Leben wir wirklich im postfaktischen Zeitalter?

Im aktuellen Stern habe ich nach etwa 30 Seiten aufgehört zu zählen, wie oft das Wort “postfaktisch” darin vorkommt – aber auch die gesamte Trump-Berichterstattung ist voll davon.

Außerdem gibt es einen entsprechenden Twitter-Hashtag und einen Wikipedia-Eintrag.

grams

Konträre Denkanstöße dazu äußern zum Beispiel Dr. Natalie Grams und Jörg Wipplinger bei diewahrheit (leider ohne Video):

Wipp

Das ist völlig lachhaft. Faktenorientierte Diskussion und rationale Entscheidung war und ist eine winzige Nische. Nicht die Nische einer kleinen Elite, sondern eine winzige Nische im Entscheidungsprozess von jedem einzelnen von uns.”

Zum Weiterlesen:

  • Das “postfaktische” Zeitalter: Jeder macht sich seine eigene Welt, Tagesspiegel am 23. Oktober 2016
  • Sieg des Bauchgefühls, Spiegel 37/2016
  • Faktenflucht als Zeitkrankheit, GWUP-Blog am 6. März 2015
  • „Wissenschaft und Blödsinn“: Post-Truth-Politics oder Ist das Zeitalter der Fakten vorbei? GWUP-Blog am 6. September 2016
  • “Postfaktisch”: Warum das Hirn von Fakten kaum beeindruckt ist, diepresse am 9. November 2016
  • Angela Merkels neues Modewort: Was bitte bedeutet “postfaktisch”? Deutschlandradio Kultur am 23. September 2016
  • Angela Merkel und das postfaktische Zeitalter, rp-online am 24. September 2016
  • Trump-Wähler scheren sich nicht um die Wahrheit? Du doch auch nicht! t3n am 10. November 2016
  • Das “postfaktische” Zeitalter Jeder macht sich seine eigene Welt, Tagesspiegel am 23. Oktober 2016
  • Googeln statt Wissen: Das postfaktische Zeitalter, NZZ am 22. August 2016
  • Postfaktisch? Die Intellektuellen haben ein Monster geschaffen, Welt-Online am 10. November 2016
  • Make reason great again, Gesundheits-Check am 10. November 2016

11 Kommentare zu “Leben wir wirklich im postfaktischen Zeitalter?”


  1. 1 2xhinschauen 13. November 2016 um 11:01

    >> Wann war denn bitte das faktische?

    Ihr nehmt den Begriff viel zu faktisch ;-) Natürlich ist es Quatsch, von einem (neuen) Zeitalter zu sprechen, denn die Populisten aller Farben und Gegenden haben in ihrer Argumentation Fakten und Logik nie sonderlich ernstgenommen, und es wurde ihnen auch nie sonderlich verübelt. Von ihren Anhängern eh nicht und von den anderen aber auch nicht, war ja egal, die paar Prozent.

    Andere Politiker müssen sich gelegentlich Lügen und Unfug vorhalten lassen, die Populisten eben nicht.

    Laut Scott Adams (http://dilbert.com/) spielen Fakten bei Wahlentscheidungen sowieso keine Rolle, und der hat den Trump-Sieg schon vor einem Jahr richtig prognostiziert (nur der Erdrutsch blieb aus).

    Der ganze Unterschied ist, dass vormals randständige Populisten plötzlich Wahlen entscheiden oder sogar gewinnen. Sollte sich dieser Trend in Europa fortsetzen, wird Postfaktizität noch unser allergeringstes Problem sein.

    p.s. Pechschwarz gemalt: Das erste Opfer des Krieges…

  2. 2 4xschadetauchnicht 14. November 2016 um 20:57

    Wohl kaum – allein der Begriff “postfaktisch” ist nichts anderes als Populismus. Die Welt ist auch nicht schwarz weiß und passt nicht in Schubladen, nicht alles was etablierte Parteien sagen sind Fakten (news of the day), nicht alles was Populisten sagen ist deshalb Bullshit, weil es von Populisten kommt. Manchmal sind “etablierte Politiker” populistisch unterwegs, manchmal Politiker der AfD nah an Fakten. Muss man mit klar kommen, die Welt ist kompliziert.

    Ich finde der Artikel trifft es genau. Zu behaupten vor Aufschwung der Populisten sei jede Diskussion “faktisch” gewesen, grenzt ans ironische. Ebenso wäre es mir neu, dass sich die AfD oder andere Populisten sich keine Lügen oder Unfug vorhalten lassen müssten, vermutlich in vergleichbarem Maß wie die etablierten. Nur ist das persönliche Empfinden wie legitim dies für welche Partei ist naturgemäß unterschiedlich stark ausgeprägt. Differenzierungen stressen Menschen, ohne Schubladen werden sie nervös. Mit Schubladen kommt man in einer komplizierten Welt aber nicht mehr voran.

    Um einen berühmten verstorbenen promovierten Geologen zu zitieren: “Muss man wissen” ;)

  3. 3 TeslaDriver 15. November 2016 um 11:42

    Bei dieser Diskussion um den Begriff vergleicht bitte das Informationszeitalter seit der Einführung des privaten internet 1997 und die Bedeutung der Sozialen Medien. Der Begriff hat daher einen wahren Kern.

  4. 4 klauszwingenberger 15. November 2016 um 16:01

    @ 4xschadetauchnicht:

    Ganz so einfach ist es nicht. “Postfaktisch” heißt ja nicht, dass früher alles faktisch gewesen wäre. Die Bedeutung des Begriffs ist eine andere: im “Postfaktizismus” muss man nicht mehr fürchten, der Lüge oder wenigstens der Unwahrheit überführt zu werden. Es schadet den eigenen Ambitionen nicht mehr, weil es scheißegal ist. Im Postfaktizismus muss man andere Meinungen nicht mehr verbieten, das Niederschreien oder auch ganz einfach das Zutexten mit Blödsinn reicht schon.

    Der Schlüsselbegriff des Postfaktizismus ist nicht die Lüge, sondern der Bullshit: irgendwas, das zündet, egal ob es stimmt oder nicht.

  5. 5 crazyfrog 17. November 2016 um 13:10

    “Post-truth ist vom wichtigsten Wörterbuch der Welt, dem „Oxford English Dictionary“, zum „Wort des Jahres“ gewählt worden.”

    https://www.welt.de/kultur/article159560304/Danke-Merkel-fuer-das-Wort-postfaktisch.html

  6. 6 Martin 18. November 2016 um 09:48

    Zu Crazyfrog:
    “…wachsendes Misstrauen gegenüber Fakten ,die vom Establichment angeboten werden…”
    Diese Formulierung beinhaltet die postfaktische Behauptung, dass nur die Elite fähig ist, richtige FAKTEN vorzugeben.Des weiteren bekomme ich als Leser unterschwellig eine Lehrstunde im Autoritätsdenken untergeschoben.Will sagen: Das Establichment denkt für mich und was es denkt ist immer richtig. Alles, was ich denke, ist dagegen postfakttisch, da das Establichment über eine göttliche Aura verfügt. Als ehemaligen DDR Bürger wurden mir durch Partei ,Staat und Medien stündlich vermeintliche Fakten angeboten bzw. eingehämmert , die sich dann 1989 in der wahren Realität in Luft auflösten da die Bürger ihre gefühlte Wahrheit dagegensetzten. Wir leben meiner Ansicht nach also weder in einer Faktischen noch Postfaktischen Zeit.Letztlich geht es immer nur um die Frage von Macht. Dafür sind alle faktischen und postfaktischen Mittel recht…

  7. 7 klauszwingenberger 18. November 2016 um 12:12

    @ Martin:

    Na, dann kommen wir vom angeblich bedeutend Allgemeinen doch mal runter zum handfesten Besonderen:

    Würdest Du sagen, die Wirksamkeit von Schutzimpfungen ist eine Machtfrage?

    Und würdest Du sagen, die Antwort auf die Frage hängt davon ab, ob das “Establishment” (sic!) sie in der einen oder anderen Richtung beantwortet?

    Und würdest Du drittens im Ernst vertreten, dass es edler im Gemüt sei, wenn Du die Frage gerade anders beantwortest, als das “Establishment”?

  8. 8 Ralf im Vollrausch 18. November 2016 um 20:12

    Ja, es stimmt schon, daß es ein faktisches Zeitalter nie gab, denn es gab immer den Stammtisch, an dem populistische Phrasen gedroschen wurden, aber der Stammtisch ist mittlerweile exponentiell angewachsen, durch die sozialen Medien…wir haben die Büchse der Pandora geöffnet und werden diese nie wieder schließen können…
    Im “Faktischen Zeitalter” gab es die etablierten Medien, die nur in bedingter Weise die Beteiligung des Publikums zuließen…heute in den sozialen Medien, kann jeder seine Meinung zum besten geben…egal wie “unfaktisch” sie ist – umso emotionaler ansprechend vorgetragen, umso mehr “Likes” gibt es…und das hat auch Einfluß auf das Wahlverhalten der “postfaktischen Zombies ;-)”

  9. 9 Ralf im Vollrausch 18. November 2016 um 20:33

    @Martin
    Ihren Kommentar kann ich schon nachvollziehen und halte hier Ihre Kritik auch für angemessen, denn es wäre vermessen zu denken, daß die “Eliten” oder “Etablierten” die Wahrheit gepachtet hätten, deshalb ist es wichtig “Wahrheiten” zu hinterfragen, dem ist nicht zu widersprechen, aber wer Wahrheiten verdreht, um ein Ziel zu erreichen, der handelt “postfaktisch”.

    Wissenschaftliche Tatsachen können von jedem überprüft werden, da vieles öffentlich zugänglich ist, aber dafür braucht man Kenntnis der meist komplexen Materie – die eben meist nur Wissenschaftler des Fachgebietes haben…das Konzept der “Open Source” minimiert Fehler, da viele darauf zugreifen, die sich in diesem Gebiet auskennen und somit Fehler erkannt werden.

    Das war mMn auch die Grundidee des Internets, daß Informationen frei zugänglich sein sollen und somit auch von jedem überprüft werden können…

  10. 10 crazyfrog 27. November 2016 um 16:49

    Interessante Betrachtung:

    Die Wucht des Ressentiments ist nicht neu: Das Problem ist nicht, dass Wähler nicht zwischen wahr und falsch unterscheiden können. Sondern dass ihnen die Wahrheit weniger wichtig ist als ihre Wut.

    https://www.welt.de/debatte/kommentare/article159750748/2-2-5-Versuch-s-doch-einfach-mal.html

  1. 1 Macht ständiges Entscheiden rechthaberisch? – Gesundheits-Check Pingback am 20. November 2016 um 16:17

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