Neuerscheinung: Abwarten ist oft die beste Medizin

Dass Homöopathie-Kritik keineswegs mit “Pharma-Lobbyismus” gleichzusetzen ist, erklärte Dr. Christian Weymayr 2012 in einem Skeptiker-Interview:

Wir sagen ganz klar, dass man auch in der wissenschaftsbasierten Medizin wesentlich defensiver agieren sollte. Jedes Antibiotikum, das unnötig verabreicht wird, stellt im Grund einen Kunstfehler dar.

Hier können wir von der Homöopathie lernen, und zwar dergestalt, dass Abwarten und Nichtstun eine immer noch weit unterschätzte Therapie-Option ist.”

In dieselbe Richtung geht die Ärzte-Initiative “Gemeinsam Klug Entscheiden” und die Buchneuerscheinung “Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker” von der Medizinerin Ragnhild Schweitzer und dem ZeitWissen-Redakteur Jan Schweitzer.

9783462047677

In einem Spiegel-Gespräch (16/2017) sagt Ragnhild Schweitzer:

Akute Schmerzen im Kreuz etwa verschwinden meist nach ein paar Wochen von ganz allein. Atemwegsinfektionen gern noch viel früher. Da braucht es keine Spritzen oder Antibiotika, die haben nur potenzielle Nebenwirkungen. Es ist oft viel gesünder, nicht gleich zum Arzt zu rennen.”

Spiegel: Lassen sich die Ärzte auch von der Erwartungshaltung der Patienten treiben?

Mit Sicherheit. Die Menschen sitzen ja nicht stundenlang im Wartezimmer, damit der Arzt ihnen sagt: Wir warten erst mal ab. Viele fühlen sich erst dann gut versorgt, wenn der Doktor sie mit moderner Technik untersucht und eine Therapie angeordnet hat.

Mein Mann und ich machen da keine Ausnahme. Wir haben oft auch direkt losgelegt, wenn es um die Gesundheit unserer Kinder ging – obwohl wir es eigentlich besser wussten. Unser Sohn ist wegen dieses Aktionismus sogar einmal operiert worden.”

Und was soll man tun, wenn man einen aktionistischen Arzt gerät?

Ein guter Trick ist, ihn Folgendes zu fragen: Was passiert eigentlich, wenn wir gar nichts tun und erst mal abwarten? Das wird ihn sicher zum Nachdenken bringen. Und vielleicht hilft es, sich vor Schaden zu bewahren.”

schweiz

Abwarten ist nach Aufassung der beiden Autoren “oft die beste Medizin”.

Und würde fraglos auch mit dazu beitragen, den Nimbus von Homöopathie und Co. zu entzaubern, der wesentlich von der “Regression zur Mitte” lebt.

Zum Weiterlesen:

  • “Nicht gleich zum Arzt rennen”, Der Spiegel 16/2017
  • Arztbesuche mit unerwünschten Nebenwirkungen, Deutschlandradio Kultur am 12. April 2017
  • Jetzt aber mal langsam! FAZ am 19. April 2017
  • Hintergrund zum Buch: Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker, radioeins am 1. April 2017
  • Skeptiker als Pharma-Söldner? GWUP-Blog am 21. April 2013
  • Die Homöopathie-Lüge – Ein Interview (2), GWUP-Blog am 23. Dezember 2012
  • Jan Schweitzer: Glauben und Globuli, ZeitWissen am 9. Dezember 2010
  • „Gemeinsam klug entscheiden“ – Fachgesellschaften stellen neue Initiative vor, Ärzteblatt am 14. Oktober 2015
  • Patientenbeteiligung verwirklichen: „Gemeinsam Klug Entscheiden“ setzt auf Kommunikation, idw am 3. November 2015
  • Jan Schweitzer/Ragnhild Schweitzer: Fragen Sie weder Arzt noch Apotheker. KiWi-Paperback, 272 Seiten, 14,99 €

7 Kommentare zu “Neuerscheinung: Abwarten ist oft die beste Medizin”


  1. 1 M. Lehmann 22. April 2017 um 06:58

    ” Akute Schmerzen im Kreuz etwa verschwinden meist nach ein paar Wochen von ganz allein. … Es ist oft viel gesünder, nicht gleich zum Arzt zu rennen.”

    Wie oft?

    Gibt es Studien/Metastudien?

  2. 2 diabetiker 22. April 2017 um 11:11

    –Abwarten ist nach Aufassung der beiden Autoren “oft die beste Medizin”.–
    so können ärzte für “ihre kinder” argumentieren.
    ich möchte nicht in der haut der mutter/des vaters stecken dem der arzt dann, wenn warten nichts gebracht hat, sagt wenn sie rechtzeitig gekommen wären hätte ihr kind jetzt nicht leiden müssen.
    diese “oft” ist für laien ein ganz schlechter rat.
    -eine gern benutzte ausrede bei kindesmißhandlung.

  3. 3 Ralf im Vollrausch 22. April 2017 um 18:06

    Herr Lehmann,
    Ihre Anmerkung verstehe ich schon.

    Aber ich finde es einen guten Ansatz, nicht gleich zum Arzt zu rennen und besonders nicht in die Notaufnahmen (außer es handelt sich wirklich um einen Notfall – oder wirklich empfundenen Notfall).
    Deswegen wäre ein Konzept eines “Heilkundigen” oder “Gemeindeschwester” nicht schlecht, der/die in enger Absprache mit einem Arzt kleine “Wehwehchen” behandeln könnten und gegebenenfalls den Schweregrad der Erkrankung einschätzen könnten – ja, das würde schon eine umfangreiche Ausbildung erfordern, aber müßte nicht unbedingt ein Studium sein.
    Das wäre auch mMn ein Konzept gegen den “Un-Heilpraktier-Wahn” und eine Entlastung der Ärzte, die sich dann um wirklich Kranke kümmern könnten.

  4. 4 Markus Grimm 23. April 2017 um 17:04

    In eine ähnliche Richtung wie das von Ralf vorgeschlagene Konzept ging ja auch das von Nathalie Grams angeregte Berufsbild des “neuen” Homöopathen als eine Art Gesundheitslotsen ohne Quacksalberei. Das wäre eine verantwortungsvolle Position, um ggf. Abwarten zu unterstützen.

  5. 5 Bernd Harder 23. April 2017 um 19:52
  6. 6 Joseph Kuhn 23. April 2017 um 20:24

    Abwarten, wenn man die Sache abgeklärt hat. Nicht nötige Behandlungen hinausschieben.

  7. 7 Onkel Michael 26. April 2017 um 11:16

    Natürlich muss man nicht wegen jeder Kleinigkeit zum Arzt rennen. Aber wenn ich lese, dass Kreuzschmerzen nach “ein paar Wochen” von alleine wieder verschwinden, dann frage ich mich schon, mit welcher Begründung hier Patienten über mehrere Wochen Kreuzschmerzen zugemutet werden sollen. Derartige Forderungen sind meiner Meinung nach schon hanebüchen. Wer Schmerzen hat, der muss zum Arzt, egal an welcher Körperstelle. Vor allem muss ja abgeklärt werden, woher der Schmerz kommt, gerade im Wirbelsäulenbereich können ja durchaus ernstere Probleme dahinter stecken.

    Meiner Meinung nach erweist das Autoren-Duo mit solchen Forderungen einen Bärendienst.

    Und wenn wir schon bei plakativen Forderungen sind, dann sollten wir uns doch zuerst mal um diejenigen PatientInnen kümmern, die nur zum Arzt gehen, um unter Leute zu kommen und Ansprache zu haben. Dann hätte man sicherlich ein gutes Drittel Wartezimmerverstopfer weniger.

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