Parapsychologie: Blick in die Zukunft?

Nachdem es einige Zeit lang still war um die Parapsychologie, ist sie nun wieder in aller Munde. Daryl Bem von der Cornell University in New York will mit einer neuen Studie gezeigt haben, dass Präkognition existiert. Mit Hilfe von erotischen Bildern ließ er insgesamt 1000 Versuchspersonen in neun Experimenten in die Zukunft blicken, wobei die erotischen Bilder als besondere „Stimulation“ dienen sollten.

Nun mag man denken, dass Bem wie andere Parapsychologen aus Diskussionen mit Skeptikern gelernt hat und typische Fehler der Vergangenheit vermeidet. Zum Beispiel sollte es sich beim wissenschaftlichen Arbeiten von selbst verstehen, dass zuerst die Hypothese und das Auswertungsverfahren festgelegt werden und sich erst danach an die Datenerhebung und -auswertung gemacht wird. Oder dass Multiple-Testing (mehrfache Tests mit dem gleichen Datensatz) nicht zulässig ist: Schiebt man hier keinen Riegel vor, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass irgendein Test ein „signifikantes“ Ergebnis erbringt.

Ganz anders liest sich jedoch Daryl Bems Leitfaden zum Verfassen von Fachartikeln. Darin empfiehlt er unter anderem, die Daten aus unterschiedlicher Perspektivezu  analysieren, die Geschlechter auch mal getrennt zu beobachten und unliebsame Ergebnisse „temporär“ unter den Tisch fallen zu lassen. Sein Ratschlag: “Geh’ Fischen” („go on a fishing expedition“), das sei überhaupt nicht unmoralisch. Man dürfe sogar seinen Artikel um neue Entdeckungen herum schreiben und die ursprüngliche Hypothese unter den Tisch fallen lassen. Zusammengefasst: Laut Daryl Bem ist es vollkommen in Ordnung, Daten zu polieren. Zu dieser Praktik zitiert der Skeptiker Jan Willem Nienhuys  gerne den britischen Ökonomen Ronald Coase: „If you torture the data long enough, it will confess“ („Wenn Du Deine Daten nur lang genug quälst, werden sie gestehen“).

Aber nun zu Bems aktuellen Untersuchungen, über die auch James Alcock im Skeptical Inquirer berichten wird, nachzulesen in einer Vorversion beim Committee for Skeptical Inquiry – ein Beitrag für den Skeptiker ist ebenfalls in Arbeit:

Nach einer historischen Auflistung vermeintlicher Erfolge der Parapsychologen analysiert James Alcock in seinem Artikel alle neun Experiemente. Bei näherer Betrachtung fällt auf, dass in mehreren Fällen im Verlauf des Experiments das Versuchsdesign geändert wurde. Dies erschwert die Auswertung der Daten erheblich, zumal genaue Angaben über die jeweiligen Änderungen in der Studie fehlen. Beispielsweise wurden in der ersten von neun Untersuchungen unter dem Titel „Präkognitive Erkennung von erotischen Reizen“ von 100 Durchgängen die ersten 40 mit drei unterschiedlichen Reizen (neutral, negativ und erotisch) durchgeführt, während für die folgenden 60 nur zwei Varianten zum Einsatz kamen (negativ, erotisch). Im Verlauf der Versuchsreihe bemerkte Bem nach eigenen Angaben, dass die Bilder zwar die weiblichen Probanden erregten, nicht aber die männlichen - allerdings ein merkwürdiges Resultat. Also tauschte er die Bilder für Männer gegen solche mit „stärkeren“ Reizen aus.

Insgesamt scheint sich Bems Beschreibung sehr an seinem Leitfaden zu orientieren, das Ganze lässt sehr an ”Datenfischerei” denken. Es bleibt rätselhaft, wie ein US-Psychologe zu dem Schluss kommt, in methodologischer Hinsicht sei die Studie völlig in Ordnung (wenn auch er Bems Ergebnisse anzweifelt).

Nichtsdestotrotz lesen viele Medien aus der Studie heraus, dass der Blick in die Zukunft möglich sein könnte, etwa  hier und hier. Sogar die Times of India sieht in der Studie einen Beleg für Präkognition. Tatsächlich jedoch sprechen die ersten Eindrücke stark dafür, dass dieser Studie das gleiche Schicksal bevorsteht wie zuvor den Psychokinese-Experimenten und den sogenannten Ganzfeld-Studien: Mit der Zeit werden auch Parapsychologen ihre gravierenden Mängel erkennen.

Mit dieser Voraussage haben Skeptiker bisher stets recht gehabt – ganz ohne Präkognition. Ob es auch diesmal so bleibt, wird die Zukunft zeigen.

Zum Weiterlesen:

  • Eigentlich haben wir keine Ahnung von der Vorahnung, Basler Zeitung vom 15. Dezember 2010
  • Gefühlte Zukunft, Die Zeit am 29. Dezember 2010
  • Back from the Future, Skeptical Inquirer am 3. Dezember 2010
  • Blick in die Zukunft, Tagesspiegel am 27. Dezember 2010
  • Response to Alcocks “Back from the Future”, Skeptical Inquirer am 21. Dezember 2010
  • Response to Bem’s Comments, Skeptical Inquirer am 21. Dezember 2010
  • Why Psychologists must change the way they analyze their data: the case of Psi, “Skeptiker von der Universität Amsterdam”
  • Kann ESP wissenschaftlich sein? Geograffitico am 6. Januar 2011

6 Kommentare zu “Parapsychologie: Blick in die Zukunft?”


  1. 1 Ralf Bülow 5. Dezember 2010 um 09:32

    Drei Anmerkungen: (1) Die erotischen Test-Bilder wurden nur bei einem der neun Experimente eingesetzt. (2) Bems Leitfaden zum Verfassen von Fachartikeln erscheint mir hier & da ironisch angehaucht, was für uns Deutsche ungewohnt sein mag. (3) Bei Versuch 3 (Retroactive Priming I) hat Bem-Kritiker Alcock wohl einen Punkt missverstanden, wenn er schreibt: “He (=Bem) reports a significant contrast effect.” Ein “contrast effect” ist die Kombination der schnellen Bestimmung eines Bildtyps (schön/hässlich) und Auftauchen des gegenteiligen Wortes (“hässlich”/”schön”). Bems Psi-Effekt besteht aber gerade darin, dass eine schnelle Bildtyp-Identifikation ein Vorzeichen für die nachfolgende Anzeige des passenden Worts ist: “…participants were 15.0 ms faster on congruent trials than on incongruent trials.”
    Alcocks Fehler entwertet aber nicht seine methodologische Kritik an Bems Versuchen.

  2. 2 Paraphen 5. Dezember 2010 um 12:08

    Unfug an US amerikanischen Elite-Universitäten. Schön. Bye-bye Ivy League, welcome Psychic League.

  3. 3 Hyphen 11. Dezember 2010 um 16:23

    Hier ist zumindest eine Arbeit, die nicht fischen ging, sondern Bems Protokoll im Rahmen einer konfirmativen Studie zu wiederholen versuchte und tatsächlich Hinweise auf retrokausale (oder präkognitive) Effekte von später dargebotenen Stimuli auf die Bildpräferenz der Versuchspersonen fand:

    http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1715954

    Auf SSRN findet sich auch ein nicht “erfolgreicher” Replikationsversuch von Galak und Nelson (http://papers.ssrn.com/sol3/papers.cfm?abstract_id=1699970), allerdings ist dieser Wiederholungsversuch methodisch nicht unproblematisch, da ein Online-Experiment und damit ohne Kontrolle vorzeitiger Abbrüche oder der Aufmerksamkeit.

  4. 4 So Einer 28. Januar 2012 um 17:22

    Ich finde Datenfischerei letztlich nicht so tragisch, wenn die Experimente reproduzierbar sind. Vom Finanziellen Standpunkt aus gesehen, ist die Fischerei natürlich schon tragisch ;) Aber rein wissenschaftsbetrieblich müssen solche Sachen ja sowieso wiederholt werden und dann zeigt sich ja, ob was dran ist oder nicht.

  5. 5 M. Gutjahr 17. März 2012 um 08:42

    …und offenbar ist da auch nichts dran. Ich hab schon so etwas geahnt ;-)
    http://www.plosone.org/article/info%3Adoi%2F10.1371%2Fjournal.pone.0033423

  1. 1 World of Parapsychology» WoP's Archives » Buzz of Bem’s paper: “Feeling the Future” Pingback am 23. Dezember 2010 um 19:04

Kommentieren




World Skeptics Congress 2012

World Skeptics Congress

NEU: Skeptiker 1/2012

SKEPTIKER 1/2012