Elfen und Autobahnen

Aus gutem Grund haben wir die Weihnachtsstory von der isländischen “Elfen-Lobby”, die angeblich den Bau einer Autobahn im Südwesten des Zwergstaates verhindert hat, hier nicht kolportiert – obwohl neben der Süddeutschen auch skeptische Portale wie Doubtful News und Skeptical Inquirer das Ganze aufgegriffen hatten.

Denn nur einen Tag nach der “Big Story” der Nachrichtenagentur AP verwiesen isländische Medien die Geschichte ins Reich der Fabel.

Auch ein Leser der GWUP-Facebook-Seite erklärte am Weihnachtstag:

In Island werden Orte, die irgendwie eine Geschichte haben, geschützt. Nun hat Island da nicht so ungeheuer viel. Deshalb zählen auch Orte, die mit lokalen Legenden und Märchen in Verbindung stehen, zu den schützenswerten Orten. Und genau deshalb auch solche Orte, von denen man in früheren Jahrhunderten mal erzählte , dass das dort Elfen etc. gelebt hätten. Mehr ist da nicht hinter.”

So sieht es zumindest aus.

Gestern hat die Süddeutsche Zeitung ihren Bericht “Elfen-Lobby stoppt Bauprojekt” korrigiert:

Daran ist vieles nicht ganz richtig: Das Bauprojekt wurde nicht gestoppt. Und schon gar nicht von der Elfen-Lobby.

Das haben etliche Isländer jetzt klargestellt. Nicht unbedingt, weil sie mit dem Bauprojekt oder mit dem Protest dagegen persönlich zu tun hätten. Sondern, weil sie sich völlig falsch dargestellt fühlen. Als bestaunenswerte Menschen nämlich, die an Elfen glauben.”

Auch im Wikipedia-Eintrag zur isländischen “Elfenbeauftragten” heißt es:

Es gehört zum isländischen Baugenehmigungsverfahren, zu prüfen, ob durch ein Bauvorhaben Kulturgut beschädigt wird. Zu den Kulturgütern zählen auch Geländeformationen wie große Steine oder Felsen, die von der lokalen Bevölkerung als „von Elfen bewohnt“ angesehen werden. Das kann der Fall sein, wenn zum Beispiel alte Märchen oder Erzählungen existieren.”

Also glaubt niemand in Island wirklich an Elfen?

Ganz so ist wohl doch nicht, denn der Wikipedia-Artikel geht noch weiter:

In solchen Fällen wird ein externes Gutachten von einer Person eingeholt, die allgemein als elfenkundig betrachtet wird.”

Zum Beispiel bei dem “Elfen-Medium” Erla Stefánsdóttir, die tatsächlich “Elfen-Beauftragte” beim Bauamt in der Hauptstadt Reykjavík ist, wie Christoph Drösser für seine “Stimmt’s?”-Rubrik schon 2007 in Erfahrung brachte.

Im konkreten Fall allerdings hat die “Elfen-Beauftragte” Erla Stefánsdóttir mit den Naturschützern “Freunde der Lava”, die sich für den Erhalt eines geschützten Lava-Felds engagieren, nichts zu tun.

Vielmehr sei die Elfen-Angelegenheit …

… als Teil eines breiten Engagements für die Geschichte und Kultur einer sehr einzigartigen Landschaft”

zu sehen.

Zum Weiterlesen:

  • Die Legende von der Elfen-Lobby, Süddeutsche am 26. Dezember 2013
  • How Stupid are the Icelandic People? Iceland Review Online am 23. Dezember 2013
  • Iceland’s ‘Elf Lobby’ Isn’t Real, According to Icelanders, The Wire am 23. Dezember 2013
  • Elfen-Lobby stoppt Bauprojekt, Süddeutsche am 23. Dezember 2013
  • Iceland allows elves a place at discussion table regarding land use, Doubtful News am 22. Dezember 2013
  • Iceland’s hidden elves delay road projects, AP am 22. Dezember 2013

7 Kommentare zu “Elfen und Autobahnen”


  1. 1 gnaddrig 27. Dezember 2013 um 21:53

    Dabei wäre das so eine schöne Geschichte gewesen.

    Die urig-skurrilen Isländer in ihrer urig-skurrilen Landschaft mitten im Nirgendwo. Felsen, Moos, heiße Quellen, Geysire. Mensch und Natur im Einklang, Elfen, Gnome und Trolle Hand in Hand, alle ziehen in gegenseitigem Respekt an demselben Strang, bewahren ihre gemeinsame Heimat vor Kommerzgeiern.

    Bauen einfach mal keine Autobahn. Die sprechen ja auch noch ihre ganz uralte Sprache, die wissen bestimmt auch viel mehr über das echte Leben als wir verluderten…

    na, lassen wir das. Sind auch nur normale Leute, die Isländer.

  2. 2 Herr Senf 27. Dezember 2013 um 22:48

    Ich finde auch, Märchen und Sagen gehören zum Kulturerbe.

    Man sollte schon “lokale Kleinode” als regionale Identifikation (be)achten und nicht alles einem “übergeordneten” Zweck unterwerfen.

    Die kommerzielle Mobilität muß auf das normale 40-km-Ortsgefühl des Einheimischen Rücksicht nehmen, jeder ist selbst iewo heimisch.

  3. 3 Chris 27. Dezember 2013 um 23:30

    Als jemand, der lange in Island gelebt hat, kann ich nur sagen, das Isländer von der Erwähnung von Elfen idR ausgesprochen genervt sind. Das ist Folklore, mehr nicht.

    Dann: Es ist keine Autobahn sondern mehr oder weniger eine Umgehungsstraße. Angebunden werden sollte damit ursprünglich ein Neubaugebiet, das dank der Finanzkrise aber nie Wirklichkeit wurde.

    Die Strasse muss also eigentlich nicht ausgebaut werden, aber natürlich wollen die Baufirmen verdienen…

    Und dann ist Erla Stefansdottir nicht die Elfenbeauftragte der Stadt Reykjavik, einen entsprechenden Posten gibt es nicht. Dazu wurde sie durch (wie üblich schlecht recherchierte) deutsche Medienberichte.

  4. 4 Melanie 28. Dezember 2013 um 17:20

    Ich schließe mich an, das hat Christoph Drösser missverständlich dargestellt:

    Es gibt in Island kein offizielles Amt eines Elfenbeauftragten, Erla Stefánsdóttir erstellt vielmehr “freiberuflich” Gutachten für Firmen, Bauunternehmen, Tourismuszentren und eben auch für die Straßenbauverwaltung in Reykjavik:
    http://www.spiegel.de/…/islaendische-mythen-erla-und…

    Dieser Begriff wurde nur in deutschen Medien populär nachdem er von Wolfgang Müller für die Frankfurter Rundschau kreiert wurde. Im Vorwort von Stefánsdóttirs Buch “Lifssyn min” steht dazu: “Erla ist aber keine regierungsamtliche Institution”:
    http://www.taz.de/…/prin…/printressorts/digi-artikel/…
    und:
    http://www.icelandreview.com/…/Deutsche_k%C3%B6nnen…

  5. 5 Bernd Harder 28. Dezember 2013 um 17:26

    @Melanie:

    “Missverständlich” mag durchaus sein, ja:

    << Ihr Amt: Sie ist »Elfenbeauftragte« beim Bauamt in der Hauptstadt Reykjavík. << Das kann erst mal fast alles Mögliche heißen und schließt auch eine freiberufliche Tätigkeit ein. Und "regierungsamtlich" ist ein lokales Bauamt natürlich auch nicht wirklich, insofern ist die Stellungnahme von Frau Stefánsdóttirs ebenfalls nicht so ganz trennscharf.

  6. 6 Melanie 28. Dezember 2013 um 17:55

    @ Bernd Harder

    Ja, und das führt dazu, dass man manchmal liest und hört “Island hat ja sogar eine offizielle Elfenbeauftragte”. Ich versuche dann immer zu erklären, dass das ein Begriff ist, der von einem deutschen Journalisten in den 90ern “erfunden” wurde, der dann selbst überrascht war, welche Berichterstattungslawine er damit ausgelöst hat.

  7. 7 Michel 30. Dezember 2013 um 23:02

    Da hätte ich doch beinahe an eine Elfenlobbyverschwörungstheorie geglaubt. Danke für die Aufklärung. Hat mich vor einer Blamage bewahrt.

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