Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze

 Unsere Freunde von der Huschi-Fuschi-Fraktion ereifern sich über die 10:23-Aktion der Skeptiker am kommenden Samstag (“Nichts drin, nichts dran”):

Der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ) teilt hierzu mit, dass die sogenannte Überdosierung der GWUP völliger Nonsens sei, da es bei Hochpotenzen keine Rolle spiele, ob 2 oder 500 Globuli eingenommen werden”

vermeldet die Ärztezeitung.

Nun, genau genommen ist die Homöopathie völliger Nonsens, da es keine Rolle spielt, ob überhaupt und in welcher Menge welche Globuli eingenommen werden – und die ganze Masche eh bloß auf einem Etikettenschwindel basiert. Dazu gibt’s im Blog Evidenz-basierte Ansichten eine schöne Satire. Bei Gemischte Gedanken kann man Einiges über den Sinn der Skeptiker-Aktion “10:23″ lesen. Oder beim ORF.

Und wir kommen zur Fortsetzung unseres Interviews mit dem Facharzt für Allgemeinmedizin Dr. Werner Hessel: Was hat die GWUP eigentlich gegen Homöopathie?

Teil II:

 Die Tatsache, dass die Prinzipien der Homöopathie mit den Erkenntnissen der Naturwissenschaften unvereinbar sind, ist gewiss ein guter Grund, skeptisch zu sein. Für die Beurteilung entscheidend ist aber die Wirkung in der Praxis – und viele Ärzte wenden Alternativ- und Komplementärmedizin an.

Das könnte einmal an der in der Ärzteschaft fest verankerten – und meines Erachtens nach zu weit gefassten – Definition der Therapiefreiheit liegen, die verkürzt lautet: Jeder kann machen, was er für richtig hält, Hauptsache, es hilft. Anscheinend wird das Nebeneinander von evidenzbasierter Medizin und Komplementär-/Alternativmedizin von vielen Kolleginnen und Kollegen so ähnlich gesehen wie beispielsweise zwei Therapieoptionen bei der Behandlung eines kranken Kniegelenks: Man kann a) operieren oder b) konservativ vorgehen, also mit Medikamenten und Physiotherapie.

Bei anderen Beschwerden gibt es meist auch noch mehr als zwei Möglichkeiten. Welche Option die bessere ist, ist oft nicht von Vorneherein zu sagen. Also folgert der Behandler hinterher aus dem Heilungsverlauf, dass es so richtig oder falsch war. Diesen Gedankengang scheinen manche Ärzte auch auf das Verhältnis von EbM und CAM zu übertragen.”

Aber auch diejenigen, die nichts von CAM halten, wenden sich zumindest nicht aktiv und öffentlich dagegen.

Nein, denn meiner Erfahrung nach wird sachliche Kritik an Alternativmedizin oder gar ihre Ablehnung von den Anwendern sogleich als Intoleranz missdeutet. Das wiederum führt bei den Kritikern dazu, dass auch überprüfbare Tatsachenbehauptungen einfach hingenommen und wissenschaftliche Sachdiskussionen gemieden werden – und dieses Schweigen dann irgendwann mit „Meinungsfreiheit“ und „Toleranz“ verwechselt wird. Kein Arzt möchte schließlich Kollegen gegenüber als intolerant erscheinen und unterlässt deshalb meist jedwede kritische Anmerkung.”

Warum auch nicht? Hat nicht Recht, wer heilt?

Dieser Satz gilt tatsächlich bei vielen Kollegen wie Patienten uneingeschränkt. Aber was genau bedeutet er denn?

Wenn jemand während einer – wissenschaftlich nicht belegten – alternativmedizinischen Behandlungen gesundet, sehen Arzt und Patient das als Behandlungserfolg an. Diese Schlussfolgerung wird natürlich auch in der EbM gezogen, nur mit dem Unterschied, dass hier eine geprüfte Methode angewandt wurde, deren grundsätzliche Eignung bereits vor der Behandlung bekannt war. Offenbar tappen viele Ärzte hier in eine gedankliche Falle, indem sie diese Situationen gleichsetzen.

 Und das darf man nicht?

Die Kollegen übersehen dabei – wie wohl auch ihre Patienten –, dass sich aus der zeitlichen Abfolge von Behandlung und Genesung keine Schlussfolgerung über die Wirksamkeit ableiten lässt. Episodische Behandlungserfolge und Einzelfallbeobachtungen können allenfalls Anregungen zu einer wissenschaftlichen Klärung einer Hypothese geben, aber nichts beweisen.

Viel zu viele andere Variablen beeinflussen einen Krankheits- und Heilungsverlauf, als dass man aus solchen Einzelfällen Verallgemeinerungen ableiten könnte. Nichtsdestotrotz sind auch eigentlich kritische Ärzte mitunter beeindruckt vom Behandlungserfolg. Und schweigen dann künftig bei Diskussionen um Alternativmedizin.

 CAM-Anhänger haben 2008 bei einer Demonstration in Brüssel gefordert, dass das Prinzip „Wer heilt, hat Recht“ stärker an Bedeutung gewinnen müsse.

 Seltsam, dass man die „Bedeutung“ der Alternativmedizin herbei demonstrieren muss. Der emeritierte Physikprofessor Martin Lambeck, Mitglied im Wissenschaftsrat der GWUP, pflegt zu sagen: Wenn die Behauptungen der Alternativmediziner nachweislich stimmen würden, wären vorsichtig geschätzt 13 Nobelpreise in den Kategorien Physik, Chemie und Biologie fällig. Unbegreiflich, warum die CAM-Verfechter so bescheiden sind und noch nie ihre Ansprüche darauf geltend gemacht haben.

 Es drängt sich der Eindruck auf, dass wissenschaftlich begründete Medizin und Alternativmedizin zwei verschiedene Welten sind.

Das sehe ich in der Tat genau so. Alternativmedizin schafft sich eine Parallelwelt, in der die Naturgesetze keine Gültigkeit haben, und immunisiert sich gegen Nachprüfung durch Exklusivitätsbehauptungen wie „ganzheitlich“ oder „nur individuell erfahrbar“. Oder auch durch Verweise auf nicht hinterfragbare Autoritäten oder gar Transzendentes – wie etwa die „Akasha-Chronik“, ein angeblich immaterielles, allumfassendes Weltgedächtnis, worin der Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, gelesen haben will.

 Apropos ganzheitlich: Was ist denn schlecht daran, einen Patienten als Ganzes zu betrachten, wenn es um Heilung geht?

Überhaupt nichts. Auch die EbM sieht den Menschen als Einheit aus psychisch- sozialem und biologischem Wesen und behandelt somit „ganzheitlich“ – allerdings ohne daraus ein besonderes Etikett zu machen und als etwas Exklusives vor sich herzutragen.

 Aber „Rezeptblockmedizin“ gibt es doch wirklich in vielen Arztpraxen.

Natürlich, in unserem medizinischen Versorgungssystem wird viel zu wenig Wert auf eine ausführliche Anamnese mit ausführlichen Patientengesprächen gelegt – und die CAM stilisiert sich mit dem Etikett „Ganzheitlich“ bewusst als Alternative zu schlecht praktizierter Schulmedizin. Die Frage bleibt aber: Ist es redlich, überwindbare Fehler der evidenzbasierten Medizin zu deren Wesen zu erklären und daraus die Überlegenheit der eigenen Methode abzuleiten?

 Man könnte also sagen, dass Alternativmedizin sich von bestimmten Schwächen der Schulmedizin nährt, ohne etwas grundlegend Besseres anbieten zu können?

 Ja, denn wenn Alternativmediziner von „ganzheitlich“ sprechen, meinen sie eben nicht nur den Menschen als Einheit, sondern zugleich auch Methoden und Verfahren, für die es keinen Wirksamkeitsnachweis – ja nicht einmal ein plausibles Wirkprinzip – gibt. Und die den anerkannten Grundsätzen der modernen Naturwissenschaften widersprechen. Eigentlich müsste jedem Arzt aufgrund seiner akademischen Ausbildung bekannt sein, dass Homöopathika aus physikalischen Gründen nicht wirksam sein können. Das gilt auch für viele andere alternativmedizinische Verfahren.”

Zum Weiterlesen:

  • Teil I: Was hat die GWUP gegen Homöopathie? GWUP-Blog am 1. Februar 2011
  • Teil III: Medizin ohne geistige Umweltverschmutzung, GWUP-Blog am 3. Februar 2011
  • Teil IV: Unmögliches muss man nicht erklären, GWUP-Blog am 4. Februar 2011
  • Über-Dosis aus Protest: Homöopathie-Skeptiker geben sich die Kügelchen, Spiegel-TV am 5. Februar 2011
  • Streit um Homöopathie: Tierischer Placebo-Effekt, Spiegel-Online am 5. Februar 2011
  • Immun gegen Homöopathie in zwölf Schritten, Evidenz-basierte Ansichten am 3. Februar 2011
  • Ein Witz namens Homöopathie, Evidenz-basierte Ansichten am 17. Dezember 2010
  • Homöopathie in der Zeit, GWUP-Blog am 9. Dezember 2010
  • Thema der Woche: Homöopathie, GWUP-Blog am 27. November 2010
  • Homöopathie – Abgesang auf einen kollektiven Wahn, Excanwahn am 28. Juli 2010
  • Die knallharten Fakten zur Komplementärmedizin, UniLeaks
  • 3 Kommentare zu “Homöopathie: Parallelwelt ohne Naturgesetze”


    1. 1 Arne Babenhauserheide 2. Februar 2011 um 14:37

      > Eigentlich müsste jedem Arzt aufgrund seiner akademischen Ausbildung bekannt sein, dass Homöopathika aus physikalischen Gründen nicht wirksam sein können.

      Das ist genau das Argument, das die Kritik an Homöopathie unwissenschaftlich werden lässt. Es sieht den Stand der Wissenschaft als endgültig an. In der modernen Physik ist aber noch nicht einmal Konsens, dass es zeitliche Kausalität geben muss.

      Wer immer mit physikalischen Fakten argumentieren will, sollte mindestens die Ergebnisse aus Princeton kennen: http://www.princeton.edu/~pear/

      Leider sind die Befürworter von Homöopathie meist auch nicht besser.

      Wenn Physik für eine Agenda verzerrt wird ist das unwissenschaftlich, egal ob es Gläubige oder Skeptiker sind, die sie für ihre Zwecke missbrauchen.

    2. 2 Bernd Harder 2. Februar 2011 um 15:04

      @Herrn Babenhauserheide:

      Sowohl mit PEAR

      http://www.gwup.org/infos/nachrichten/397-dimension-psi-zwischen-qualitaet-und-quote

      als auch mit den kläglichen Versuchen der Homöopathen, ihr Metier mit der Quantenphysik zu erklären, beschäftigen wir uns regelmäßig – allerdings mit dem selben negativen Ergebnis, z.B.:

      http://www.gwup.org/component/content/article/56-parawissenschaften/743-esoterik-und-physik

      http://www.gwup.org/zeitschrift/skeptiker-archiv/151-skeptiker-2006-3

      << In der modernen Physik ist aber noch nicht einmal Konsens, dass es zeitliche Kausalität geben muss. <<

      Und das “beweist” nun die Wirksamkeit von Homöopathie, oder was wollen Sie damit sagen?

      Es geht ja im Übrigen gar nicht darum, dass man etwa noch nicht erklären könne, *wie* Homöopathie wirkt, sondern *dass* sie offenkundig gar nicht wirkt, was alle ernstzunehmenden Studien erbracht haben, sodass der Verweis auf eine wie auch immer geartete “physikalische Agenda” zur Erklärung des Wirk-Mechanismus eigentlich nicht weiterführt.

    1. 1 The Mindmachine » Blog Archive » Was hat die GWUP gegen Homöopathie? Pingback am 4. Februar 2011 um 14:13

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