Vertiefen wir aus aktuellem Anlass mal das Thema Nostradamus. Was ist von den rätselhaften Vierzeilern des Renaissance-Gelehrten eigentlich zu halten? Und wieso finden geschäftstüchtige Interpreten darin so ziemlich jedes Ereignis der Weltgeschichte?
Exemplarisch aufzeigen kann man das an einer “Prophezeiung” des prominenten französischen Nostradamus-Interpreten Jean-Charles de Fontbrune alias Jean Pigeard de Gurbert, der folgenden Vers auf Adolf Hitler und den Zweiten Weltkrieg münzt:
Plusieurs mourront avant que Phoenix meure,
Jusques six cens septante est sa demeure,
Passé quinze ans, vingt et un, trente-neuf,
Le premier est subject à maladie,
Et le second au fer danger de vie
Au feu à l’eau est subject trente-neuf.”
Übersetzt werden soll dieser Text seiner Meinung nach so:
Viele werden sterben, bevor der Phönix stirbt.
Er wird 670 [Monate] auf Erden wohnen,
während die Jahre [19]15, [19]21 und [19]39 vorüberziehen werden.
Im ersten [1915] wird er erkranken
und im zweiten [1921] wird er eine lebensgefährliche Streitmacht haben;
[19]39 wird eine feurige Sintflut ausbrechen.”
Fontbrunes Erläuterung dazu: „Hitler lebte 56 Jahre, das sind 670 Monate. Die Jahre 1915, 1921, 1939 sind Eckdaten seines Lebens: ,Im ersten wird er erkranken’, damit ist das erste genannte Jahr gemeint, also 1915. ,Im zweiten wird er eine lebensgefährliche Streitmacht haben’ und ,39 wird eine feurige Sintflut ausbrechen’. 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus – weil Hitler ihn begann.“
Tasächlich? Insgesamt sind vier Fragen an diese Deutung zu stellen.
Erste Frage: Stammt die Prophezeiung überhaupt von Nostradamus?
Aus der Vielzahl der frei erfundenen „Nostradamus-Verse“ ragt insbesondere der Internet-Hoax zum 11. September 2001 heraus, der in dieser und zahllosen ähnlichen Formulierungen kursierte: „Am elften Tag des neunten Monats werden zwei eiserne Vögel in die höchsten Statuen der Stadt stürzen. Die neue Stadt wird einen großen Donner erleben, der zwei Brüder auseinander reißt.“
Auch Fontbrunes „Hitler“-Vers macht erst einmal stutzig, da er nicht dem üblichen Versmaß der „Centurien“ entspricht. Michel de Nostredame (1503 – 1566, latinisiert „Nostradamus“) verfasste Vierzeiler, so genannte Quatrains, während Fontbrune mit dem „Sechszeiler 53“ wedelt. Daraus folgt zumindest, dass Fontbrunes „Hitler“-Prophezeiung nicht zum Hauptwerk des Nostradamus gehört: den zehn „Centurien“ mit jeweils 100 Quatrains (Ausnahme: siebte Centurie mit nur 42 Vierzeilern).
Die 58 Sechszeiler stammen aus Nostradamus Nachlass und werden von manchen Forschern kurzerhand zur „elften und zwölften Centurie“ erklärt oder aber – wohl richtiger – unter „andere Voraussagen“ subsumiert.
Wie auch immer: Die Urheberschaft dieser zusätzlichen Verse ist umstritten. Eine Fälschung kann ebenso wenig nachgewiesen wie ausgeschlossen werden. Oder handelt es sich bei den Sechszeiler um die irgendwie entstellten fehlenden Verse der siebten Centurie? Auch das ist ungeklärt.
Allerdings ist dieser Expertenstreit für unsere Fragestellung eher von randständiger Bedeutung. Denn selbst wenn der Sechszeiler 53 nicht von Nostradamus eigener Hand stammen sollte, ist doch von einem historischen Alter auszugehen, welches die grundsätzlich zu berücksichtigende Möglichkeit einer „Nachhersage“ (wie zum 11. September) zumindest in diesem Fall ausschließt.
(Fortsetzung folgt)
Links zu den anderen Teilen der Serie “Wie analysiert man Nostradamus-Verse?”: Teil II | Teil III | Teil IV




Diese Artikelserie enthält alles, was ich schon immer über den alten Nostradamus und seine seltsamen Verse wissen wollte.
Unser Zeitalter, das von finsterem Aberglauben geprägt ist, braucht mehr Leute, die sich wirklich mit solcher Materie auskennen – Leute wie Bernd Harder.