Homöopathie: Viel Aufregung um (fast) nichts

Morgen, Mittwoch, 14.07.2010, ab 6 Uhr früh begeht Dr. Mark Benecke vor laufender TV-Kamera Selbstmord.  Für sein Ableben im Studio des SAT.1-Frühstücksfernsehens hat der bekannte Kriminalbiologe und Mitglied des GWUP-Wissenschaftsrates eine homöopathische Überdosis gewählt. Einen Haufen Zuckerpillen also.  Homöopathen sagen: ein hilfreiches Medikament, das in Überdosen schlimme Wirkungen haben kann.

Um zu zeigen, dass die Kügelchen nur ein süßes Nichts auf der Zunge sind, gaben sich britischen Skeptiker und Verbraucherschützer im Januar diesen Jahres den Globuli-Overkill . Unnötig zu erwähnen, dass sie sich nach wie vor bester Gesundheit erfreuen. Genau wie GWUP-Wissenschaftsratsmitglied Dr. habil. Rainer Wolf und die Skeptiker-Kollegen von der österreichischen Gesellschaft für kritisches Denken, die das Experiment ebenfalls durchgeführt haben. Wir dürfen also gewiss sein, dass uns Mark Benecke noch ein Weilchen erhalten bleibt.

Hahnemanns Wundermedizin ist mal wieder im Gespräch. Mit seiner aktuellen Titelgeschichte “Homöopathie – die große Illusion” hat Der Spiegel eine breite Debatte über Sinn und Unsinn der “alternativen” Heilmethode losgetreten. Unter anderem zitiert der Artikel den SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach mit den Worten: ,,Man sollte den Kassen schlicht verbieten, die Homöopathie zu bezahlen”, – übrigens etwas, was die GWUP schon seit Jahren fordert, einschließlich des Stopps der öffentlichen Förderung. Noch immer zahlt rund die Hälfte der gesetzlichen Kassen für die umstrittene Methode. Dass nun erstmals ein Leitmedium wie Der Spiegel die Homöopathie so offen kritisiert (und damit sicher viele seiner Leser vor den Kopf stößt), birgt eine gewisse Brisanz angesichts der Diskussion um knappe Kassen und einer gerade mit zahlreichen Änderungen verabschiedeten Gesundheitsreform. CDU-Gesundheitsexperte Jens Spahn wird in der Süddeutschen Zeitung  mit den Worten zitiert, er sei offen für die Streichung der einst unter Rot-Grün eingeführten Wahltarife. Gleichwohl melden sich auch Relativierer zu Wort. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast verwahrte sich gegen pauschale Kritik an der Homöopathie, denn diese verkenne, dass selbst die “Schulmedizin” auf die industrielle Nachahmung von kostenlosen Heilmitteln der Natur zurückgreife.  Auch stünden die Kosten für die Homöopathie in keinem Verhältnis zu denen der “Schulmedizin”.

Nun, dazu gibt es einiges zu sagen:

Erstens zeigt die ehemalige Verbraucherschutzministerin damit, dass sie den Unterschied zwischen Homöopathie und Naturmedizin offensichtlich nicht kennt (die Homöopathie ist kein Naturheilverfahren!).  Zu ihrer Verteidigung muss mal wohl erwähnen,  dass sich Künast damit einreiht in die lange Reihe von Volksvertretern, die durch Grußworte und Schirmherrschaften für Homöopathie-Veranstaltungen negativ aufgefallen sind.

Zweitens lenkt sie von den Gründen ab, derentwegen eine Streichung der Erstattungsfähigkeit gefordert werden. Mal abgesehen von den Gewinnspannen bei gut eingeführten Homöopathika, – bei der Herstellung wird eine Ursubstanz bis zum Nichtmehrvorhandensein verdünnt, man macht also buchstäblich mit Nichts Geld (im Gegensatz zu den oft horrenden Entwicklungskosten von Medikamenten der evidenzbasierten Medizin), – wird mit der Argumentation, dass ein unwirksames Präparat  ruhig erstattet werden sollte, weil andere Medikamente viel mehr kosten, der Verschwendung von öffentlichen Geldern Tür und Tor geöffnet.

Andersrum gefragt:

Sollten die Kassen ein wirksames Krebsmedikament, ein teures Hörgerät, eine künstliche Hüfte deshalb nicht erstatten, nur weil die Vertreter irgendeiner “alternativen”, in Tests gescheiterten Heilmethode behaupten, sie könnten viel günstigere Behandlungen anbieten?

Oder sollte nicht vielmehr die Wirksamkeit über die Erstattungsfähigkeit entscheiden?

Genau diese Argumentation wird derzeit mit dem ,,Binnenkonsens” umgangen, wonach alternative Behandlungsmethoden erstattungsfähig sind, sofern sie zum Behandlungsstandard der Therapierichtung gehören – unabhängig von einem wissenschaftlichen Wirksamkeitsbeleg. Karl Lauterbachs Vorschlag, der dieses Jahr in Großbritannien schon ähnlich formuliert wurde, ist richtig und längst überfällig. Dazu der GWUP-Vorsitzende Armardeo Sarma: „Gerade wenn gespart werden muss, sollte zuerst bei pseudowissenschaftlichen Therapien wie der Homöopathie angesetzt werden“. Deshalb unterstützt die GWUP Lauterbachs Forderung mit einem öffentlichen Aufruf .

Es bleibt zu hoffen, dass diese Aufrufe diesmal längerfristig Gehör finden.

Holger von Rybinski, Inge Hüsgen

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

8 Kommentare zu “Homöopathie: Viel Aufregung um (fast) nichts”


  1. 1 Manuel Merki 15. Juli 2010 um 00:13

    Bei diesen ganzen Studien wird vergessen, dass ein Medikament nur dann richtig hilft, wenn daran geglaubt (!!) wird. Das ist auch in der Schulmedizin nicht anders. Schlussendlich stellt sich für mich immer nur die Frage: Hilft etwas oder hilft es nichts. Und scheinbar hilft Homöopathie vielen Menschen. Ob allein der Glaube daran reicht oder auch beweisbare Untersuchungen vorliegen ist meiner Meinung nach zweitrangig.

  2. 2 Anton 15. Juli 2010 um 22:19

    Auch bzw. gerade als Skeptiker sollte man nicht einfach die Alternativmedizin verbieten wollen. Eine dogmatische Haltung ist bei der ‘Heilkunst’ nicht angebracht. Eher sollte man sich fragen, warum so viele Menschen neben der ‘Schulmedizin’ u.a. auch zur Alternativmedizin greifen und diese nicht aburteilen. Ich denke in unserer Gesellschaft sollte jeder nach seiner Facon selig werden können.

  3. 3 Bernd Harder 16. Juli 2010 um 17:44

    @Anton:

    << Ich denke in unserer Gesellschaft sollte jeder nach seiner Facon selig werden können. <<

    Das kann jeder gerne tun – aber bitte auf eigene Kosten. Es geht nicht darum, die Alternativmedizin zu verbieten, sondern sie aus dem Katalog der gemeinschaftlich finanzierten Kassenleistungen herauszunehmen.

  4. 4 Bernd Harder 16. Juli 2010 um 17:50

    @Manuel Merki:

    << Bei diesen ganzen Studien wird vergessen, dass ein Medikament nur dann richtig hilft, wenn daran geglaubt (!!) wird. <<

    Jeder medizinische Experte, der solche Studien durchführt, "vergisst" also regelmäßig diesen wichtigen Punkt? Na, nun bleiben Sie bitte mal auf dem Teppich. Dass der Placebo-Effekt bei jeder Therapie eine Rolle spielt – ob "schulmedizinisch" oder "alternativ" – ist uns und allen, die sich damit beschäftigen, hinreichend bekannt. Und dass ein Medikament *nur* dann richtig hilft, wenn daran geglaubt wird, ist schlicht falsch. Oder sind Sie der Auffassung, ein bewusstloses Unfallopfer auf der Intensivstation sei noch groß in der Lage, einen “Glauben” an die lebensrettende Therapie zu entwickeln?

    <<Schlussendlich stellt sich für mich immer nur die Frage: Hilft etwas oder hilft es nichts. Und scheinbar hilft Homöopathie vielen Menschen.<<

    Mit der Betonung auf "scheinbar". Das ist genau der Punkt, siehe auch:

    http://blog.gwup.net/2010/02/25/wer-heilt-hat-recht-falsch/

  5. 5 mark benecke 17. Juli 2010 um 09:04

    Ahoi beisammen,

    ich möchte nur schnell etwas zur Sendung schildern.

    Ich hatte in erster Linie C30 dabei, also sehr starke Verdünnungen von verschiendensten Grundsubstanzen, darunter Leichenfliegen und Sperma (letzteres wird homöopathisch eingesetzt).

    Ausserdem hatte ich natürlich auch normale, in der Apothke frisch gekaufte Globuli in original verschlossenen Flaschen dabei.

    Was mich postitive verblüfft hat, war die große Überraschung der Anwesenden, dass ich das alles problemlos komplett schlucken konnte, ohne, dass im Laufe von dreieinhalb Stunden, während derer wir das stets wiederholten, irgend etwas passierte.

    Diesen brachialen Vorführunges-Weg kannte ich zwar von den britischen Kollegen (“1023″), mir war die durchschlagend einleuchtende Wirkung des Überdosis-Experimentes aber überhaupt nicht klar. Kann ich also nur von Herzen empfehlen.

    Die Reaktionen der ZuschauerInnen (e-mails an den Sender und mich & privat) waren natürlich stark aufgespalten — das war auch zu erwarten und daher vorab mit der Sendungs-Leitung deutlich besprochen –, allerdings eher in konstruktiv-erklärender Art (“Homöopathie funktioniert nicht über Wirkstoffe”), nicht wie sonst eher Glaube-gegen-Glaube-basiert. Auch das fand ich eine _sehr_ angenehme Wirkung der Überdosis/Verdünnungs-Vorführung.

    Es scheint insgesamt, als ob eine sehr simple, nicht viel Diskussions-Spielraum gebende Vorführung zumindest im TV oft mehr bewirken kann als sehr lange und tiefe Begründungen. Vor allem waren die ausgelösten Diskussionen echt weniger aufgeregt als das sonst oft der Fall ist. Daher: Bitte gerne selbst erproben ;)

    Aye!

    Mark Benecke

  1. 1 Tweets that mention Homöopathie: Viel Aufregung um (fast) nichts | gwup | die skeptiker -- Topsy.com Pingback am 13. Juli 2010 um 18:54
  2. 2 Ja gut, aber … Trackback am 15. Juli 2010 um 10:42
  3. 3 Wochenrückblick | NIConline Pingback am 16. Juli 2010 um 10:14

Kommentieren




Neu: SKEPTIKER 2/10

SKEPTIKER 2/10

Aktuelle Artikel