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The Lost Book of Nostradamus: Die letzten Bilder bis zum Ende der Welt?

Die Terroranschläge vom 11. September 2001:

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Das Attentat auf Papst Johannes Paul II. im Mai 1981:

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Der drohende Untergang des Papsttums:

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Nostradamus hat es vorausgesehen – nicht nur in den 942 Vierzeilern der berühmten “Centurien”, sondern auch in einer Reihe von Zeichnungen, die 1994 in der römischen Nationalbibliothek entdeckt wurden.

Als “Lost Book of Nostradamus” geistern diese Illustrationen regelmäßig durchs Nachtprogramm von kommerziellen Doku-Sendern


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und werden von Hobby-Apokalyptikern zur Angstmache benutzt:

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Auch die Esoterikpresse feierte den Sensationsfund:

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Forscher haben in einer Bibliothek in Rom einen verblüffenden Fund gemacht: Sie entdeckten ein uraltes Buch. Darin: Achtzig Zeichnungen mit verschlüsselten Botschaften.

Die Prophezeiungen scheinen Hinweise auf die Terrorangriffe vom 11. September 2001 zu enthalten. Auch dem Vatikan und dem Papst selbst droht laut dem Manuskript in naher Zukunft viel Ungemach.

Handelt es sich um geheime Botschaften von Nostradamus?”

Einfache Antwort: nein.

Es handelt sich weder um “geheime Botschaften” noch haben die Zeichnungen etwas mit Nostradamus zu tun.

Der vollständige Titel des Buches lautet

The Vaticinia Michaelis Nostradami de Futuri Christi Vicarii ad Cesarem Filium D. I. A. Interprete”,

also etwa “Prophezeiungen des Michel Nostradamus für seinen Sohn Cesar über die Zukunft des Stellvertreters Christi“.

Das ist indes bloß eine Art Schlagzeile, die ein cleverer Drucker anno 1629 dem Werk verpasste, um mit der populären Wortmarke “Nostradamus” für einen höheren Absatz zu sorgen. Auch Nostradamus’ ältester Sohn César (der 1629 in seinem letzten Lebensjahr war) scheidet als Autor/Zeichner aus.

In Wahrheit ist die bebilderte Schrift mit dem Kürzel “Vaticinia Nostradami” nur die x-te Version eines lateinischen Originals namens “Vaticinia de Summis Pontificibus” aus dem 13./14. Jahrhundert – also lange bevor Nostradamus (1503-1566) lebte.


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Ähnlich wie die “Papst-Weissagungen des Malachias” handelt es sich bei der “Vaticinia de Summis Pontificibus” sehr wahrscheinlich um eine kirchenpolitische Tendenzschrift, die das Ziel hatte, eine Papstwahl zu beeinflussen beziehungsweise um einen bestimmten Kandidaten als von Gott vorherbestimmt erscheinen zu lassen:

Each prophecy consists of four elements, an enigmatic allegorical text, an emblematic picture, a motto, and an attribution to a pope. Their poems and tempera illuminations mix fantasy, the occult, and chronicle in a chronology of the popes.”

Die Stiftsbibliothek Kremsmünster weist ergänzend darauf hin, dass …

… eine erste Serie von 15 Papstweissagungen Ende des 13. Jahrhunderts in Italien in franziskanischen Kreisen [entstand], die dem Papsttum gegenüber kritisch eingestellt waren, durch Umformung aus byzantischen Kaiserprophetien, den sog. “Leo-Orakeln”; eine zweite Serie ist in freier Nachahmung der ersten vermutlich gegen Ende des Pontifikates Papst Gregors XI. (+1378), den die radikalen Franziskaner erbittert bekämpften, in ähnlichem Milieu entstanden.”

Beide Serien verschmolzen im Laufe der Zeit miteinander.

Während der Reformation kursierten daraus nachempfundene Zeichnungen als antiklerikale Satiren und Spottschriften, zum Beispiel in dem Buch

Ein wunderliche weissagung von dem Bapstnmb wie es yhm bis an das ende der welt gehen sol ynn figuren odder gemelde begriffe”

von 1527 des Nürnberger Reformators Andreas Ossiander, das sich in Augsburg in der Oettingen-Wallersteinschen Bibliothek befindet.

Zum Vergleich eine angebliche Nostradamus-Zeichnung aus der “Vaticinia Nostradami”

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und eine viel ältere Vorlage nach der “Vaticinia de Summis Pontificibus”

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und dasselbe Motiv in Ossianders “wunderlicher weissagung”

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Diese angebliche Nostradamus-Zeichung wird von Nostradamikern als tödliche Bedrohung des Papstes durch einen Attentäter mit einer Klinge gedeutet (etwa in der besagten TV-Doku):

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Bei Ossiander und anderen sehen wir, was es tatsächlich ist:

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nämlich ein Horn oder Schallrohr, ein Symbol für das Wort Gottes.

Das bedeutet: Der Kampf der Reformatoren gegen den Papst steht auf drei Säulen: auf der weltlichen Macht der Städte und Fürsten, dem rechten Glauben der Kleriker und auf Gottes Geheiß.

Es geht also durchaus um “Ungemach” für Papst und Kirche – allerdings ganz anders, als die Nostradamiker glauben.

Eine illustrative Gegenüberstellung der angeblichen Nostradamus-Zeichnungen aus dem “Lost Book” beziehungsweise “Vaticinia Nostradami” und verschiedenen Abwandlungen von Bildern aus der “Vaticinia de Summis Pontificibus” findet sich hier.

Und der brennende Turm?

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Auch kein seherisches Bild von 9/11, sondern ein altes Tarotkarten-Symbol, das für “eine gewaltsame Veränderung” steht:

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Die vermeintlichen “Nostradamus-Zeichnungen” mögen ebenso beliebig ausdeutbar sein wie die echten Verse des Renaissance-Gelehrten.

Mit Prophezeiungen für das 21. Jahrhundert haben sie genauso wenig zu tun.

Zum Weiterlesen:

  • Nostradamus: Das „Wesen, halb Schwein, halb Mensch“ – ein Soldat mit Gasmaske im Krieg? GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Entschlüsselt: Die prophetische Visitenkarte des Nostradamus – der Turniertod von Heinrich II., GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • Nostradamus entschlüsselt: Ein Berg ist kein Heißluftballon und ein Mausoleum kein Papst, GWUP-Blog am 15. Juni 2016
  • Nostradamus debunked: keine „extrem präzise Prophezeiung zu Mega-EM-Terror“, GWUP-Blog am 10. Juni 2016
  • Die Papstweissagungen des Malachias – schon wieder, GWUP-Blog am 6. März 2013
  • Mühlhiasl, Irlmaier und Co: Die Angstmacher sind wieder da, GWUP-Blog am 11. Juni 2016

Die „Science Busters“ zum Spendenaufruf für Grander-Kritiker Erich Eder

Auch die Science Busters unterstützen den Spendenaufruf für Grander-Kritiker Erich Eder:

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Dazu gibt’s ein Video “über das Jesuspatent des belebten Granderwassers”:


Direktlink zum Video auf Youtube

Zum Weiterlesen:

  • „Nicht mundtot“-Spendenseite für Grander-Kritiker: Es geht um 25000 Euro Prozesskosten, GWUP-Blog am 20. Mai 2016
  • Granderwasser: Wenn Schulen sich für Eso-Marketing einspannen lassen, GWUP-Blog am 17. Juni 2016
  • Erich Eder vs. Evil Empire: ein Spendenaufruf, Kritisch gedacht am 13. Juni 2016
  • Granderwasser, ein Biologe und die Breuer-Falle: Lehren aus der Causa Dr. Eder, Psiram am 26. Mai 2016

So ein Schmarrn – und warum man sich damit beschäftigt

Bei derStandard ist die letzte Folge von Florian Freistetters Kolumne “So ein Schmarrn!” erschienen.

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Darin zieht er das Fazit:

Die öffentliche Beschäftigung mit dem “Schmarrn” wird seine Anhänger nicht davon abbringen. Aber vielleicht kann damit verhindert werden, dass manch andere auf den esoterischen Unsinn überhaupt erst hereinfallen. Wie viele Menschen denken beispielsweise, Homöopathie wäre “sanfte Pflanzenmedizin”, ohne sich des dieser Lehre zugrunde liegenden abergläubischen Glaubenssystems bewusst zu sein? [...]

Irrationales Denken hat früher oder später immer negative Folgen, unabhängig davon, worauf es sich richtet.

Egal, ob man das gut oder schlecht findet: Wir leben heute in einer Zeit, die komplett von den Erkenntnissen der Wissenschaft und Technik durchdrungen ist, und das ist vermutlich das Problem an der ganzen Sache. Wir haben uns an die Annehmlichkeiten des Fortschritts so sehr gewöhnt, dass uns die Wissenschaft dahinter gar nicht mehr auffällt.

Diese Unkenntnis macht es uns zum Beispiel möglich, einen Computer zu benutzen und im Internet wirre Geschichten über “freie Quantenenergie” oder “Quantenheilung” zu lesen, die im kompletten Widerspruch zur realen Quantenmechanik stehen, ohne deren Erkenntnisse Computer überhaupt nicht existieren würden.”

Nach der Sommerpause kehrt der Astronom und “Science Buster” mit einer neuen Rubrik zurück:

Dann werde ich wissenschaftliche Arbeiten beschreiben, die sich später einmal als Irrtümer herausgestellt haben.”

Zum Weiterlesen:

  • Frustrierend, aber nötig: Die Beschäftigung mit dem Irrationalen, derStandard am 6. Juli 2016
  • So ein Schmarrn: Alternativmedizin erweitert die Engstirnigkeit der Schulmedizin, derStandard am 26. April 2016
  • Homöopathie macht keinen Spaß – ganz im Gegenteil, GWUP-Blog am 6. Juli 2016

„Turiner Grabtuch“ in Stuttgart

Wirklich bemerkenswert an der Wanderausstellung der Malteser zum “Turiner Grabtuch” ist die völlig unkritische Begleitung durch die jeweilige Lokalpresse.

Auch die Stuttgarter Zeitung macht da keine Ausnahme:

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Es sei denn, man möchte diesem Zitat vom Leiter des Hauses der Katholischen Kirche in Stuttgart einen leisen Hauch von Ironie abringen:

Wir zeigen Themen zu zeitgenössischer Kunst und Glauben. Reliquien sind etwas traditionell Katholisches. Aber sie gibt es auch im Profanen, etwa das verschwitzte Handtuch eines Rockstars, das Fans verehren.“

Für alle, die “wissen” und nicht “glauben” wollen, hier noch einmal der Hinweis auf unseren Blogpost dazu:

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Zum Weiterlesen:

  • Eine „Spurensuche“ nach dem Turiner Grabtuch in Deutschland, GWUP-Blog am 9. Mai 2015

Sind die Behauptungen der Homöopathen wissenschaftlich unredlich?

Schwer getroffen hat den Deutschen Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) der Vorwurf der “wissenschaftlichen Unredlichkeit”, den das Informationsnetzwerk Homöopathie im Zusammenhang mit dem aktuellen “Reader” zum Stand der Forschung zur Homöopathie erhoben hatte.

In einer Stellungnahme fordern die Homöopathen das INH dazu auf, “entsprechende Beweise” vorzulegen – was einigermaßen kurios ist, da

a) alle diesbezüglichen Belege, Kommentare und Anfragen der Skeptiker vom DZVhÄ seit Jahren konsequent ignoriert und totgeschwiegen werden;

b) “Der Vorstand des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte” in der Stellungnahme zugleich seine tiefe Abneigung gegenüber “Beweisen” jedweder Art kundtut.

Wie auch immer: Das INH hat heute eine “Reaktion auf die Replik des DZVhÄ” veröffentlicht:

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Auch Dr. Joseph Kuhn reflektiert im Science-Blog Gesundheits-Check die Frage, ob der Vorwurf der „wissenschaftlichen Unredlichkeit“ in Bezug auf Homöopathiestudien belegt ist, und kommt dabei zu einem noch weiter reichenden Schluss:

Zumindest aber sind solche Heilungsversprechen [der Homöopathie] unredlich, sie verletzen die „intellektuelle Redlichkeit“ im Sinne einer Pflicht zur Wahrhaftigkeit gegenüber sich selbst und anderen (Tugendhat) und sie verletzen möglicherweise auch das ärztliche Berufsrecht. Nach § 27 der Musterberufsordnung der Bundesärztekammer ist Ärzten „insbesondere eine anpreisende, irreführende oder vergleichende Werbung“ verboten.

Ein Fall für die zuständige Ärztekammer?”

INH-Initiator Dr. Norbert Aust hat parallel dazu den zweiten Teil seiner Detailanalyse des homöopathischen “Forschungsreaders” online gestellt. Allein schon aus dieser eingehenden Prüfung einer Pro-Homöopathie-Ausarbeitung von Jens Behnke (Carstens-Stiftung) mit dem Titel “Meta-Analysen in der klinischen Forschung zur Homöopathie” wird die wissenschaftliche Unredlichkeit der Homöopathen hinreichend deutlich:

Das Bild der Homöopathie als einer wirksamen Therapieform, das der Öffentlichkeit vermittelt wird, [ist] grundfalsch und geeignet, Patienten zu für sie nachteiligen Entscheidungen zu beeinflussen [...] Welche Motivationslage bei den Verfechtern der Homöopathie dahinter stehen mag, kann sich der Leser vielleicht selbst überlegen.”

Zum Weiterlesen:

  • Reaktion auf die Replik des DZVhÄ, Informationsnetzwerk Homöopathie am 7. Juli 2016
  • Intellektuelle Redlichkeit und homöopathische Heilungsversprechen, Gesundheits-Check am 7. Juli 2016
  • WissHom II: Falsche Darstellung der Reviews zur Homöopathie, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 7. Juli 2016
  • Heute schon gelacht? Die neueste Studie über Homöopathie bei Heuschnupfen, GWUP-Blog am 5. Juli 2016
  • Studien-Debatte: Woher wissen wir, was wirkt? GWUP-Blog am 2. Juli 2016
  • 60 Seiten Papierverschwendung: Der „Reader“ der Homöopathen zum aktuellen Forschungsstand, GWUP-Blog am 29. Mai 2016
  • „Ergebniswäsche“: Detailanalyse des Forschungsreaders Homöopathie der WissHom, GWUP-Blog am 19. Juni 2016
  • „Studien-Daten“ und die Realitätsverweigerung der Homöopathen vom DZVhÄ, GWUP-Blog am 18. Oktober 2015

„Die Weltregierung tagt auf der Venus“: SkepKon-Video

Das nächste SkepKon-Video von Andreas Weimann ist online:

Es geht um …

… einen Boom um zwei Themen im Bereich Verschwörungstheorien/Esoterik, die mit dem Nationalsozialismus in Verbindung stehen. Das eine ist das wieder aufgetauchte Thema, dass die Kulturbringer der letzten Jahrtausende allesamt weißhäutige Heroen waren, die von einem mythischen Ursprungsland aus – heiße es Atlantis oder Lemuria oder wie auch immer – der Erde erst die Kultur gebracht haben.

Eine Erweiterung dieses Themas sind weißhäutige, blonde Außerirdische, die dann auf der Erde eine Kolonie aufgebaut haben, von der aus … wir verstehen uns.

Das zweite Thema ist die von Tibet ausgehende organisierte Weltherrschaft, die auch mit Nationalsozialisten Kontakt anstrebte [...]

Gerade in der erzählenden Literatur – mehr als in „Fachbüchern“ – haben diese Themen Konjunktur. Was man von all diesen Werken zu halten hat, wird einem oft bei einem ersten Durchblättern schnell klar.

Manchmal zweifelt man auch, überlegt … dann mag der Vortrag Lesehilfe sein, ein wenig Unterhaltung, ein wenig Aufklärung.”

Referent ist der Historiker und Fantasy-Experte Hermann Ritter.

Zum Weiterlesen:

  • SkepKon 2016: Spielverderber in Aktion, diesseits am 10. Juni 2016
  • SkepKon 2016: Prophezeiungen, Pädagogik-Mythen und Genderwissenschaften auf dem Prüfstand, diesseits am 17. Juni 2016
  • Call for Papers: SkepKon 2017, GWUP-News am 29. Juni 2016

Hamburger Schulversuch: Ein bisschen Waldorf ging nicht

Von André Sebastiani

Der Waldorf-Schulversuch im Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg ist gescheitert, wie die taz und das Hamburger Abendblatt übereinstimmend berichten. Im Rahmen eines Schulversuchs wollte man an der Ganztagsschule Fährstraße „Elemente der Waldorfpädagogik“ in den Unterricht integrieren.

Das Projekt erfuhr vor allem durch kritische Aktionen der GWUP bereits im Vorfeld überregionale Aufmerksamkeit.

Doch weder ein Offener Brief des GWUP-Wissenschaftsrats noch die Unterschriften einer eigens gestarteten Online-Petition konnten Schulsenator Ties Rabe (SPD) zum Umdenken bewegen. Der Senator und seine Behörde hatten eine rein strategische Entscheidung getroffen.

In Wilhelmsburg hatte sich eine Waldorfinitiative gebildet, die die Gründung einer Waldorfschule im Stadtteil anstrebte. In der Schulbehörde befürchtete man, dass eine Waldorfschule in freier Trägerschaft vor allem Kinder aus den wenigen bildungsnahen Elternhäusern im sozialen Brennpunkt Wilhelmsburg anziehen würde. Um diese Elternhäuser im staatlichen System zu halten, schlug Landesschulrat Rosenboom eine Kooperation vor.

Die Idee zum Schulversuch war geboren, Kritik am Inhalt unerwünscht.

Wir wollen nicht die Lehre Steiners in die Schulen entsenden, sondern waldorfpädagogische Elemente verwenden, die mit den Bildungsplänen vereinbar sind“,

betonte Senator Rabe.

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Eine Art Quadratur des Kreises also, denn die Elemente der Waldorfpädagogik sind mit der anthroposophischen Esoterik untrennbar verbunden. Der Schulversuch wurde schließlich im Rahmen einer Pressekonferenz offiziell verkündet. Neben Senator Rabe saß der Sprecher des Bundes der Freien Waldorfschulen (BFWS), Henning Kullak-Ublick.

Alle Seiten strahlten Zuversicht aus. Das Beste aus beiden Welten sollte an der Fährstraße zusammenkommen.

Nach nicht einmal zwei Jahren ist der Schulversuch nun also gescheitert. Aus dem Umfeld der Schule hörte man bereits kurz nach dem Start von Misstönen. Öffentlich wurden die Probleme erstmals im Februar durch einen Artikel bei Spiegel-Online. Dort drohte Waldorffunktionär Kullak-Ublick „die Nutzungserlaubnis für den Begriff ‘Waldorfpädagogik’ zurückzuziehen”, sollten „die anfänglichen Zusagen nicht umgesetzt werden“.

Das Scheitern der Kooperation zeigt, dass die Bedenken der Kritiker gut begründet waren. Man kann nicht Elemente der Waldorfpädagogik herausgreifen und die Esoterik, die ihnen zugrunde liegt, außen vor lassen, wie es von behördlicher Seite suggeriert wurde.

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Mit den Worten des Erziehungswissenschaftlers Prof. Hopmann ausgedrückt:

Man kann nicht nur ein bisschen Waldorf sein.“

Auf Seiten der Waldorfinitiative und des Bundes der Freien Waldorfschulen sieht man ausschließlich die staatliche Seite für das Scheitern verantwortlich. In einer Pressemitteilung beklagt der BFWS, dass von den „waldorfpädagogischen Elementen nur einige wenige – und die oft mehr formal als mit Leben gefüllt – in das Schulleben einfließen konnten.

Wer waldorfpädagogische Elemente mit Leben füllen möchte, landet aber automatisch beim Waldorfguru Rudolf Steiner. Und wer ausschließlich esoterisch-weltanschauliche Argumente für seine Pädagogik in die Diskussion einbringen kann, hat wohl schlechte Karten im Wettstreit der Konzepte. Wer einer Ideologie wie der Waldorfpädagogik anhängt, wird wohl kaum nach Kompromissen suchen und die Schuld immer beim Gegenüber sehen.

Sehr aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein (bemerkenswert unkritisches) Interview, dass der ehemalige Waldorfschüler Johan Dehoust mit Kullak-Ublick in der Zeit geführt hat. Darin beklagt Henning Kullak-Ublick den großen internen Widerstand:

Das ging schon bei der ersten Pressekonferenz los, als der Schulsenator Ties Rabe sich ohne Not von Rudolf Steiner abgrenzte. Diese Ambivalenz blieb stilbildend.“

Eine kritische Distanz zu Rudolf Steiner stellt für den BFWS also schon ein Sakrileg dar – wie hätte da eine gedeihliche Kooperation aussehen sollen?

Bei den inzwischen zahlreichen anthroposophischen Initiativen, die ein vermeintliches Bestreben zeigen, in einen Diskurs auf Augenhöhe mit den Wissenschaften und staatlichen Institutionen eintreten zu wollen, fällt die mangelnde Bereitschaft auf, die eigene Position kritisch zu hinterfragen. Man will reden, aber man will sich nicht bewegen.


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Jost Schieren, Professor für Waldorfpädagogik an der Alanus-Hochschule (Alfter), sprach in einem Interview von einer angestrebten Annäherung anthroposophischer „Erziehungskunst“ und akademischer Erziehungswissenschaft.

In einem Kommentar zu diesem Interview habe ich versucht herauszuarbeiten, dass Annäherung, so wie Schieren sie sich vorstellt, nicht meint, dass man sich aufeinander zubewegt. Vielmehr zeigt sich das Bestreben, esoterische Aussagen zu marginalisieren oder neu zu formulieren und so salonfähig zu machen, ohne vom eigenen Standpunkt abzuweichen.

Das zeigen auch die empirischen Untersuchungen im Waldorfkontext, die an der anthroposophischen Alanus-Hochschule Alfter durchgeführt wurden. Die teilweise groß angelegten Studien, wie z.B. die Waldorfabsolventen- oder die Waldorflehrer-Studie, die stolz bei großen Pressekonferenzen präsentiert wurden, weisen erstaunliche methodische Mängel auf.

Die Ergebnisse lesen sich wesentlich weniger schmeichelhaft, als die Pressemitteilungen des Bundes der Freien Waldorfschulen. Hohe Nachhilfequoten erklärt man beispielsweise rein spekulativ mit Quereinsteigern, die ihre schulischen Probleme in die heile Waldorfwelt mitbringen würden. Dass Quereinsteigern auch Waldorfaussteiger gegenüberstehen, erwähnt man mit keinem Wort, und natürlich werden auch keine Daten von Aussteigern erhoben.

Waldorfpädagogische Prinzipien, wie das Klassenlehrerprinzip, werden auch angesichts kritischer Ergebnisse nicht in Frage gestellt.

Als Kritiker der Waldorfpädagogik steht man häufig vor dem Problem, dass es schwer fällt, den eigenen Standpunkt zu vermitteln, ohne allzu tief in die pädagogischen und weltanschaulichen Details einzusteigen. Das Scheitern des Schulversuchs in Wilhelmsburg ist nun ein nach außen sichtbares Zeichen, dass es das „Best of both worlds“ so einfach nicht geben kann.

Oder nochmals mit Prof. Hopmann gesprochen:

Man kann nicht nur ein bisschen Waldorf sein!“

Zum Weiterlesen:

  • Versteinerte Erziehung, Skeptiker 4/2011 (aktualisierte Fassung online hier)
  • “Waldorf-Schule”, Hoaxilla-Podcast Nr. 107 vom 18. November 2012
  • “Pragmatischer Waldorf” – was soll das denn sein? GWUP-Blog am 10. Februar 2013
  • “Ein bisschen Waldorf geht nicht”, taz am 25. November 2013
  • Vortrag “Ver-Steinerte Erziehung” als Video, GWUP-Blog am 18. Februar 2014
  • “Gute Karriereaussichten” für Waldorfschüler – wie das? GWUP-Blog am 6. August 2014

Der Schröpfschnepper: Die „Alternativmedizin“ hat einen neuen Superbestseller

Jahrhundertelang war es verschollen – jetzt hat der Springer Wissenschaftsverlag endlich eine Faksimile-Ausgabe herausgebracht.

Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung erklimmt das bahnbrechende Werk des Benediktinermönchs Ignatius Medicus aus der Frühen Neuzeit die Bestsellerlisten:

Medicinisch-theologischer Versuch über den beßren Gebrauch des Schröpfschneppers und die ausleitende Wirkung des Aderlaß auf die Verdauungsgase”

Ein Auszug:

Man nemme hernach nun eynen roßtigen Eisensplitter undt stecke ihn dem Krancken recht eigendlich unter den Daumennaggel der sorgsamm eingeschnührten rechden Hant.

Windeth sich der Pacient und kommet Außscheydung an’s Kertzenlicht, wehret sich dero innewonende Theufel unt mußß durch cräfftigen Schlag mit eynmen schwehren Höltzhämmerchen auf den Deds deß Beseßnen gantz ausgetrieben werden.

Wärent der Procedur sollte eyne Junkfrau regelmässig mit dem Schröpfschnepper die Lebensadern des Candidaten  anrizen, um deßen sittliche Heyllung zu beschluinigen.

Aus dem Bisthum Cöln wurden durch diese Arth des Therapirns mindestenß fümpf Felle erfollgreicher Heîlung gemeldett.”

Aus der Verlagswerbung:

Das Medizinwissen unser Ururururururururururururururururururgroßeltern birgt noch manch spannende Entdeckung. In diesem Band nimmt uns Benediktinermönch Ignatius Medicus mit auf eine faszinierende Reise durch die Welt der Behandlungsmethoden und stellt nicht zuletzt unsere analytische Sichtweise auf den menschlichen Körper in Frage.”

Die Reaktionen:

Fachleute schätzen den wissenschaftlichen Wert der Abhandlung als “eher gering” bis “rückschrittlich” ein, viele der beschriebenen Wunder widersprächen den Naturgesetzen und beleidigten jede Vernunft. Unter Laien findet das Buch jedoch großen Anklang und wird zu einem Standardwerk der beliebten alternativen oder auch sanften Medizin.”

Sie könnte fast wahr sein, diese Story aus der aktuellen Titanic (Juli 2016).

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Der Autor Valentin Witt präsentiert darin eine Reihe von satirischen Vorschlägen für kostengünstige, aber erfolgversprechende Buchproduktionen (“Die Sparbücher”) – unter anderem auch im Segment “Alternativmedizin”.

Das ist lustig und erschreckend zugleich. Denn natürlich fände so ein Machwerk reißenden Absatz.

Zum Weiterlesen:

  • Valentin Witt: Die Sparbücher, Titanic 7/2016
  • Na sowas: Homöopathie ist ein „Geschäftsfeld der pharmazeutischen Industrie“, GWUP-Blog am 25. Mai 2016
  • Die Unheiler, correctiv.org am 18. Dezember 2015
  • Fehlschluss #18: Argument des Althergebrachten, Traditionsargument, Ratio-Blog am 8. August 2011

Homöopathie macht keinen Spaß – ganz im Gegenteil

Leider ist Homöopathie nicht immer so lustig wie in unserem gestrigen Artikel – wäre sie das, könnte man diesen Nonsens natürlich gepflegt ignorieren.

Warum wir uns im Gegenteil permanent damit beschäftigen (und das eben nicht unter humorigen Aspekten), bringt ein nachdenkliches Posting auf der Facebook-Seite Dinge, die Homöopathie-Fans sagen schön zum Ausdruck:

„Nur zum Spaß“ – in dieser Kategorie ist diese Seite. Nur Spaß.

Diese Seite macht keinen Spaß.

Dinge, die Homöopathie-Fans den lieben langen Tag von sich geben, machen keinen Spaß.

Alle paar Tage haarsträubenden Unfug zu lesen von Menschen, die als selbsternannte Experten über Dinge reden, von denen sie überhaupt keine Ahnung haben, macht keinen Spaß. Es macht keinen Spaß, zu sehen, welche Folgen das Fehlen grundlegender Kenntnisse in Biologie, Chemie, Physik hat und wie sich erwachsene Menschen durch ihre Unkenntnis lächerlich machen, ohne es selbst zu merken.

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Sich in Gruppen, Seiten und Kommentarspalten durch den dort aggregierenden Blödsinn zu wühlen, macht keinen Spaß. Aus dem ganzen Gedankenmüll einige wenige leidlich lustige Dinge, die Homöopathie-Fans sagen herauszufiltern, macht nicht wirklich Spaß.

Vieles, was man dort antrifft, ist dermaßen abgehoben, dass es schon nicht mehr lustig ist, oder enthält zu viele persönliche Informationen und muss aussortiert werden – das macht keinen Spaß.

Dass man für die Inhalte dieser Seite regelmäßig über Posts und Kommentare von Menschen mit gesundheitlichen Beschwerden stolpert, die sich oder ihren Kindern lieber wirkungslose Zuckerkügelchen anstelle einer richtigen medizinischen Behandlung geben wollen und sich oder ihre Kinder damit in Gefahr bringen, ist alles andere als lustig.

Dass sie daraufhin von praktizierenden Homöopathen und anderen Laien allerlei Mittelchen, Kräuter, Salben, Öle, Globuli, empfohlen bekommen – Hauptsache nichts Chemisches von der Pharmamafia – und dadurch in ihrem Tun noch bestätigt werden, macht keinen Spaß.

Menschen, die offenbar einer medizinischen Behandlung bedürfen und absolut unkritisch Hinweisen und Empfehlungen von absoluten Laien folgen, machen keinen Spaß.

Es macht keinen Spaß, dass evidenzbasierte medizinische Konzepte wie die Phytotherapie und chemische (!) Naturstoffe aus Heilpflanzen durch die Vereinnahmung durch die Homöopathie und die irreführende Bezeichnung “Alternativmedizin” in Misskredit gebracht werden.

Ein Kräutertee bei einer leichten Erkältung ist keine “Alternativmedizin”, sondern allgemein anerkannte “Medizin”, und braucht bitteschön nicht mit Globuli “versüßt” zu werden. Bei einem schweren bakteriellen Infekt dagegen hält die Natur die wunderbare Stoffklasse der Antibiotika für uns bereit.

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Im Zusammenhang mit Homöopathie immer wieder Impfgegner anzutreffen, oder Esoteriker, die die Placebo-Effekte ernsthaft einer “Strahlung” oder “Schwingung”, “Informationsübertragung” oder “feinstofflichen Energie” zuschreiben wollen, oder offensichtliche Betrüger, macht keinen Spaß. Ganz, ganz doll keinen Spaß machen die abstrusesten Theorien – nein, der Begriff ist hier völlig unangebracht… sagen wir Fantasievorstellungen –, die sich ungefragt und unberechtigterweise die Quantenmechanik und andere wissenschaftliche Konzepte als Grundlage aneignen wollen.

Bitte – tut was dagegen. Irgendwas.

Bei gesundheitlichen Problemen konsultiert bitte einen ausgebildeten Arzt, der eine Untersuchung durchführen und eine fundierte Diagnose stellen kann. Lasst eure Kleinen impfen und gebt ihnen keine wirkungslosen Kügelchen, nicht bei harmlosen Zipperlein und schon gar nicht bei ernsten Erkrankungen oder Verletzungen.

Verbreitet Bildung und Aufklärung, besonders bei denen, die es offenbar so nötig haben.”

Zum Weiterlesen:

„Biophotonen“ mit Dr. Holm Hümmler jetzt auch als Science- Slam-Video

Den SkepKon-Vortrag “Biophotonen – Licht des Lebens oder esoterisches Irrlicht?” von Dr. Holm Hümmler gibt es jetzt auch in Kurzform als “Science Slam”, vorgetragen beim Physikalischen Verein in Frankfurt:


Direktlink zum Video auf Youtube

Mit Biophotonen-Kuscheldecke, aber leider ohne die legendäre Biophotonen-Ente “Hubert” (Minute 9:08).

Zum Weiterlesen:

  • Science Slam, Biophotonen und ein paar Klarstellungen zum Welle-Teilchen-Dualismus, Relativer Quantenquark am 31. Mai 2016
  • Jetzt als Video: Biophotonen- Vortrag von der SkepKon 2014, GWUP-Blog am 1. Juli 2014
  • SkepKon-Rückblick: Licht des Lebens oder Eso-Irrlicht? Die Wahrheit über Biophotonen, GWUP-Blog am 14. Juni 2014




NEU: Skeptiker 3/2016

SKEPTIKER 3/2016

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