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Die Gentechnik-Sicherheitsdebatte ist vorbei

von Mark Lynas

Die Gentechnik-Debatte ist vorüber – wieder einmal. Die renommierten US-amerikanischen Nationalen Akademien der Wissenschaft, Ingenieurwissenschaften und Medizin haben den bisher weitreichendsten Bericht veröffentlicht, der jemals in der Wissenschaft über genetisch veränderte Lebensmittel und Nutzpflanzen zusammengestellt wurde.

Die Schlussfolgerung ist eindeutig: Nachdem sie hunderte wissenschaftliche Publikationen zum Thema bewerteten, stundenlang die Aussagen von Aktivisten anhörten und hunderte Kommentare aus dem allgemeinen Publikum in Betracht zogen, schreiben die Autoren, dass sie keine  fundierten Belege dafür finden konnten,  dass gentechnisch veränderte Erzeugnisse weniger sicher als nicht gentechnisch veränderte Erzeugnisse sind.

Der Prozess der Nationalen Akademien war beeindruckend umfassend und einvernehmlich. Wie im Vorwort zum Bericht vermerkt wurde, nahmen die Wissenschaftler „alle Kommentare“ als „konstruktive Herausforderungen“ auf und zogen sie sorgsam in Betracht.

Geduldig räumte das Expertenkomitee dem vom yogischen Flieger zu Anti-Gentechnik-Aktivisten mutierten Jeffrey Smith großzügig 20 Minuten ein, in denen er seine übliche Aussage verbreitete, dass genetisch modifizierte Lebensmittel für so gut wie jede denkbare moderne Erkrankung verantwortlich seien.

Auch Greenpeace machte auf Einladung eine Aussage, ebenso Giles-Eric Séralini. Dem französischen Professor widerfuhr die ultimative Demütigung, dass er seine Publikation über eine erhöhte Tumorrate bei GVO-gefütterten Ratten 2013 zurückziehen musste.

Jede Behauptung wurde einzeln untersucht. Verursachen gentechnisch veränderte Lebensmittel Krebs? Nein: In den USA, wo genetisch veränderte Lebensmittel häufig sind, kommt es über die Jahre ebenso zu Schwankungen der Krebshäufigkeit wie in Großbritannien, wo genetisch veränderte Lebenmittel fast unbekannt sind.

Wie steht es mit Nierenleiden aus? Die Häufigkeit in den USA hat sich kaum verändert. Starkes Übergewicht oder Diabetes? Es gibt es keine publizierten Belege für die Hypothese eines Zusammenhangs zwischen ihnen und gentechnisch veränderten Lebensmittel. Zöliakie? Wieder kein bedeutender Unterschied zwischen den zwei Ländern.

Allergien? Das Komitee fand wiederum keinen Zusammenhang zwischen dem Verzehr von gentechnisch veränderten Lebensmitteln und einen Anstieg bei der Prävalenz von Lebensmittelallergien. Autismus? Auch hier gab es  im Vergleich zwischen den USA und Großbritannien keine Belege für die Hypothese eines Zusammenhangs.

In einer rationalen Welt wäre jeder, der zuvor Befürchtungen über die gesundheitlichen Auswirkungen von GVOs hatte, nun erleichtert und würde beginnen, nach wissenschaftlich begründeten Erklärungen für besorgniserregende Tendenzen bei gesundheitlichen Problemen wie Diabetes, Autismus und Lebensmittelallergien suchen.

Doch sind psychologische Assoziationen, die sich über Jahre gebildet haben, schwierig zu lösen.  Eine Umfrage des Pew Research Center aus dem Jahr 2010 ergab, dass nur 37 Prozent der US-Bevölkerung gentechnisch veränderte Lebensmittel als sicher einschätzen. Unter den Wissenschaftlern der US-amerikanischen AAAS (American Association for the Advancement of Science) sind es dagegen 88 Prozent.

Die Kluft ist größer als bei anderen kontroversen Themen der Wissenschaft, etwa Klimawandel, Evolution und Impfungen für Kinder. Diese eingefahrenen Einstellungen werden nicht über Nacht verschwinden, insbesondere, weil sie dauernd von einer lautstarken und gut finanzierten Anti-GMO Lobby verstärkt werden.

Es gibt auch Abhängigkeiten von politischen Entscheidungen. Das Gentechnik-Kennzeichnungsgesetz von Vermont in den USA wird ab 1. Juli Lebensmittelhersteller und Händler in ein Chaos stürzen, da dort explizit davon ausgegangen wird, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel unsicher sein können. In der Präambel steht:

There is a lack of consensus regarding the validity of the research and science surrounding the safety of genetically engineered foods, [such foods] potentially pose risks to health [and] safety.”

Übersetzung:

Es fehlt ein Konsens bezüglich der Validität der Forschung und der Wissenschaft um die Sicherheit von genetisch veränderten Lebensmitteln; solche Lebensmittel können ein Risiko für Gesundheit und Sicherheit darstellen.”

Werden die Gesetzgeber von Vermont ihr Gesetz nun revidieren, da sie ganz klar am falschen Ende des wissenschaftlichen Konsenses stehen? Natürlich nicht.

Der Bericht der Nationalen Akademien dürfte für die Umweltbewegung besonders unangenehm zu lesen sein. Viele der führenden Gruppen, die dort organisiert sind, zeigen eine ausgeprägte Leugnung der Wissenschaft in dieser Frage.

Eine führende Sprecherin von “Friends of the Earth” (in Deutschland vom BUND vertreten) tat den Bericht als irreführend ab, noch bevor sie ihn überhaupt gelesen hatte. Die Website der Gruppierung behauptet,  „viele Studien“ würden zeigen, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel „erhebliche Risiken“ für die Gesundheit von Menschen darstellen.

Eine andere Umweltorganisation – “Food and Water Watch” – veröffentlichte eine Widerlegung noch vor der Veröffentlichung des Berichtes. Im Sinne einer Verschwörung warf sie den Nationalen Akademien vor, unaufgedeckte Verbindungen zu Monsanto zu haben, bevor sie nochmals ihre Ansicht bekräftigte:

There is no consensus, and there remains a very vigorous debate among scientists [...] about the safety and merits of this technology.”

Übersetzung:

Es gibt keinen Konsens und es bleibt eine lebhafte Debatte unter Wissenschaftlern über die Sicherheit und Vorzüge dieser Technologie.”

Trotz dieser scharfen Leugnungen ist es eine Tatsache, dass über die Sicherheit von gentechnisch veränderten Lebensmittel nicht mehr debattiert wird als über die Realität des Klimawandels, wo grüne Gruppen den wissenschaftlichen Konsens aggressiv verteidigen.

Die Ironie der ganzen Affäre geht tiefer: Viele Strategien, die zur Verteuflung von GVOs angewandt werden, könnten direkt aus dem Klimawandel-Leugnungs-Drehbuch stammen. Es gibt dort genau die gleichen „Kein-Konsens“-Aussagen von selbsternannten Experten.

Nun, mehr als 300 „Wissenschaftler und juristische Experten“ hätten ein „Kein-Konsens-zur-GVO- Sicherheit“- Statement unterschrieben, wie uns Greenpeace erinnert.

Dies hört sich viel an, bis man es mit den 30.000 „amerikanische Wissenschaftlern“ vergleicht, die eine Petition unterschrieben haben sollen, der zufolge es keinen überzeugenden wissenschaftlichen Beweis für die Verbindung zwischen CO2 und Klimawandel gibt. Diese Petition wird von Greenpeace (in meinen Augen zu recht) ignoriert.

Es gibt auch einen besorgniserregenden Trend zur Belästigung von Wissenschaftlern, die in gutem Glauben handeln. Genauso wie führende Republikaner auf schändliche Art und Weise Klimaexperten mit politisch motivierten Vorladungen drangsalieren, hat eine Anti-GVO-Gruppe namens “US Right to Know” Dutzende Genetiker und Molekularbiologen an öffentlichen Universitäten mit wiederholten „Freedom of Information Act“-Anfragen zur Herausgabe privater Emails aufgefordert.

In einigen Fällen erhielten Wissenschaftler aufgrund entsprechender Kampagnen Todesdrohungen. Ihre Labor- und Privatadressen wurden über soziale Medien verbreitet.

Es gibt im Übrigen durchaus Raum für echte Differenzen. Der Bericht der Nationalen Akademien war bemüht, auch auf Schwierigkeiten und Nachteile von GVOs hinzuweisen.

Die übermäßige Anwendung von gentechnisch veränderten Nutzpflanzen hätte zur Evolution von Resistenzen geführt, sowohl bei Unkräutern als auch bei Insekten. Auch könnte die Dominanz der Industrie dazu führen, dass der Zugang von kleinen Bauern in ärmeren Ländern zu verbessertem Saatgut behindert würde. Die GVO-Kennzeichnung könnte das Vertrauen in ein transparentes Lebensmittelsystem steigen.

Aber diese echten Debatten stehen außerhalb der Debatte über die Sicherheit von GVOs. Letztere ist nun definitiv ad acta gelegt worden.

Halten wir also nochmals klar fest: Die Sicherheitsdebatte ist vorbei. Wenn Sie ihre Kinder impfen lassen und glauben, dass der Klimawandel stattfindet, sollten Sie aufhören, Angst vor genetisch veränderten Lebensmitteln zu haben.

Zum Autor:

Mark Lynas ist Autor und ein Vorkämpfer in Sachen Klimawandel und ein Visiting Fellow an der Cornell Alliance for Science. Er ist Autor von “Six Degrees: Our Future On A Hotter Planet”

Dieser Artikel erschien am 23. Mai 2016 auf Englisch bei der Cornell Alliance for Science (Cornell Allianz für Wissenschaft). Wir danken Mark Lynas dafür, dass er die deutsche Version für den GWUP-Blog freigegeben hat.

Falls Sie möchten, dass Mark Lynas direkt antwortet, schreiben Sie bitte Ihre Kommentare auf Englisch. Fragen auf Deutsch beantwortet Amardeo Sarma ggf. in Absprache mit Mark Lynas.

Video: Einhörner und spirituelles Verhüten – Zwei Skeptiker bei der Open Stage am Burgtheater

Die Wiener Skeptiker Martin Moder und Florian Aigner bei einer Open Stage im Burgtheater:


Direktlink zum Video auf Youtube

Die Tonqualität ist “nicht ideal”, es gibt aber Untertitel.

Zum Weiterlesen:

  • Wenn Science Blogger spirituell verhüten, GENau am 26. Mai 2016
  • SkepKon-Video mit Martin Moder: Giftige Gene? Grüne Gentechnik vs. hartnäckige Gerüchte, GWUP-Blog am 19. Mai 2016
  • SkepKon-Video mit Florian Aigner: Wissenschaft und Blödsinn vom 2. November 2015

Na sowas: Homöopathie ist ein „Geschäftsfeld der pharmazeutischen Industrie“

Die Mediensichtung zur Jahrestagung des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte, die morgen in Bremen beginnt, dürfte der Schüttel-Lobby das stoische Weglächeln jedweder Kritik deutlich schwieriger machen als in der Vergangenheit.

Nach dem Spiegel und Spiegel-Online richtet auch die tageszeitung an Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) die Frage:

Schirmherrschaft für den Homöopathie-Kongress – geht’s noch?!”

tazr

Wo Menschen ernste Krankheiten nicht sinnvoll behandeln lassen, wird es allerdings heikel. Da schadet Homöopathie – und gefährdet Leben.

Vor allem aber steht sie für die Etablierung eines irrationalen Denkens. Sie gleicht darin anderem Aberglauben und Verschwörungsdenken, daher die Nähe zur Esoterikszene.

In Zeiten, da Impfgegner oder gar Aids-Leugner immer mehr Unheil anrichten, wäre es die Sache einer Gesundheitssenatorin, aufzuklären: über die Gefahren pseudomedizinischer Methoden und – anlässlich des Kongresses – auch über die falschen Versprechungen der Homöopathie.

Stattdessen dafür Patin zu stehen, ist skandalös.”

Allenfalls die Überschrift ist etwas unglücklich gewählt. Denn homöopathische Pseudo-Medizin ist zugleich Profi-Politik – nur so kann sie in Deutschland überhaupt fortbestehen, erklärt der Gesundheitswissenschaftler Prof. Norbert Schmacke diese Woche im gedruckten Spiegel.

Die Deutsche Welle fordert sogar:

DW

Zum Schutz des eigenen Ansehens – aber noch mehr zum Schutz der Verbraucher und Patienten – müssen die ärztlichen Berufsvereinigungen, die universitäre Forschung und auch die wissenschaftlich forschenden Pharmaunternehmen endlich klar Stellung beziehen: Homöopathie muss geächtet werden! Sie gehört weder in Arztpraxen noch in Apotheken oder seriöse Forschungslabore.”

Und nicht zu vergessen: die Krankenkassen.

Ein schönes Beispiel für rein merkantile Interessen unter Verleugnung jedweder Rationalität und Wissenschaft liefert heute die Securvita, die sich in einer Pressemitteilung

… klar und eindeutig zur Homöopathie als gesetzlicher Kassenleistung bekennt.”

In dem peinlich durchsichtigen Werbeschrieb macht der Verwaltungsratsvorsitzende Joachim Raedler aus der Homöopathie mal eben so ein “Naturheilverfahren” und schilt Homöopathie-Kritik als “Versuch, die therapeutischen Alternativen in der Medizin einzuschränken”.

Fragt sich nur, von welcher “Alternative” der Kassenfunktionär redet? Eine vollkommen wirkungslose “mittelalterlich anmutende” (Schmacke) Methode ist zu gar nichts eine “Alternative”.

Leseempfehlung für Herrn Raedler:

GEN

Aufmerksamkeit verdient auch eine kleine Meldung bei Pharma Relations:

Mit Meike Criswell hat der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) nicht nur eine neue Geschäftsfeldleiterin, sondern auch ein Aufgabengebiet verstärkt. Ab dem 1. Juli ist die Pharmazeutin für “Homöopathie und Anthroposophie” zuständig.”

Was? Wie bitte??

Homöopathie ist ausdrücklich ein “Geschäftsfeld” der “pharmazeutischen Industrie”?

Nein!!!

Und wir dachten immer, philantropische Menschheitsbeglücker stellen in ihrer Freizeit die Globuli ehrenamtlich her und geben sie unentgeltlich an alternative Naturliebhaber ab, fernab von den schlimmen Machenschaften der Farmermafia.

Na sowas …

Zum Weiterlesen:

  • Kongress: „Homöopathen tagen unter wissenschaftlicher Schirmherrschaft“, GWUP-Blog am 23. Mai 2016
  • Pseudo-Medizin oder Profi-Politik? taz am 24. Mai 2016
  • Schluss mit dem Hokuspokus: Homöopathie hat in der Medizin nichts verloren, DW am 25. Mai 2016
  • Homöopathie: Mit Zuckerkügelchen heilen? DW am 25. Mai 2016
  • Kranke Kassen und Voodoo, GWUP-Blog am 11. November 2014
  • Ist Homöopathie böse? Gesundheits-Check am 25. Mai 2016

„Anerkannter Irrsinn“: Homöopathie im „Spiegel“

Diese Woche im gedruckten Spiegel (21/2016):

Der Bremer Gesundheitswissenschaftler Prof. Norbert Schmacke über die Privilegien der Homöopathie.

Schmack

Ein Auszug:

Spiegel: Wie konnte es dazu [zu den gesetzlichen Sonderregelungen für die Homöopathie] kommen? In den Siebzigerjahren gab es doch hierzulande nur sehr wenige praktizierende Homöopathen unter den Ärzten.

Schmacke: Die Globuli-Fans hatten damals eine mächtige Verbündete: Veronica Carstens, die Ehefrau des Bundestags- und Bundespräsidenten Karl Carstens. Sie war Ärztin für Naturheilverfahren und überzeugte Homöopathin.

Ihrer unermüdlichen Lobbyarbeit ist es zu verdanken, dass der Sonderstatus ins Gesetz kam. Anfang der Achtzigerjahre gründete das Ehepaar Carstens dann eine Stiftung zur Erforschung der Naturheilkunde und Homöopatie.”

Die Homöopathie wurde also hoffähig?

Man fasst sich an den Kopf, aber ja, so war es. Das Verfahren wurde sogar in die Approbationsordnung für Ärzte aufgenommen.

Endgültig zum Durchbruch verhalf ihr dann ausgerechnet Jörg-Dietrich Hoppe, ein gelernter Pathologe, der von 1999 bis 2011 Präsident der Bundesärztekammer war. Aus unerklärlichen Gründen hat er sich bezirzen lassen. So hielt die Homöopatie sogar Einzug in die Weiterbildungsordnungen der Ärztekammern.

Man kann heute eine ärztliche Zusatzbezeichnung zu dieser mittelalterlich anmutenden Methode erwerben, die das Siegel der Ärztekammer trägt. Der Irrsinn ist inzwischen so anerkannt, dass mancher Arzt Angst hat, sich dagegen auszusprechen.”

Wie könnte die Homöopathie ihre Privilegien wieder verlieren?

Ganz einfach: Der Gesetzgeber müsste ihren ungerechtfertigten Sonderstatus aufheben und sie den sonst üblichen Qualitätsanforderungen unterwerfen. Dann müssten die homöopathischen Mittelchen vor der Zulassung in qualitativ hochwertigen Studien beweisen, dass sie besser wirken als ein Placebo – wie alle anderen Medikamente auch.

Wenn ihre Methode wirklich so gut ist, wie die Homöopathen immer behaupten, hätten sie doch eigentlich nichts zu befürchten.”

Zum Weiterlesen:

  • “Anerkannter Irrsinn”, Der Spiegel 21/2016
  • Homöopathie und Politik: Norbert Schmacke im Skeptiker-Interview, GWUP-Blog am 19. März 2016
  • Magischer Kinderglaube, brand eins 1/2016
  • Homöopathie: ein geschlossenes unwissenschaftliches System, GWUP-Blog am 4. November 2015
  • Gesundheitswissenschaftler kritisiert Homöopathie: kein Nutzen, ethisch unvereinbar, GWUP-Blog am 26. Oktober 2015
  • Neuer Podcast der Schweizer Skeptiker: Interview mit Prof. Norbert Schmacke, GWUP-Blog am 14. Januar 2016
  • Studie: Homöopathie wirkt bei 9 von 10 Schwä­ge­rin­nen eines alten Schul­freunds einer Bekannten, dpo am 17. Mai 2016
  • Über die Entscheidung zur Homöopathie in der Schweiz, Informationsnetzwerk Homöopathie am 23. Mai 2016
  • Der Homöopathie-Anruf, der aus der Hölle kam, apothekentheater am 23. Mai 2016
  • Pseudo-Medizin oder Profi-Politik? taz am 24. Mai 2016

Anonymous.Kollektiv: „Größte Hetzseite im deutschsprachigen Internet” ist offline

In Sachen Anonymous.Kollektiv überschlagen sich förmlich die Ereignisse.

Kurz der aktuelle Stand:

Ausgerechnet die Clickbaitschleuder Focus-Online – und einen Tag später auch der gedruckte Focus benannte am Freitag den langjährigen AfD-Mann Mario Rönsch als Betreiber der “größten Hetzseite im deutschsprachigen Internet” (kein Ableger der Hackergruppe Anonymous, sondern “ein Zentralorgan von Islamfeinden und Flüchtlingshassern”, das sich zudem in Antisemitismus und kruden Verschwörungstheorien erging).

rönsch

Der vorbestrafte Erfurter Rönsch hatte davor sogar eidesstattlich versichert, weder Betreiber noch Administrator der Seite zu sein.

Am Samstag ging Anonymous.Kollektiv bei Facebook offline. Noch immer ist unklar, ob Facebook selbst oder ein A.K-Administrator die Seite vom Netz nahm. Die Gruppe Anonymous-Kollektiv-Watch geht davon aus, dass …

… Facebook die Seite offenbar dauerhaft gesperrt hat.”

Dann würde sich allerdings die Frage stellen: Warum erst nach dem Focus-Bericht und nicht schon viel früher?

Sicher ist, dass Facebook etwa zur gleichen Zeit das Neonazi-Hetzportal “Halle Leaks” abgeschaltet hat.

Eine Neugründung von Anonymous.Kollektiv bei Facebook hat sich heute als Fake herausgestellt.

Allerdings postet Anonymous.Kollektiv auf dem russischen Netzwerk VK weiter.

Focuss

Dort haben Hintermänner die Telefonnummern von einem an der Recherche beteiligten Focus-Journalisten und vom Chefredakteur der Welt veröffentlicht – mit der Bemerkung:

Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.”

Außerdem stellte Anonymous.Kollektiv via VK einen Kontoauszug online, der belegen soll, dass das Internet-Aufklärungsportal “Zuerst denken, dann klicken” (ZDDK) des österreichischen Vereins Mimikama

… durch deutsche Medien finanziert wird [und] gegen Geld Gefälligkeitsberichterstattung liefert.”

mimikamas

Die Fälschung ist indes so plump, dass Mimikama die Anwürfe heute lässig widerlegen konnte.

Es bleibt abzuwarten, ob ARD, Spiegel und Vice (die in dem A.K-Pamphlet beschuldigt werden, Mimikama zu allimentieren), rechtliche Schritte gegen Anonymous.Kollektiv einleiten werden.

Für die Facebook-Gruppe Anonymous-Kollektiv-Watch ist Anonymous.Kollektiv erklärtermaßen bereits Vergangenheit:

AKW

 Zum Weiterlesen:

  • Anonymous.Kollektiv ist offline: Das Ende von Deutschlands größter Hetz-Seite, motherboard.vice am 23. Mai 2016
  • Der Mimikama-Bankauszug, mimikama am 23. Mai 2016
  • Überweisung gefälscht – Mimikama entlarvt rechtes Netzwerk, morgenpost am 23. Mai 2016
  • Deutschlands größte Hetzseite: Neue Belege belasten langjährigen AfD-Mann, Focus-Online am 20. Mai 2016
  • Die dunklen Seiten des Mario R., Focus 21/2016 vom 21. Mai 2016
  • Größte deutsche Hetz-Seite gegen Flüchtlinge ist offline, Welt-Online am 22. Mai 2016
  • Von der Friedensdemo zum Waffenhandel: Wurde die Hass-Seite Anonymous Kollektiv enttarnt? Leverage Magazin am 22. Mai 2016
  • Geht Anonymous.Kollektiv die Luft aus? mimikama am 20. Mai 2016
  • Anonymous bewirbt jetzt Waffen: Die wundersame Karriere von Migrantenschreck.net, motherboard.vice am 18. Mai 2016

Himmelstrompeten und Ufo- Wolken: „Apokalypse-Sound“ war von ProSieben inszeniert

Schöner Beitrag heute bei Galileo:

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Es geht um “Ufo-Wolken” und “Himmelstrompeten”.

Jetzt ist auch klar, woher der “Schwabinger Apokalypsesound” (Süddeutsche) letzte Woche kam.

Hier geht’s zum Video.

Zum Weiterlesen:

  • Absurde Verschwörungstheorien: Gefährliche Gedankenspiele statt harmlose Unterhaltung, svz am 22. Mai 2016
  • Verschwörungstheorien machen das Leben leichter, Südwestpresse am 20. Mai 2016
  • Psychologe Bartoschek: „Wunsch nach einem Sinn hinter dem Chaos“, Südwestpresse am 20. Mai 2016
  • “Suspicious Minds: Why We Believe Conspiracy Theories” – a review by Robert Blaskiewicz, CSI am 16. Mai 2016
  • Why We Keep Dreaming of Little Green Men, New York Times am 13. Mai 2016
  • “Strange Noises”: Eine kleine Geschichte der Himmelsposaunen, GWUP-Blog am 3. September 2013
  • Das Brummton-Phänomen, GWUP-Blog am 5. Januar 2015
  • Der Knall von Wedding und andere mysteriöse Booms, GWUP-Blog am 1. Januar 2015
  • So diskutierte das Netz über unsere erfundene Verschwörung, Galileo am 23. Mai 2016

Kongress: „Homöopathen tagen unter wissenschaftlicher Schirmherrschaft“

Spiegel-Online befasst sich heute noch einmal ausführlich mit der politischen Schirmherrschaft für den Bremer Homöopathie-Kongress:

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Selbst die Bremer Gesundheitssenatorin als Schirmherrin des Kongresses widerspricht dem Verband [DZVhÄ] an einer zentralen Stelle: Die Wirkung homöopathischer Therapien, so lässt sie Spiegel-Online ausrichten, sei schulmedizinisch nicht nachweisbar.

Trotzdem möchte sie der Homöopathie einen gewissen Stellenwert in der Medizin nicht absprechen. Und am Ende müssten sich die Patienten selbst informieren und ihre eigene Entscheidung treffen, so Quante-Brandt.

Wie das Patienten gelingen soll, wenn homöopathische Ärzte selbst ihre Grenzen allzu oft nicht kennen, bleibt allerdings ihr Geheimnis.”

Zum Weiterlesen:

  • Esoterik: Homöopathen tagen unter wissenschaftlicher Schirmherrschaft, Spiegel-Online am 23. Mai 2016
  • SkepKon-Video: Dr. Natalie Grams über Homöopathie, GWUP-Blog am 16. Mai 2016
  • Spiegel kritisiert politische Unterstützung für Homöopathie, GWUP-Blog am 14. Mai 2016
  • Petition gegen die politische Schirmherrschaft des deutschen Homöopathie-Kongresses, GWUP-Blog am 26. Januar 2016
  • Die Homöopathie und ihre Schirmherren und -damen, Gesundheits-Check am 12. November 2015
  • Homöopathie und Politik: Norbert Schmacke im Skeptiker-Interview, GWUP-Blog am 19. März 2016
  • Studie: Homöopathie wirkt bei 9 von 10 Schwä­ge­rin­nen eines alten Schul­freunds einer Bekannten, dpo am 17. Mai 2016
  • Über die Entscheidung zur Homöopathie in der Schweiz, Informationsnetzwerk Homöopathie am 23. Mai 2016
  • Der Homöopathie-Anruf, der aus der Hölle kam, apothekentheater am 23. Mai 2016

Video: Anousch Mueller mit ihrem Buch „Unheilpraktiker“ im ZDF-Mittagsmagazin

“Unheilpraktiker”-Autorin Anousch Mueller war heute im ZDF-Mittagsmagazin:

Mueller

Hier geht’s zum Video.

Ein Interview mit Anousch Mueller steht auch im nächsten Skeptiker zu lesen.

Zum Weiterlesen:

  • Von der Gutgläubigkeit hin zu Faktendenken: Anousch Müller über ihr Buch „Unheilpraktiker“, GWUP-Blog am 15. Mai 2016
  • Vorsicht, Heilpraktiker! Warum die sanfte Medizin Ihrer Gesundheit schaden kann, Stern-Online am 17. Mai 2016
  • “Mir hat die Homöopathie aber geholfen!” Informationsnetzwerk Homöopathie am 22. Mai 2016
  • Anousch Müller: Unheilpraktiker – Wie Heilpraktiker mit unserer Gesundheit spielen. Riemann, München 2016

SkepKon-Video: Gentechnik- Gegnerschaft zum Schaden von Entwicklungsländern

Ein weiteres SkepKon-Video ist online (ein Film von Andreas Weimann):

Gentechnik-Gegnerschaft zum Schaden von Entwicklungsländern”

von Dr. Matan Shelomi:


Direktlink zum Video auf Youtube

Gentechnisch veränderten Pflanzen und Tiere werden als Lösung für die Probleme mit der Nahrungsmittelproduktion weltweit angepriesen, schwerpunktmäßig für Regionen wie Afrika und Südostasien.

Die wissenschaftliche Grundlage dazu ist korrekt und unstrittig: GV-Lebensmittel sind sicher für den Verzehr und zeigen großes Potential, Bauern bei der nachhaltigen Produktion von Lebensmitteln zu helfen.

Doch zwei Probleme, die an entgegengesetzten Seiten der Gentechnik-Debatte zu verorten sind, behindern die Verbreitung von GV-Technologie in den Entwicklungsländern. Zum einen die Anti-Gentechnik-Ideologie der EU, die auf eingebildeten Gesundheitsgefahren beruht; zum anderen beeinflussen externe Interessen die Handelspolitik zwischen den Ländern.

Hinzu kommt, dass fehlende Infrastruktur in Ländern mit Ernährungsproblemen die Bauern zögern lässt, die entsprechenden Technologien einzusetzen, oder sie ganz verhindert.

So kommt die Gentechnikrevolution aufgrund unberechtigter Ängste und uneinlösbarer Versprechen zum Stillstand, bis sich die sozio-ökonomischen Bedingungen verbessern.”

Zum Weiterlesen:

  • SkepKon-Video: Giftige Gene? Grüne Gentechnik vs. hartnäckihe Gerüchte, GWUP-Blog am 19. Mai 2016
  • Gentechnik und Impfgegner: GWUP in der “Welt”, GWUP-Blog am 8. Mai 2016
  • Gentechnik bei der Skepkon in Hamburg: mehr Sachlichkeit in die Debatte bringen, GWUP-Blog am 24. April 2016
  • Gentechnik: Anti-GVO Aktivismus nach Gutsherrenart, GWUP-Blog am 4. Oktober 2015
  • Gentechnik, Klimawandel und Politik, GWUP-Blog am 8. März 2010
  • Grüne Gentechnik, Skeptiker 1/2010
  • Gentechnik: NGOs verbreiten Angst statt Informationen, GWUP-Blog am 22. Juni 2015
  • „Giftige Gene?“ bei SitP Wien jetzt als Video online, GWUP-Blog am 29. Oktober 2015

Glyphosat: Der Stellvertreterkrieg

von Amardeo Sarma

Der Streit um die Zulassung des Pflanzenschutzmittels Glyphosat hält an.

Die GWUP-Pressemitteilung hat einiges an Reaktionen hervorgerufen, darunter auch Kritik.

Das Thema ist vielschichtig. Wer sich um Gesundheit und die Umwelt sorgt, hat ein Recht auf sachliche Informationen auf wissenschaftlicher Grundlage. Gesundheit, Naturschutz und unsere Versorgung mit bezahlbaren Lebensmitteln verdienen einen angemessenen, rationalen Umgang.

Warum steht aber gerade Glyphosat im Zentrum der Kritik? Weshalb will man ausgerechnet dieses Mittel verbieten und nicht gleich alle Pflanzenschutzmittel? Schließlich gib es auf dem Markt viele Unkrautvernichter, die sich in Effektivität und Einfluss auf Gesundheit und Umwelt unterscheiden.

Fakt ist: Glyphosat ist effektiver als andere Pflanzenschutzmittel. Für Gesundheit und Umwelt ist es weniger problematisch als die Alternativen – das gilt auch für Mittel aus dem Bio-Landbau. Daran kann es also nicht liegen.

Kritiker der Glyphosat-Zulassung berufen sich oft auf das Vorsorgeprinzip. Doch auch dies taugt nicht als Basis für die strikte Glyphosat-Ablehnung, wie wir sie in Deutschland erleben. Betrachten wir dazu die IARC-Studie, die das Mittel als „wahrscheinlich krebsauslösend“ einstuft.

Die IARC hat neben Glyphosat folgende Stoffe, Lebensmittel und Einflüsse als „möglicherweise“,  „wahrscheinlich“ oder tatsächlich  krebserregend eingestuft: Babyöl, Sonneneinstrahlung, Alkohol, Grapefruitsaft und den Friseurberuf. Eine längere Liste findet man hier.

Warum scheren diese potenziellen Krebsauslöser die Politik nicht? Warum werden die genannten Produkte nicht auch verboten?

Davon abgesehen, liegen die Mengen, denen wir ausgesetzt sind, erheblich unter denjenigen, bei denen die IARC eine Krebsgefahr bei Tieren entdeckt haben will. Dass inzwischen kleinste Mengen aufgrund besserer Messmethoden aufgespürt werden können, bedeutet nicht, dass diese für Verbraucher relevant sind.

Warum also gerade Glyphosat? Aus meiner Sicht wirken drei Motive zusammen, die sich gegenseitig verstärken.

1. Ein Stellvertreterkrieg gegen Gentechnik

Tatsächlich soll mit der Glyphosat-Kritik die grüne Gentechnik und vor allem der vermeintliche Monopolist Monsanto getroffen werden.

Leider wird dabei die konventionelle Landwirtschaft in Mitleidenschaft gezogen. Denn Glyphosat wurde schon vor der Gentechnik-Ära eingesetzt. Auch deutsche Bauern, die keine Gentechnik verwenden, nutzen das Pflanzenschutzmittel. Durch ein Glyphosatverbot werden sie ebenfalls geschädigt.

Doch es gibt noch weitere Kollateralschäden. Monsanto hat gar nicht mehr das Monopol für Glyphosat, sondern ist nur noch einer von vielen. Inzwischen gibt es mehr chinesische, mehr indische Hersteller  als US-amerikanische. Das Verbot würde auch diese Wettbewerber in Schwellenländern treffen.

2. Schützenhilfe für die Bio-Branche

Eine Anti-Glyphosat-Politik verbessert die Wettbewerbssituation der Bio-Branche.

Damit kommen wir zu dem Erfolg einer oft übersehenen Lobbyarbeit. Seit Jahren kann die Bio-Branche auf Förderung und Werbung durch die Politik und manche NGOs zählen. Diese Lobbyisten im Umweltpelz erwecken erfolgreich den trügerischen Schein, Bio-Produkte seien besser oder umweltschonender. Doch die höheren Preise beanchteiligen sie im Wettbewerb.

Verliert jedoch die konventionelle Landwirtschaft ein bedeutendes Mittel zur Ertragsoptimierung, werden auch ihre Produkte teurer. Damit verringert sich der Preisabstand zu Bio-Produkten, diese gewinnen an Wettbewerbsfähigkeit.

Diese Politik trifft diejenigen, die sorgsam mit ihrem Geld umgehen müssen. Ihnen sollen die Luxusprodukte der esoterikgläubigen Oberschicht schmackhaft gemacht werden. Die Folge ist eine Art Luxussteuer für Arme.

Das sollte vor allem die Politiker zum Nachdenken bringen, die ihre Politik auf die schwächeren Teile der Bevölkerung richten wollen. Welche Verbraucher werden finanziell am härtesten getroffen?

3. Tiefes Misstrauen in die Industrie

Viele Menschen misstrauen die Industrie und vor allem großen Konzernen. Der Vorwurf: Wir werden von „Lobbys“ der Konzerne beherrscht.

Hier dient Monsanto als Projektionsfläche, als das leibhaftige Böse.  Monsanto ist der „Satan“, der vernichtet werden soll, vergleichbar mit der „bösen Pharmaindustrie“ in der Rhetorik der Pseudomedizin.

Dabei ist Monsanto nicht das größte Unternehmen im Bereich der Gentechnik. Monsanto ist sogar kleiner als die Biokette Whole Foods. In der oft zu beobachtenden extremen Form wird das Misstrauen zu einem Hass, der in seiner Irrationalität durchaus mit dem Hass am anderen Ende des politischen Spektrums auf Flüchtlinge, den „Staat“, die EU und die Vereinten Nationen vergleichbar ist.

Auf Facebook werden bereits Gefängnisstrafen für Förderer von Glyphosat gefordert.

Die Sehnsucht nach einer heilen Scheinwelt

Die Ablehnung spiegelt auch eine Sehnsucht nach einer heilen „Naturwelt“ wider, die es nie gab und nie geben wird, zumindest nicht bei einer Weltbevölkerung von bald 10 Milliarden. Hier geht die Ablehnung oft Hand in Hand mit einer Ablehnung von Wissenschaft schlechthin.

Zurück zur aktuellen Debatte.

Manche genannten Kritikpunkte gehen über die Frage der direkten gesundheitlichen Gefahren hinaus. Auch sie verdienen eine sachliche Betrachtung, wie ich sie im Folgenden vornehmen werde.

Behauptung: Die Biodiversität wird zerstört

Einige Glyphosat-Kritiker befürchten, dass durch eine Vernichtung der Unkräuter Lebensraum für Insekten und Vögel verschwindet.

Doch dies gilt für alle Formen der Unkrautvernichtung, für jeden Unkrautvernichter und auch für das händische bzw. mechanische Ausrupfen: In allen Fällen haben es Insekten schwerer, sich in den betreffenden Flächen einzunisten.

Alle Landwirte  – konventionell wie biologisch – haben ein legitimes Interesse, ihren Nutzpflanzen optimale Wachstumsbedingungen zu bieten. Unkräuter und Schädlinge (für die Nutzpflanzen) sind unerwünscht. Gewiss sind die Lebensräume für Insekten und Vögel auf solchen Flächen begrenzt. Doch oft wird übersehen, dass die Artenvielfalt nur auf den eigentlichen Anbauflächen reduziert ist.

Je kleiner die Flächen sind, die wir für die Landwirtschaft benötigen, desto mehr Flächen stehen für die Artenvielfalt zur Verfügung. Wenn kleine Flächen mehr Ertrag bringen, kann dies also sogar zu einer Erhöhung der Artenvielfalt beitragen.

Behauptung: Pflügen statt Pflanzenschutzmittel

Brauchen wir überhaupt Pflanzenschutzmittel? Können wir nicht wie unsere Großeltern pflügen statt spritzen? Auch diese Einwände sprechen  grundsätzliche landwirtschaftliche Überlegungen an, beziehen sich also nicht spezifisch auf Glyphosat.

Das Pflügen bringt erhebliche Probleme für die Umwelt mit sich. Die moderne Landwirtschaft – die sogenannte “No-till” Landwirtschaft (ohne Pflügen) – verzichtet auf das energieintensive Pflügen, das Kraftstoff kostet und CO2 erzeugt.

In wasserarmen Gegenden kommt noch hinzu, dass dem Boden beim Pflügen Wasser entzogen wird, was geringere Erträge mit sich bringt – ein bedeutender Aspekt angesichts der globalen Erwärmung. Darüber hinaus verringert der Verzicht aufs Pflügen die Bodenerosion. Außerdem entweichen weniger klimaschädliche Stickoxide.

Behauptung: Der Einsatz von Glyphosat führt zur Entstehung von “Superunkräutern” 

Auch hier wird ein allgemeines Problem der Landwirtschaft angesprochen. Die Entstehung resistenter Unkräuter ist schlicht Resultat von Evolution. Als Gegenmaßnahme bauen moderne Landwirte in aufeinanderfolgenden Jahren unterschiedliche Nutzpflanzen auf einem Feld an.

Auch wird nichts „totgespritzt“, sondern man wendet vielmehr Strategien an, die die Resistenzbildung bei  Unkräutern erschweren – ähnlich wie beim verantwortungsvollen Antibiotika-Einsatz in der Medizin.

Interessenkonflikte und Käuflichkeit

Wenn es um Studien geht, haben wir ein doppeltes Problem.

Einerseits fordert man zu recht, dass die Industrie Studien durchführt, um Nutzen und Risiko ihrer Produkte zu bewerten. Die Unternehmen machen den Gewinn, also sollen auch sie die Kosten für die Prüfung tragen.

Andererseits werden auch einwandfrei durchgeführte Studien von Kritikern gebrandmarkt. Hat beispielsweise eine beteiligte Forscherin zu irgendeinem früheren Zeitpunkt für die Industrie gearbeitet, gilt sie bei Kritikern als „käuflich“ oder „korrumpiert“.

Was ist aber mit den Interessenvertretern der Bio-Branche, auch wenn sie indirekt über NGOs an der Diskussion teilnehmen? So waren an der IARC-Studie Anti-Gentechnik-Aktivisten beteiligt.

Auch bei ihnen sollte kritisch und sachlich nach Interessenkonflikten gefragt werden – wie bei allen anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auch.

Wer Monsanto- und allgemein Industrie-Studien potentielle Interessenkonflikte vorwirft, nicht aber der Bio-Branche oder den NGOs, muss erklären, warum er zweierlei Maß anlegt.

Interessenkonflikte gibt es auf beiden Seiten

Weder Monsanto- noch Greenpeace-Studien sind allein aufgrund des Auftraggebers zu kritisieren. In beiden Fällen können mögliche Interessenkonflikte vorliegen.

Ein Beispiel für jahrzehntelange Trickserei der Industrie sind die Studien zur gesundheitlichen Wirkung des Tabakkonsums. Eine andere Situation zeigt sich aus meiner Sicht in den Bereichen Gentechnik und Glyphosat, wo die größten Täuschungsmanöver von den Gegnern ausgehen.

Gilles-Éric Séralini, der auch gern von Greenpeace beauftragt wird, behauptet, es gäbe einen Zusammenhang zwischen Glyphosat und Tumoren bei Ratten.  Berichtet wurde hierüber auch bei der Skepkon 2016.


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Séralini musste aufgrund methodischer Mängel die Publikation zurückziehen. Sein Verhalten schrammt hart am ethischen Fehlverhalten vorbei und hat sogar einen Wikipedia-Eintrag, gleichwohl blieb der Aufschrei aus.

Kurz: Interessenkonflikte gibt es. Sie sind aber kein Alleinstellungsmerkmal von Industrie und Konzernen. Es gibt sie genauso bei NGOs und Anti-Gentechnik-Aktivisten. Nachgewiesen wurde das Fehlverhalten in Sachen Gentechnik und Glyphosat bei den Gentechnik-Gegnern.

In jedem Fall gilt es, eine These sachlich und wissenschaftlich zu prüfen. Im Fall der globalen Erwärmung beispielsweise liegen Greenpeace und BUND im Einklang mit dem aktuellen Forschungsstand.

Was nun?

Als Basis für gesellschaftliche und politische Entscheidungen es unabdingbar, den der aktuellen Forschungsstand zu kennen. Dieser ist nicht verhandelbar. Es liegt auf der Hand, dass Parlamente je nach Prioritäten und politischer Orientierung unterschiedliche Entscheidungen fällen können und werden.  Was nicht geht, ist politische Willkür, die Fakten ignoriert.

Zum Weiterlesen:




NEU: Skeptiker 2/2016

SKEPTIKER 2/2016

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