Geschichte des Weltuntergangs: Schrecken ohne Ende

Weltuntergangstermine ohne Ende.

Den 16. Februar haben wir folgenlos überstanden – dafür soll im Mai ein Asteroid die Erde treffen oder wahlweise im Juni (oder früher) der dritte Weltkrieg beginnen.

Sogar Mimikama sah sich schon zu einer Stellungnahme zu den kursierenden Kriegs-Gerüchten genötigt.

Der Heidelberger Historiker Johannes Fried hat jetzt

Eine Geschichte des Weltuntergangs”

vorgelegt.

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In “Dies irae” erklärt Fried, dass …

… Endzeitängste auch im Zeitalter der Säkularisierung und fortschreitender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht verschwunden sind. Die Menschen geben Milliarden aus, um zu erfahren, wie die Welt eines Tages enden wird.”

Der emeritierte Mittelalterhistoriker von der Universität Frankfurt beschreibt den Weltuntergang primär als christlich-abendländisches Phänomen:

Die Apokalypse, der Antichrist, das Endgericht, ein neuer Himmel und eine neue Erde: Sie werden in der Bibel vorausgesagt und genauestens beschrieben. Und sie haben sich tief in die Kultur des Westens eingebrannt [...] Fried weist darauf hin, dass die Tempelzerstörung durch die Römer im Jahr 70 nach Christus die Vorstellungen von einem umfassenden Weltgericht radikalisierten.

Endzeitfurcht und Erlösungssehnsucht: Die Faszination am Weltuntergang blieb über die Jahrhunderte groß. Fried schildert, wie der Glaube an das unerbittliche Ende Heulen und Zähneknirschen hervorrief – und wie die Schreckensszenarien immer wieder dafür missbraucht wurden, um Menschen gefügig zu machen.”

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Spektrum schreibt in einer Rezension:

Man sollte meinen, mit dem Aufkommen der modernen Naturwissenschaften würden apokalyptische Vorstellungen überwunden. Doch weit gefehlt.

Das christliche Denken von Anfang und Ende der Welt hat sich längst in die kollektive Psyche eingebrannt, wie der Autor zeigt. Deshalb seien Wissenschaftler noch heute von Anfängen und Untergängen fasziniert – man denke an den Urknall, an den Sturz von Materie in schwarze Löcher oder an Endszenarien wie “Big Rip” und “Big Crunch”.

Die Kultur, so der Autor, sei ebenfalls von Weltuntergangsszenarien geprägt.

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Heutige Filmkunst wiederholt und propagiert – je jünger, desto eindringlicher – die Prognose eines endgültigen Untergangs von Erde und Menschheit, die sich seit Jahrhunderten im ‘Westen’ eingenistet hat.

Die ursprüngliche christliche Idee des Weltenfinales sei allerdings mittlerweile verblasst; in den großen Kirchen werde kaum noch über sie gesprochen. Dennoch erschaudern Zeitgenossen nach wie vor, wenn sie von einschlägigen religiösen oder esoterischen Prophezeiungen erfahren.

Kurz vor der zurückliegenden Jahrtausendwende fanden die Weissagungen des Nostradamus selbst unter aufgeklärten Zeitgenossen Gehör. Und Zeitungen wie Die Welt, eigentlich in der seriösen Presselandschaft zu verorten, berichten allen Ernstes über die Endzeitprognosen der bulgarischen Seherin Baba Wanga.

Frieds Resümee: “Das apokalyptische Repertoire hat sich nicht verflüchtigt, die eschatologische Denkfigur ist so aktuell wie eh und je.”

Das hatten wir auch schon festgestellt.

Zum Weiterlesen:

  • Nur noch wenige Tage bis zum 3. Weltkrieg? Mimikama am 23. Februar 2016
  • Johannes Fried: Dies irae: Eine Geschichte des Weltuntergangs. C. H. Beck, München 2016
  • Apokalypse now, spektrum.de am 3. März 2016
  • Das Buch „Dies irae“ von Johannes Fried, SWR-Fernsehen am 7. März 2016
  • Buchvorstellung “Dies Irae” von Johannes Fried, WDR3 am 9. März 2016
  •  Darum findet der Weltuntergang im Westen statt, The Weather Channel am 16. März 2016
  • Nicht vergessen: Heute ist Weltuntergang, haben die „Ghostbusters“ vorausgesagt, GWUP-Blog am 14. Februar 2016
  • Der Weltuntergang einst und jetzt – Rückschau und Ausblick, GWUP-Blog am 1. Januar 2016
  • Was machen Apokalyptiker, wenn die Welt nicht untergeht? Einfach so weiter, GWUP-Blog am 4. Dezember 2015
  • Prognosen-Check: Was hat die blinde bulgarische Seherin Baba Wanga zum IS gesagt? GWUP-Blog am 11. Dezember 2015
  • Weltuntergang: Selbstmord aus Angst vor dem Tod, GWUP-Blog am 2. Februar 2015
  • Jeden Tag Weltuntergang: Die Psychologie der Apokalypse, GWUP-Blog am 1. Mai 2013
  • Peter Dinzelbacher: Weltuntergangsphantasien. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2014
  • Das kleine Weltuntergangsinterview: Diesmal mit Bernd Harder, Neue Szene am 1. Dezember 2014

21 Kommentare zu “Geschichte des Weltuntergangs: Schrecken ohne Ende”


  1. 1 Kohout, Barbara 17. März 2016 um 15:01

    Vielen Dank für den Hinweis auf das Buch von Johannes Fried. Ich werde es sofort bestellen.
    Alle Aussteiger aus destruktiven Psychokulten und fundamentalistischen, Neu-religiösen Gruppen haben extreme Ängste vor der Vernichtung in einem unmittelbar bevorstehenden Gottes-Gericht.
    Ich finde, eine Analyse der Hintergründe für diese Ängste ist eine gute Möglichkeit sie zu verstehen und auch zu überwinden.

  2. 2 Kohout, Barbara 17. März 2016 um 15:04

    Ganz sicher ist es hilfreich, die Historie der Weltuntergangs-Prophezeiungen zu kennen. Sie wird damit ihren Schrecken verlieren.
    Aussteiger aus Sekten und Kulten bietet es eine Chance, Ängste zu überwinden.
    Danke für diese Veröffentlichung.

  3. 3 Brigitte Götz 20. März 2016 um 09:36

    Endlich da: Der Apokalender – Ein Kalender für Apokalyptiker und Singles mit Niveau

    http://saturn.de.dyndn.es/

  4. 4 Ralf 21. März 2016 um 20:03

    @Brigitte Götz
    Super Kalender – jetzt vergesse ich keinen Weltuntergang mehr :-)

    Eines wird sich aber bewahrheiten: Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika…da wette ich die Dritten meiner Oma darauf…

  5. 5 Randifan 21. März 2016 um 20:56

    Ich habe Y2K, Ebola, Sars und Schweinegrippe überstanden, die von den Medien als das Ende der Welt präsentiert wurden. Das Zika-Virus sollte schon lange ein Szenario wie im Film “Children of men” zur Folge haben.

    Solange die Medien jedes neu entdeckte Virus als weltweite Pandemie präsentieren, anstatt rationale Aufklärung zu betreiben ,werden Weltuntergangspropheten Menschen mit ihren Wahn infizieren

  6. 6 Bernd Harder 21. März 2016 um 21:00

    @Randifan:

    Nun ja, in puncto “Pauschalisieren” übertreffen Sie aber jedes Katastrophenmedium mühelos.

  7. 7 Ralf 21. März 2016 um 21:26

    @Randifan:

    Na ja, niemand spricht bei dem “Zika-Virus” von einer Pandemie.

    resistente Keime und Viren sind bedeutende Feinde, die lautlos zuschlagen können – man kann sie fast nicht ernst genug nehmen.

    Y2K hätte schlimme Folgen haben könne, wenn nicht im Vorfeld viel unternommen worden wäre.

    In gewisser Weise ist das Problem immer noch aktuell:

    http://www.morgenpost.de/vermischtes/article207104637/Schaltjahr-verursacht-Kofferproblem-am-Flughafen-Duesseldorf.html

  8. 8 Bernd Harder 21. März 2016 um 21:28

    @Ralph:

    Genau, außerdem wird eine Pandemie von der WHO ausgerufen und nicht von den Medien.

  9. 9 Randifan 21. März 2016 um 22:13

    “Endzeitängste auch im Zeitalter der Säkularisierung und fortschreitender naturwissenschaftlicher Erkenntnisse nicht verschwunden sind. ”
    Naturwissenschaftler sollten nicht überschätzt werden, sie können diesem Endzeitwahn genauso schnell verfallen, wie weniger gebildete Menschen. Issac Newton sagte der Ende der Welt für 2060 vorraus, was an Ironie nicht zu überbieten ist.
    http://www.welt.de/wissenschaft/article956955/Isaac-Newton-sagte-Weltende-fuer-2060-voraus.html

  10. 10 Bernd Harder 21. März 2016 um 22:16

    @Randifan:

    Und Johannes Kepler war von Astrologie überzeugt.

    Das ist keine Ironie, sondern zeitgebunden.

  11. 11 Randifan 21. März 2016 um 22:39

    @Bernd Harder
    Dieser Endzeitglaube ist ein Teil des Christentums und da viele Naturwissenschaftler gläubige Christen sind, dürfte Issac Newtons Endzeitglaube Teil des christlichen Glaubens sein. Selbst der katholische Katechismus ermahnte die Katholiken auf die Endzeit vorbereitet zu sein.
    http://www.vatican.va/archive/DEU0035/_P21.HTM

    Allerdings dürfte Issac Newton Brechnung viele Christen ablehnen, da laut Bibel nur Gott das genau Datum, so wie es in Matthäus Kapitel 24, Vers 36 steht.
    Solange die Gesellschaft christlich ist, wird dieser Weltuntergangsglaube präsent bleiben.

  12. 12 Bernd Harder 21. März 2016 um 22:43

    @Randifan:

    Ich kenne nur wenige Christen, die z.B. an den Mayakalender 2012 geglaubt haben.

  13. 13 Randifan 21. März 2016 um 23:04

    @Bernd Harder
    In Deutschland dürften genauso wenige Christen an die biblische Endzeit glauben, wenn der Antichrist die Welt mit seinem Schrecken heimsucht und Jesus ihn am Ende besiegt, worauf ein tausendjähriges Reich folgt.

  14. 14 Ralf 21. März 2016 um 23:12

    @Randifan
    Nicht nur im Christentum, auch der Islam akzeptiert “Jesus” als endzeitlichen Richter.
    Sie machen es sich auch etwas einfach, in der Auslegung der Schrift…das tausendjährige Reich, wird in der Theologie differenzierter gedeutet:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus

  15. 15 Ralf 21. März 2016 um 23:40

    Ich glaube nicht, daß man den Endzeitglauben an einer Religion festmachen kann…vielleicht ist das Thema “Apokalypse” ein archaisches Programm in unserem “Hypothalamus”…eine Ur-Ahnung unsererer Begrenztheit, die durch die Gegebenheiten der Umwelt gegeben sind…nur durch Anpassung und “Akzeptanz der Fakten”, können wir uns dem entziehen…

  16. 16 Randifan 22. März 2016 um 00:17

    @Ralf
    “Nicht nur im Christentum, auch der Islam akzeptiert “Jesus” als endzeitlichen Richter.”
    Dieses Konzept hat der Islam vom Christentum übernommen.

    “Sie machen es sich auch etwas einfach, in der Auslegung der Schrift…das tausendjährige Reich, wird in der Theologie differenzierter gedeutet:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Millenarismus
    Der Einfluss des Millenarismus auf die westliche Kultur bleibt bestehen, nichts anderes kann ich im wiki-Beitrag zu diesen Thema erkennen. Auf den Millenarismus basiert der Weltuntergangsglaube.

  17. 17 Gastbeitrag 30. März 2016 um 21:43
  18. 18 Martin 21. April 2016 um 15:58

    Erstens wird die WELT nicht untergehen, denn die besteht schon seit dem Urknall, also seit gut 14 Milliarden Jahren in Form der Ausdehnung von Raum und Zeit. Zweitens kann höchstens die Gattung Mensch untergehen, aber das wird in dieser Welt außer den Menschen wohl sonst niemand weiter groß interessieren(Fußnote der Evolution) . Sein Tod und sein Untergang sind lediglich die neurotische Angst des Menschen vor seiner Endlichkeit.

  19. 19 crazyfrog 26. April 2016 um 17:52

    Passt!

    Die Zombieapokalypse ist besser als dein Leben

    http://www.vice.com/de/read/die-zombieapokalypse-ist-besser-als-dein-leben

  20. 20 Bernd Harder 6. Juni 2016 um 09:00
  21. 21 Brigitte Götz 14. Juli 2016 um 16:37

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