Unser Klima am Scheideweg

von Amardeo Sarma

Klimawissenschaft und Politik in der Trump-Ära

Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind klar: Wir befinden uns in einer Erderwärmungsphase, die durch Menschen verursacht ist. Durch Verbrennung fossiler Energieträger erhöht sich der CO2 -Gehalt in der Atmosphäre. Das Tempo der Erderwärmung ist ohne Beispiel.

Wir wissen nicht, auf welche Temperatur wir hinsteuern. Die Klimasensitivität, also die durchschnittliche Erderwärmung bei einer Verdopplung des CO2-Gehaltes, liegt sehr wahrscheinlich zwischen 1,5 oC und 4,5 oC und mit großer Sicherheit zwischen 1 oC und 6 oC. Der CO2-Gehalt hat sich seit Beginn der Industrialisierung bereits von 280 ppm auf den heutigen Wert von über 400 ppm erhöht.

Hält der jetzige Trend an, dürften wir etwa im Jahre 2120 eine Verdoppelung gegenüber der vorindustriellen Zeit  – also 560 ppm – erreichen.

Die politische Frage

1 oC, 2 oC, 4 oC oder gar 6 oC Erderwärmung: Wollen wir das wirklich dem Schicksal überlassen? Hierzu kann ich nur das Buch Six Degrees von Mark Lynas empfehlen (Zusammenfassung in Englisch). Darin stellt er aufgrund von erdgeschichtlichen Befunden und Diskussionen mit Fachleuten zusammen, was diese Szenarien – von einem bis sechs Grad mehr – real bedeuten. Betrachten wir einige Auswirkungen von mittleren Temperaturerhöhungen:

Bei zwei Grad mehr könnte das Plankton in den südlichen Meeren vermutlich nicht mehr überleben. Sommer wie 2003 könnten uns jedes zweite Jahr heimsuchen. Die Länder im Mittelmeerraum werden heißer und trockener. Dort und auf dem indischen Subkontinent wird es in viel höherem Maße zu Wassermangel kommen.

Während sich in Kanada die Bedingungen für die Landwirtschaft verbessern, wird in Afrika fast überall die Lebensmittelproduktion zurückgehen. Die ärmsten Länder wären am stärksten betroffen.

Bei vier Grad wäre der Anstieg des Meeresspiegels irreversibel. Bangladesch würde 30% der Landfläche verlieren. Auch viele andere Länder wären betroffen. Es käme zu Massenauswanderungen in deutlich größeren Dimensionen als bisher.

In Australien und Indien würde die Landwirtschaft fast ganz zum Erliegen kommen. Kanada und Russland können dabei mit etwas höherer landwirtschaftlicher Produktion rechnen.

Bei einer Erderwärmung um 6 oC wäre nach Mark Lynas ein Leben für Menschen – wenn überhaupt – nur noch in weiter Entfernung vom Äquator möglich.

Weshalb bereits ein Anstieg um 2 oC enorme Gefahren mit sich bringt, erläutert der renommierte Klimaforscher James Hansen hier:


Direktlink zum Video auf Youtube

Er weist vor allem darauf hin, dass die derzeitigen Klimamodelle die Stabilität der Eisschilde zu optimistisch einschätzen. Satellitendaten belegen, dass diese Eismassen heute doppelt so schnell abschmelzen wie noch vor zehn Jahren, so Hansen. Hält diese Entwicklung an, könnte der Meresspiegel bereits in 40 oder 50 Jahren um mehrere Meter steigen – mit verheerenden Folgen für die Küstenstädte.

Sollten wir uns angesichts dieser Bedrohung wirklich darauf beschränken, zu hoffen, dass wir glimpflich davonkommen? Oder wäre es nicht klüger, uns auf das schlimmste Szenario vorzubereiten? Meiner Ansicht nach – das ist eine persönliche Risikoabschätzung und, wenn man so will, politische Position – kann die Antwort nur letztere sein.

Es geht um Prioritäten

Bei der Diskussion um Prioritäten müssen wir zunächst unterscheiden: zwischen existenziellen Gefahren für die Menschheit und solchen, die wir im Rahmen einer Schaden-Nutzen-Abwägung in Kauf nehmen können.

Die Frage ist: Welche existenziellen, aber vermeidbaren oder von uns beeinflussbaren Bedrohungen für die Menschheit und das gesamte Leben auf der Erde gibt es? Für mich stehen deren drei im Vordergrund:

  1. Atomkrieg
  2. Klimawandel
  3. Asteroideneinschlag

Ich konzentriere mich hier auf den Klimawandel als eine Bedrohung, die ziemlich sicher in absehbarer Zeit ernst wird und gegen die wir auch etwas tun können.

Außer Acht lasse ich an dieser Stelle andere massive und existenzielle, aber nicht im gleichen Maße wahrscheinliche Gefahren, auf die wir uns möglicherweise vorbereiten, die wir aber nicht verhindern können, wie eine Supernova, einen Supervulkan-Ausbruch oder einen koronalen Massenauswurf.

Man sollte bei realen Gefahren durchaus „Alarmist“ sein. Der Klimawandel ist eine der größten realen und existentiellen Gefahren, gegen die wir etwas unternehmen können. Deshalb sollte er ganz oben auf unserer Tagesordnung stehen – notfalls auch unter Vernachlässigung anderer Gefahren.

Deutschland ist kein Vorbild

Die Politik in Deutschland zeigt, dass wir nicht bereit sind, hier vernünftige Prioritäten zu setzen. Und es betrifft nicht nur diejenigen, die wissenschaftliche Erkenntnisse in Sachen Klima leugnen. Offenbar nehmen sehr viele Entscheider die Gefahr nicht ernst.

Durch die Energiewende so wie bisher werden wir – wie das Umweltbundesamt richtig anmerkt – die Emissionsziele nicht erreichen.

Die neuerlich vorgeschlagenen Maßnahmen des Umweltbundesamtes betreffen nur den Autoverkehr, nicht die Stromerzeugung.

Ein Vergleich mit europäischen Nachbarn

Ein Beispiel mit zwei Nachbarländern mit unterschiedlichen Strategien zeigt, dass Deutschland kein Vorbild ist. Betrachten wir zunächst die Anteile der unterschiedlichen Energiequellen in Deutschland:

germany

Wir sehen hier, dass die kohlenstoffarme Energieproduktion für Elektrizität seit 1990 lediglich von 30% auf 35% gestiegen ist. Bei der Primärenergie für den gesamten Energieverbrauch, der unter anderem auch Transport und Landwirtschaft beinhaltet, ist der Wert von 10% auf 15% gestiegen.

Anders sieht es in Frankreich aus:

france

Frankreich liegt heute in der kohlenstoffarmen Energieproduktion für Elektrizität bei 90%, und beim Primärenergieverbrauch bei etwa 50%, dreimal so viel wie in Deutschland.

Einen Spitzenplatz nimmt Schweden ein:

sweden

Das Land erzeugt über 60% des Primarenergiebedarfes kohlenstoffarm.

Dass dies sich auch auf den Verbrauch fossiler Energien auswirkt, zeigt die folgende Grafik:

ffuel_pp

Hier beziehe ich mich bewusst auf den Pro-Kopf-Verbrauch, bei dem Deutschland in Europa Platz 3 belegt. Beim Gesamtverbrauch liegen wir dagen an der Spitze.

Die Realität: Erneuerbare Energien ersetzen Kernkraft, nicht Kohle

Das weitaus größte Versagen der Energiewende ist, dass der Ausbau erneuerbarer Energien nicht zur Reduktion der Emissionen aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe genutzt wurde. Stattdessen hat man auf den Atomausstieg gesetzt und sogar neue Kohlekraftwerke in Betrieb genommen.

Die folgende Grafik zeigt, wo wir ohne Atomausstieg und mit einem Umstieg von Gas statt Kohle sein könnten:

wagner

Bild 22 in Wagner, F. Eur. Phys. J. Plus (2016) 131: 445. doi:10.1140/epjp/i2016-16445-3

Die schwarzen Punkte markieren die Werte für die derzeitigen (realen) Emissionen, die grauen Punkte zeigen, wo die Reise hingeht. Hätten wir 2011 keinen Atomausstieg beschlossen, würden wir der roten Linie folgen. Wären in dieser Zeit alle Kohle- durch Gaskraftwerke ersetzt worden, würden die Emissionen den weißen Punkten folgen.

Fazit:

  1. Wir haben emissionsverringernde Alternativen nicht genutzt.
  2. Der Atomausstieg und der Verzicht auf den Umstieg von Kohle zu Gas haben unsere Emissionen real erhöht.

Und nein, die Gefahren der zivilen Nutzung von Atomkraft lassen sich nicht mit denen der fossilen Verbrennung gleichsetzen. Sie sind weit von einer existenziellen Bedrohung entfernt, wie sie der Klimawandel darstellt.

Aus meiner Sicht zeigen diese Daten klar, dass die Energiewende, ob rot-grün, schwarz-gelb oder schwarz-rot, gescheitert ist. Ein Grund hierfür liegt auf der Hand: Der Ausbau von erneuerbaren Energien wurde nicht als (ein) Mittel zum Zweck der Eindämmung des Klimawandels genutzt. Er wurde zum Selbstzweck,  während das eigentliche Ziel trotz aller Sonntagsreden in den Hintergrund trat.

Wir brauchen eine neue Diskussion ohne Scheuklappen

Trotz der ernsten Situation sind wir sind noch nicht bereit, der Eindämmung des Klimawandels oberste Priorität einzuräumen.

Hören wir, was führende Klimaforscher der ersten Stunde bezüglich Kernkraft zu sagen haben:


Direktlink zum Video auf Youtube

Noch einmal James Hansen:

Wir sind an einem Punkt angelangt, an  dem, sollte der Planet viel wärmer werden, die Eisschichten instabil werden und wir einen erhöhten Meeresspiegel von mehreren Metern erwarten müssen. Die Konsequenzen sind unvorhersehbar […]

Wir wissen, dass die Nutzung von fossilen Energien sehr gefährlich ist. Diese Gefahr, die uns ins Gesicht schaut, ist 100% sicher. Es ist verrückt zu sagen, dass wir nicht alle Werkzeuge nutzen sollten, die uns zur Verfügung stehen. Und Kernkraftwerke der nächsten Generation haben ein großes Potential, Teil der Lösung zu sein. […] Wir sollten keine neuen Kohlekraftwerke bauen – es macht keinen Sinn.”

Ken Caldeira, Senior Scientist an der Carnegie Institution und Professor an der Stanford University:

Früher habe ich gegen Kernkraft protestiert und wurde auch verhaftet [….] Was auch immer Sie von Kernkraft halten, wir müssen Kernkraft nach ihren Potenzialen und Möglichkeiten betrachten [….]

Hier geht es nicht um ein Entweder-Oder. […] Ich bin heute für alles, was den Klimawandel verhindert [….] Konzentrieren wir uns auf das Klimaprobleme.

Tom Wigley, Klimaforscher an der Universität von Adelaide, Australien:

Es geht uns nicht darum, Kernkraft zu fördern. Wir wollen faire Wettbewerbsbedingungen […] Das Problem ist zu anspruchsvoll und herausfordernd, um irgendeine Technologie von vorneherein auszuschließen […]

In den nächsten 10 bis 15 Jahren entscheidet sich, was nach 2030 möglich ist. […] Wir brauchen keine erneuerbaren Energien. Wir brauchen Ziele für saubere Energien.

Kerry Emanuel, Metereologe am MIT in Cambridge, USA:

Unsere Forschungen bringen uns zu dem Schluss, dass wir künftigen Generationen unzumutbare Risiken aufbürden […] Wenn kein Wunder geschieht, sind wir gezwungen,  die Kernenergie sehr schnell auszubauen […] Für uns ist es nicht wichtig, ob die Lösung Sonnen-, Wasser- oder Kernenergie heißt.

Und nun?

Kurz: Die Lage ist zu ernst, um eine Option auszuschließen. Es ist Zeit, alle Möglichkeiten zum Stopp der Erderwärmung zu nutzen.

Dabei geht es bei der Elektrizitätserzeugung – auch wenn die Diskussion oben vornehmlich darum ging – nicht nur um Solar-, Wind- und Kernenergie. Auch andere Alternativen müssen in Betracht gezogen werden. Darunter fallen Carbon Capture and Storage (CCS) bzw. CO2-Abscheidung und -Speicherung sowie neue Vorschläge zur Erzeugung von Brennstoffen, ohne landwirtschaftliche Flächen von ihrem Zweck zu entfremden.

Zusätzlich müssen wir uns der Herausforderung stellen, wie wir die Emissionen in weiteren Bereichen, wie Transport und Landwirtschaft, reduzieren wollen. Eine der Vorschläge vom Umweltbundesamt ist dabei, auf Elektroautos zu setzen. Aber das betrifft dann auch wieder die Elektrizität, womit wir wieder bei der Frage der Elektrizitätserzeugung landen.

Wenn wir eine Diskussion um eine wirklich erhebliche Minderung der Emission von Treibhausgasen ohne Scheuklappen führen wollen, werden einige über ihren Schatten springen müssen.

Ob diese Forderung überhaupt realistisch ist, werden die nächsten zehn Jahre zeigen.

Zum Weiterlesen:

  • Wagner, F.: Surplus from and storage of electricity generated by intermittent sources, Eur. Phys. J. Plus (2016) 131: 445. doi:10.1140/epjp/i2016-16445-3
  • Muraoka et al.: Short- and long-range energy strategies for Japan and the world after the Fukushima nuclear accident, Journal of Instrumentation, 11: C01082. doi:10.1088/1748-0221/11/01/C01082.
  • Reaktorkatastrophen: Zwischen Angstmache und Verharmlosung, GWUP-Blog am 17. März 2016
  • Fukushima: Realitätsverlust in Deutschland und Österreich, GWUP-Blog am 12. März 2016
  • Schwarzer Monat fürs Klima, GWUP-Blog am 27. 6. 2015
  • Hört auf mit dem Angstmachen, futurezone am 8. September 2015
  • Das ist pfui! futurezone am 16. Mai 2015
  • Rede von Amardeo Sarma an der HU Berlin, March for Science, GWUP-News am 25. April 2017

5 Kommentare zu “Unser Klima am Scheideweg”


  1. 1 Werner 13. Juni 2017 um 15:03

    Durch die Forcierung der E-Mobilität wird sich die Situation noch verschärfen. Da die volatilen Energieträger den Mehrverbrauch auch bei ungehemmtem Ausbau nicht stemmen können, sind nach dem endgültigen Aus für die KKWs noch mehr fossile Kraftwerke nötig, um nicht von einem Blackout in den anderen zu fallen.

    Trotz eindeutiger Warnungen der Netzagentur träumen Leute wie Frau Kemfert und die Grünen von einer sofortigen Abschaltung aller Atom- und Kohlekraftwerke und bekommen dafür auch noch enormen Zuspruch in der Öffentlichkeit (Presse und TV).

    Egal, welchen Energie- und Anlagentechniker sie fragen, unter vorgehaltener Hand wird diese Energiewende als katastrophaler Irrsinn bezeichnet, der dem Klima in keinster Weise nützt aber enorme Kosten verursacht, den vor allem die Leute am unteren Ende der Einkommensleier zu spüren bekommen.

    Rußland löst uns derzeit als Innovator im Bereich Kernenergie ab und wird in Zukunft noch sehr viel Geld damit verdienen, während bei uns immer mehr Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien wegfallen.

  2. 2 Bernd 13. Juni 2017 um 17:48

    “Darunter fallen Carbon Capture and Storage (CCS) bzw. CO2-Abscheidung und -Speicherung …”

    Erst musste die Atomenergie subventioniert werden, dann die sogenannten alternativen Energiequellen, nun sollen noch CCS & Co dazukommen – und jedes mal verdient sich die besitzende Klasse dumm und dämlich*. Für viele beginnt jetzt schon der kleine Weltuntergang (siehe Stromarmut).

    Ganz ehrlich: der Untergang der Zivilisation durch eine verändertes Klima geht mit am Arsch vorbei.

    *
    Selbstverständlich auch bei der Schaffung des CO2.

  3. 3 Michael Fischer 14. Juni 2017 um 08:53

    @Bernd: Mir geht der Arsch auf Grundeis, wenn ich mir vorstelle dass dieses Szenario :”Hält diese Entwicklung an, könnte der Meresspiegel bereits in 40 oder 50 Jahren um mehrere Meter steigen” eintritt…

  4. 4 crazyfrog 14. Juni 2017 um 09:43

    “Einige Personen aus Politik und Medien scheinen derzeit motiviert, altbekannte und längst widerlegte Zweifel an der Existenz des vom Menschen verursachten (anthropogenen) Klimawandels sowie an der Wissenschaftlichkeit des Weltklimarates öffentlich zu äußern. Die Forscherinnen und Forscher des Deutschen Klima-Konsortiums widersprechen und stellen die Fakten klar.”

    http://www.deutsches-klima-konsortium.de/ueber-uns/positionen/stellungnahmen.html?expand=3981&cHash=abfe7f292f4583841ba614eafc90f9f8

  5. 5 crazyfrog 16. Juni 2017 um 09:51

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