Falsche Tageszeit, zu viel Kaffee, Schlacken: Der Homöopath hat immer recht

Bei amazon findet sich eine neue Rezension zu “Homöopathie neu gedacht”, die trefflich illustriert, warum Homöopathen nie etwas falsch machen können – nach dem schrägen Selbstverständnis ihrer Anhänger jedenfalls.

amazon

Eine ehemalige Globuli-Anwenderin schreibt:

Seit ca. 17 Jahren nehme ich in unregelmäßigen Abständen Globuli, aber geholfen hat mir das nie, was mich aber nicht davon abhalten konnte, es immer wieder aufs Neue zu versuchen. Zu überzeugend waren die Argumente der Homöopathie-Befürworter in meiner persönlichen Umgebung.

Ich wurde im Laufe der Jahre geradezu indoktriniert, an die Wirksamkeit der Globuli zu glauben. Dass sich bei mir aber nie ein heilender Effekt einstellte, konnten die selbsternannten Experten jedesmal plausibel erklären und wie folgt sinnvoll begründen:

– Ich hatte in der Vergangenheit zuviel Kaffee und Schwarztee getrunken.
– Ich hatte in der Vergangenheit auch schon Antibiotika und Kortison genommen.
– Ich putze meine Zähne mit Fluorid-haltiger Zahnpasta, und ich lasse mich impfen.
– Mein Körper war einfach zu verschlackt und zu verdreckt, um effektiv auf Globuli reagieren zu können, und mir wurde nahegelegt, DRINGEND eine wochenlange Heilfastenkur nach Buchinger zu machen, um meinen Körper zu reinigen! (habe ich aber nie gemacht)
– Ich habe angeblich die falschen Globuli genommen.
– Ich habe mit Sicherheit auch die falsche Potenzierung genommen.
– Ich habe die Globuli natürlich zur falschen Tageszeit genommen.
– Und ich habe die Globuli nicht lange genug genommen.
– Mir wurde nahegelegt, DRINGEND einen erfahrenen Homöopathen aufzusuchen, der mir zeigt, wo’s langgeht.

Allem Anschein nach war ich an meiner Misere selber schuld, denn ich habe wirklich alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Trotzdem hielt ich den Zuckerkügelchen die Stange, denn soviele Leute konnten sich unmöglich gleichzeitig irren.”

Können sie eben doch.

kbv

Und deshalb fordert der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), dass Krankenkassen keine homöopathischen Leistungen mehr bezahlen dürfen:

Es ist doch absurd, wie viel Geld manche gesetzliche Versicherung für Kügelchen und Tinkturen aus dem Fenster wirft, deren Wirksamkeit – selbst nach eigenem Bekunden der Kassen! – nicht belegt ist.”

Politische Unterstützung dafür gibt’s von der Bremer SPD.

Zum Weiterlesen:

  • Kassenärzte fordern Homöopathie-Verbot für Krankenkassen, DAZ.online am 22. Mai 2017
  • Ärzte fordern: Homöopathie nicht mehr erstatten, tagesspiegel am 22. Mai 2017
  • Globuli werden als “falsche Heilsversprechen” oder gar “Voodoo” umschrieben, und trotzdem behandelt eine Tessiner Klinik damit Krebs, NZZ am 19. Mai 2017
  • LMHI – Es geht um den Wurster, dieausrufer am 20. Mai 2017
  • Flut der Pseudowissenschaft – ein Tidenstandsbericht, Keine Ahnung von Garnix am 22. Mai 2017
  • Wie die Homöopathie den gesunden Menschenverstand außer Kraft setzt, INH am 20. März 2016
  • Warum man der Homöopathie so gerne Glauben schenkt, INH am 20. März 2016
  • Homöopathieverträgliche Zahnpasta – warum das? INH am 7. Januar 2017
  • SPD-Bundesparteitag stimmt über strengere Homöopathie-Regeln ab, DAZ-online am 9. Mai 2017
  • How to kill patients with (‘risk-free’) homeopathic remedies, edzardernst am 23. Mai 2017
  • Heute in der taz: Homöopathie und die Krankenkassen, GWUP-Blog am 15. Mai 2017

14 Kommentare zu “Falsche Tageszeit, zu viel Kaffee, Schlacken: Der Homöopath hat immer recht”


  1. 1 2xhinschauen 23. Mai 2017 um 21:32

    Einige von denen, die geglaubt haben, aber enttäuscht wurden, glauben dann umso heftiger. Viele andere schweigen einfach. Sie (diese Person) hier spricht: Meine Hochachtung.

    Wir arbeiten für die Schweigenden und die Nachdenklichen, und man sieht manchmal eben doch, dass es nicht egal und nicht vergebens ist.

    Sogar, wenn sie im Einzelfall mit dem Sinneswandel gar nichts zu tun hatten.

  2. 2 Ich 24. Mai 2017 um 05:57

    Vor zwei Tagen bin ich beim Laufen mit dem Fuß umgeknickt. Schmerzen und eine Schwellung davon waren die Folge. Die angebotene Salbe (Traumeel) lehnte ich hab, wofür ich mir Kritik einheimste.

    Jetzt nach zwei Tagen ist das Fussgelenk fast in Ordnung, ich glaube, morgen werde ich wieder joggen. Dass die Beschwerden von ganz allein verschwanden (ok, ich fand den Stützverband angenehm entlastend), das wird leider nicht zur Kenntnis genommen. Hätte ich die Salbe genommen, dann wäre das natürlich ihre Wirkung gewesen.

    Manchmal resigniere ich bei dem Meinungsbild in meinem Umfeld. Dann wiederum ist es mir doch wichtig, als Gegener der Homöopathie bekannt zu sein. Vielleicht fragt mich ja doch mal jemand, warum ich das bin…

  3. 3 noch'n Flo 24. Mai 2017 um 06:12

    Leutz, die Satire habt Ihr aber schon erkannt?

  4. 4 Ich 24. Mai 2017 um 10:57

    @ noch’n Flo

    Woran erkennt man denn in diesem Fall die Satire?

  5. 5 noch'n Flo 24. Mai 2017 um 12:58

    @ Ich:

    Ach komm, so viele Stereotypen auf einem Haufen (Kaffée, Antibiotika, Fluor, Impfen, Schlacken usw. – das kann doch nur ein Poe sein.

  6. 6 Bernd Harder 24. Mai 2017 um 13:02

    @noch’n Flo:

    Aus den übrigen bislang 84 Rezensionen der Rezensentin geht m.E. nicht unbedingt eine satirische Absicht hervor.

    Kann aber natürlich sein, dass die genannte Auflistung bisschen kompiliert ist.

  7. 7 Natalie Grams 24. Mai 2017 um 13:04

    Nee, der Schreiber ist echt. Wir hatten wegen einer anderen Sache (nach der Rezension) Kontakt. Lieben Gruß, Natalie

  8. 8 Clemens M. 24. Mai 2017 um 15:16

    Och, in meinem Bekannten- und Kollegenkreis käme so was alles auch zusammen, vielleicht mit weniger Nachdruck. Das ist ja gerade da Erschreckende, dass wo man hinhört, ziemlich viel unhinterfragt übernommen und für gut befunden wird.

  9. 9 noch'n Flo 24. Mai 2017 um 15:34

    Okay, jetzt brauche ich mal Hilfe: könnte mir mal bitte jemand den Unterkiefer wieder hochklappen? Firma dankt!

  10. 10 crazyfrog 24. Mai 2017 um 16:27

    Zum dritten Link bei “Zum Weiterlesen”:

    “Der Artikel der NZZ über die Homöopathie-Klinik Santa Croce, die subtil mit Krebsheilung durch Globuli wirbt, schlägt im Tessin Wellen.”

    https://www.nzz.ch/schweiz/angebliche-tumorheilung-homoeopathie-klinik-krebst-zurueck-ld.1296092

  11. 11 Joseph Kuhn 24. Mai 2017 um 18:29

    Die Fortsetzungsgeschichte, die crazyfrog verlinkt hat, ist wirklich lesenswert. Da tanzen ein paar Leute auf der heißen Herdplatte.

  12. 12 Ich 24. Mai 2017 um 18:54

    @noch’n Flo: Das war mein Gedanke, es klingt wie Satire, aber es sind die typischen Argumente. Daher hielt ich es nicht für Satire.

  13. 13 Natalie Grams 24. Mai 2017 um 19:51

    @Joseph Kuhn – da kommt noch mehr. Die Platte bleibt heiß!

  14. 14 Ralf im Vollrausch 26. Mai 2017 um 21:47

    Das erinnert mich doch sehr an die “Magie”, die auch nur dann wirkt, wenn alle Regeln strikt eingehalten werden…
    zb muß man erst den päpstlichen Bann über Zauberbücher aufheben, der aber genau rezitiert werden muß, dh kein heiliger Name Gottes darf falsch ausgesprochen werden, alles muß stimmen – und nur dann ist der Bann aufgehoben und man kann die Dämonen beschwören, die natürlich auch nach strikten Regeln beschworen werden müssen ;-)
    “Conclavis Romanis” nennt sich die Bannaufhebung…ich war jetzt doch erstaunt, daß ich durch googeln so wenig darüber fand, da es das wichtigste ist, um überhaupt mit den Beschwörungen zu beginnen…ja, die “Zauber-Nerds” von heute, kennen nicht mehr das Wesentliche ;-)

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