Weltuntergang: Selbstmord aus Angst vor dem Tod

Man kann es nicht oft genug sagen:

Die ständigen Weltuntergangsvorhersagen von religiös beseelten oder kommerziellen Desaster-Profis sind nicht harmlos.

In Utah ist eine fünfköpfige Familie tot aufgefunden worden, die offenbar aus Angst vor der Apokalypse Selbstmord begangen hat.

In einem aktuellen Aufsatz für den Skeptical Inquirer berichten drei US-Psychologen von einer Studie, nach der zehn Prozent der Befragten daran glauben, dass der ausgebliebene Weltuntergang 2012 noch stattfinden werde.

Die Autoren machen dafür vier psychologische Faktoren verantwortlich, von denen “kognitive Dissonanz” der dominierende sei.

Das Konzept der kognitiven Dissonanz besagt unter anderem, dass Menschen um so stärker an falschen Entscheidungen und widerlegten Überzeugungen festhalten, je mehr sie dafür investieren mussten (materiell, intellektuell, sozial).

Im Zusammenhang mit apokalyptischem Denken ist dieser Gefühlszustand wohlbekannt seit der sozialpsychologische Studie “When prophecy fails” von Leon Festinger:

Was Festinger und seine Mitarbeiter am Ende zeigten, war, dass der Fehlschlag einer Vorhersage oft den gegenteiligen Effekt von dem hat, was der Durchschnittsmensch erwarten würde – die [Gläubigen] sind noch mehr überzeugt von der Wahrhaftigkeit ihrer Handlungen und Glaubenssätze.”

Fast 60 Jahre später haben Wissenschaft und Rationalität die kognitiven Dissonanzen von Weltuntergangsgläubigen keineswegs beseitigt, stellen die SI-Autoren fest.

Und sind zu Recht “beunruhigt”.

Zum Weiterlesen:

  • Utah parents who killed selves, children feared apocalypse, AP am 27. Januar 2015
  • Remembrance of Apocalypse Past: The Psychology of True Believers When Nothing Happens, Skeptical Inquirer Volume 38.6, November/December 2014
  • Warum wir uns die Welt schönreden: Wie kognitive Dissonanz unser Leben bestimmt, Huffington Post am 13. Juni 2014
  • Die Psychologie der Apokalypse, GWUP-Blog am 1. Mai 2013
  • Apokalypse no, GWUP-Blog am 21. Mai 2011
  • Peter Dinzelbacher: Weltuntergangsphantasien. Alibri-Verlag, Aschaffenburg 2014
  • Die Aussichten für 2015: Jüngstes Gericht, Zombie-Apokalypse oder kompletter Weltuntergang? GWUP-Blog am 24. Januar 2015
  • Das kleine Weltuntergangsinterview: Diesmal mit Bernd Harder, Neue Szene am 1. Dezember 2014

3 Kommentare zu “Weltuntergang: Selbstmord aus Angst vor dem Tod”


  1. 1 Ralf 2. Februar 2015 um 22:19

    Ja, “kognitiven Dissonanz” kann ich bestätigen…ich selber war über eien großen Zeitraum meines Lebens gläubig, aber ich habe mir immer eine “gesunde Distanz” behalten, deshalb fiel es mir doch relativ leicht, mich von dem Glauben zu lösen…aber ich habe vollstes Verständnis dafür, das Leute, die schon fast ein ganzes Leben an etwas Glauben, es nicht schaffen, davon loszukommen…das kann man wirklich mit einer Drogensucht vergleichen…Menschen, die schon seit vielen Jahren in einer Sucht sind, können sich auch meist nicht von selbst davon befreien.

    Auch wenn es abgedroschen klingt: Religion ist eine Droge! Nicht der Glauben an “Etwas” befreit, sondern die (gesunde) Skepsis…

  2. 2 Abe 3. Februar 2015 um 10:54

    Ja, Ralf, das hat auch schon Karl behauptet:

    “Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.”

    Deswegen finde ich es auch etwas naiv von der Sozialpsychologie, das auf kognitive Dissonanz + drei andere, recht willkürlich gewählte Effekte (es ist ja nicht so, dass hier eine Faktorenanalyse stattgefunden hätte) reduzieren zu wollen.

    Man müsste sich hier diesen unterkomplexen Erklärungen ebenso demystifizierend zuwenden, wie den ganzen anderen Geschichten, die man ‘debunked’ (Ufos, Vampire, Exorzismus etc.).

    Die Sozialpsychologie ist eine Resterampe der akademischen Psychologie geworden.

    Das “sozial” könnte man auch streichen, weil es in diesen populärwiss. Theorien gar keine Verbindung mehr zur Gesellschaft gibt. Dabei wäre jenseits von Kuriositäten die Erklärung für solche Phänomene viel mehr in der Soziologie zu finden, als in der Psychologie.

  3. 3 Catweazle 3. Februar 2015 um 11:05

    Gegenüber diesen religiösen Eiferern und Pseudo-Propheten ist mir selbst der Herr Braco(Artikel hier von gestern) noch sympathisch.

    Der nimmt nur die Kohle und hält sonst die Klappe.

    Sicher wird es einen Weltuntergang geben, aber vorher gibt es noch den Erduntergang.

    Nur das sich diese Ereignisse in einer für menschliche Dimensionen unvorstellbaren Zukunft abspielen, das sollte man dann doch nicht aus den Augen verlieren.

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