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Die Aussichten für 2015: Jüngstes Gericht, Zombie-Apokalypse oder kompletter Weltuntergang?

Der Weltuntergang ist zum Dauerzustand geworden – diesen Eindruck hatten wir schon 2013 (hier und hier).

Vermutlich deswegen behält das bayerische Stadtmagazin Neue Szene seine 2012 begonnene Rubrik “Das kleine Weltuntergangsinterview” weiterhin bei (aktuell mit mir).

Und es stimmt ja auch: Ob nun echte Ängste oder schnöde Erwerbsgier dahinterstecken – auch in diesem Jahr endet es mal wieder an allen Ecken.

Angeblich jedenfalls.

  • Über die “Blood Moon Prophecy” zweier christlicher Prediger berichtet Florian Freistetter bei Astrodicticum simplex.

Am 28. September endet eine sogenannte Tetrade, also eine Serie von vier aufeinanderfolgenden Mondfinsternissen, und das korrespondiert angeblich mit irgendwelchen Bibelversen zum Jüngsten Gericht.

Wir liegen sicher nicht falsch, wenn wir diesen beiden Fundis ein ähnlich grandioses Scheitern wie Harold Camping vorhersagen.

Sogar unser “2012″-Schwätzer Dieter (“Synch-Didi”) Broers wagt sich wieder aus der Deckung und verfaselt sich erneut mit seiner Lieblingsphantasterei von den psychogenen “Sonnenaktivitäten”, welche die Jahre “2015 und 2016 [...] zu schicksalhaften Zeiten für die Menschheit werden” lassen könnten.

Auch dazu gibt es eine Erwiderung bei Astrodicticum simplex.

In den nächsten Monaten steht uns der dritte Weltkrieg ins Haus, mindestens aber “eine elfjährige Periode der Wasserverseuchung”, und wenn nicht das, dann aber ganz bestimmt ein “sehr unbeliebter Religionsführer”.

Allerdings haben auch ernsthafte Wissenschaftler gerade die symbolische “Weltuntergangsuhr” auf drei Minuten vor zwölf gestellt. Hauptgrund dafür sei der “unkontrollierte Klimawandel“.

Nun, was immer auch passieren wird:

CNN ist auf den finalen Sendeschluss vorbereitet und hat schon mal ein (seltsames, verschwommen-grobkörniges) “Doomsday Video” produziert, das angeblich dann ausgestrahlt werden soll, wenn das Ende der Welt “bestätigt ist”:


Direktlink zum Video auf Youtube

Langweilig.

Dann lieber ein gutes Buch, etwa “Die letzten 48 Stunden. Geschichten vom Weltuntergang”.

Zum Weiterlesen:

  • Das kleine Weltuntergangsinterview: Diesmal mit Bernd Harder, Neue Szene am 1. Dezember 2014
  • Jeden Tag Weltuntergang: Die Psychologie der Apokalypse, GWUP-Blog am 1. Mai 2013
  • Himmelstrompeten und Kometen: Schon wieder Weltuntergang? GWUP-Blog am 1. September 2013
  • Draußen scheint die Sonne – im Kino geht die Welt unter, GWUP-Blog am 15. August 2013
  • Weltuntergang beim Vorstellungsgespräch, GWUP-Blog am 4. September 2013
  • Die “vier Blutmonde” und der Weltuntergang, GWUP-Blog am 13. April 2014
  • Das Ende ist nah. Na endlich, GWUP-Blog am 15. Februar 2010
  • Phantasie, Wunschdenken, Illusion und Wahn, Nachdenken … bitte am 28. September 2012
  • Schlechte Schlagzeilen (9): “Schwer vorstellbar, aber wahr: Warum die Sonne den Terrorismus fördert”, Astrodicticum simplex am 20. Januar 2015
  • Vier Mondfinsternisse und ein Weltuntergang: Die angebliche Apokalypse im Jahr 2015, Astrodicticum simplex am 15. Januar 2015
  • CNN: Dieses Video soll zum Weltuntergang ausgestrahlt werden, stern.de am 8. Januar 2015
  • Das Video, das CNN zum Weltuntergang zeigen sollte, Welt-Online am 9. Januar 2015
  • Weltuntergangsuhr: So nahe an der Katastrophe wie 1984, Süddeutsche am 23. Januar 2015
  • Prognosen 2015: Nostradamus und die Zombie-Apokalypse, Wahrsagerchecks-Blog am 12. Dezember 2014
  • Mehr Nostradamusprognosen 2015: Atomkatastrophe und vielleicht der 3. Weltkrieg, Wahrsagerchecks-Blog am 9. Januar 2015
  • Weltuntergang 2012: Letzte Briefe, die wir gestern fast abgeschickt hätten, GWUP-Blog am 22. Dezember 2012
  • Doomsday Clock Moves Closer To Midnight, But Can We Really Predict The End Of The World? IFL Science am 23. Januar 2015
  • Wie analysiert man Nostradamus-Verse? GWUP-Blog am 21. April 2010

Video: Die wunderbare Welt der Verschwörungstheoretiker

Ganz nette Ergänzung zu unserem letzten “Verschwörungs”-Posting:


Direktlink zum Video auf Youtube

Das Video stammt aus der aktuellen Folge von “extra 3 – Der Irrsinn der Woche” beim NDR.

Zum Weiterlesen:

  • Sind Verschwörungstheoretiker “vernünftiger”? Natürlich nicht, GWUP-Blog am 18. Januar 2015
  • The Psychology and Economy of Conspiracy Theories, vice am 20. Januar 2015
  • Wer glaubt an Verschwörungstheorien? spektrum am 23. Januar 2015
  • Geschäft mit Verschwörungstheorien: Die Angstindustrie, FAZ am 17. Januar 2015
  • Neues von der Merkel-Raute, GWUP-Blog am 21. Mai 2014
  • Elvis lebt, GWUP-Blog am 11. Januar 2015

Homöopathie vs. Antibiotika

Die Sache ist etwas undurchsichtig:

In Paderborn steht eine Ärztin vor Gericht, die Patienten Cortison gespritzt haben soll, obwohl diese “sanft” beziehungsweise homöopathisch behandelt werden wollten.

Unklar ist derzeit, ob es sich um einen Abrechnungsbetrug handelt oder ob die Angeklagte wirklich davon ausgegangen ist, dass das von ihr beigemischte Triamcinolonacetonid “rein homöpathisch” sei.

Dritte Möglichkeit: Die Ärztin hat selbst nicht an die Wunderkraft der Homöopathika geglaubt und deshalb ihren Patienten etwas Wirksames verabreicht („Ich habe in Einzelfällen, wenn es medizinisch notwendig war, Cortison eingesetzt”) – allerdings ohne deren Wissen und Zustimmung

Kurios – und fast Realsatire – ist, wie das Ganze aufflog:

… bis sich eine Patienten-Mutter (selbst Ärztin) über die schnelle Heilung ihres an Neurodermitis leidenden Sohnes (8) wunderte.”

Man mag es kaum glauben:

Eine Ärztin (!) schickt ihr ernsthaft erkranktes Kind zur Homöopathin (!) und wundert sich (!) selbst darüber, dass dieser Nonsens wirklich zu helfen scheint.

Dazu passt ein aktueller Beitrag bei Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie.

Dr. Norbert Aust analysiert eine Pressemeldung vom Verband Klassischer Homöopathen Deutschlands, nach der die Homöopathie in vielen Fällen eine wirksame Alternative zum Einsatz von Antibiotika darstelle.

Austs Fazit:

Eine nähere Betrachtung der vorhandenen Literatur zeigt indes, dass die Behauptungen nicht auf wissenschaftlichen Grundlagen beruhen.

Es konnte nicht eine placebokontrollierte, randomisierte und verblindete Vergleichsstudie gefunden werden, die die Angaben stützt, ganz zu schweigen von belastbaren Nachweisen in Form von replizierten Untersuchungen.”

Zum Weiterlesen:

  • Homöopathika seien vergleichbar zu Antibiotika, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 18. Januar 2015
  • Cortison statt Naturmitteln verabreicht? WAZ am 23. Januar 2015
  • Ärztin täuschte hunderte Patienten, Die Glocke am 23. Janar 2015
  • Warum Homöopathie zu wirken scheint, GWUP-Bog am 9. Oktober 2011
  • Homöopathie ist Irrtum, GWUP-Blog am 22. Januar 2012
  • Was hat die GWUP gegen Homöopathie? GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Hoffnung im Kampf gegen Resistenzen: Forscher entdecken Super-Antibiotikum, Focus am 9. Januar 2015
  • 5 Steps in Talking With Patients About Alternative Medicine, Medpage Today am 14. Januar 2015

Nicht so wirklich „geheim“, die Ufo-Akten des Project Blue Book

“Für Ufologen beginnen aufregende Zeiten”, meint Spiegel-Online.

Denn Ufo-Akten des US-Militärs, die “60 Jahre unter Verschluss” waren, sind nun von einem Blogger im Internet veröffentlicht worden, schreiben die Focus-Kollegen.

Wow, eine Weltsensation?

Mitnichten, nur der übliche kalte Kaffee.

Es geht um das “Project Blue Book” der amerikanischen Luftwaffe, eine Sammlung und Auswertung der Sichtungen von unidentifizierbaren Flugobjekten durch Luftwaffenpiloten, Luftwaffenradarstationen und andere Luftwaffenangehörige aus den Jahren 1947-1969.

Allerdings existiert ein Online-Blue Book Archive schon seit 2005, und davor gab es das Aktenmaterial auf fast 100 Mikrofilmrollen in den Washington National Archives.

Das Ufo-skeptische “Centrale Erforschungsnetz außergewöhnlicher Himmelsphänomene” (CENAP) hat diese Akten seit fast 30 Jahren im Archiv und veröffentlichte immer wieder Auszüge daraus, etwa hier und hier und hier.

Dem Ufo-Enthusiasten John Greenewald kommt aktuell lediglich das Verdienst zu, “die erste vollständige und zudem durchsuchbare Datenbank” zum Projekt Blue Book angelegt zu haben.

Die 130.000 Seiten und mehr als 12.000 Fälle spiegeln die üblichen Fehldeutungen von bekannten Objekten, Wetterphänomenen und Militärprojekten wider.

Die knapp 700 “unidentifizierten” Sichtungen sind dem natürlichen Charakter solcher “Ufo-Akten” geschuldet, schreibt der ufo-meldestelle.blog:

Das Problem bei alten Ufo-Fällen ist, dass man diese in den seltesten Fällen nachuntersuchen, sondern nur mit unseren heutigen Erkenntnissen bewerten kann.

Dass uns die damaligen Untersuchungserkenntnisse manchmal etwas an den Haaren herbeigezogen vorkommen, liegt daran, dass man sich nicht sonderlich viel Mühe machte, da man dem Ganzen nicht viel Bedeutung schenkte.”

Auch die Flut von regierungsamtlich veröffentlichten “Ufo-Akten” (zum Beispiel Neuseeland, England, Deutschland) hat die Alien-Hypothese (ETH) bislang nicht wahrscheinlicher werden lassen.

Zum Weiterlesen:

  • Geheime Ufo-Akten veröffentlicht, ufo-meldestelle.blog am 22. Januar 2015
  • Ufo-Dokumente der US-Luftwaffe, Süddeutsche am 24. Januar 2015
  • Ufo-Dokumente: “Da ist eine Vertuschung im Gange”, Spiegel-Online am 20. Januar 2015
  • Gesammelte Air-Force-Dokumente: Ein Dorado für Ufo-Gläubige, FAZ am 20. Januar 2015
  • Amerikaner veröffentlicht Ufo-Akten des US-Militärs, Focus-Online am 21. Januar 2015
  • Das sind die “Ufo-Akten”, GWUP-Blog am 23. November 2013
  • Die geheimen Ufo-Akten der Regierung, GWUP-Blog am 5. August 2010
  • Geschichten aus dem Gewölbe: Das FBI-Ufo-Memo, GWUP-Blog am 4. April 2013
  • Die Ufo-Akten der Bundeswehr, ufo-information am 7. Januar 2014
  • Geheime Ufo-Akten in der Bild-Zeitung, GWUP-Blog am 7. April 2011
  • “Ufo-Akten”-Klage in Berlin gescheitert, GWUP-Blog am 13. November 2013
  • Blue-Book-Akten im Internet verfügbar, GEP am 21. Januar 2005
  • Der Stern von Bethlehem und die Ufo-Theorie, ufo-information am 23. Dezember 2014
  • Gibt es einen wissenschaftlichen Ufo-Forschungsbedarf? ufo-information am 21. September 2014
  • “Project Blue Book”, einestages am 8. Oktober 2012
  • The Secret Life of J. Allen Hynek, Skeptical Inquirer Volumne 37.1., January/February 2013
  • Der CIA und die Ufos, CENAP-Texte
  • “Das waren wir”: Ufos und die U2-Sichtungen in den 1950ern, GWUP-Blog am 2. Januar 2015
  • Nicht von dieser Welt: Uni Zürich erforscht Außerirdische, SRF am 19. Januar 2015

„Spontane Selbstentzündung“ durch Phosphormunition

Interessant:

Der Wissenschaftsblog Mente et Malleo berichtet über “gefährliche Strandfunde”.

Immer wieder komme es vor, dass Strandspaziergänger angeschwemmte Phosphor-Munition aus dem Zweiten Weltkrieg einsammeln, die sie für Bernstein hielten:

Wer einen solchen Brocken in seiner Hosentasche (oder sonst irgendwo in Körpernähe) deponiert, riskiert schwerste Brandverletzungen.”

Und genau das war auch die Lösung für einen angeblichen Fall von “Spontaner Menschlicher Selbstentzündung”, über den Dr. Mark Benecke bei der GWUP-Konferenz 2010 in Hamburg referierte:

In dem einen konkreten Fall, wir nennen ihn nach dem Opfer den Fall der Adele, konnte Benecke nachweisen, dass die vermutete Selbstverbrennung über das Sammeln von Muscheln passierte.

Muscheln, die mit Phosphorpartikeln aus Bomben aus dem zweiten Weltkrieg behaftet waren, entzündeten sich in der Jackentasche der Sammlerin, während sie im Auto neben der aufgedrehten Heizung saß. Frau Adele überlebte mit knapper Not, weil sie mit ihrer Familie unterwegs war, als der Vorfall passierte.

Benecke recherchierte einige Jahre, bis er den Fall vollständig klären konnte.”

Auf Beneckes Homepage findet sich übrigens eine schöne Hausarbeit einer Studentin zum Thema “Spontane Selbstentzündung”.

Zum Weiterlesen:

  • Gefährliche Strandfunde: Weißer Phosphor statt Bernstein, Mente et Malleo am 19. Januar 2015
  • Mark Benecke über “Spontane Selbstentzündung” bei der Skepkon 2010, Zeitschrift der Literarischen Gesellschaft St. Pölten (LitGes)
  • Selbstentzündung interessiert die Zerbster, volksstimme am 11. November 2013
  • Spontane Menschliche Selbstentzündung: Ein Kriminalbiologe auf heißer Spur, Skeptiker 4/2000
  • Das FBI und der Mythos von der spontanen Selbstentzündung, Skeptiker 4/2000
  • Spontane Selbstentzündung: Wieder ein heißes Thema, GWUP-Blog am 23. Oktober 2012
  • Nicht ganz so spontan, die Selbstentzündung, GWUP-Blog am 1. Oktober 2011
  • Rätsel gelöst: Keine spontane Selbstentzündung in Oklahoma, GWUP-Blog am 14. September 2013
  • “Burning Baby” in Indien ist Opfer von Misshandlung, GWUP-Blog am 21. Januar 2015

Der Buddler und die bosnischen Pyramiden bei „Skeptics in the Pub“ in Köln

„Forget all you know about archaeology” – am Dienstag (27. Januar) ist “Der Buddler” alias Mirko Gutjahr bei “Skeptics in the Pub” in Köln zu Gast.

Es geht um die “Pyramiden von Bosnien”, die der Archäologe zuletzt im Herbst 2014 besucht hat:

Die größten und ältesten Pyramiden der Welt stehen in Bosnien.

Tatsächlich?

Was ist dran an den Strukturen, der Pyramiden der Sonne, des Mondes, der Liebe, des Drachen und der Erde, die angeblich noch lange vor der letzten Eiszeit entstanden sind? Was hat es mit den Tunneln auf sich, die seit Jahren im Umfeld der Pyramiden freigelegt werden und zu einer unterirdischen Kammer führen sollen? Und gibt es tatsächlich einen geheimnisvollen Energiestrahl von der Spitze der großen Pyramide?

Was ist Fakt, was Fiktion?”

Die Veranstaltung beginnt um 19.30 Uhr im Herbrand’s, der Eintritt ist frei.

Der Buddler (“Archäologe, Skeptiker & Podcaster”) beschäftigt sich in seinem Blog angegraben unter anderem mit archäologischen Rätseln, die von Pseudowissenschaftlern gerne für ihre Zwecke verdreht und ausgeschlachtet werden, zum Beispiel “Vineta, das Atlantis des Nordens” oder “Die rätselhafte Osterinsel” oder “Erich von Däniken und die Beleuchtung im alten Ägypten”.

In der aktuellen Folge geht es um “Faust – Der Entdeckung erster Teil”. Mit Hoaxilla sprach er über das Thema “Wie magisch war das Mittelalter?”

Update vom 5. Februar: Das Vortragsvideo ist jetzt online.

Zum Weiterlesen:

  • Skepkon-Rückblick: Die bosnischen Pyramiden, GWUP-Blog am 3. Juni 2014 (auch als Video)
  • Pyramids, Bartocast am 3. Oktober 2014
  • Hoaxilla #160 – ‘Magisches Mittelalter’ vom 11. Mai 2014
  • Vortragsvideo: „Die bosnischen Pyramiden“ jetzt online, GWUP-Blog am 5. Februar 2015

Breites Aktionsbündnis gegen den Spirit-of-Health-Kongress

Der Widerstand gegen die MMS-Werbeveranstaltung “Spirit of Health” im April in Kassel nimmt konkrete Formen an.

Der Deutsche Konsumentenbund hat heute eine

Gegenveranstaltung zur Kasseler MMS-Messe”

angekündigt.

Geplant ist ein Kontrastprogramm “mit Informationen, Aktionen, Veranstaltungen und Beratung”:

Interessierte Personen und gesellschaftliche Gruppen, die sich an diesem Bündnis gegen Pseudemedizin und Quacksalberei zum Schaden von Kindern beteiligen möchten, sind eingeladen, sich an uns zum Zwecke der Koordination und Abstimmung zu wenden.

Sie erreichen uns

  • per E-Mail an vorstand@konsumentenbund.de oder
  • per Telefon 05 61 2 02 11 03 (vormittags).”

Das “Netzwerk Sektenausstieg” hat bereits zugesagt, sich an dem Protest gegen die dreitägige Promotionsveranstaltung von Propagandisten und Vermarktern des Scharlatanerieprodukts MMS zu beteiligen.

Die HNA Kassel berichtet heute, dass die Behörden die Verantwortung für die geplante MMS-Messe nach wie vor von einem zum anderen schieben:

Es gibt in Deutschland keine Instanz, die bundesweit für die Überwachung solcher Geschäfte mit den Hoffnungen kranker Menschen zuständig wäre. In jedem Bundesland sind andere Behörden zuständig. Das macht eine wirksame Verfolgung dubioser MMS-Anbieter nahezu unmöglich.”

Zum Weiterlesen:

  • Gegenveranstaltung zu Kasseler-MMS-Messe, Weblog von Konsumentenbund am 21. Januar 2015
  • Widerstand gegen die MMS-Werbeveranstaltung „Spirit of Health“ 2015 in Kassel, GWUP-Blog am 16. Januar 2015
  • MMS-Wahn geht weiter, GWUP-Blog am 8. Juli 2014
  • Kritisches Video zu MMS und Neues von den Behörden, GWUP-Blog am 6. August 2014
  • Miracle Mineral Supplement bei Psiram
  • Spirit of Health Kongress bei Psiram
  • The Spirit of Bullshit, Julitschka am 26. April 2014
  • Gefährliche “Alternativmedizin” MMS: Wenn Eltern ihre Kinder vergiften, Astrodicticum simplex am 7. August 2014
  • Populäre Fragen und Aussagen von MMS-Befürwortern und meine unpopulären Antworten, Indub.Io am 9. August 2014
  • Miracle Mineral Supplement: Die chlorreichen Lügen, DocCheck News am 26. Mai 2014
  • MMS: Verätzte Gewebefetzen sind keine Autismus-Würmer, GWUP-Blog am 2. Januar 2015
  • Riskante Wundermittel: Behörde sieht Anstiftung zur Körperverletzung, Hessische Niedersächsische Allgemeine am 21. Januar 2015

„Burning Baby“ in Indien ist Opfer von Misshandlung

Langsam scheinen die Leute zur Vernunft zu kommen.

Das Baby, das angeblich an “Spontaner Menschlicher Selbstentzündung” leidet, ist mittlerweile ins Kilpauk Medical College Hospital (KMCH) gebracht worden, “one of the premier government medical institutions in India”.

Nach einem Bericht der Times of India gehen Ärzte und Kinderschutzorganisationen von einem Fall von Kindesmisshandlung aus.

Die Mutter des Jungen hatte erzählt:

I had gone to use the bathroom which is just behind the house. When I was coming back, I heard my baby screaming and ran in to find his feet on fire. I quickly doused him with water and rushed to the local hospital.”

Genau dasselbe soll im Sommer 2013 mit ihrem älteren Sohn Rahul passiert sein (hier ein Foto).

Damals hatten Ärzte und Medien bereitwillig die Erklärung der Mutter geglaubt, es handele sich um “Spontane Selbstentzündung” ohne Fremdeinwirkung:

It’s a very rare case”,

wurde ein Pädiater von der International Business Times zitiert:

It can occur in any age group. It is the spontaneous explosion of burning material from the sweat. It’s a serious case.

In the past cases, those who happened to be with the person who had this disorder have died. Severe precautions need to be taken. In my experience, this is the first time I’ve seen such a case.

And unfortunately, there is no special cure and it has to be treated like a regular burn injury.”

Jetzt erklären Sprecher des KMCH, dass es so etwas wie “Spontane Selbstentzündung” nicht gebe und Forensiker damit beauftragt worden seien, nach Spuren von brennbaren Flüssigkeiten in der häuslichen Umgebung des Jungen zu suchen:

It looks like whoever was abusing the elder child is back at work again.”

Auch Shanmuga Velayutham vom Legal Resource Center for Child Rights (LRCCR) spricht von Kindesmisshandlung und erhebt schwere Vorwürfe gegen die Eltern des wenige Tage alten Säuglings, die sich als “Opfer” darstellten und von der Regierung sogar ein Haus geschenkt bekommen hätten.

Der Präsident der indischen Skeptiker, Narendra Nayak, hat uns zwischenzeitlich mitgeteilt, dass die Federation of Indian Rationalist Associations den Fall Rahul vor eineinhalb Jahren aufmerksam verfolgt habe.

Eine genaue Untersuchung des Vorfalls sei aufgrund des hysterischen Verhaltens der Mutter und der aufgeheizten Atmosphäre vor Ort nicht möglich gewesen.

Zum Weiterlesen:

  • Burning baby may be a victim of abuse, say doctors, The Times of India am 20. Januar 2015
  • Spontane Selbstentzündung? Quatsch, vermutlich wieder Kindesmisshandung, GWUP-Blog am 20. Januar 2015
  • Indian mother claims her babies spontaneously burst into flames, Nirapad News am 20. Janar 2015
  • Indian Baby Bursts into Flames; Similar Cases of Spontaneous Human Combustion (SHC), International Business Times am 20. Januar 2015
  • Villupuram couple returns with another ‘burning baby’, The Hindu am 20. Januar 2015
  • Spontane Menschliche Selbstentzündung: Ein Kriminalbiologe auf heißer Spur, Skeptiker 4/2000
  • Das FBI und der Mythos von der spontanen Selbstentzündung, Skeptiker 4/2000
  • Spontane Selbstentzündung: Wieder ein heißes Thema, GWUP-Blog am 23. Oktober 2012
  • Nicht ganz so spontan, die Selbstentzündung, GWUP-Blog am 1. Oktober 2011
  • Rätsel gelöst: Keine spontane Selbstentzündung in Oklahoma, GWUP-Blog am 14. September 2013

Spontane Selbstentzündung? Quatsch, vermutlich wieder Kindesmisshandlung

Es ist kaum zu glauben:

Auch der wenige Tage alte Bruder des “Human Torch”-Babys Rahul, das 2013 weltweit Schlagzeilen machte, leidet angeblich an “Spontaner Selbstentzündung” – und wieder suchen Ärzte, Behörden und Presseleute ganz ernsthaft nach dieser “seltenen Erkrankung” beziehungsweise nach einem Gen-Defekt bei dem Jungen.

Das berichten verschiedene indische Medien.


Direktlink zum Video auf Youtube

Vor eineinhalb Jahren hatte eine Frau aus dem Dorf Parangini im südindischen Bundesstaat Tamil Nadu angegeben, ihr drei Monate altes Kind habe mehrfach schwere Verbrennungen durch “Spontane Menschliche Selbstentzündung” erlitten.

Skeptiker gingen dagegen von vorsätzlicher Kindesmisshandlung aus.

Nach einem mehrwöchigen Klinikaufenthalt wurde das Kind entlassen, seitdem traten keine Symptome mehr auf.

Jetzt wurde der sieben Tage alte Bruder des Jungen in das Krankenhaus von Mundiyambakkam eingeliefert, mit einer schweren Brandwunde am Fuß, die auf Fotos wiederum so gar nicht nach “Selbstentzündung” aussieht.

Trotzdem backen Ärzte und Medien wieder die Mär von einer “rare medical condition” des Säuglings auf,

… which literally sets him on fire.”

Man ist einfach nur sprachlos.

Update vom 21. Januar 2015.

Zum Weiterlesen:

  • Spontane Selbstentzündung oder Kindesmisshandlung? GWUP-Blog am 20. August 2013
  • “Human Torch”-Baby: Keine Spur von “Selbstentzündung”, GWUP-Blog am 28. August 2013
  • Hoaxilla #15 – ‘Spontane menschliche Selbstentzündung’ vom 26. September 2010
  • Second Burning Baby in Villupuram Family Puzzles Doc, Adds to Mystery, The New Indian Express am 17. Januar 2015
  • Baby suffering from rare medical condition, Press Trust of India am 17. Januar 2015
  • Tamil Nadu: Second burning baby in same family stumps doctors, hindustantimes am 18. Januar 2015
  • Evil Spirit Angle to ‘Fire Baby’ Row After Godman Surfaces, The New India Express am 18. Januar 2015
  • Docs in tizzy over ‘combustible’ baby, Deccan Herald am 19. Januar 2015

Sind Verschwörungstheoretiker “vernünftiger“? Natürlich nicht.

Seit etwa anderthalb Jahren geistert durchs Internet die steile These:

Menschen, die an Verschwörungstheorien glauben, sind vernünftiger.”

Da jubelt der Hobby-Konspirologe von Exopolitik bis Uncut-News, und wie üblich bleibt es dem Kopp-Verlag vorbehalten, die Maximal-Übertreibung zu formulieren:

Wissenschaftliche Studie enthüllt: Verschwörungstheoretiker sind die Vernünftigsten von allen.”

Das gefällt natürlich dem Marktführer der “Angstindustrie” (FAZ) – macht die Behauptung aber nicht richtiger.

Die zugrunde liegende Studie heißt

What about building 7? A social psychological study of online discussion of 9/11 conspiracy theories”

und ist im Sommer 2013 in dem Open-Access-Journal Frontiers in Psychology erschienen.

Die Autoren Michael J. Wood und Karen M. Douglas, Psychologen an der University of Kent, analysierten zehn Jahre nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 die Leserkommentare in den Online-Portalen von ABC, CNN, Independent und Daily Mail – insgesamt 2174 Kommentare von 1156 Schreibern. Davon stuften sie 1459 als verschwörungsaffin ein.

Dass Verschwörungstheoretiker “vernünftiger” seien als die Verfechter der “offiziellen” Version, findet sich in der Arbeit mit keinem Wort.

Das Resultat war vielmehr, dass “konventionelle” Kommentare (also von Lesern, die die offizielle Version der Ereignisse unterstützen), aggressiver und “feindseliger” rüberkommen.

Wobei allerdings auf einer festgelegten “Aggressions”-Skala von 1 bis 5 der Unterschied zwischen Level 1.4 (Verschwörungsgläubige) und Level 2.0 (Verschwörungsablehner) nicht gerade überbedeutsam ist.

Offenbar interpretieren die Claqueure der Studie “hostile” (feindselig) als Gegenteil von “vernünftig” und sehen im Umkehrschluss Verschwörungsgläubige als “vernünftiger” an.

Das ist jedoch semantisch nicht korrekt, steht auch nicht in der Studie und ist zudem nicht im Sinne der Autoren.

Wood/Douglas heben keineswegs zur großen Verteidigung von Verschwörungsgläubigen an, im Gegenteil:

Die Jagd nach Anomalien oder falschen Daten kennzeichnet für die Autoren Michael J. Wood und Karen M. Douglas die Verschwörungstheorie als Weltsicht.

Sie beschreiben sie als eine Art barockes Weltbild oder gar als metaphysisches Unterfangen, was die “Normalen” zu Gläubigen macht, die schlucken, was ihnen vorgesetzt wird:

“Allgemein ist der Glaube an Verschwörungen nicht durch bestimmte Theorien begründet, wie Ereignisse geschehen sind [...], sondern er geht auf Überzeugungen höherer Ordnung zurück, beispielsweise auf das Misstrauen gegenüber Autoritäten, auf den Glauben, dass nichts so ist, wie es erscheint, oder auf die Überzeugung, dass das Meiste, was uns erzählt wird, eine Lüge ist.”

Für die Verschwörungstheoretiker gebe es zwei Welten, eine reale, aber meist nicht erkannte, und eine Illusion, die die Wahrheit verdeckt.”

Verschwörungstheoretiker sind mithin nicht nur kein Stück “vernünftiger” als Verschwörungsablehner – sie sind auch keine “Wahrheitssucher”, zu denen sie sich gerne selbst stilisieren.

Zu diesem Ergebnis kommt auch die aktuelle Arbeit

Political Extremism Predicts Belief in Conspiracy Theories”

im Fachjournal Social Psychological and Personality Science.

Die Psychologen Jan-Willem van Prooijen (Universität Amsterdam) und André P. M. Krouwel (Netherlands Institute for the Study of Crime and Law Enforcement) charakterisieren darin Konspirologen als Starrköpfe, die an einem strikten Glaubenssystem festhielten, welches ihnen einfache Antworten auf komplexe Fragen und Zusammenhänge liefere – vergleichbar mit extremen politischen Ideologien.

Ein Musterbeispiel für diese Haltung lieferte unlängst Ken Jebsen ab.

In weniger als drei Stunden nach den Terrormorden in der Redaktion von “Charlie Hebdo” am 7. Januar gegen 11.30 Uhr kam der Internet-Journalist und Verschwörungstheoretiker mit einem Facebook-Posting heraus, in dem es nur so wispert und geheimnist:

Was auffällt ist, dass auch dieses Verbrechen schon geklärt zu sein scheint, bevor die Ermittler eine SoKo zusammenstellen konnten. Es müssen Moslems gewesen sein. Genau wie am 11. September 2001.

New York wie Paris wurden nach eigenen Angaben völlig überrascht, und dennoch ist in beiden Fällen immer schon Minuten nach den Anschlägen glasklar, in welchem Milieu die Täter zu finden sein müssen.”

Hmmm.

Was auffällt, ist, dass für Jebsen schon unmittelbar nach dem Anschlag zweifelsfrei feststeht, dass die “offizielle Version” nicht stimmt – ohne reflektierend innezuhalten, ohne erst mal selbst zu recherchieren, nur aufgrund von ein paar Web-Links, mit denen er um sich wirft wie ein Faschingsnarr mit Konfetti.

Die großen Medien mögen “zur Nichtratlosigkeit verdammt” sein,

… sie müssen alles sofort erklären”,

wie der Spiegel-Online-Kolumnist Sascha Lobo selbstkritisch anmerkt.

Wieso aber Verschwörungstheoretiker als selbst ernannte “Aufdecker” und angeblich akribisches Pendant zur “Lügenpresse”?

Das Online-Magazin vice brachte es am 8. Januar auf den Punkt:

Es gilt nun, die offiziellen Ermittlungen abzuwarten (und dies dann, wenn nötig, auch kritisch begleiten), aber auf ein Attentat mit den immergleichen verschwörungstheoretischen und teils antisemitischen Reflexen zu reagieren, entlarvt höchstens den Wahn der virtuellen Pseudo-Enthüller.

Wenn wir von irgendetwas mehr als genug haben, dann sind es Fantasien von Gewalt, Macht und dunkler Unterdrückung. Da ist jedes ewig gleiche Mossad-Antisemitismus-Amerika-New-World-Order-Gesülze ein Stück verschwendeter Internet-Speicher zu viel.”

Aber halt – werden solche Begriffe wie „verschwörungstheoretisch“ nicht vielleicht einfach als …

… Totschlagargument gebraucht, um Andersdenkende pauschal zu diskreditieren”,

wie Angstindustrie-Chef Jochen Kopp von der FAZ zitiert wird?

Nun ja, das würde voraussetzen, dass Verschwörungstheoretiker “denken”.

Tun sie aber nicht.

Verschwörungstheoretiker “glauben” und “fühlen”, dass sie recht haben, sie jonglieren mit Assoziation und Suggestion statt mit Logik und Empirie und haben gelernt, jeden Widerspruch als Bestätigung zu deuten.

Genau dies geht ebenfalls aus der eingangs genannten Studie von Michael J. Wood und Karen M. Douglas hervor.

Sie stellten fest, dass Konspirologen eher den allgemein akzeptierten offiziellen Hintergrund eines Ereignisses anzweifeln, als dass sie die eigene Verschwörungstheorie argumentativ verteidigen oder untermauern können.

Im Grunde gilt für Verschwörungsgläubige das, was SPON-Kolumnistin Sibylle Berg über die “German Angst” schreibt:

Die Welt ist in einer Entwicklung, deren Ausgang unseren Verstand überfordert. Und die keiner mehr stoppen kann. Die einen werden extrem religiös, um den Irrsinn zu überstehen, die anderen wütend oder verzagt [...]

Was nützt [...] die Aufzählung der objektiven Fakten [...], wenn sie so nicht empfunden wird? Wenn das Gefühl auf Alarm geschaltet ist, die Synapsen Todesangst vermitteln?

Es ist vermutlich egal, gegen was da demonstriert und geschrien wird, gegen Ausländer oder Gebäude, gegen Chemtrails oder Grundwasserverseuchung – es ist doch nur ein Schrei nach Sicherheit.”

Aber halt – dient die Etikettierung als “Verschwörungstheoretiker” nicht vielleicht einfach nur dazu, Arme und Ausgegrenzte ohne politische Teilhabe mundtot zu machen, wie die Autorin Harriet A. Washington in der New York Times warnt?

Anfang Januar 2015 lud die einflussreiche Tageszeitung zu der Debatte “Are Conspiracy Theories All Bad?” ein.

Die Teilnehmer Tim Melley (Literaturwissenschaftler), Annie Jacobsen (Schriftstellerin), Cass R. Sunstein (Rechtswissenschaftler), David Baldacci (Schriftsteller) und Karen Douglas (Psychologin) skizzierten verschiedene Aspekte des Themas und wiesen vor allem auf den narrativen Gehalt von Verschwörungstheorien hin, die etwas schwer Einzuordnendes erklär- und erzählbar machen und dabei die Stilmittel der Spannungsliteratur nutzen, etwa ein eindeutiges Gut-Böse-Schema und ein diffuses Bedrohungsszenario.

So gesehen, sind Verschwörungsmythen ein neues Subgenre der phantastischen Literatur: als Sachtexte verkleidete Schauerromane, die dem fröstelnden Leser erzählen, wie die Welt in Wahrheit sei – einfach schrecklich, schrecklich einfach.

Harriet A. Washington dagegen nimmt die Tuskegee-Syphilis-Studie zum Anlass, um auf “echte” Verschwörungen hinzuweisen und sich zugleich dagegen zu verwahren, Verdachtsmomente als “Verschwörungstheorie” abzutun.

Das klingt zunächst einmal zustimmungsfähig.

Auf den zweiten Blick wird allerdings offenbar, dass Washington demselben Wahrnehmungsfehler unterliegt wie die zahllosen Verschwörungsfreaks, die sich im Internet über “wahre Verschwörungstheorien” verbreiten – und dabei nichts anderes als Regierungslügen, Vertuschungen, verdeckte Operationen, geheimdienstliche Destabilisierungsaktionen, Staatsstreiche und andere Strippenziehereien aufzählen, die allesamt kaum als “Verschwörung” bezeichnet werden können.

Auch die Tuskegee-Syphilis-Studie verdient fraglos das Label “Medizin-Skandal”, “Menschenversuch” oder “Verbrechen gegen die Menschlichkeit”.

Nur eine “Verschwörung” war das Ganze nicht – ja nicht einmal geheim, denn die Initiatoren veröffentlichten sogar mehrfach Artikel darüber in wissenschaftlichen Zeitschriften, wie der Neurowissenschaftler Thomas Grüter hier erklärt.

Bis zum Beweis des Gegenteils bleibt Tatsache: Es gibt keine einzige ausformulierte, breit kursierende Verschwörungstheorie, die sich nach einer gewissen Zeit als wahr erwiesen hätte.

Und nicht bloß damit liegt Harriet A. Washington in ihrem Aufsatz “The Powerless Wield No Legitimacy” falsch:

But the poor and marginalized [...] are dismissed, unheard and shrugged off as conspiracy theorists”,

meint die Medizinautorin am Ende.

So?

Erstens sind es üblicherweise die Verschwörungstheoretiker, die andere ausgrenzen – und nicht umgekehrt.

Denn sie suchen und finden überall Sündenböcke, konstruieren Feindbilder und stempeln diese als “Verschwörer” ab.

Seien es Juden, Hexen, Freimaurer, Satanisten, aber auch “Journalisten, Akademiker und Politiker”, wie Timothy Melley in seinem New York Times-Diskussionsbeitrag “A Symptom of Mass Cultural Anxiety” schreibt.

Zweitens sind es mitnichten “die Armen”, die Verschwörungsmythen in die Welt hinaus posten oder daran glauben.

Sondern “geschäftstüchtige Enthüller”, die sich auf dem “Wachstumsmarkt [...] der alles erklärenden Weltformel tummeln”.

Nach der Süddeutschen Zeitung nimmt aktuell die FAZ das “Geschäft mit Verschwörungstheorien” unter die Lupe.

Der Kopp-Verlag zum Beispiel versende zwischen 10.000 und 25.000 Bücher pro Tag, das Wachstum sei “konstant positiv im zweistelligen Prozentbereich”.

Dieser “Angstindustrie”, die …

… unbestreitbare Fakten mit Halbwahrheiten und offenkundigem Unsinn zu monströsen Szenarien”

verrührt, (Süddeutsche), geht es schlicht um Geldmacherei.

Und auch auf Seiten der Rezipienten sitzen keine “Armen”, sondern Menschen, denen es

… im Großen und Ganzen gut geht.”

Zumindest kann man das den Studien zur Pegida-Bewegung entnehmen, bei der “vieles nach Verschwörungstheorie klingt”.

Demnach marschieren in Dresden und anderswo vorwiegend “Besorgte, Beleidigte, Zurückgesetzte” – kurzum “Der Mob aus der Mittelschicht”, wie es die taz formuliert:

Männlich, Ende 40, gutverdienend.”

Im österreichischen Standard erklärt der Psychologe Michael Wood, der Koautor der eingangs genannten 9/11-Kommentare-Studie:

Jemand ist eher versucht, an Verschwörungstheorien festzuhalten, wenn er das Gefühlt hat, keine Kontrolle mehr über sein Leben zu haben.

Keine Kontrolle zu haben bedeutet in diesem Zusammenhang, dass jemand das Gefühl hat, Dinge würden willkürlich geschehen, und er sich als Opfer dieser Vorgänge fühlt.

Als Ausweg macht man sich auf die Suche nach einer Struktur, einer Erklärung, warum Dinge passieren.”

Sich als Opfer zu fühlen, ist indes etwas völlig anderes, als “arm und ausgegrenzt” zu sein, wie Harriet A. Washington behauptet.

Und ausgerechnet Woods Fachbereichskollegin und Mit-Autorin Karen M. Douglas, der Verschwörungsfans fälschlicherweise unterstellen, von ihr als “vernünftig” geadelt worden zu sein, macht in der New York-Times-Debatte auf die negativen Auswirkungen von Verschwörungstheorien aufmerksam.

Denn in einer weiteren Studie (erschienen im British Journal of Psychology) hat Douglas festgestellt, dass der Glaube an Verschwörungsmythen notwendiges soziales Engagement unterminiert, was zum Beispiel die Impfbereitschaft oder die Reduzierung der persönlichen CO2-Bilanz angeht.

Konspirationsideen zu Reptilienmenschen oder Elvis Presley mögen spaßig, unterhaltsam und harmlos sein.

Verschwörungstheorien über inszenierte Amokläufe, die angeblich der Regierung einen Vorwand liefern sollen, um eine Waffenkontrolle durchzusetzen, sind es ebensowenig wie die 9/11-Phantastereien, die gefährlich sind, weil sie extrem polarisieren und die Weltsichten in westlichen und islamischen Ländern auseinandertreiben.

Und zu guter Letzt:

Auch mit der angeblichen Zurückhaltung von Verschwörungsfans in Kommentarspalten ist es in Wahrheit nicht weit her – die 1459 Kommentare in der Wood/Douglas-Studie sind dafür jedenfalls “nicht sehr repräsentativ”, merkt (vermutlich aus leidvoller Erfahrung) das Online-Magazin Telepolis an.

Dem können wir nur beipflichten.

Diskussionen zu diesem Thema verlaufen immer sehr radikal“,

sagt beispielsweise der Meteorologe und ORF-Wetterchef Marcus Wadsak über “Chemtrail”-Anhänger:

Erklärungen werden nicht akzeptiert. Die Verfechter der Verschwörungstheorie treten immer wild und aggressiv auf. Debatten sind unmöglich und sinnlos.”

Stimmt auffallend.

Zum Weiterlesen:

  • „What about building 7?“ A social psychological study of online discussion of 9/11 conspiracy theories, Front Psychol. 2013; 4: 409
  • Verschwörungstheoretiker sind skeptisch gegenüber Autoritäten, Telepolis am 31. Dezember 2014
  • Who Falls for Conspiracy Theories? Pacific Standard am 14. Januar 2015
  • Political Extremism Predicts Belief in Conspiracy Theories, Social Psychological and Personality Science am 12. Januar 2015
  • „Inszenierter Terror“: Die Geistesblitze des Ken Jebsen, GWUP-Blog am 11. Januar 2015
  • Die Medien und die große Ratlosigkeit, SPON am 14. Januar 2015
  • Propagandaschlacht im Internet: Unsere tägliche Desinformation, FAZ am 12. Januar 2015
  • Digitale Verschwörungsfreunde erklären Charlie Hebdo-Attentat zu False-Flag-Fake, vice am 8. Januar 2015
  • Geschäft mit Verschwörungstheorien: Die Angstindustrie, FAZ am 17. Januar 2015
  • Why are we so eager to embrace conspiracy theories? New Scientist am 22. Dezember 2014
  • Pegida und die German Angst: Auf Alarm geschaltet, SPON am 17. Januar 2015
  • The Powerless Wield No Legitimacy, New York Times am 4. Januar 2015
  • Are Conspiracy Theories All Bad? New York Times am 4. Januar 2015
  • A Symptom of Mass Cultural Anxiety, New York Times am 4. Januar 2015
  • Conspiratorial Stories Have a Rich Tradition in Story Telling, New York Times am 4. Januar 2015
  • Conspiracy Theorists Have Suspicious, and Sometimes Paranoid Natures, New York Times am 4. Januar 2015
  • Is It Nonfiction Disguised as a Novel? New York Times am 4. Januar 2015
  • The Negative Social Impact of Conspiracy Theories, New York Times am 4. Januar 2015
  • Tuskegee-Studie und AIDS-Verschwörung, Gedankenwerkstatt am 31. Juli 2012
  • The social consequences of conspiracism: Exposure to conspiracy theories decreases intentions to engage in politics and to reduce one’s carbon footprint, British Journal of Psychology Volume 105, Issue 1, pages 35–56, February 2014
  • Verschwörung der Woche: Die BRD-Show, Zeit-Online am 13. November 2014
  • Verschwörung der Woche: Alles Böse kommt von oben, Zeit-Online am 20.November 2014
  • Verschwörung der Woche: Ist der IS eine Machenschaft von CIA und Mossad? Zeit-Online am 6. November 2014
  • Verschwörung der Woche: War 9/11 ein Komplott der CIA? Zeit-Online am 30. Oktober 2014
  • Verschwörung der Woche: Der Kranich war’s, Zeit-Online am 27. November 2014
  • Verschwörung der Woche: Heute Gay, morgen King, Zeit-Online am 4. Dezember 2014
  • Verschwörung der Woche: Bin am Leben, Zeit-Online am 17. Dezember 2014
  • 11. September: Warum stürzte WTC 7 ein? GWUP-Blog am 1. September 2011
  • Geistiger Amoklauf der “Truther”, Chemtrails und das Ende von HAARP, GWUP-Blog am 17. Mai 2014
  • “Systemmedien“ und Skeptiker: Strengt Euch mal mehr an, Ihr Kommentar-Trolle! GWUP-Blog am 10. Januar 2015
  • Kopp > Tisch: Wie ein Verlag die Ängste schürt, mimikama am 11. Februar 2015




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