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„Hochschultage“ als Plattform für Kreationisten-Prediger

Es ist einfach z.K.

Gerade hat die TU Chemnitz einen Verein von Impfgegnern rausgeschmissen, der dort ein Symposium veranstalten wollte.

Jetzt öffnet die Uni Jena ihre Pforten für Kreationisten, die unter dem Deckmantel von “Hochschultagen” über “zentrale Lebens- und Glaubensfragen” predigen wollen.

Veranstalter sind die “Studenten für Christus”, die “Studentenmission Deutschland” und die Gruppierung “Entschieden für Christus”.

Alle drei verortet die Hochschulgruppe Jena der Giordano-Bruno-Stiftung im Umfeld der Evolutionsleugner mit entsprechenden Referenten während der nächsten drei Tage.

Sie hat daher einen Protestbrief an Universitätsrektor Klaus Dicke und Oberbürgermeister Albrecht Schröter verfasst, der hier oder bei Astrodicticum simplex eingesehen werden kann.

Gerade erst hat die Süddeutsche Zeitung über US-Kreationisten berichtet – und dabei erschreckende Denkweisen zu Tage gefördert:

Wir können das Geld für die Forschung sparen. Es steht alles in der Bibel.”

Zum Weiterlesen:

  • Kein Kreationismus an der Universität Jena! Astrodicticum simplex am 12. Mai 2014
  • Und Gott erschuf die Dinosaurier, Süddeutsche am 9. Mai 2014
  • Laborjournal: Kreationistische Rückzugsgefechte, GWUP-Blog am 5. April 2014
  • The Rap Guide to Evolution, GWUP-Blog am 23. März 2014
  • Vince Ebert zu Kreationismus und Wissenschaftsfeindlichkeit, GWUP-Blog am 6. April 2014
  • GWUP-Thema: Kreationismus
  • Argumente des Kreationismus und ihre Widerlegung, Gedankenwerkstatt am 21. März 2014
  • Der Unsinn der nichtreduzierbaren Komplexität, Astrodicticum simplex am 5. Dezember 2010
  • Vince Ebert: Evolution, GWUP-Blog am 22. Dezember 2013
  • 11er des Monats: Kreationismus, aargks/pro Logik am 11. Mai 2014

Sibylle Berg über Chlorbleiche und skeptische Argumente

Erinnert sich noch jemand an den Artikel “Esoteriker sind unsympathisch” von Sibylle Berg anno 2011?

Letzte Woche wollte ich die Spiegel-Online-Kolumnistin neuerlich zitieren, und zwar mit ein paar Sätzen aus ihrem Beitrag “Wir dürfen die Welt nicht unseren Feinden überlassen”:

Was tun wir also mit der Einsicht, dass Argumente fast niemanden erreichen, und dass Aggression jedes Problem nur zuspitzt?

Vielleicht denken Sie sich: Wenn ich die Gegner meiner Weltsicht nicht überzeugen kann, bleibe ich einfach zu Hause, poliere Porzellan und warte auf mein Ende.

Das Problem: So angenehm sich dieser Gedanke anfühlen mag, er führt nicht zu einer Verbesserung der Welt oder was auch immer Sie dafür halten – nicht einmal im Kleinen. Denn dieser Gedanke beraubt Sie der Chance, wenigstens die aufgeschlossenen zwei Prozent zu erreichen.

Es hilft also nichts, man muss sich empören, man muss gegen das halten, was man für falsch erachtet. Man muss versuchen, Argumente zu finden, die möglichst viele andere auf die vermeintlich gute Seite bringen [...]

Wer sich nicht mehr wehrt, wer nicht mehr für die Welt kämpft, in der er leben will, ist schon tot. Und das passiert früh genug.”

Ich finde, diese Passage passt ganz gut zu einer aktuellen Debatte innerhalb der “Skeptiker-Szene”.

Blogposts dazu finden sich unter anderem bei

Aber das nur nebenbei.

Heute schreibt die deutsch-schweizerische Schriftstellerin in ihrer Spiegel-Online-Kolumne über Jim Humble und seinen MMS-Schwachfug:

Ich habe diese Woche zum ersten Mal von Herrn Humble gelesen, der auf die vollkommen geniale Idee kam, Menschen Bleichmittel zum Trinken zu geben. Eine Weile mag er gegrübelt haben, mit welcher Begründung er den Eierköppen da draußen das Zeug schönreden könnte.

Der wahre Grund – ich kann euch alle nicht ausstehen und möchte euch irgendwie weg haben – schien ihm kein überzeugendes Verkaufsargument.

Also beschied der rüstige Greis: Dieses Mittel hilft gegen alles.

Im Zweifel auch und vor allem gegen das Leben.”

Nice.

Zum Weiterlesen:

  • Lösen Sie sich einfach auf, Spiegel-Online am 11. Mai 2014
  • Wir dürfen die Welt nicht unseren Feinden überlassen, Spiegel-Online am 3. Mai 2014
  • Esoteriker sind unsympathisch, GWUP-Blog am 23. April 2011
  • Gefährliches „Wundermittel“ MMS: Wenn Quacksalber für giftige Chlorbleiche werben, Spiegel-Online am 4. Mai 2014
  • “Warum foltert ihr Kinder?” Die MMS-Demo in Hannover, GWUP-Blog am 28. April 2014
  • Ein “Gesundheitskongress” als Panoptikum des Grauens, GWUP-Blog am 19. April 2014
  • Vergiftungsmittel MMS, Ratgeber-News-Blog am 27. April 2014
  • The Spirit of Bullshit, Julitschka am 26. April 2014
  • Wenn es quakt wie eine Ente: Moderne Quacksalberei MMS, Pharmama am 29. April 2014
  • Die EMA approbiert ein Wunder, sagen die Wunderheiler, Psiram am 2. Mai 2014

Fatales Natürlichkeitsdenken der Impfgegner

Dauerthema Impfen:

Während die amerikanischen Centers for Disease Control and Prevention (CDC) und das Fachjournal The Lancet Global Health den globalen Nutzen von Schutzimpfungen dokumentieren und sogar eine Impfung gegen Leishmaniose in den Bereich des Möglichen rückt, machen die Impfgegner weiter mobil und verbreiten über Promis (jetzt auch Alicia Silverstone) und sogar Ärzte ihren gefährlichen Unfug.

Jetzt haben sich auch der ORF und Die Zeit des Themas angenommen.

science.orf.at fragt einen Mediziner von der Uni Tübingen nach den Motiven der Impfverweigerer:

Ein Hauptgrund ist der, dass wir mit den Krankheiten nicht mehr konfrontiert werden. Wir sehen sie nicht in unserem Alltag. Wir merken nicht, dass unsere Nachbarn oder Familien daran erkranken oder eventuell daran sterben.

Ein weiterer Grund ist, dass wir eine gewisse Skepsis gegenüber der modernen Medizin haben und auf ein auf Natürlichkeitsdenken zurückgreifen. Das sehen wir ja in anderen Bereichen der Gesellschaft auch, dass wir glauben, eine natürliche Lebensweise sei die bessere.

Dieser Trend ist in den Gesellschaften vorhanden, nur man muss sich fragen: Stimmt das auch für Impfungen oder haben wir da nicht ein fatales Natürlichkeitsdenken?”

Zeit-Online zieht in dem Beitrag “Die falsche Angst” das Fazit:

Die Kontroverse verläuft nach ähnlichen Argumentationslinien wie jene um das Passivrauchen: Ein im Prinzip unvernünftiges Verhalten kann im schlimmsten Fall den Mitmenschen schaden. Doch für Viren lassen sich keine schützenden Trennwände errichten.”

Einen interessanten Aufsatz zum Thema “The Science of Why We Don’t Believe Science” gibt’s außerdem im Mother Jones-Nachrichtenportal.

Der Autor und WSC-Referent Chris Mooney rät:

If you want someone to accept new evidence, make sure to present it to them in a context that doesn’t trigger a defensive, emotional reaction.”

Zum Weiterlesen:

  • CDC: Vaccines save hundreds of thousands of lives, USA Today am 24. April 2014
  • The enduring benefits of vaccination, Washington Post am 2. Mai 2014
  • Reassessing the value of vaccines, The Lancet Global Health, May 2014
  • Alicia Silverstone’s clueless vaccine advice, salon.com am 23. April 2014
  • Ist Impfen ein Akt der Solidarität? science.orf.at am 2. Mai 2014
  • Die falsche Angst, Zeit-Online am 5. Mai 2014
  • Gibt es das Masernvirus? Der Prozess Bardens vs. Lanka, GWUP-Blog am 10. April 2014
  • “Für Impfen” bei Facebook, GWUP-Blog am 5. April 2014
  • Impfmündigkeit statt Impfmüdigkeit, hpd-online am 5. April 2014
  • Reich werden durch Impfen? GWUP-Blog am 31. März 2014
  • Kinderarzt zu Impfgegnern: “Get Out of My Office”, GWUP-Blog am 5. Februar 2014
  • The Science of Why We Don’t Believe Science, medium.com

Geistergeschichten bei der SkepKon – und für ein Buch

Nur noch knapp zweieinhalb Wochen bis zur SkepKon 2014 in München.

Eine erste Presseankündigung ist schon raus.

Darin heißt es:

Besondere Spannung versprechen Publikumstag und Nerd-Nite mit Kurzvorträgen zu Diät-Lügen, Tier-Orakeln oder sogenannten Pick-up-Artists.”

Beim Publikumstag am 29. Mai (Christi Himmelfahrt) werden zudem echte “Ghosthunter” zu Gast sein, und zwar von der Society of Transcendental and Anomalistic Investigations und Research (S.T.A.I.R.).

Lucia und Frederic von S.T.A.I.R. (bzw. CEPI) veranstalten unter anderem “Spuknächte” in verschiedenen bayerischen Schlössern und waren auch schon mal im Skeptiker.

Derzeit sucht Lucia für ein Buchprojekt “wahre Geistergeschichten”:

Einige werden sich sicher an dem Begriff ‘wahre Geistergeschichten’ stören.

Es ist natürlich nicht nachzuweisen, dass es sich bei den einzelnen Erlebnissen tatsächlich um durch übernatürliche Eingriffe und Handlungen ausgelöste Vorfälle handelt, jedoch besteht, meiner Meinung nach, kein Zweifel an der Aufrichtigkeit der Personen, die diese Geschichten erlebt haben. Es handelt sich also um echte Begebenheiten im Kontrast zu fiktiven Geistergeschichten.

Was diese Erlebnisse letztendlich hervorgerufen hat, muss offen bleiben und ist frei für die Interpretation des Lesers und seiner Glaubensvorstellungen [...]

Mein Interesse für scheinbar unerklärliche Phänomene wurde schon früh geweckt und Zeit meines Lebens begleitete mich dieses Thema. Zusammen mit einem Neurobiologen und einem sehr skeptischen, wenn auch generell aufgeschlossenen, Computerfachmann habe ich 2007 begonnen, mich der Aufklärung des scheinbar Unerklärlichen zu widmen und den Betroffenen so gut es geht zu helfen [...]

Die Geschichten müssen nicht unter Ihrem richtigen Namen erscheinen, sondern können auch anonym wiedergegeben werden. Unter allen, die mir Ihre persönliche Geschichte (oder auch aus dem Familien- und Freundeskreis) aufschreiben und für eine Veröffentlichung zuschicken, wird eine Spuknacht für 2 Personen verlost.”

Neben den S.T.A.I.R.-Leuten werden beim SkepKon-”Publikumstag” auch die GWUP-Mitglieder Alexa Waschkau und Sebastian Bartoschek auf dem Podium sein, die ein Buch über “Ghosthunting” geschrieben haben.

Dazu gibt’s übrigens am letzten Abend der SkepKon (31. Mai) eine Lesung in der Baumstraße.

Zum Weiterlesen:

Homöopathie im “Merkur”

Der Münchner Merkur nimmt sich heute in einer großen Seite-3-Geschichte die Homöopathie vor.

Es geht um Traunstein, Studien und die “Wer heilt, hat Recht”-Phrase.

Neben einer homöopathischen Kinderärztin kommen Dr. Norbert Aust und Prof. Edzard Ernst zu Wort.

Immer wieder erschreckend ist die Unfähigkeit von Homöopathen zur kritischen Selbstreflexion.

Auch die Homöopathin in dem Merkur-Artikel “sieht, dass es wirkt“, wedelt mit fehlerhaften Studien und verweist alle Fragen, die sie nicht beantworten kann, ins wolkige Reich der “modernen Physik”.

Allerdings hält die Autorin gut dagegen – und natürlich sind auch Aust/Ernst nicht um die passenden Argumente verlegen.

Was es mit dem “Quanten”-Geschwurbel der Homöopathen und Co. auf sich hat, kann man aktuell auch bei GWUP-Vorstandsmitglied Dr. Florian Aigner nachlesen:

Eine esoterische Theorie wissenschaftlicher erscheinen zu lassen, indem man sie mit Quantenphysik  verziert, ist ähnlich wie der Versuch, einem Delphin die Mähne eines Löwen aufzukleben. Der Delphin wird damit nicht zur Raubkatze, und dem Löwen tut die Sache auch nicht gut.

Und was Einzelerlebnisse aussagen, erklärt ein Beitrag im Zeit-Blog “Math up your life”:

Jeden Monat passiert ein Wunder”

Dennoch hat Norbert Aust wohl Recht, wenn er in seinem neuesten Blog-Artikel von der “Homöopathie-Hydra” schreibt.

Übrigens wird der Homöopathie-Kritiker nicht nur im Hauptprogramm der Skepkon 2014 referieren, sondern auch schon beim “Publikumstag” am 29. Mai (Christi Himmelfahrt) in der Münchner Freiheiz-Halle mitwirken.

Das Programm von 14 – 18 Uhr gibt’s hier.

Zum Weiterlesen:

Satanistenmorde bei Hoaxilla

Hochinteressantes Thema im aktuellen Hoaxilla-Podcast:

Die Psychologin und Bestseller-Autorin Lydia Benecke spricht über “Satanistenmorde”.

In der offenen Facebook-Gruppe der GWUP schreibt sie dazu:

Im Jahr 2013 hörte ich mir während eines deutschen Kongresses für Forensiker den Vortrag von Ursula Caberta an, die behauptete, es gäbe Satanistennetzwerke, die organisiert Menschen töten und Kinder missbrauchen.

Sie zog seltene, einzelne Kriminalfälle von offenkundig schwer psychisch gestörten Menschen, die keinesfalls wegen einer “organisierten Satanssekte”, sondern wegen ihrer psychischen Störungen Täter wurden, als Belege für ihre Verschwörungstheorie heran.

Das Ganze gipfelte in ihrer Behauptung, die Gothic-Szene und die Real-Life-Vampyr-Szene (beides UNTERSCHIEDLICHE Subkulturen) würden quasi zur “Rekrutierung” für Satanisten dienen. Was Frau Caberta da offiziell von sich geben durfte, schädigt den Ruf der äußerst sozialen, freundlichen und selbstreflektierten Menschen in diesen Subkulturen massiv und ungerecht.

Sie bekam übrigens reichlich Applaus von vielen Polizeibeamten und Juristen im Raum, in deren äußerst gutbürgerliches Weltbild die Schauermärchen dieser Dame sehr gut zu passen schienen.

Als ich kritisch anmerkte, dass es für ihre Behauptungen keinen einzigen sachlichen Beweis gibt, ging sie hierauf nicht inhaltlich ein. Kaum jemand im Raum nahm meine Kritik ernst, da ich ja offenkundig auch „eine von diesen Schwarzen“ bin.

Ich war allerdings positiv überrascht von einer Handvoll Polizeibeamter, die sich später bei mir für die Ignoranz ihrer Kollegen entschuldigten und diese Schauermärchen ebenfalls aus guten Grund nicht glaubten.

Es ist schade, dass Ritualmordlegenden heute noch ebenso gut funktionieren wie früher: Jüngste Berichte über die „Harry Potter Satanisten“ und der hierauf folgende BILD Satanismusreport Deutschland“ zeigen, dass viele Menschen echt nie dazulernen.

Wen interessieren Fakten, wenn Gruselmärchen und Sündenböcke das kollektive Gemüt positiv stimmen?

Der Hoaxilla-Podcast zum Thema ist ein Versuch vernünftiger, wissenschaftlicher Aufklärung.”

Mit Satanismus und angeblichem satanistischen Ritualmissbrauch haben wir uns auch im Skeptiker schon beschäftigt – und sind dabei zu ähnlichen Erkenntnissen gekommen wie Lydia Benecke.

Da die Artikel nicht online verfügbar sind, möchten wir sie zu diesem aktuellen Anlass hier im Blog abdrucken – konkret geht es um das Interview “Was sind und tun eigentlich Satanisten?” mit der Religionswissenschaftlerin Dr. Dagmar Fügmann und um die Buchrezension “Satanismus und ritueller Missbrauch”.

Zum Weiterlesen:

  • Hoaxilla #159 – ‘Satanistenmorde – HOAXILLA Crime’ vom 4. Mai 2014
  • Was sind und tun eigentlich Satanisten? Ein Interview, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Buchrezension: Satanismus und ritueller Missbrauch, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Satanistenmord in Prag: Prozess startet, news.at am 10. April 2014

Buchrezension: Satanismus und ritueller Missbrauch

Dieser Artikel von Bernd Harder erschien erstmals im Skeptiker 1/2010. Dr. Ina Schmied-Knittel ist auch Referentin bei der SkepKon 2014 in München.

Als Beitrag zur „kollektiven Psychohygiene“ (Vorwort) versteht sich das Buch “Satanismus und ritueller Missbrauch” von Dr. Ina Schmied-Knittel – und das scheint in der Tat bitter nötig, angesichts bizarrer Schlagzeilen wie „Satans-Sekten opfern jährlich 10 000 Kinder (Bild) oder „Schock-Report: Tötet Satans-Sekte Babys und Kinder?“ (tz München).

Sogar die altehrwürdige ARD-Krimireihe „Tatort“ nahm sich des Themas „Satanistischer Ritualmissbrauch“ an.

Die Folge „Abschaum“ (4. April 2004) bot dem Sonntagabend-Zuschauer „reichlich harten Stoff und sorgte prompt für eine massive Zuschauerresonanz“, vermeldete tags darauf Spiegel-Online. Rund 600 Beiträge seien auf einem speziellen Internet-Forum von Radio Bremen eingegangen.

Am Ende des Films werden zwei als Ritualopfer vorgesehene Kinder gerettet und ein geistig zerrütteter Ex-Elitesoldat tötet 14 Satanisten. „Das Massaker am Schluss der Tatort-Folge hat prominente Kritik ausgelöst“, schrieb die Süddeutsche Zeitung. „Dagegen fand die Darstellung der Themen Satanismus und Kindesmissbrauch große Zustimmung bei den Zuschauern.”

Hauptbeweis: Keine Beweise

Eigentlich erstaunlich.

Denn als der Topos vom „satanisch-rituellen Missbrauch“ etwa Anfang/Mitte der 1990er-Jahre zu einem „virulenten, emotional und moralisch hochgradig besetzten Thema in der Bundesrepublik avancierte“ (S. 52), war die Debatte im Ursprungsland USA nahezu schon vorbei.

Kriminalbeamte, Soziologen, Psychologen etc. hatten die Vorstellung von konspirativ tätigen satanistischen Netzwerken, die Kinder sexuell missbrauchen und Menschenopfer darbringen, als moderne Legende entlarvt.

Und dennoch genießen solche Denkmuster weiterhin Glaubwürdigkeit, analysiert Schmied-Knittel (S.44). Und zwar paradoxerweise …

… gerade wegen ihrer geringen Beweisbarkeit … Weil damit Möglichkeiten beschworen werden, die wohl um so bedrohlicher werden, je weniger sie sich überprüfen lassen, konnte sich diese Vorstellung recht breit entfalten.”

Das klingt nach einem klassischen Verschwörungsmythos – und in der Tat identifiziert die Autorin den öffentlichen Diskurs zu Satanismus und rituellem Missbrauch als …

… spezifische Form eines virtuellen Problemdiskurses.”

Gemeint sei damit „eine charakteristische Form dessen, wie in der Postmoderne Realität hergestellt wird“.

Schweigeschutz für Kriminelle?

Es ist eine äußerst schwierige und undankbare Aufgabe, die Ina Schmied-Knittel, Soziologin am Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene (IGPP) in Freiburg, mit ihrer „wissenssoziologischen Diskursanalyse“ (so der Untertitel) übernommen hat.

Denn über wenige Phänomene „wird selbst unter Weltanschauungsbeauftragten so heftig und kontrovers diskutiert wie über die Faktizität des rituellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen in satanistischen Zirkeln und Sekten“, merkt der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) in einer Rezension des Buches an.

Wer möchte sich schon dem Verdacht aussetzen, ungewollt Mitglied eines Schweigebündnisses zu sein, sich von Kriminellen instrumentalisieren zu lassen und schwerste Straftaten zu verharmlosen oder gar zu leugnen?

Andererseits kann auch die Wissenschaft nicht über die …

… auffällige Diskrepanz zwischen den Berichten und Anschuldigungen von Opfern und Experten einerseits und fehlenden Belegen und objektiven Beweisen andererseits”

hinwegsehen.

An mehreren Stellen betont Schmied-Knittel deshalb mit Nachdruck, es gehe ihr nicht …

… um eine Einschätzung des Realitätsstatus der Opfer rituellen Missbrauchs und schon gar nicht um eine Verharmlosung oder Infragestellung realer Fälle sexueller Gewalt”.

Angelegen ist der Autorin eine Versachlichung des Themas – ausgehend von der Beobachtung, dass …

… in der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit bis heute ein primär gefahrenfokussierter Diskurs dominiert, der unter weitgehender Ausblendung wissenschaftlicher Debatten (fast) alle kritischen Einwände überstimmt.”

Kannibalismus, Tötungen

Kritische Einwände forderten die zahlreichen Bücher, Erfahrungsberichte und Medienkommunikate in Sachen ritueller Missbrauch von Beginn an heraus – und wurden stets mit dem immer gleichen Argumentationsmuster (S.131) zurückgewiesen:

  • Polizeiliche Ermittlungen, die regelmäßig ins Leere laufen? Eine Vielzahl von hochrangigen Mitverschwörern sitzt an einflussreichen Schaltstellen und ist daher in der Lage, entsprechende Straftaten dauerhaft zu vertuschen!
  • Schilderungen von unglaublicher Monstrosität, die etwa Kannibalismus und Kindstötungen einschließen? Gerade die Unglaublichkeit dieser Verbrechen ist ihr bester Schutz! Weil sie die geschilderten Taten einfach nicht glauben können, geben auch Ermittlungsbehörden zu schnell auf, wenn Satanisten-Opfer Anzeige erstatten!
  • Wieso gelingt der ursächliche Nachweis der traumatischen Erfahrungen von Kultopfern im Einzelfall nur schwer oder gar nicht? Weil Satanisten über ein perfektes System von Programmierungs- und Mind-Control-Techniken verfügen!
  • Warum hat noch kein einziges Mitglied der weltumspannenden satanistischen Geheimbünde öffentlich ausgepackt? Wegen der strengen Arkandisziplin!

Anders gesagt:

Den Satanisten wird alles zugetraut; anders lautende Informationen gelten als ideologisch verzerrt, manipuliert oder Ausdruck von Desinformiertheit.”

Rhetorische Endlosschleife

Diese eigentümliche Kausalkette an Argumenten, mit denen versucht wird, Bedenkenträger von der Richtigkeit der Gefahrendeutung zu überzeugen und die „Tatsächlichkeit der Tatsachen“ möglichst widerspruchsfrei darzulegen, dekuvriert Schmied-Knittel als „rhetorische Endlosschleife“ (S. 130), die resistent gegenüber Kritik beziehungsweise der Überprüfung ihres Wahrheitsgehalts sei.

Als Akteure eines „Meinungs- und Zitierkartells“ (S.133) benennt die Autorin eine „recht kleine, nichtsdestotrotz wirkungsmächtige Diskursgemeinschaft“ aus „aufdeckenden“ Therapeuten, „apologetischen“ Aufklärern und „skandalisierenden“ Journalisten/Publizisten. Ein nahezu geschlossener Kreis, deren Publikationen sich durch eine extrem hohe Rate an Selbst- oder In-Group-Zitaten auszeichneten:

Legt man beispielsweise die verschiedenen Literaturverzeichnisse oder Quellenangeben der Diskursfragmente einmal vergleichend nebeneinander, stößt man auf immer wieder zitierte Referenzen, die als Grundlagenwerke deklariert werden und deren Autoren ausschließlich zum Kreis jener Akteure gehören, die den Gefahrendiskurs inhaltlich gestaltet und wesentlich vorangetrieben haben.“

Aus Dunkelfeldspekulationen werde so „ein maximales Schreckensbild mit vermeintlich sozialer Realität“. (S. 127)

Konstrukte und Schein-Faktizität

Gleichwohl die Sozialwissenschaftlerin Schmied-Knittel das Phänomen „satanisch-ritueller Missbrauch“ erklärtermaßen aus diskursanalytischer und wissenssoziologischer Perspektive betrachtet, macht sie aus ihrer Überzeugung keinen Hehl, dass wir es dabei mit einem fiktionalen Konstrukt zu tun haben.

Als persönliches Fazit führt die Autorin aus:

Es scheint sogar, als führe der Diskurs gegenüber der Wirklichkeit ein Eigenleben, bei dem gerade nicht objektive Belege, sondern allein ständige Wiederholungen gesellschaftlicher Stereotype und deren nochmalige symbolische und mediale Überhöhung in diskursiven Prozessen für Faktizität sorgen.“

Das Fatale daran ist, dass eine realitätsangemessene Verhandlung des Gegenstandes in Deutschland kaum noch möglich erscheint. Leidtragende könnten nicht zuletzt echte Missbrauchsopfer sein, deren Schilderungen man künftig möglicherweise mit größerer Skepsis begegnen wird.

Immerhin: 1998 verlautbarte die „Enquetekommission des Deutschen Bundestages zu sogenannten Sekten und Psychogruppen“, dass es „keine gesicherten Erkenntnisse darüber gibt, dass es weit verbreitet und vor allem in satanistischen Zusammenhängen zu rituellem Missbrauch kommt“.

Wenig überraschend kanalisierten die Problemakteure in der Folgezeit einen „Strom der Empörung“:

Insbesondere politischen Entscheidungsträgern und Ermittlungsbehörden wird seither regelmäßig vorgeworfen, satanisch-rituellen Missbrauch nicht erst genug zu nehmen oder das Problem gar gänzlich zu leugnen.“

Auch dies ist wohl als Indiz dafür zu sehen, dass der Satanismus „bis heute einen gleichermaßen abstrakten wie assoziativen Deutungs(frei)raum für all das durch die Gesellschaft als Böse und bedrohlich Empfundene“ (S. 95) bietet.

Das personifizierte Böse

In dieser Feststellung der Autorin schwingt zugleich die Erklärung dafür mit, wieso das Thema satanisch-ritueller Missbrauch „alles andere als vom Tisch“ (S. 51) ist – offiziellen staatlichen Gutachten ebenso zum Trotz wie wissenschaftlichen Untersuchungen.

Dass Skeptizismus in diesem Bereich weiterhin als „unangemessen“ (S. 79) empfunden werde, ist nach Einschätzung der Autorin nicht nur den „irrationalen Bedrohungsszenarien und verschwörungstheoretischen Immunisierungsstrategien“ (S. 79) geschuldet, sondern auch einem öffentlichen Gefahrendiskurs, welcher das Publikum fast dazu zwingt, sich „moralisch auf die richtige Seite zu schlagen“.

Denn:

„Bewegen sich schon Sexualstraftäter, insbesondere Kinderschänder, außerhalb jeder gesellschaftlichen Toleranz …“, kulminierten Kinderschänder und rituelle Satanisten schließlich „in dem personifizierten Bösen.”

Wohltuend unemotional

Morddrohungen, Verleumdungen und Gerichtsprozesse, wie sie im Zuge der Missbrauchs- und „False-Memory“-Debatte etwa über die amerikanische Gedächtnisforscherin und Skeptikerin Elizabeth Loftus hereinbrachen, werden der Soziologin Ina Schmied-Knittel wohl erspart bleiben.

Ihrer couragierten, durchweg überzeugenden Analyse eines heiklen und hoch sensiblen Themas gebührt indes auch in einem emotional weniger aufgeheizten Klima als in den USA Anfang der 90er-Jahre Respekt und Anerkennung.

Wissenschaftliche Nüchternheit ist hier als auszeichnendes Prädikat zu verstehen.

Zum Weiterlesen:

  • Ina Schmied-Knittel: Satanismus und ritueller Missbrauch. Eine wissenssoziologische Diskursanalyse. Ergon-Verlag, Würzburg 2008
  • Satansopfer: Fakt oder Fantasie? GWUP-Blog am 18. Februar 2010
  • Falsche Erinnerungen an Missbrauch und Aliens, GWUP-Blog am 26. Oktober 2013
  • Satanismus: Keine rituelle organisierte Gewalt beweisbar, AGPF am 31. Januar 2012
  • Was sind und tun eigentlich Satanisten? GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Satanistenmorde bei Hoaxilla, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Hoaxilla #159 – ‘Satanistenmorde’ am 4. Mai 2014

Was sind und tun eigentlich Satanisten? Ein Interview

Was sind und tun Satanisten?

Für ihre Doktorarbeit “Zeitgenössischer Satanismus in Deutschland” hat die Religionswissenschaftlerin Dagmar Fügmann die Szene intensiv ausgeforscht.

Bernd Harder sprach mit ihr über Satanskirchen, Selbstvergöttlichung und Sexualmagie (Skeptiker 4/2009):

Skeptiker: In einem Satanismus-Forum im Internet wird Ihre Dissertation als das „bisher objektivste Werk zum Thema Satanismus“ bezeichnet. Wie haben Sie sich dieses Lob aus der Szene verdient?

Fügmann: Gute Frage. Wahrscheinlich durch die in den theoretischen Ansätzen der Religionswissenschaft verankerte Prämisse, ergebnisoffen und, so weit dies möglich ist, wertneutral an Forschungsthemen heranzugehen.

Als Religionswissenschaftlerin arbeite ich nicht auf der Ebene von Fragen zum Beispiel nach wahrer oder falscher Religion beziehungsweise Weltanschauung, sondern vorrangig deskriptiv.

Durch diese Herangehensweise – und die ebenfalls religionswissenschaftliche Prämisse, dass sich beschriebene Personen in den Deskriptionen wiederfinden können sollen – wird eine Arbeit über Satanismus möglicherweise objektiver als jene, welche unter dem Blickwinkel bestimmter weltanschaulicher Urteile oder auch Vor-Urteile entstehen.”

Was verstehen Satanisten denn nun eigentlich unter „Satan?

Das lässt sich pauschal nicht sagen. „Den“ Satanismus gibt es ebenso wenig wie „den“ Islam oder „das“ Christentum. Satanskonzeptionen existieren in diesem Feld fast ebenso viele, wie es unterschiedliche Gruppierungen gibt.

Die Church of Satan beispielsweise und alle, die sich an ihr Gedankengut anlehnen, definieren Satan als Symbol oder als Archetyp unter anderem für die triebbetonte Instinktnatur des Menschen. Andere Gruppen sehen in Satan beziehungsweise Luzifer den Rebell, der dem Menschen das Licht der Erkenntnis und Freiheit bringt.

Wieder andere, wie etwa der Temple of Set, sehen in Set – statt Satan – das am weitesten entwickelte Wesen innerhalb des Universums, das als Ausrichtungspunkt für die eigene individuelle Entwicklung dienen kann.”

Das eigentliche Grundelement ist der Kerngedanke, dass jeder Mensch sein eigener Gott sein kann. Welcher Typus von Personen fühlt sich besonders von satanistischem Gedankengut angezogen?

Auch hier lässt sich keine pauschale Antwort geben. Was die Gruppe von Personen anbelangt, die ich in meiner Forschung begleitet habe, kann ich sagen, dass es sich mehrheitlich um Personen handelte, die ein recht hohes Bildungsniveau aufweisen, beruflich häufig selbständig sowie überwiegend im Alter zwischen 30 und 50 Jahren sind. Also keine Jugendlichen.”

Satanisten sehen sich selbst gerne als harmlose, freundliche Zeitgenossen. Aber wie harmlos kann eine Weltanschauung sein, die der „triebbetonten Instinktnatur“ des Menschen huldigt? Was ja nichts anders heißt, als das Recht des Stärkeren zu propagieren und einen ausgeprägten Individualismus und Sozialdarwinismus zu pflegen.

Meinen Erfahrungen nach sehen sich Satanisten keineswegs unisono als harmlose Zeitgenossen. Wenn ein Satanist oder eine Satanistin zu seiner/ihrer Weltanschauung zugleich sozialdarwinistische Konzepte vertritt, dann ist den Betroffenen schon klar, dass dies nicht als harmlos gilt. Aber: Nicht alle Satanisten sind zugleich Sozialdarwinisten.

Wenn sie sich als solche bezeichnen, dann vor allem in Bezug auf Einstellungen, also etwa dass jedes Individuum bei gleichen Chancen für alle selbst verantwortlich dafür ist, wo es seinen Platz in der Gesellschaft findet. Dieser Platz ist nicht statisch, sondern soll durch Leistung erlangt und erhalten, bei Versagen wieder verloren werden können.

Satanisten definieren sich mehrheitlich als gesellschaftliche Elite und sind bereit, für eine von ihnen individuell angestrebte gesellschaftliche Position einiges zu leisten.”

Wieso nennen Satanisten sich dann nicht „Ego-Zentristen“ oder ähnliches?

Aus unterschiedlichsten Gründen, die jeweils mit bestimmten Konzeptionen zu tun haben, welche Satanisten mit dem Begriff Satan verbinden. Der Gründer der Church of Satan beispielsweise, Anton Szandor LaVey, beantwortete diese Frage so:

„My brand of Satanism is the ultimate conscious alternative to herd mentality and institutionalized thought. It is a studied, contrived set of principles and exercises, designed to prevent, and liberate from, the contagion of mindlessness which destroys innovation [...]

Here are some reasons why it is called Satanism: It is most stimulating under that name, and self-discipline and motivation are easier under stimulating conditions. It means the opposition and epitomizes all symbols of non-conformity. It represents the strongest ability to turn liability into an advantage – to turn alienation into exclusivity. In other words, the reason it’s called Satanism is because it’s fun, it’s accurate and it’s productive.”

 Wozu brauchen Satanisten den Satan?

Satanisten brauchen Satan nicht in dem Sinne, dass er sie zu irgendeiner Art von „Heil“ führen könnte oder ihnen irgendwelche Wünsche erfüllen soll. Satan wird im Satanismus auch nicht angebetet. Solche Formen von Satansverehrung bezeichnen Satanisten als Teufelsanbetung, die sie dezidiert von Satanismus unterscheiden.

Wie gesagt, Satan wird in keiner mir bekannten oder von mir untersuchten Form von Satanismus im christlichen Sinne verstanden. Er gilt also nicht als der Böse, als Verführer oder Lügner. Es finden immer positive Umdeutungen statt. „Satan“ ist in vielen satanistischen Deutungen eher als Symbol zu verstehen – etwa für eine Kraft, die in jedem Menschen existiert.”

Im Zusammenhang mit Satanismus ist häufig von der Entwertung unserer ethisch-moralischen Werte die Rede. Konnten Sie das auch so feststellen?

Es scheint mir etwas überzogen, von einer generellen Umwertung aller sozialverträglichen Werte im Satanismus zu sprechen. Zumindest bei den von mir interviewten Satanisten ließ sich das nicht pauschal feststellen, sondern lediglich in einigen Punkten. In den allermeisten Bereichen unterscheiden sich die Einstellungen von Satanisten wenig von denen, die repräsentative Umfragen für die deutsche Bevölkerung feststellen.

Es herrscht zum Beispiel Einigkeit darüber, dass der Sinn des Lebens darin besteht, das Beste aus seinem Leben zu machen. Auch sind sich Satanisten und „Normalbürger“ relativ einig, dass mehr Verantwortung beim Individuum und weniger beim Staat liegen sollte, und darin, dass es keine absoluten und klaren Maßstäbe für eine Einteilung in Gut und Böse geben kann. Die meisten Ansichten sind ziemlich Mainstream.”

Und die Abweichungen, die Sie angesprochen haben?

Feststellbare Unterschiede in den Wertvorstellungen zwischen Satanisten und Vergleichsgruppen gründen unter anderem darauf, dass Werte für Satanisten als kontextabhängig gelten, nicht als statisch. Individuelle Freiheit gilt ihnen als höchster anzustrebender Wert, bei gleichzeitiger Betonung von Eigenverantwortlichkeit, Leistung und Chancengleichheit.

Zum Teil werden stratifizierte Ordnungen bevorzugt, die Leistung und Bildung betonen. Eine starke Abweichung zeigt sich darin, dass eine Gleichheit aller vor dem Gesetz abgelehnt wird. Weitere Unterschiede zwischen Satanisten und anderen Gruppen der Bevölkerung bestehen bezüglich der Einschätzung bestimmter Verhaltensweisen, etwa was Homosexualität, Abtreibung oder sexuelle Freiheit angeht.

Vor allem beim Thema Homosexualität beziehungsweise sexuelle Freiheit zeigen Satanisten eine sehr tolerante Einstellung, die aber immer mit dem Hinweis verknüpft wird, dass jegliche Handlung für alle Beteiligten in Ordnung sein muss.”

Wenn Satanisten das Individuum verherrlichen – wieso gibt es dann überhaupt, Gruppen, Logen, Organisationsstrukturen?

 In eine Gruppe eingebunden zu sein bedeutet ja nicht gleichzeitig die Aufgabe der eigenen Individualität. Wenn Satanisten sich in irgendeiner Form organisieren – und das trifft nicht unbedingt für die Mehrheit zu –, dann dienen diese Gruppen vor allem dem Gedankenaustausch und Zusammensein mit Gleichgesinnten.”

Also alles ganz harmlos?

Ich bin bei meinen Forschungen in der Szene mehrheitlich höflichen und häufig auch freundlichen Personen begegnet, zumindest nachdem zum Teil vorhandenes anfängliches Misstrauen abgeklungen war. Für mich persönlich kann ich sagen, dass ich mich in keiner Art und Weise bedroht gefühlt habe. Anderen mag es anders ergehen, das kann ich nicht beurteilen.

Abstrahierend von persönlichen Erfahrungen könnte man jedoch für die bestehende Gesellschaftsordnung gefährliches Gedankengut bei jenen Satanisten identifizieren, die den Gedanken der Gleichheit aller modifizieren, indem sie ihn auf den Gedanken der gleichen Möglichkeiten für alle reduzieren. Gleichheit vor dem Gesetz beispielsweise wäre hier nicht mehr gegeben. Wobei die Ideen zum Thema ungleiche Rechte für unterschiedliche Schichten der Bevölkerung nicht genuin satanistisch sind.

Eine weitere Frage wäre, ob eine Gefahr für Einzelne und für die Gesellschaft darin liegen könnte, sich selbst im Satanismus ziemlich absolut zu setzen.”

Welche Bedeutung haben Rituale im Satanismus? Zum Beispiel Sexualmagie, was vor allem die Boulevardpresse stets besonders fasziniert.

Jede Gruppierung hat eine eigene Konzeption von Ritualen, ebenso wie jeder gruppenunabhängige Satanist. Recht verbreitet ist die Konzeption der Church of Satan, die Rituale im Sinne von Psychodramen definiert: Magie gilt als Möglichkeit zur Beeinflussung von Gegebenheiten mittels einerseits Ritualen, andererseits eher alltagspsychologischen Kniffen.

Die meisten Satanisten, die mir während meiner Forschung begegnet sind, haben allerdings keinen ausgeprägten ritualmagischen Ansatz. Viele praktizieren gar keine Rituale beziehungsweise Magie.”

Stichwort „Church of Satan“: Das Gedankengut dieser Organisation ist eng mit den gesellschaftlichen Stimmungen und Entwicklungen der ausgehenden 1960er-Jahre verbunden. Wie ist es ihr gelungen, bis heute nahezu unverändert zu bestehen? Und immer noch gut im Geschäft zu sein?

Eine einfache Antwort wäre vielleicht: Sie konnte sich in dieser Form halten, weil es immer noch viele Personen gibt, die das Gedankengut der späten sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts als erstrebenswerte Grundlage der eigenen Lebensgestaltung ansehen.

Im speziellen Fall der Church of Satan hat die Kontinuität ihrer Existenz vermutlich auch etwas mit der charismatischen Ausstrahlung des Gründers LaVey zu tun. Sein Nachfolger Peter H. Gilmore versteht es ebenfalls gut, sich wirkungsvoll in Szene zu setzen.”

Mal abgesehen von diesem Show-Charakter der Church of Satan: Es scheint in der Tat so zu sein, dass die Einstellungen, die sich gesamtgesellschaftlich in den letzten Jahren und Jahrzehnten herauskristallisiert haben, denen sehr ähnlich sind, die auch Satanisten individuell für sich schätzen. Wenn man etwa Bücher von manchen „Erfolgstrainern“ liest, könnte man stattdessen auch die „Satanische Bibel“ hernehmen.

Was beispielsweise Freiheit, Individualität und Leistungsorientierung anbelangt – ja. Ich würde vorsichtig sagen, dass Satanismus in seinen verschiedenen Ausprägungen durchaus allgemein präferierte Wertvorstellungen aufgreift, akzentuiert und mitunter intensiviert.”

Können Sie ausschließen, dass Ihre Interviewpartner nicht vielleicht eine Art doppelte Buchführung praktizieren? Also der Wissenschaftlerin das erzählt haben, was möglichst vorteilhaft klingt, und sich innerhalb der Szene ganz anders gebärden?

Das kann man als Forscher nie völlig ausschließen, ebenso wenig wie Sie als Journalist.

Es sprechen aber einige Anhaltspunkte dagegen. Das stärkste Argument gegen ein bloß im Forschungskontext „konformes“ Verhalten ist der Verweis auf grundlegende Lehrinhalte satanistischer Gruppierungen und Organisationen. Warum sollten diese ihre Lehre in schriftlicher Form fixieren, wenn sie permanent danach trachten, massiv dagegen zu verstoßen?”

Das müssen Sie erklären.

Wir finden in den Lehren zum Beispiel einerseits die starke Betonung der Freiheit eines jeden Individuums – die jedoch dort ihre Grenzen findet, wo die Freiheit des Gegenübers anfängt. Und auch dort, wo es Gesetze und gesetzliche Regelungen einzuhalten gilt. Und das nur, um dann im praktischen Vollzug gegen jegliche Grundsätze der eigenen schriftlichen Lehraussagen, also sozusagen gegen das „Programm“, zu verstoßen?

Ein weiteres Argument ist, dass sich die häufig in der Sekundärliteratur beschriebenen Formen von Satanismus nicht objektiv nachweisen lassen. Und auch, unter Aspekten wie Logik und Plausibilität betrachtet, wohl nur schwerlich existieren könnten.”

Sie meinen damit populäre Bücher wie „Lukas – Vier Jahre Hölle und zurück“, in denen Praktiken und Rituale geschildert werden, die medizinisch gar nicht möglich sind. Zum Beispiel rohe Tierherzen zu essen.

Unter anderem solche Schilderungen wie die von Lukas meine ich. Ich würde aber noch einen Schritt weiter gehen und bereits in Frage stellen, ob die beschriebenen Gruppenstrukturen realiter existenzfähig wären. Es würde sich bei den beschriebenen Strukturen immerhin um logistische Meisterleistungen handeln, die im absolut Geheimen vor sich gehen.

Daneben gibt es schlicht keine ermittlungstechnischen Erkenntnisse beziehungsweise Anhaltspunkte für die häufig beschriebenen satanistischen kriminellen Gruppierungen.

Sie haben mit Ihrer Arbeit das Klischee von Satanisten als Teufelsanbeter, Friedhofschänder oder perverse Kriminelle wohl widerlegt. Nichtsdestotrotz gibt es immer wieder Einzelfälle, in denen Satanismus eine Rolle bei Verbrechen zu spielen scheint.

In solchen Fällen handelt es sich um Kriminelle beziehungsweise um psychisch kranke Personen, die von sich sagen, dass sie Satanisten sind. Oder von denen behauptet wird, dass sie Satanisten seien. Satanist kann sich jeder nennen, und es ist nicht auszuschließen beziehungsweise in einigen Fällen so geschehen, dass es Personen gibt, die unter dem Label Satanismus Verbrechen begehen.

In den Lehren und Praktiken der bekannten satanistischen Gruppierungen und Organisationen finden sich hierfür aber keine theoretischen Grundlagen oder Anleitungen – weder für rituellen Missbrauch, noch für die Schändung von Kirchen und Friedhöfen oder die Störung der Totenruhe.

Nebenbei bemerkt: Der mexikanische Serienmörder Angel Maturino Resendiz will sich bei seinen Taten „wie ein Engel Gottes“ gefühlt haben – würde man seine Morde denn als „christliche Verbrechen“ oder als „christlich motivierte Verbrechen“ bezeichnen?”

Zum Weiterlesen:

  • Hoaxilla #159 – ‘Satanistenmorde’ vom 4. Mai 2014
  • Satanistenmorde bei Hoaxilla, GWUP-Blog am 5. Mai 2014
  • Buchrezension: Satanismus und ritueller Missbrauch, GWUP-Blog am 5. Mai 2014

Die MMS-Quacksalber heute Abend bei Spiegel-TV

Die Chlorbleiche-Verschwörung – Auftritt der Wunderheiler”

heißt ein Filmbericht, der heute Abend bei Spiegel-TV ausgestrahlt wird (4. Mai, 22.35 Uhr, RTL).

Auch bei Spiegel-Online gibt es einen aktuellen Beitrag über den “Spirit of Health”-Kongress letztes Wochenende in Hannover und über das “Wundermittel” MMS:

Wenn Quacksalber für giftige Chlorbleiche werben”

In dem Artikel heißt es unter anderem:

Vor der Esoterikmesse wird protestiert. “Warum foltert ihr Kinder?” prangt auf einem Plakat, eine junge Mutter vor den Stufen des Kongresszentrums, hält es in ihren Händen. Das Ganze sei einfach unfassbar. “Da wird empfohlen, Kindern mit diesem ätzenden Mittel einen Einlauf zu verpassen, so soll MMS auch bei Autismus wirken.”

Die MMS-Fans wollen nicht hören, dass das Mittel, für das sie auch noch viel Geld bezahlen, gefährlich ist [...]

Manche wollen belogen werden, da sei MMS ein gutes Beispiel. Wenn ein Produkt den Begriff “Miracle” (Wunder) schon im Namen trägt, müsse eigentlich jedem klar sein, dass es sich hier um ein unseriöses Heilsversprechen handelt.”

Zum Weiterlesen:

  • Gefährliches „Wundermittel“ MMS: Wenn Quacksalber für giftige Chlorbleiche werben, Spiegel-Online am 4. Mai 2014
  • “Warum foltert ihr Kinder?” Die MMS-Demo in Hannover, GWUP-Blog am 28. April 2014
  • Ein “Gesundheitskongress” als Panoptikum des Grauens, GWUP-Blog am 19. April 2014
  • Vergiftungsmittel MMS, Ratgeber-News-Blog am 27. April 2014
  • The Spirit of Bullshit, Julitschka am 26. April 2014
  • Wenn es quakt wie eine Ente: Moderne Quacksalberei MMS, Pharmama am 29. April 2014
  • Die EMA approbiert ein Wunder, sagen die Wunderheiler, Psiram am 2. Mai 2014

60 Jahre Godzilla bei Skeptics in the Pub in Augsburg

Ein eher ungewöhnliches, aber interessantes Thema gibt es beim nächsten “Skeptics in the Pub” in Augsburg.

Am 15. Mai (Donnerstag) geht um 20.30 Uhr im “Hempels” (Annapam) die Veranstaltung

60 Jahre Godzilla – König der Monster”

über die Bühne.

In der Ankündigung heißt es:

Godzilla 2014“ startet am 15. Mai in Deutschland. Dieser Film markiert zugleich ein Jubiläum – die Riesenechse erblickte erstmals 1954 das Licht der Kinoleinwand.

In einem unterhaltsamen Multimedia-Vortrag lässt der Journalist und Godzilla-Fan Bernd Harder 60 Jahre Godzilla und die bis dato 29 Filme mit dem japanischen Kultmonster Revue passieren. Eine liebevoll subjektive Hommage an das berühmteste Monster der Filmgeschichte.”

Auch wer den Augsburger Skeptiker-Stammtisch kennenlernen möchte, ist dazu herzlich willkommen.

Zum Weiterlesen:

  • Augsburger “Skeptiker” stellen sich vor, DAZ am 21. Oktober 2013
  • Monster? – Nessie, Bigfoot und Kraken auf der Spur: Ausstellung im Naturhistorischen Museum Mainz
  • Echs-trem unwahrscheinlich, Skeptiker 4/2001
  • Japanische Fans finden Godzilla im neuen Film zu dick, Focus-Online am 2. Mai 2014
  • Mutierter Fukushima-Krake in Kalifornien angespült? GWUP-Blog am 10. Januar 2014
  • Godzilla: “Das Monster war eine Offenbarung” – Interview mit Bernd Harder, Augsburger Allgemeine am 14. Mai 2014




NEU: Skeptiker 2/2014

SKEPTIKER 2/2014