Homöopathie in „Gehirn&Geist“

Titelthema in der aktuellen Ausgabe (10/2017) von Gehirn&Geist:

Auf drei Doppelseiten analysieren Natalie Grams und Nikil Mukerji die “Denkfehler der Homöopathie”.

Als da wären:

1. Persönliche Erfahrungen reichen als Wirksamkeitsbeleg nicht aus:

Die Homöopathie hat zwei Hauptprobleme: So zeigen methodisch hochwertige, unabhängige Studien ebenso wie die Gesamtbetrachtung des Forschungsstands, dass ihre Mittel nicht arzneilich wirken. Zudem ist ihr Ansatz aus naturwissenschaftlicher Sicht höchst unplausibel …”

2. Studienergebnisse sind mit Vorsicht zu betrachten:

Homöopathen wenden oft ein, dass es ja Studien gibt, die eine Wirkung ihrer Methode nahelegen. Das stimmt. Wer daraus jedoch folgert, ihre Wirksamkeit sei damit bewiesen, begeht einen Fehlschluss – aus mehreren Gründen …”

3. Auch bei Kindern und Tieren kann der Placeboeffekt auftreten:

Überzeugte Nutzer verweisen oft darauf, Homöopathie wirke auch bei Kleinkindern und Tieren. Und diese wüssten gar nicht, dass sie behandelt werden, daher könnten sie nicht die Erwartung haben, dass die Behandlung ihnen hilft. Folglich könne sie nicht allein durch den Placeboeffekt wirken. Auch in diesem Argument steckt ein Denkfehler. Denn wer sagt, dass es nur einen Mechanismus für den Placeboeffekt gibt?”

4. Auch eine „individuelle Behandlung“ ist überprüfbar:

Manche Befürworter haben es aufgegeben, klinische Studien für ihre Argumentation heranzuziehen. Sie behaupten stattdessen, solche Studien hätten im Fall der Homöopathie keine Aussagekraft […] Dieses Argument beruht ebenfalls auf einem Denkfehler. Denn natürlich lässt sich testen, ob individuell verordnete Präparate eine Wirkung haben.”

5. Die Beweislast lässt sich nicht auf die Skeptiker abwälzen:

Einige Anhänger meinen, die Beweislast liege bei den Kritikern der Homöopathie […] Doch Vorsicht – die meisten möglichen Hypothesen sind falsch. Den Weihnachtsmann und die Zahnfee gibt es nicht, obwohl ihre Nichtexistenz nie bewiesen wurde. Deswegen muss sich immer derjenige rechtfertigen, der etwas behauptet, und nicht derjenige, der an der jeweiligen Behauptung zweifelt …”

6. Wenn Homöopathie wirken würde, wüssten wir es:

Schließlich stellt die Homöopathie Hypothesen auf, die sich problemlos testen lassen …”

7. Rhetorische Tricks tun nichts zur Sache:

Wer sich regelmäßig gegen berechtigte Kritik verteidigen muss, entwickelt so einige rhetorische Taktiken. Dazu gehören unter anderem Slogans und Ablenkungsmanöver …”

Der Volltext findet sich online hier.

Dazu gibt’s eine Seite zum Placebo-Effekt und ein ausführliches Interview mit Natalie Grams:

Gehirn&Geist: Was heute als Lehrmeinung in der Medizin gilt, ist auch keine in Stein gemeißelte Wahrheit – selbst bei konventionellen Therapien ist häufig unklar, wie sie wirken. Fällt es uns Menschen schwer, diese Unwissenheit auszuhalten?

Natalie Grams: Ganz bestimmt. Deshalb möchte ich noch einmal betonen: Die Homöopathie zu kritisieren, heißt nicht, blind zu sein für die Probleme der Medizin. Aber wir dürfen die Wissenslücken, die wir haben und immer haben werden, nicht mit Spekulation und Glaubenslehren füllen.

Ich denke, dass viele Menschen Wissenschaft falsch verstehen. Sie haben den Eindruck, da entscheiden irgendwelche Leute über die absolute Wahrheit. Dabei ist die Wissenschaft viel undogmatischer als unser Alltagsverstand. Wenn sich eine Hypothese als unzutreffend erweist, wird sie verworfen. In der Wissenschaft arbeiten wir eigentlich immer an der Grenze zum Unwissen, und das ist ja gerade der spannende Teil.

Was die Homöopathie angeht, reicht unser Wissen allerdings heute schon vollkommen aus, um uns ein Urteil zu bilden – auch wenn das manche einfach nicht wahrhaben wollen.”

Zum Weiterlesen:

  • Auch der Homöopath der englischen Königin schreibt Falsches, Beweisaufnahme in Sachen Homöopathie am 4. September 2017
  • Neu in der Homöopedia: Logische Fehlschlüsse mit konkretem Homöopathiebezug, GWUP-Blog am 1. September 2017
  • Wie kann man nur gegen Alternativmedizin sein? Die Erde ist keine Scheibe am 3. September 2017
  • Alternativmedizin: “Hauptsache, es geht mir besser”, spektrum.de am 11. Januar 2013
  • Die Denkfehler der Homöopathie, spektrum.de am 7. September 2017

21 Kommentare zu “Homöopathie in „Gehirn&Geist“”


  1. 1 Bernd Harder 7. September 2017 um 11:48
  2. 2 Martina Rheken 7. September 2017 um 11:54

    “Jetzt im Volltext online”

    Nett, aber unverständlich. Das dürften ein paar hundert weniger verkaufte Hefte sein.

  3. 3 Bernd Harder 7. September 2017 um 11:54

    @Martina:

    Ich versteh’s auch nicht …

  4. 4 skeptikus 7. September 2017 um 22:04
  5. 5 theskeptator 8. September 2017 um 13:16

    @skeptikus

    “bei Facebook geht richtig die Post ab”

    Das INH kann wirklich jede Unterstützung gebrauchen.

    Beispiel:

    ” Die Schulmedizin hat mehr Denkfehler!
    Gesunde Zellen zerstören um gesund zu werden?? (Chemo…bringt nichts)
    Die echte Homöopathie ist nicht Zucker!
    Arnica z.B verwenden einige Schulmediziner! Die echte HP basiiert auf Inhaltsstoffen! Pflanzen!
    Woher kommen denn Medikamente ursprünglich? Aus der Natur! Antibiotika ist ein Schimmelpilz.
    Ihr vertauscht Äpfel mit Birnen.
    Aber klar wollen Ärzte und Pharma ihre Gier nicht beenden. Ganzheitliche Medizin wär angesagt! Ursachentherapie statt Symptombekämpfung die mehr Nebenwirkung hat als Wirkung.”

  6. 6 crazyx 8. September 2017 um 13:22

    Dass es sich bei den Punkten 1-7 (“Persönliche Erfahrungen reichen als Beleg NICHT aus” etc.) laut Anmoderation um die “Denkfehler der Homöopathie” handeln soll, hat mich dann gerade beim Lesen doch kurz stutzig gemacht… ×hüstel×

  7. 7 RainerO 8. September 2017 um 15:52

    @ theskeptator
    Sind die Beispiele eine Zusammenfassung der “Argumente”, oder ist das von einer Person?

    Falls zweiteres, hat diese Person in Rekordzeit einen Bullshit Bingo-Schein gefüllt.

    Was mich immer maßlos ärgert, ist die Erwähnung von Homöopahtie und “Ganzheitlichkeit” in einem Atemzug. Homöopathie ist das genaue Gegenteil von Ganzheitlichkeit, da sie nur Symptome beachtet. Hahnemann hat alle verspottet und verdammt, die Ursachen für Krankheiten suchen wollten. Sind die Homöopathie-Apologeten wirklich so ahnungslos?

    Arnica als Beispiel ist ja besonders absurd. Würde Arnica in der homöopathischen Zubereitung so wirken, wie Homöopathie insgesamt funktionieren will, würde sie das genaue Gegeteil von dem auslösen, wofür es in der Homöopathie eingesetzt wird (klein Odette-Odile hat sich das Knie gestoßen und bekommt sogleich Arnica-Globuli eingeschoben: da müsste der blaue Fleck ja erst recht erblühen).

  8. 8 noch'n Flo 8. September 2017 um 16:39

    @ RainerO:

    Auch Du hast das Simile-Prinzip nicht verstanden. Wenn potenzierte Arnica beim KRANKEN gegen blaue Flecken wirken soll, müsste sie unpotenziert beim GESUNDEN eben diese auslösen. Da kann sie bei KRANKEN unpotenziert immer noch GEGEN die blauen Flecken wirken.

    Alle Klarheiten beseitigt?

    (Ich weiss, man kriegt Kopfschmerzen bei dieser Denke…)

  9. 9 theskeptator 8. September 2017 um 17:02

    @RainerO

    Das ist ein Beitrag von einer Person, die aber davon noch mehrere gebracht hat. Langt locker für einen Bingo-Hauptgewinn.

  10. 10 RainerO 8. September 2017 um 18:50

    @ noch’n Flo

    Alle Klarheiten beseitigt?

    Ich habe das Simile-Prinzip schon verstanden, aber ich weiß, was du meinst. Wenn aber ein Mittel bei einem Kranken sowohl als Urtinktur als auch verdünnt wirkt, wozu dann das ganze Theater? Und wie sieht das bei Dingen wie z.B. Meditonsin (Quecksilber) und Arsenicum album aus? Funktioniert das unverdünnt auch bei einem Kranken? *)

    Nur dürften Arnica-Globoli trotzdem nicht funktionieren**), denn “allopathisch” wird Arnica für die gleichen Indikationen eingesetzt. Nicht umsonst wird diese Pflanze auch “Fallkraut” genannt.

    *) Gut, die Beschwerden wären auf jeden Fall weg. Endgültig.
    **)OK, sie tun es ohnehin nicht.

  11. 11 Joseph Kuhn 8. September 2017 um 23:02

    In den Kommentaren bei Facebook begegnet man auch einer bewährten Strategie: Einfach behaupten, was gut klingt.

    Eine homöopathieaffine Kommentatorin “Franziska Spitzweg” schreibt z.B.: “Die Studien der Charitee u Co sowie Klinikalltag zeigt klar …”.

    Davon abgesehen, dass der Klinikalltag nur bedingt etwas zeigt, würde man doch gerne wissen, um welche Studien der Charité es geht. Da kommt aber auch auf Nachfrage nichts. Es gibt sie nicht.

    Warum sagt jemand also so was? Dreistigkeit? Vertrauen auf Gehörtes? Geblubber?

  12. 12 Christian Becker 9. September 2017 um 08:38

    @RainerO
    Ja, Arsenicum album und Mercurius (warum auch immer -us statt -um) funktionieren auch unverdünnt.

    Der Sinn der Potenzierung besteht ja daran, die Heilkraft zu erhalten und zu verstärken, aber die ungesunden Anteile (die damals zumindest bei Arsen und Quecksilber auch bekannt waren) zu beseitigen. So habe ich das jedenfalls mal gelernt.

    Gemäß homöopathischer Auffassung, die ich hier wiedergebe. Persönlich halte ich den Potenzierungskram für Humbug.

  13. 13 Ich 9. September 2017 um 11:20

    @Joseph Kuhn:
    Franziska Spitzweg ist mir auch aufgefallen. Sie behauptet, sie arbeitete in einer Klinik (Kinderonkologie) und eine Chemotherapie dauere Jahre. Ihre Beiträge triefen vor Unwissenheit und unwahren Behauptungen. Die Motivation dahinter fände auch ich interessant.

  14. 14 Spock Heisenberg 9. September 2017 um 11:35

    @ Herrn Kuhn:
    Auch wenn Ihr letzter Satz eine rhetorische Frage sein mag:
    Es ist alles drei.
    Und Selbstversicherung.
    Und Trotz.
    Und Angst, sich mit Fragen konfrontieren zu müssen, deren Antworten das Selbst- und Weltbild … vaporisieren würden.

    In den dunkleren Winkeln ihrer Hirne ahnen wohl die meisten … äh, Anders-Heilenwollenden, dass es schon die ganze Zeit um des Kaisers neue Kleider geht. Nur dass die öffentliche Diskussion mittlerweile zu laut wird + die wissenschaftlichen Argumente zu schwer wiegen, um die Illusion aufrechtzuerhalten.

  15. 15 RainerO 9. September 2017 um 11:58

    @ Christian Becker

    Der Sinn der Potenzierung besteht ja daran,…

    Ja, schon. Aber was ist dann mit dem Simile-Prinzip? Arsen ist ohne Zweifel giftig, homöopathisch angewandt “hilft” es aber gegen Vergiftung.
    Es ist ohnehin so, dass man schnell einen Knopf im Hirn bekommt, sobald man mit Logik an die Homöopathie herangeht. Die inneren Widersprüche sind so eklatant, dass man schon sehr ignorant sein muss, um trotzdem daran zu glauben. Diese Ignoranz dürfte allerdings eine Grundvoraussetzung für Pseudomedizin-Anhänger sein. Denn viele der Behandlungsmethoden widersprechen sich. Es kann aber nur eine Methode richtig sein, oder gar keine. Sie werden aber trotzdem gerne bunt gemischt.

  16. 16 noch'n Flo 9. September 2017 um 16:29

    @ Ich:

    “Sie behauptet, sie arbeitete in einer Klinik (Kinderonkologie) und eine Chemotherapie dauere Jahre.”

    Sie behauptete ausserdem, selber Chemo verabreicht zu haben. Das ist aber – wenn ich nicht ganz falsch informiert bin – in Deutschland immer noch den Ärzten vorbehalten (aus guten Gründen). Und das ist die “Gute” nun sicherlich nicht.

  17. 17 Ich 9. September 2017 um 20:06

    Dürfen Krankenschwestern im Auftrag die Injektion geben? Ich meine ja, bei einer krebskranken Freundin ist das meiner Meinung nach der Fall.

  18. 18 noch'n Flo 10. September 2017 um 11:02

    @ Ich:

    “Dürfen Krankenschwestern im Auftrag die Injektion geben?”

    Zu meiner Assistenzarztzeit galt eigentlich grundsätzlich, dass zytotoxische Infusionen (und um nichts anderes handet es sich bei Chemo) IMMER von Ärzten angeschlossen werden müssen, aus Haftpflichtgründen.

  19. 19 Martin 11. September 2017 um 12:29

    Natalie Grams:”Arbeiten wir immer an der Grenze zum Unwissen…”

    Genau das ist der Punkt.Unwissenheit bietet immer Freiräume für Spekulationen,Vermutungen,Wahnideen,wilden Phantasien und esoterische Überlegungen…

    Wahrscheinlich ist der Mensch so gestrickt, dass er Dinge,die er (noch)nicht begreift,versucht so zu erklären.So erwartet er von seiner Katze,wenn sie Globuli bekommt,dass diese auch daran glaubt wie er.

    Er projeziert sozusagen sein Weltbild(Glaubensbild) in die nun von ihm vermenschlichte Katze.Alles,was die Katze nun anstellt-ob sie in die Ecke kotzt oder aufs Sofa pinkelt- wird unter dem Blickwinkel der Globuli Einnahme bewertet und interpretiert.Wird die Katze gesund, lag es an Globuli, stirbt sie, wars garantiert die falsche Potenzierung.

    Diese Menschen sind Gefangene ihres Glaubensbildes da sie ihre Welt nur noch mit dieser eingeengten Sichtweise bewerten können.

  20. 20 2xhinschauen 11. September 2017 um 16:45

    @Christian Becker
    @RainerO

    Nach Hahnemann befreit die Verdünnung die Wirksubstanzen von ihrer Giftigkeit (zu seiner Zeit war fast jede Medizin Gift), während die wohltuende Wirkung durch Verreiben und Verschütteln “geistartig” auf Lösungsmittel und Zucker übergeht. Verdünnen alleine bringt nichts. Soweit die Theorie.

    Die resultierenden geistigen Verrenkungen nebst innerhomöpathischen Streitereien über die “Stärke” und gleichzeitige “Milde” der Arzneien (ohne dass jemals deren Dosierung eine Rollespielen würde!!) und auch z.B. über theoretische und reale Verdünnungsfaktoren kann man mustergültig auf der Homöopedia nachlesen, z.B. im Artikel über Q-Potenzen (http://www.homöopedia.eu/index.php/Artikel:Q-Potenzen) – tiefenrecherchiert und 100% ironiefrei. Was bei dem Thema nicht einfach ist. Speziell dieser Artikel ist aber trotzdem zum Totlachen :-)

  21. 21 Ralf im Vollrausch 11. September 2017 um 19:24

    @Martin
    Besser hätte ich es nicht schreiben können ;-)
    Unsere Sichtweise wird durch zwei Faktoren geprägt: Zum einen das Wissen und zum anderen der Glaube.
    Was wir nicht wissen, ergänzen wir durch glauben (oder auch Hoffnung)
    Unser Gehirn braucht ein “perfektes” Bild der Welt, in der wir leben – was das Wissen nicht weiß, gleicht der Glauben aus…
    deshalb ist es auch nicht verwunderlich: Je höher das Wissen, umso kleiner der Glaube und umgekehrt!
    Bildung ist das höchste Gut, das eine Gesellschaft hat!

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