Die Argumente der Impfgegner

Herbstzeit – Grippezeit. Kaum hat die Influenza-Impfsaison begonnen, machen auch die Impfgegner mobil. Die herbei gezerrten Argumente klingen mitunter verführerisch eingängig und einleuchtend. Was aber ist dran?

Ein Blick ins Skeptiker-Archiv fördert Informatives zu Tage. In Ausgabe 4/2003 etwa ging es um die “Häufigsten Argumente der Impfgegner”. Hier seien sie noch einmal aufgelistet – inklusive Widerlegung.

1. “Impfungen sind wirkungslos. Sie verhindern keine Erkrankungen. Es sind andere Einflüsse, die zum Rückgang der Erkrankungen geführt haben, zum Beispiel verbesserte Hygiene.”

Dieses Argument scheint auf den ersten Blick viel für sich zu haben, da tatsächlich die Zahl der Infektionskrankheiten und vor allem der schweren Komplikationen auch ohne Impfung zurückgegangen ist. Es ist ja auch eine Binsenweisheit, dass bessere sozioökonomische Verhältnisse sich vorteilhaft auf die Gesundheit auswirken. Aber entscheidend reduzieren oder gar ausrotten lassen sich Infektionskrankheiten so nicht.

In den USA schwankte die Zahl der Masernerkrankungen zwischen 1920 und 1963 ganz erheblich zwischen 100.000 und 90.000 Fällen pro Jahr. Mit Einführung der Masernimpfung sank die Zahl innerhalb von zwei Jahren unter 50.000, stieg nie mehr darüber an, und betrug 1999, also nach einem Zeitraum von fast 40 Jahren, nur noch exakt 100 Fälle. Diese Fälle waren allesamt eingeschleppt worden, in den USA selber sind die Masern faktisch bereits ausgerottet.

Es dürfte sehr schwer sein, eine Veränderung zu finden, die innerhalb von zwei Jahren dies bewirkt haben sollte. Dies umso mehr, als sie ja wohl auch auf andere Krankheiten hätte wirken müssen; diese Krankheiten verringerten sich aber immer nur, sobald entsprechende Impfstoffe verfügbar wurden. Ein Vergleich in Europa unter wohlhabenden Industriestaaten mit ähnlichen sozialen Standards zeigt schlicht, dass die Masern dort verschwunden sind, wo fast alle geimpft sind (Finnlang und Schweden), und in den anderen eben nicht (Deutschland, Frankreich und Italien). Auch hier ist weit und breit nichts zu sehen, was – außer Impfungen – für diese Unterschiede verantwortlich sein könnte.

Ein ähnliches Beispiel ist die Erkrankung durch eine Hirnhautentzündung, die durch das Bakterium H. influenzae ausgelöst wird. Seit der Einführung eines Impfstoffes 1990 sanken die Erkrankungen in den Vereinigten Staaten von 20 000 Fällen pro Jahr auf etwa 1400 Fälle im Jahr 1993 – also in drei Jahren; ohne dass tiefgreifende Änderungen im American “way of life” bekannt geworden wären.

2. “Impfungen sind wirkungslos. Bei einer Epidemie erkranken nachweislich mehr Geimpfte als Ungeimpfte.”

Das ist paradoxerweise sogar richtig, führt aber dennoch in die Irre. Zur Erklärung bedarf es allerdings etwas Mathematik.

Nehmen wir an, in einem Dorf leben 1000 Einwohner, wovon nur 20 nicht geimpft sind. Es werden Masern eingeschleppt. Die 20 Ungeimpften erkranken. Da der Masernimpfstoff eine Erfolgsquote von etwa 95 Prozent hat, sind 50 der Geimpften nicht immun und erkranken ebenfalls. Mithin erkranken in der Tat mehr als doppelt so viel Geimpfte wie Nichtgeimpfte. Ohne Impfung wären allerdings nicht 70, sondern 1000 Personen erkrankt – ein durchschlagender Erfolg der Impfung.

3. “Das Durchmachen einer Infektion ist natürlicher und sorgt beim Kind oft für einen Entwicklungsschub.”

“Natürlich” wird oft kritiklos mit “gut” gleichgesetzt. Im Mittelalter betrug die durchschnittliche Lebenswerwartung 35 Jahre, das war damals “natürlich”. Zu Goethes Zeiten starb die Hälfte aller Kinder; auch das war “natürlich”. Die so genannten “Kinderkrankheiten” sind sicherlich natürlich – harmlos sind sie aber auf keinen Fall. Die Rate von Hirnentzündungen (Enzephalitiden) beträgt bei Masern etwa 1:2000; bei Impfungen 1:100 000. Ohne Masernimpfung würde die Zahl also binnen weniger Jahre um ein Mehrhundertfaches ansteigen.

Die Impfgegner profitieren von der Unanschaulichkeit großer Zahlen. Man müsste statistisch 2000 ungeimpfte Kinder kennen, um auch nur einen Komplikationsfall mitzuerleben – wer hat einen so großen Bekanntenkreis? Lassen 2000 Eltern ihr Kind nicht impfen, so werden 1999 von ihnen feststellen: Nichts passiert. Bei Millionen von Kindern ergibt dies aber Tausende von völlig vermeidbaren, zum Teil tragisch endenden Erkrankungen

4. “Die Wirkung und die Langzeitfolgen von Impfstoffen und Impfungen sind großenteils völlig unbekannt und überhaupt nicht abzuschätzen. Auch treten sie vielleicht erst nach Jahrzehnten auf.”

Auch ein Einwand, der im Prinzip richtig ist. Man erinnere sich an die Gerinnungspräparate von Bluterkranken, die mit Beginn der AIDS-Ära plötzlich mit HIV verseucht waren, womit niemand rechnen und was niemand voraussagen konnte.

Dem kann man nur entgegenhalten, dass solche Risiken vielleicht vorhanden und unbekannt, die Krankheitsrisiken aber vorhanden und äußerst bekannt sind. Halbwegs moderne Impfstoffe gibt es seit 50 Jahren. Es gibt keinerlei Hinweise, dass Ungeimpfte irgendwie gesünder wären als Geimpfte – im Gegenteil. Ziemlich abstrus mutet es an, wenn zum Beispiel ein Autor auf die vielen ungeklärten Einzelheiten bei Entwicklung, Einsatz und Wirkungsweise des Pockenimpfstoffes verweist – den es wegen Ausrottung der Pocken gar nicht mehr gibt und der mit Sicherheit keine unbekannten Schädigungen mehr verursachen kann.

5. “Aufgrund der Zunahme an Impfungen haben allergische Erkrankungen besonders bei Kindern und Jugendlichen in den letzten 30 Jahren erheblich zugenommen.”

Eine Untersuchung der Universitätskinderklinik in München (Dr. Erika von Mutius) hat die Häufigkeit von Allergien in der damaligen DDR, in der eine Impfpflicht bestand, mit denen in der Bundesrepublik verglichen. Das Ergebnis war sehr überraschend, da die durchgeimpften Kinder und Jugendlichen der DDR erheblich weniger unter Allergien litten als die weniger häufig geimpften in der Bundesrepublik. Nach der Wiedervereinigung ist die Allergiehäufigkeit in den neuen Bundesländern übrigens ansteigend und bewegt sich zunehmend auf das Niveau der alten Bundesländer zu.

Zum Weiterlesen:

8 Kommentare zu “Die Argumente der Impfgegner”


  1. 1 Ulrich 22. Oktober 2009 um 14:04

    “… vast communities of people ignorant of, or rejecting, the rule of science, among them the members of anti-vaccination societies and believers in astrology”

    Max Born (Nobelpreis für Physik 1954) anno 1949

    Hat sich wenig geändert in den letzten 60 Jahren …

  2. 2 medizynicus 22. Oktober 2009 um 22:26

    Danke für die hervorragende Zusammenstellung der Fakten!

    Allerdings… bei der Impfung gegen die “Schweinegrippe” liegt die Sache etwas anders. Diese wird ja inzwischen auch von “nahmhaften” und streng evidenzbasiert-naturwissenschaftlich denkenden Experten abgelehnt:

    http://www.arznei-telegramm.de/blitz-pdf/b091016.pdf

    Die Redaktion des Arzneimittel-Telegramms ist bekannt für ihre kritische Haltung gegenüber der Pharmaindustrie – aber mit den Impfgegnern aus der Esoterik-Ecke haben sie mit Sicherheit nicht viel zu tun. Dummerweise ist die ganze Sache leider Wasser auf die Mühlen der Parawissenschaftler …

  3. 3 AndreasK 23. Oktober 2009 um 13:53

    Ein gutes Gegenargument hast du nicht gebracht: Diese Medikamente sind in bestimmten Situationen sinnvoll, haben aber durch die Bank Nebenwirkungen. Wenn man eine Impfung vermeiden kann ohne schwere Krankheiten zu riskieren (gesundes Immunsystem: Warum gegen Grippe impfen? Halte mich nicht in einer Gegend mit Zeckenaufkommen auf: Warum gegen die Folgen von Zeckenbissen impfen?) sollte man sie nicht durchführen.

    Und als Sammlung guter Argumente gegen (zumindest einige) Impfungen bieten die Jungs der Stationären Aufnahme ebenfalls eine Art Archiv.

    Wenn schon Argumente gegen Impfungen mit wissenschaftlichem Tenor widerlegt werden, dann bitte aber auch differenziert.

  4. 4 Bernd Harder 23. Oktober 2009 um 14:37

    @AndreasK

    “Wenn schon Argumente gegen Impfungen mit wissenschaftlichem Tenor widerlegt werden, dann bitte aber auch differenziert.”

    Und wie stellen wir uns das genau vor? Gehen wir sämtliche Indikationsimpfungen dieser Welt nacheinander auf “Pro” und “Contra” durch, was mich schätzungsweise die nächsten zwei Jahre hier beschäftigen wird?

    “Wenn man eine Impfung vermeiden kann ohne schwere Krankheiten zu riskieren (gesundes Immunsystem: Warum gegen Grippe impfen? Halte mich nicht in einer Gegend mit Zeckenaufkommen auf: Warum gegen die Folgen von Zeckenbissen impfen?)”

    Und hier geht es schon los: ein richtiges und ein falsches Argument, locker in einem Satz zusammengeknüpft:

    a) Völlig richtig, dass eine FSME-Impfung nur für Endemiegebiete empfohlen wird (die sich allerdings mindestens jährlich ändern).

    b) Falsch, dass ein “gutes Immunsystem” grundsätzlich vor Grippe schützt. Vielleicht vor einer Erkältung, aber nicht gegen Influenza-Viren.

  5. 5 AndreasK 26. Oktober 2009 um 12:09

    @bernd: Hoppla, entschuldige bitte. Ich wollte nicht trollmäßig rüberkommen und dich persönlich angreifen. Nur: Wenn der Artikel die Widerlegung der häufigsten Argumente verspricht, sollte doch bitte keins vergessen werden.

    Und eine differenzierte Sicht heißt keineswegs, dass mal gleich ne Liste führen muss. Ein Hinweis darauf, dass nicht alle Argumente esoterisches Wischiwaschi sind, würde doch reichen. Also, find ich zumindest.

    Und zum Grippe-Thema schließe ich mich dem Kommentar von medizynicus an.

    In diesem Sinne: Freundschaft!

  6. 6 wolfgang 21. Januar 2010 um 10:06

    Jetzt ist ja schon eine Zeitlang vergangen und die 1.Welle der H1N1v Pandemie ist am Abklingen.

    Völlig unverständlich ist das Ablehnen der Impfung.

    In Österreich gibt es bei FSME Erkrankungen durch die gute Durchimpfungsrate nur mehr zwischen 40 und 100 FSME Fälle. Hätten wir die Impfung nicht wären es ca 700 FSME Fälle mit ca 7 Todesfällen pro FSME Saison.

    Bei H1N1 wäre genug Impfstoff da um praktisch alle in Österreich lebenden Menschen zu impfen, die Akzeptanz ist (auch uner medizinischem Personal) erbärmlich, es gab bereits Engpässe bei beatmungspflichtigen Patienten. Und es gab bislang 25 gemeldete laborbestätigte Todesfälle.

    Und man sollte auch mal über den Tellerrand schauen. Selbst junge asymptomatische aber virämische Erwachsene können ein Risiko darstellen.
    Einerseits stecken sie andere an, andererseits können sie Blut spenden. Tja und wer bekommt diese Ery-Konserven ? Da kann leicht was schiefgehen.

  7. 7 Bernd Harder 22. Januar 2010 um 17:20

    @AndreasK:

    Sorry, ich habe Deinen Kommentar tatsächlich heute erst gesehen …

    Überhaupt kein Problem, ich habe mich nicht persönlich angegriffen gefühlt.

    Gut, mag sein, dass der Begriff *die häufigsten* zahlenmäßig dehnbar ist, ich wollte damit jedenfalls keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben.

    Und natürlich sind nicht *alle* kritischen Einwände gegen Impfungen per se esoterisches Wischiwaschi.

    Mit frohem Gruß!

  1. 1 Wochenrückblick | NIConline Pingback am 16. Juli 2010 um 10:09

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