Der Schröpfschnepper: Die „Alternativmedizin“ hat einen neuen Superbestseller

Jahrhundertelang war es verschollen – jetzt hat der Springer Wissenschaftsverlag endlich eine Faksimile-Ausgabe herausgebracht.

Schon wenige Tage nach der Veröffentlichung erklimmt das bahnbrechende Werk des Benediktinermönchs Ignatius Medicus aus der Frühen Neuzeit die Bestsellerlisten:

Medicinisch-theologischer Versuch über den beßren Gebrauch des Schröpfschneppers und die ausleitende Wirkung des Aderlaß auf die Verdauungsgase”

Ein Auszug:

Man nemme hernach nun eynen roßtigen Eisensplitter undt stecke ihn dem Krancken recht eigendlich unter den Daumennaggel der sorgsamm eingeschnührten rechden Hant.

Windeth sich der Pacient und kommet Außscheydung an’s Kertzenlicht, wehret sich dero innewonende Theufel unt mußß durch cräfftigen Schlag mit eynmen schwehren Höltzhämmerchen auf den Deds deß Beseßnen gantz ausgetrieben werden.

Wärent der Procedur sollte eyne Junkfrau regelmässig mit dem Schröpfschnepper die Lebensadern des Candidaten  anrizen, um deßen sittliche Heyllung zu beschluinigen.

Aus dem Bisthum Cöln wurden durch diese Arth des Therapirns mindestenß fümpf Felle erfollgreicher Heîlung gemeldett.”

Aus der Verlagswerbung:

Das Medizinwissen unser Ururururururururururururururururururgroßeltern birgt noch manch spannende Entdeckung. In diesem Band nimmt uns Benediktinermönch Ignatius Medicus mit auf eine faszinierende Reise durch die Welt der Behandlungsmethoden und stellt nicht zuletzt unsere analytische Sichtweise auf den menschlichen Körper in Frage.”

Die Reaktionen:

Fachleute schätzen den wissenschaftlichen Wert der Abhandlung als “eher gering” bis “rückschrittlich” ein, viele der beschriebenen Wunder widersprächen den Naturgesetzen und beleidigten jede Vernunft. Unter Laien findet das Buch jedoch großen Anklang und wird zu einem Standardwerk der beliebten alternativen oder auch sanften Medizin.”

Sie könnte fast wahr sein, diese Story aus der aktuellen Titanic (Juli 2016).

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Der Autor Valentin Witt präsentiert darin eine Reihe von satirischen Vorschlägen für kostengünstige, aber erfolgversprechende Buchproduktionen (“Die Sparbücher”) – unter anderem auch im Segment “Alternativmedizin”.

Das ist lustig und erschreckend zugleich. Denn natürlich fände so ein Machwerk reißenden Absatz.

Zum Weiterlesen:

  • Valentin Witt: Die Sparbücher, Titanic 7/2016
  • Na sowas: Homöopathie ist ein „Geschäftsfeld der pharmazeutischen Industrie“, GWUP-Blog am 25. Mai 2016
  • Die Unheiler, correctiv.org am 18. Dezember 2015
  • Fehlschluss #18: Argument des Althergebrachten, Traditionsargument, Ratio-Blog am 8. August 2011

13 Kommentare zu “Der Schröpfschnepper: Die „Alternativmedizin“ hat einen neuen Superbestseller”


  1. 1 nota.bene 6. Juli 2016 um 16:02

    Soweit den paar Zeilen zu entnehmen ist, unterscheiden sich die dortigen Therapievorschläge gar nicht so groß von der in der “Frühen Neuzeit” üblichen Schulmedizin. Vielleicht sollte man das “Werk” eher in die Rubrik Medizingeschichte als in Alternativmedizin einordnen.

  2. 2 Udo Endruscheit 6. Juli 2016 um 18:55

    Der Springer-Wissenschaftsverlag? Ehrlich? Ganz bestimmt? Sicher? Nicht doch Friede Springers Papierverwertungsanstalt? Bitte schaut doch noch mal nach…

  3. 3 Alexander 6. Juli 2016 um 19:14

    > Denn natürlich fände so ein Machwerk reißenden Absatz.

    Vermutlich ;)

    Es sei denn, die Zielgruppe ist bereits anderweitig beschäftigt:

    http://www.heise.de/tp/artikel/48/48746/2.html

    https://www.amazon.de/Hildegard-Orgonakkumulator-von-Jentschura-Energetisierung/dp/B0044S3CEK/ref=cm_cr_arp_d_product_top?ie=UTF8 (Tipp: Rezensionen beachten! ;))

  4. 4 Bernd Harder 6. Juli 2016 um 22:03

    @Udo Endruscheint:

    Sic – so steht es da.

  5. 5 noch'n Flo 8. Juli 2016 um 07:21

    @ Geimpfter:

    “Übrigens, den Aderlaß gibt es noch heute in der Schulmedizin!”

    Ja, für genau eine (sehr seltene) Indikation.

  6. 6 Ralf in Altersteilzeit 8. Juli 2016 um 14:29

    Was soll man da sagen?

    Ich denke, man mußte einen Weg finden, vom reinen Aberglauben zu einer wissenschaftlich-orientierten Medizin und das ging eben nicht Schlag auf Schlag, sondern nur langsam, deshalb sehe ich das nicht so schlimm.

    In einigen Jahrzenten, werden auch die Religionen belächelt werden und dann wird man vielleicht auch den Kopf darüber schütteln, welchen Einfluß Religionsverbände in der heuten Politik haben.

    Auch gibt es bei uns noch einen ausgeprägten “Gesundheitsglauben”, wenn sich irgendetwas erst einmal etabliert hat, dann wird es geglaubt – zb werden heute “freie Radikale” anders gedeutet, als früher.

    Neue Erkenntnisse verdrängen alte “Weisheiten”, aber der Glaube daran ist nicht so leicht zu beseitigen, das wird – so hoffe – auch irgendwann so merkwürdig klingen, wie die Zeilen des Benediktinermönchs.

  7. 7 RPGNo1 8. Juli 2016 um 17:20

    Wenn es nicht vom Springerverlag herausgebracht würde, dann wäre mein Kommentar: Ein schöner historischer Abriss über mittelalterliche Heilkunst.
    Aber so? Großes Kopfschütteln.

  8. 8 Bernd Harder 8. Juli 2016 um 18:01

    Mal nur so nebenbei an @alle:

    Wir wissen schon, was das Titanic-Magazin ist, oder?

  9. 9 Ralf in Altersteilzeit 8. Juli 2016 um 18:30

    Ach sooo…loool…ich habe gedacht, die Titanic hätte ähnliches, in satirischer Form gebracht…ja, so ist das, wenn man einen Artikel zu schnell liest…und sich vielmehr seinen eigenen Narzissmus pflegt und einen Kommentar absendet ;-)

  10. 10 Ralf in Altersteilzeit 8. Juli 2016 um 18:35

    LOL
    Außerdem ist das Althochdeutsche gespickt mit Rechtschreibfehlern, so schrieb man damals nicht, das ist mir zwar aufgefallen, aber so richtig bewußt habe ich das nicht verarbeitet…

  11. 11 Bernd Harder 8. Juli 2016 um 18:38

    @Ralf:

    Ich habe jetzt tatsächlich sicherheitshalber noch ein kleines, aber entscheidendes Wort eingefügt.

  12. 12 Ralf in Altersteilzeit 8. Juli 2016 um 18:46

    ‘mußß’ ist so ein Beispiel…

    Aber leider gibt es solche “Werke”…ich nenne hier das:
    https://www.amazon.de/sechste-siebente-Mosis-wahrer-Magisch-smpathetischer/dp/3879561184

    Dieses Buch habe ich und darin sind viele krude Rezepte vorhanden.

    Mein Lieblingsbeispiel:
    “Wenn eine Frau, die Liebe eines Mannes erzwingen will, dann soll sie einen Kuchen backen, mit ihrem Menstruationsblut”.
    Das steht im “Magisch-smpathetischer Hausschatz”, das hat eigentlich nichts mit dem 6. und 7. Buch Mosis zu tun, aber wurde damals “vermischt”.

  13. 13 RPGNo1 14. Juli 2016 um 15:02

    Argh, Asche auf mein Haupt, ich habe es tatsächlich für bare Münze genommen.
    Gut gemacht, Titanic! Gut hereingelegt, GWUP! ;)

    Aber bei einem muss ich den Vorpostern zustimmen. Bei dem Unsinn, der den Leuten heute allenthalben vorgesetzt wird, fänden sich sicher auch bei dieser obskuren Lehre zahlreiche Anhänger.

    PS: Merkzettel an mich: Einen Artikel das nächste Mal VOLLSTÄNDIG und IN RUHE durchlesen, verarbeiten und DANN die Antwort posten.

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