Skeptizismus im Jahr 2013: Schluss mit dem Bullshit

Üblicherweise ist heute der Tag der Rück- und Ausblicke.

Schauen wir mal:

  • Psiram/Esowach lässt ein “anstrengendes Jahr” Revue passieren, das von dem Neustart unter anderem Namen geprägt war.
  • Der Wahrsagerchecks-Blog sammelt schon fleißig die Prognosen von Hellsehern, Wahrsagern und Astrologen für 2013.

Darunter darf natürlich auch die Ankündigung einer “Börsenkatastrophe” nicht fehlen.

Nun, wir werden sehen – denn parallel dazu lesen wir bei Welt-Online einen interessanten Artikel (“Wie das Internet die Zukunft vorhersagen kann”), in dem es heißt:

Mittlerweile lässt sich allein durch die Analyse von Twitter-Nachrichten mit 88-prozentiger Wahrscheinlichkeit der Verlauf der US-Börse Dow Jones vorhersagen.”

Und da wir gerade beim Thema sind:

Warum auch die Prognosen von Wirtschafts- und anderen Wissenschaftlern häufig falsch sind, beleuchtet faz.net.

Sicher nicht daneben liegt das Philosophie-Magazin Hohe Luft mit der Feststellung:

Menschen glauben alles Mögliche aus allen möglichen Gründen. Manche glauben, dass Zuckerkügelchen Krankheiten heilen können. Manche glauben, dass Elvis noch lebt.

Manche glauben, dass die Erde nicht älter als 10 000 Jahre ist und dass Gott die ganzen Fossilien vergraben hat, um unseren Glauben zu prüfen.

Nicht immer wägen sie dabei sorgfältig das Beweismaterial ab. Sie glauben es aus Gründen, die mehr mit ihnen selbst zu tun haben als mit dem, was sie glauben. Manchmal ist das harmlos. Manchmal ist es eine Katastrophe.”

Deshalb heißt die aktuelle Ausgabe von Hohe Luft auch “Schluss mit dem Bullshit” (hier geht’s direkt zum PDF der Titelgeschichte) – und deshalb ist umgekehrt Skeptizismus ein “one-way-ticket”, wie es auf der Seite der Schweizer Skeptiker heißt.

Unter der Überschrift “Alles umsonst?” macht sich dort Marko Kovic Gedanken über die Zukunft der Skeptiker-Bewegung.

Und kommt für sich persönlich zu dem Schluss:

Warum ich als Skeptiker weitermache: Weil ich muss.

Weil jede Faser meines Wesens schreit, wenn sinnvolle Argumente in einem Meer von Fehlschlüssen ertränkt werden. Weil es mir das Herz bricht, wenn Menschen in der Hoffnung auf eine bessere „Energie-“, „Geister-“, „feinstoffliche“ oder sonstwie geartete Fantasiewelt vergessen, wie faszinierend die tatsächliche, rational erkundbare Welt ist.

Weil die Realität viel zu schön ist, um sich von ihr abzuwenden.”

Auch der GWUP-Vorsitzende Amardeo Sarma skizziert im neuen Skeptiker (4/2012) die vor uns liegenden Aufgaben.

Ein Auszug:

Bei allen Erfolgen bleibt dennoch einiges zu tun. Viele Probleme haben sich im Laufe der Jahre eher verschoben als aufgelöst. Auf einigen Gebieten hat sich die Situation sogar verschärft, etwa durch die wachsende Unterstützung der Pseudomedizin durch die medizinischen Berufsverbände.

In diesem Versagen der eigentlich Verantwortlichen liegt eine große Herausforderung für die künftige GWUP-Arbeit.

Es ist nicht damit getan, Verbände wie die Bundesärztekammer wegen des Zusammenbruchs ihrer wis­senschaftlichen Redlichkeit zu kritisieren. Künftig müssen Skeptiker-Organisationen die Rolle wahrnehmen, die solche Verbände und Standesorganisationen aus Rücksicht auf ihr pseudowissenschaftlich agierendes Klientel über Bord geworfen haben, und die Patienten vor Humbug und Scharlatanerie schützen.

Das ist kein rein deutsches Problem: Skeptiker weltweit werden sich dieses Verbraucherschutzthemas stärker annehmen müssen.

Ein verwandtes Thema ist der Einzug von Pseudowissenschaften in die Universitäten.

Betraf dies in der Vergangenheit lediglich die Psychoanalyse, etabliert sich zunehmend Pseudomedizin in den Lehrplänen. Bereits heute reicht das Angebot von Homöopathie und anthroposophischer Medizin bis zur „traditionellen“ chinesische Medizin und dem Ayurveda. Auch das ist ein internationales Problem.

Im Osten, zum Beispiel in Indien, boomen sowohl Homöopathie und Ayurveda. Im Westen – Deutschland und die USA sind nur Beispiele – ist der Humbug durch Unterstützung von Politikern und Regierungen an Hochschulen und Universitäten salonfähig geworden. Auch auf diesem Gebiet müssen Skeptiker-Organisationen weltweit stärker als je zuvor im Interesse der Patienten zusammenarbeiten.

Wir werden uns zweitens vermutlich mehr gegen Realitätsleugnung aller Art wehren müssen, wie Ideologen und re­ligiöse Fundamentalisten sie forcieren.

Die Evolutionslehre wird beispiels­weise von christlicher und islamischer Seite bekämpft. Während in den USA der christliche Fundamentalismus über­wiegt, machen in vielen Ländern Europas islamische Fundamentalisten mit anti-wissenschaftlichen Thesen zur Evolution von sich reden.

Die Leugnung eines Zusammenhangs von Viren bzw. Bakterien und Krankheiten ist ein weiteres Beispiel.

So hat etwa die südafrikanische Regierung mit der Leugnung von HIV als Ursache von AIDS viele Menschenleben auf dem Gewissen.

In Europa gefährden Impfgegner nicht nur Gesundheit und sogar das Leben ihrer Kinder, sondern auch von Unbeteiligten.

Auch die Leugnung der anthropogenen Ursachen für die globale Erwärmung und die daraus folgende Lähmung der Politik wird Menschenleben kosten. Wir werden gegen Diejenigen mit Sachargumenten und Informationen vorgehen, die Religion oder Ideologie vor Wissenschaft stellen.

Dies gilt insbesondere dann, wenn Konsequenzen für Gesundheit, Wohlergehen oder sogar das Leben drohen.

Drittens sollten wir uns von jedem na­iven Empirismus distanzieren.

Die Wissenschaft kann sich keinen Verzicht auf die besten Untersuchungsmethoden und Studiendesigns leisten, weshalb wir zum Beispiel auf doppelblinde, randomisierte Studien, so genannte RCT, bestehen.

Zu den schwächeren Methoden gehören Kohortenstudien, welche den Zusammenhang zwischen Therapie und Resultat, unter anderem aus Sicht der Patienten, untersuchen. Auch Versorgungsstudien erfüllen nicht die höchsten Qualitätsstandards. Deshalb lehnen wir beide Studi­endesigns als Wege zum Wirksamkeits­nachweis ab – auch wenn sie in anderen Kontexten durchaus ihre Berechtigung besitzen.

Aber wir müssen immer wieder auf wei­tere Kriterien in der Wissenschaft hinwei­sen, etwa interne und äußere Konsistenz. Wenn die Ergebnisse einer einzelnen Homöopathiestudie zur Inkonsistenz mit etablierten Forschungsergebnissen füh­ren, reicht dies nicht aus, um 300 Jahre Wissenschaft wegzuwischen. Viel plau­sibler ist, dass etwas an der Studie nicht stimmt.

Das heißt: Unser Auftrag zur Un­tersuchung erschöpft sich nicht in Tests und Studien. Er reicht von der Prüfung der Plausibilität und der logischen Kon­sistenz bis zur Frage, welche alternativen Erklärung es für die echten oder ver­meintlichen Phänomene oder Beobach­tungen gibt.

Dies bringt uns viertens zu einem weite­ren zentralen Punkt: Vielfach identifizie­ren sich Menschen so stark mit unzutref­fenden Behauptungen, dass sie rationalen Argumenten unzugänglich sind. Doch wie entkoppeln wir die Sachfrage von der emotionalen Bindung an eine Ideologie, Weltanschauung oder Religion?

Letzte­re werden wir nicht abschaffen können, möglicherweise noch nicht einmal ab­schaffen wollen. Man kann religiös sein, ohne dem Kreationismus anzuhängen. Man kann politisch konservativ sein, ohne die anthropogene globale Erwärmung zu leugnen. Man kann „grüne“ Positionen vertreten, ohne Pseudomedizin zu unter­stützen oder Gentechnik abzulehnen. Man kann politisch links stehen, ohne mensch­liche Eigenschaften allein auf Sozialisie­rung zurückzuführen.

Wir sollten fünftens erkennen und vermitteln, dass Wissenschaft universell ist und über Ländergrenzen hinweg gilt [...] Ihre Gegner dagegen vertreten ganz unterschiedliche, häufig einander widersprechende Positionen und stellen eine Gefahr für uns alle dar. Sie nehmen uns nicht nur aus, sie können auch Leben kosten.

Wir sind aufgerufen, weiterhin gegenzusteuern: mit fundierten wissenschaftlichen Informationen und der Aufforderung zu kritischem Denken.”

Zum Weiterlesen:

3 Kommentare zu “Skeptizismus im Jahr 2013: Schluss mit dem Bullshit”


  1. 1 Rainer Zueni-Smous 1. Januar 2013 um 20:05

    “… im Jahr 2013: …” Es geht doch. ;-)

    Bitte sonst in gewohnter Qualität weitermachen.

    Danke, und alles Gute.

  2. 2 Andreas 1. Januar 2013 um 21:09

    Ein interessanter Artikel, der hoffentlich mit dem neuen Jahr mit Tips und Tricks gefüllt wird um dieses Vorhaben zu verwirklichen.

    Welche Methoden z.B. kann man/ich erlernen/nutzen um diese stark irrationalen und emotionalen Bindungen aufzubrechen. Ich stoße immer wieder an meine Grenzen in Diskussionen mit diesen Personen.

    Ich wäre wirklich für Anleitungen dankbar. In der Homöopathie-Lüge sind ja bezogen auf die Homöopathie schon einige Tips drin.

    Ein schönes neues Jahr
    Andreas

  3. 3 nihil jie 2. Januar 2013 um 10:42

    … und ich schätze mal so ins blaue, dass die Aufklärung ein nie endendes Projekt sein wird. das ist so meine Befürchtung… was aber nicht heißt, dass man sich davon verzweifelt und desillusioniert abwenden sollte.

    an der stelle wünsche ich allen skeptischen Mitstreitern viel Durchhaltevermögen auch in neuem Jahr… auf dass und nicht die Puste ausgeht ;)

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