Müller über ihr Buch „Unheilpraktiker“, GWUP-Blog am 15. Mai 2016
  • Anousch Müller: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Riemann, München 2016

So finden Homöopathen ein neues Mittel: Game of Thrones und vergewaltigte Engel

Haben Sie sich auch schon mal gefragt, woher die Homöopathen wissen, für was ihre seltsamen Plutonium-, Tyrannosaurus rex- oder Kornkreisbrummen-Globuli eigentlich gut sein sollen?

Dr. Norbert Aust vom INH hat darüber mal geschrieben.

Eine wirklich beeindruckende First-Hand-Erklärung findet sich auf der Seite Körper Geist Seele.

Dort setzt ein Heilpraktiker und Homöopath in einem Interview detailliert auseinander, wie er die Anwendungsgebiete für ein homöopathisches Heilmittel aus Positronium (ein sogenanntes exotisches Atom) erschlossen hat.

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Ein Auszug:

Wie sind Sie zu Positronium gekommen und warum haben Sie das Mittel geprüft?

Ich habe seit 20 Jahren einen Positronium-Traum und seitdem ich „games of thrones“ schaue, weiß ich, dass der aus meinem Gehirn abgeschrieben hat: Der Winter naht und der Winter naht wirklich und es gibt nur eins, was sie aufhält, die weißen Wanderer: das Feuer unserer Drachen, das Glas unserer Drachen.

Ich träume ein bis zwei Mal jährlich, dass ich nach Armageddon ziehe. Das ist ein realer Ort in Syrien, an dem sich die Kräfte der Finsternis mit michaelischen Heeren gegenüberstehen werden. Positronium ist das einzige Mittel in der Rubrik „träumt von Armageddon”.

Was gibt es noch für Leitsymptome?

Ein weiteres Leitsymptom ist, von Lämmern zu träumen. Das Schaf ist das Symbol für die neue Zeit, Symbol für Christus und Symbol für den neuen Menschen als Schöpfermenschen. Positronium hilft, sich aus alten Fesseln des Opfertums emporzuschwingen zu etwas wirklich Neuem.

Außerdem ist ein Leitsymptom Träume von Sadismus, von Operationen und auch Wahnideen, irgendwelche Sender im Kopf zu haben. Positronium ist weiterhin ein wichtiges Mittel für Missbrauch, für Träume von Vergewaltigungen und sogar von Träumen, dass Engel vergewaltigt werden.

Es ist immer eine Welt der Aussichtslosigkeit: Der Winter naht. Wenn die Mauer durchbrochen ist und die weißen Wanderer kommen, ist Schicht im Schacht – außer wir haben genug Drachenglas, wir haben genug Drachen und Waffen, die aus Drachenglas sind und mit Positronium bestreut werden. Dann lösen sich die weißen Wanderer in Scharen auf.”

Dieses Gespräch sollte Pflichtlektüre für Homöopathie-Fans sein.

(Dank an Wissenschaft & Skeptizismus)

Zum Weiterlesen:

Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da

Nicht nur Nostradamus geistert derzeit wieder als prophetisches Schreckgespenst durch zahllose Internet-Foren – auch “Volksseher” wie der Mühlhiasl oder Alois Irlmaier werden zu den Vorverhandlungen für das Jüngste Gericht in den Zeugenstand berufen.

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Die Zeichen seien schließlich eindeutig, heißt es.

“Volksseher” machen zwar keine präzisen Zeitangaben („Eure Kinder werden es nicht erleben, aber eure Kindskinder bestimmt“), nennen aber eine Reihe von Entwicklungen und Ereignissen, die auf den Anfang vom Ende hindeuten.

Beim Mühlhiasl (geboren angeblich um 1750 bei Straubing) klingt das so:

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Auffallend ähnlich äußerte sich Alois Irlmaier aus Freilassing (1894-1959):

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Klar, das alles verweist natürlich eindeutig auf unsere heutige Zeit:

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Wirklich? Mitnichten.

Womit wir es im Kern tatsächlich zu tun haben, sind uralte Wandersagen, die von weltscheuen Sonderlingen als Warnung vor Teuerung, Klimaveränderungen, sittlichem Verfall, dem Niedergang des Althergebrachten und dem beängstigenden technischen Fortschritt kolportiert wurden.

Wie sehr sich in den Formulierungen des Mühlhiasl und bei Alois Irlmaier die Zeitläufe sowie die Ängste und Nöte von der Tradition orientierten Zeitgenossen widerspiegeln, lässt sich anhand der sogenannten Physikatsberichte aus jener Zeit belegen. Dabei handelt es sich um Protokolle der bayerischen Landgerichtsärzte, die sich mit den Lebensgewohnheiten der einfachen Leute (“Arbeit, Brauch, Wohnung, Nahrung, Kleidung, Festlichkeiten usw.”) beschäftigen.

Einige Beispiele:
Der Mühlhiasl:
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Die Physikatsberichte:

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Alois Irlmaier:irl_2

Die Physikatsberichte:

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Oder:

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Oder:

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Alois Irlmaier:

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Die Physikatsberichte:

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Der Mühlhiasl:

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Die Physikatsberichte:

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Der Mühlhiasl:

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Die Physikatsberichte:

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Selbst Mühlhiasl-Fans räumen ein, dass …

… die Ähnlichkeit mit den mündlich überlieferten Prophezeiungen sehr groß ist.”

In einer kritischen Rezension der Sprüche-Sammlung des Mühlhiasl heißt es:

Grundstimmung der Prophezeiungen ist: von der Donauebene, vom Gauboden, von Straubing breiten sich die Erneuerungen der modernen Zeit in den Wald aus, verwirren die alten guten Sitten und die christliche Religion, später droht dann verstärkte Gefahr aus dem Osten durch rotbejackte Antichristen und christliche Heuchler, bevor dann nach langen Kämpfen endlich die christliche Religion siegt und das tausendjährige Reich Christi anbricht [...]

Hier findet man die Methode “vaticinium ex eventu“ (Weissagung vom Ereignis her) sauber belegt: prophezeit werden die Umwälzungen und Schrecknisse der Französischen Revolution und der Napoleonischen Kriege, die Säkularisation, die Modernisierung Bayerns, vor der auch der Bayerische Wald nicht verschont wurde, vielleicht auch die Hungerjahre der Jahre 1816/17 (“Jahr ohne Sommer“), neue Sitten und Moden und überhaupt große Feindschaft gegen den katholischen Glauben.”

Fraglich ist zudem, ob es einen Klostermüller namens Matthäus Lang aus Apoig alias “Mühlhiasl” als reale Person überhaupt gegeben hat.

Der Volkskundler Reinhard Haller geht davon aus, dass der “Waldprophet” eine Erfindung der Volksphantasie ist. Ein Geistlicher namens Johann Evangelist Landstorfer habe erst 1923 die mündlich kursierenden „Weissagungen“ zusammengefasst und sie aktuell zugespitzt einer Kunstfigur auf den Leib geschrieben – eben dem sagenumwobenen „Mühlhiasl“.

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Aus diesem Grund sind auch die vielen kolportierten eingetroffenen Vorhersagen des Mühlhiasl wenig verblüffend – denn es handelt sich dabei ausschließlich um “Nachhersagen”.

Die zwei bekanntesten Beispiele:

An dem Tag, an dem zum ersten Mal der eiserne Wolf auf dem eisernen Weg durch den Vorwald bellt, an dem Tag wird der große Krieg angehen“,

soll der Mühlhiasl orakelt haben.

Und wahrhaftig: Im Jahre 1914, also zu Beginn des Ersten Weltkriegs, wurde in der Nähe von Mühlhiasls Heimatort die Bahnstrecke von Deggendorf nach Kalteneck eröffnet.

Allerdings: In Johann Evangelist Landstorfers Erst-Veröffentlichung der Mühlhiasl-Verse im Straubinger Tageblatt existiert diese Weissagung noch gar nicht. Sie ist erst später hinzu gewachsen. Erstmals tauchte diese Botschaft 1948 als Mühlhiasl-Ausspruch in den Niederbayerischen Nachrichten auf.

Ebenso steht die Sache mit dem Zweiten Weltkrieg:

Wenn’s in Straubing über die Donau die große Brücke bauen, so wird’s fertig, aber nimmer ganz, dann geht’s los“,

rezitieren ehrfurchtsvoll die Mühlhiasl-Anhänger.

1939, beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, war die neue Donau-Überquerung tatsächlich bis auf die Betondecke vollendet. Aber dieses Orakel findet sich erst um 1950 in dem einschlägigen “Mühlhiasl”-Schrifttum.

Auch die „Voraussagen“ von Alois Irlmaier transportieren lediglich prophetische Überlieferungen. Auslöser waren kollektive Befürchtungen nach den Erfahrungen zweier Weltkriege, wie etwa Flucht, Vertreibung und nicht zuletzt der Beginn des Atomzeitalters in den 1950er Jahren.

In diesem Zusammenhang ist auch Irlmaiers Angst

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zu sehen.

Insbesondere dieser Vers scheint Facebook-Gruppen wie 3.Weltkrieg-Krisenvorsorge2015.Alois-Irlmaier in ihren sonderbaren Ansichten zu bestärken.

Unnötig, denn:

Unheilskündungen von Volkssehern sind vergleichbar mit einem Phantasie-Aufsatz zum Thema „Der letzte Tag auf der Erde“, den ein Deutschlehrer seine Schüler zuhause schreiben lässt.

Ungläubig stellt der Lehrer beim Korrigieren fest, dass die 20 oder 30 verschiedenen Aufsätze einander sehr ähnlich sind – und schließt aus den fast wortgleichen Übereinstimmungen auf eine geheimnisvolle, unerklärliche Verbindung zwischen den beschriebenen Bildern, Motiven, Facetten und Topoi.

Was der Mann nicht weiß: Erst vor kurzem hat der Religionslehrer der Klasse die „Offenbarung des Johannes“ besprochen. Kein Wunder also, dass in den Aufsätzen seiner Schüler immer wieder die Zahlen 3, 7, 666 oder 144 000 auftauchen.

Zweitens hat der Deutschlehrer keine Ahnung, dass wenige Tage zuvor der Katastrophenfilm „Deep Impact“ im Fernsehen lief, der den Einschlag eines riesigen Asteroiden in Nordamerika dramatisch in Szene setzt.

Drittens ist dem Lehrer in seiner Naivität entgangen, dass Schüler die Hausaufgaben gerne zusammen machen, was man prosaisch auch “Abschreiben“ nennen könnte.”

Bestes Beispiel dafür ist Irlmaiers “Schauung” einer “dreitägigen Finsternis” im Zusammenhang mit dem Dritten Weltkrieg.
Dieser prophetische Dauerbrenner findet sich bereits im Alten Testament, als eine der Zehn Plagen Ägyptens.
Zum Weiterlesen:
  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Geschichte des Weltuntergangs: Schrecken ohne Ende, GWUP-Blog am 17. März 2016
  • “Der Erdball wird durchs All schlingern”, Der Spiegel 46/1986
  • Der Mühlhiasl – ein falscher Prophet? Süddeutsche am 17. Mai 2010
  • Der Mühlhiasl hat’s g’sagt, Zeit-Online am 2. März 2000
  • Die falschen Propheten, bild der wissenschaft am 20. März 2012
  • Mühlhiasl, Albrecht Dürer und die Atomkatastrophe, GWUP-Blog am 4. April 2011

SkepKon-Review: Spielverderber in Aktion

In der Online-Ausgabe von Diesseits ist der erste Teil eines SkepKon-Rückblicks erschienen:

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Skeptiker zu sein, bedeutet leider auch oft, schöne und interessante Geschichten zu zerstören.”

Zum Weiterlesen:

  • SkepKon 2016: Spielverderber in Aktion, diesseits am 10. Juni 2016
  • SkepKon-Video: Giftige Gene? Grüne Gentechnik vs. hartnäckige Gerüchte, GWUP-Blog am 19. Mai 2016
  • SkepKon-Video: Gentechnik- Gegnerschaft zum Schaden von Entwicklungsländern, GWUP-Blog am 23. Mai 2016
  • SkepKon-Video: Wie Esoteriker Organspenden verhindern, GWUP-Blog am 30.Mai 2016
  • SkepKon-Video: Dr. Natalie Grams über Homöopathie, GWUP-Blog am 16. Mai 2016
  • „Vermisstenhellseher“: Ein Nach-SkepKon-Facebook-Posting von Lydia Benecke, GWUP-Blog am 10. Mai 2016

Glyphosat: Substanzlose Kritik und „gekaufte“ Befürworter

von Amardeo Sarma

In der Diskussion um die Glyphosat-Zulassung gibt es seitens der Kritiker so viele irreführende Behauptungen, dass eine weitere Entgegnung erforderlich ist. Dies ist gerade jetzt umso wichtiger, da die Gegner der modernen Landwirtschaft einen Etappensieg errungen haben: Die EU-Staaten haben sich vorerst nicht auf eine Verlängerung der Zulassung des Herbizids geeinigt. Damit wird eine weitere Abstimmung in einem Vermittlungssausschuss nötig.

Pauschale Ablehnung der modernen Landwirtschaft greift um sich

Viele angeführte Kritikpunkte gehen über eine Kritik an Glyphosat und Gentechnik hinaus und stellen die moderne Landwirtschaft insgesamt in Frage. Das heißt nicht, dass es nicht auch problematische Entwicklungen gibt, wie Resistenzen oder übermäßige Anwendung von Düngemittel. Diese sind in der Forschung und Praxis bekannt. An ihnen wird gearbeitet.

Wer aber behauptet, wie in der Diskussion bei hpd, wir müssten „zurück zu umweltgerechten Anbaumethoden” oder gar „Die konventionelle Landwirtschaft wird auf Dauer nicht in der Lage sein, die Menschheit zu ernähren“, lebt in einer Scheinwelt.

Erst die grüne Revolution (Düngemittel, Pflanzenschutz, neue Fruchtsorten mit neuen Methoden) hat erreicht, dass heute trotz des Bevölkerungswachstums weniger Menschen in absoluter Armut leben als 1820 oder 1970, als das Maximum erreicht wurde:

Es ist den vielen Beteiligten aus dem Bereich der konventionellen Landwirtschaft und der Verwendung der Gentechnik zu verdanken, dass es uns so gut geht, unter anderem durch die Pionierarbeit von Norman Borlaug, der durch die grüne Revolution Entwicklungsländern die Unabhängigkeit von Importen aus Industrienationen gebracht hat:

Promotion, Friedensnobelpreis, zwei Ehrendoktorwürden, Medal of Freedom, Ehrenmedaille des Kongresses, Aufnahme in diverse Akademien der Wissenschaften (u.a. Royal Society) und eine eigene Bronzestatue. Diese Auszeichnungen wurden Norman Borlaug zu Lebzeiten, bzw. nach seinem Tod im Jahr 2009 zuteil. Trotzdem dürfte kaum jemand diesen Namen in langer Zeit, bzw. überhaupt jemals gehört haben.”

Natürlich sollte man alles tun, um Verteilungsprobleme zu verbessern und Missstände zu korrigieren. Das ist reine Mathematik: Was ankommt, hängt von der Produktion und der Verteilung ab. Aber die Bevölkerung vor allem in ärmeren Ländern in der Zwischenzeit hungern zu lassen, bis die Verteilungsprobleme gelöst sind, ist keine Alternative. Selbst bei 100 Prozent optimaler Verteilung – unrealistischer Idealwert – wäre eine Landwirtschaft „zurück zur Natur“ eine Katastrophe für die Ernährung der Menschheit.

Sie würde den Rückfall in die Zeit vor Norman Borlaug bedeuten, als Hungersnöte an der Tagesordnung waren.

Angriffe auf Fachleute und Behörden: Sind sie “industrienah”?

Unter anderem wird das Bundesinstitut für Risikoforschung (BfR) aufgrund seiner angeblichen „Industrienähe“ kritisiert. Hier möchte ich speziell auf einen Kommentar eingehen, der, wie ich glaube, eine Antwort erfordert. Dieser sehr wichtige und richtige Kommentar lautet:

Das muss von unabhängigen Instituten regelmäßig und genau überprüft werden. Das geht nur auf Staatskosten und die Gelder müssen zur Verfügung gestellt werden.”

Genau solch eine Institution wurde bereits 2002 unter der rotgrünen Regierung eingerichtet, eben das BfR. Über seine Aufgaben und Ziele heißt es in einer Verlautbarung des BfR:

Die Unparteilichkeit und Unabhängigkeit des BfR ist gesetzlich verankert. Das BfR wurde am 1. November 2002 unter Federführung der Grünen-Ministerin Renate Künast gegründet, um unabhängig, wissenschaftlich und überparteilich Risikoeinschätzungen vornehmen zu können und den gesundheitlichen Verbraucherschutz zu stärken.

Alle am BfR beschäftigten Beamtinnen und Beamten sowie die Beschäftigten des Bundes müssen die rechtlichen Bestimmungen des öffentlichen Dienstes einhalten. Dazu gehören zum Beispiel behördliche Regelungen zur Unbefangenheit, Effektivität, Sachkunde und Korruptionsprävention, wie sie von den deutschen Gesetzen und den Ausführungsbestimmungen des Bundesministeriums des Innern vorgeben sind (siehe z. B. das Bundesbeamtengesetz, § 10 Verwaltungsverfahrensgesetz und andere Vorschriften).

Hauptaufgabe des BfR ist es, Stellung zu möglichen gesundheitlichen Risiken von Lebensmitteln, Produkten oder Chemikalien zu beziehen und somit die Bundesministerien bei ihren politischen Entscheidungen unabhängig wissenschaftlich zu beraten. Aus Gründen der Unabhängigkeit werden keine finanziellen Mittel aus der Industrie eingeworben, das BfR beteiligt sich auch nicht finanziell an solchen Forschungsprojekten.”

Angesichts der eingangs erwähnten unsinnigen Angriffe ist es an Zeit, dass sich die Grünen (und ihrem damaligen Koalitionspartner in der Bunderegierung, die SPD) vor ihr Baby stellen. Sie haben das BfR aus meiner Sicht aus gutem Grund geschaffen. Warum stehen sie heute nicht dazu?

Bewertet das BfR „Leserbriefe“?

Sylvia Liebrich schreibt in der Süddeutschen Zeitung:

Recherchen der Süddeutschen Zeitung zeigen, dass für eine Neubewertung der Krebsrisiken unter anderem Leserbriefe an eine Fachzeitschrift als Studien gewertet werden. Ein großer Teil stammt von Wissenschaftlern, die direkt oder indirekt für einen der größten der Glyphosat-Hersteller arbeiten, den US-Agrarkonzern Monsanto.”

Diese Behauptung zu den „Leserbriefen“ ist irreführend. Wer sich auch nur flüchtig mit wissenschaftlichen Publikationen beschäftigt, weiß, dass „Letters“ oder „Letters to the editor“ in einer Fachzeitschrift nicht im Geringsten mit Leserbriefen in Tageszeitungen oder Wochenmagazinen vergleichbar sind.

Darüber hinaus hat Liebrich offenbar noch nicht einmal richtig gelesen, was sie zitiert. Sie schreibt:

Eineinhalb Seiten ist das Schreiben, das der Wissenschaftler Peter Langridge an die Fachzeitschrift Food and Chemical Toxicology geschickt hat. Eineinhalb Seiten, auf denen er Partei ergreift für ein höchst umstrittenes Pflanzenschutzmittel, für Glyphosat, das im Verdacht steht, Krebs zu erzeugen. Eineinhalb Seiten, die das Magazin in der Rubrik „Letters to the Editor“, Briefe an den Chefredakteur, veröffentlicht.”

Hier eine Erwiderung aus dem Blog des Molekularbiologen Ludger Weß:

Der „Letter to the Editor“ von Peter Langridge ergreift mit keiner Silbe „Partei für ein hochumstrittenes Pflanzenschutzmittel“. Stattdessen kritisiert Langridge ausführlich die Methodik der umstrittenen Séralini-Studie, die schließlich wegen fachlicher Mängel zurückgezogen wurde (und auch inzwischen von der IARC in ihrer Glyphosat-Monographie als nicht auswertbar bezeichnet wurde, wegen eben der u.a. von Langridge kritisierten methodischen Mängel).”

Irreführend ist auch die Behauptung, dass „die Krebsforscher der WHO [gemeint ist der IARC] seit der Veröffentlichung ihrer Einschätzung schwer unter Beschuss von Herstellern und Lobby-Verbänden“ stünden. Nein, es sind keine „Lobbyverbände“ – da soll wohl wieder einmal ein Vorurteil geschürt werden –, sondern Wissenschaftler, die einiges bemängelt haben. Zwei Stimmen von vielen:

Dr Oliver Jones von der RMIT University in Melbourne: “This sounds scary and IARC evaluations are usually very good, but to me the evidence cited here appears a bit thin […] From a personal perspective, I am a vegetarian so I eat a lot of vegetables and I’m not worried by this report.”

Prof. Alan Boobis von der Imperial College London sagt das, was viele Wissenschaftsblogger auch in Deutschland geschrieben haben: “The IARC process is not designed to take into account how a pesticide is used in the real world […] In my view this report is not a cause for undue alarm.”

Kurz: Der Beitrag von Sylvia Liebrich hat wenig mit der Realität zu tun – ebensowenig wie ein Kommentar bei hpd, der auch mir unterstellt, dass “erfolgreiche Lobbyarbeit bei der GWUP wirksam war“.

Man geht anscheinend grundsätzlich davon aus, Wissenschaftler und die GWUP seien „gekauft“, wie auch das BfR und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA).

Wo Argumente fehlen, müssen pseudowissenschaftliche Anti-GMO-Aktivisten sich in Ad-Hominem-Attacken flüchten.

Man sollte Industrie-Studien und Studien von Interessengruppen, wie Greenpeace oder Foodwatch, mit der notwendigen, der Wissenschaft immanenten Skepsis begegnen. Deshalb werden zur Bewertung Universitätsstudien einbezogen und staatliche  Institutionen geschaffen.

Zu Glyphosat ist der wissenschaftlicher Konsens klar

Zu dieser Feststellung hätte bereits die Wikipedia-Recherche über die Gefahreneinschätzung ausgereicht.

Die überwältigende Mehrheit der wissenschaftlichen Einzelstudien, Übersichtsarbeiten und Behörden bestätigt, dass die zugelassenen Anwendungen von Glyphosat keine Gesundheitsrisiken bergen. Es sind lediglich Interessengruppen, wie der Naturschutzbund Deutschland, Greenpeace oder Friends of the Earth, die den Außenseiterstandpunkt vertreten, dass wir mit Glyphosat erhebliche Gesundheits- und Umweltrisiken eingehen.

Hier zeigt sich auch, dass manche Verbände eben nicht vertrauenswürdig sind – sie vertreten ihre Interessen unabhängig von Tatsachen und den tatsächlichen Auswirkungen auf die Gesundheit oder auf die Umwelt.

Die folgende Anmerkung – ebenfalls ein Kommentar zu meinem Artikel bei hpd – verdient ebenfalls eine Antwort:

Welche hinterhältigen, „wölfischen“ Ziele verfolgen denn Organisationen wie NABU und Greenpeace in Wahrheit, wenn sie scheinheilig vorgeben, der Umwelt- und Naturschutz liege ihnen am Herzen? Welche Gewinne generieren sie damit?”

Nicht nur materieller Gewinn und Profit können zu Stellungnahmen und Handlungen motivieren, die sich letztendlich gegen Gesundheit und Umweltschutz richten. Die Aussicht auf großen politischen Einfluss und die Durchsetzung der eigenen Weltanschauung kann ein ebenso starker Antrieb sein.

Gewiss glauben einige Anti-GMO-Aktivisten aufrichtig, der Umwelt oder der Gesundheit zu dienen. Das gilt sicher für viele Unterstützer, die in gutem Glauben und ohne jede böse Absicht einem Zeitgeist folgen und in diesen Verbänden unkritisch nur „das Gute“ sehen.

Dabei verfolgen “Bio”-Unternehmen, die Hand in Hand mit manchen Interessenverbänden arbeiten, selbstverständlich ebenso wirtschaftliche Interessen wie Unternehmen der konventionellen Landwirtschaft. Auf diesem Auge scheinen viele blind zu sein. Es wird mit zweierlei Maß gemessen.

Dass man jetzt jegliches Maß verloren hart und ohne Rücksicht auf Verluste knallharte Interessenpolitik betreibt, zeigt der neueste Beitrag von Greenpeace: Es wird die „Systemfrage“ gestellt. Der Bremer Journalist Jan-Phillip Hein bemerkt dazu in einem Facebook-Kommentar:

Dankenswerterweise sagt Greenpeace hier deutlich, was es will: den Totalumbau der Landwirtschaft. Dafür ist jedes Mittel recht: Demagogie bis an den Rand der Verhetzung und gezieltes Schüren von Ängsten. Traurig, wie viele Medien da mitspielen. Ich fürchte, dass wir den Tiefpunkt dieser Kampagne immer noch nicht erlebt haben.”

Glyphosat im Vergleich

Aber zurück zu Glyphosat: Wikipedia trifft die Problematik im Vergleich mit anderen Herbiziden ziemlich gut. Auch der „pro-science skeptical activist“ the „Credible Hulk“ hat hierzu aufgezeichnet, wie sehr viel problematischere Herbizide mit der Zeit aus dem Verkehr gezogen worden sind:

Many people never even hear about the herbicides that were phased out in favor of glyphosate simply because they aren’t pertinent to the anti-agricultural biotech narrative, and because their popularity had waned by the time it had become trendy to demonize GMOs and everything remotely associated with them.”

Viele andere, wesentlich problematischere Herbizide wurden aus dem Verkehr gezogen, und deshalb stieg der Verbrauch von Glyphosat an. Der Beitrag skizzert treffend die Folgen eines Glyphosat-Verbots:

Opponents of glyphosate often seem to hold this unfounded notion that, if they can manage to get glyphosate banned or simply willingly abandoned, then it would mean an improvement in both food and environmental safety, but the truth is it would likely be the exact opposite of that. Weeds are a legitimate problem in farming that has to be dealt with one way or another. In its absence, it would have to be replaced with something else, and it would likely be something more caustic: not less.”

Das Problem der Unkräuter wird dadurch nicht gelöst. Da der Verzicht auf Herbizide in Deutschland und vielen anderen Ländern aufgrund der dann drohenden Ernteeinbußen unrealistisch ist, müsste man auf andere Herbizide ausweichen. Und diese wären sehr wahrscheinlich problematischer.

Zurück zur Vernunft

Unsere Probleme werden nicht gelöst, wenn wir auf Interessengruppen – egal ob Industrie oder vermeintliche Umweltschützer – hören statt der Einschätzung von Fachverbänden zu folgen, die speziell zu diesem Zweck als unabhängige, staatliche Institutionen geschaffen wurden. Politiker aller Parteien sollten dies zu herzen nehmen, besonders die Parteien, die diese Institutionen geschaffen haben.

Zum Weiterlesen:

  • Glyphosat: Der Stellvertreterkrieg , GWUP-Blog, 21. Mai 2016
  • GWUP-Pressemitteilung: Vernunft statt Angstmache, 17. Mai 2016
  • Wissenschaft und Glyphosat: Das Gesetz des Stärkeren, NZZ am 6. Juni 2016
  • Die böse Chemie, futurezone am 17. Mai 2016
  • Ärger über Glyphosat-Berichterstattung, Deutschlandfunk am 9. Juni 2016
  • Glyphosat: Europa blamiert sich im Streit um das Pestizid, Welt-Online am 6. Juni 2016




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