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	<title>Kommentare zu: Lesetipp für Skeptiker: Hirnforschung</title>
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		<title>Von: Ingo-Wolf Kittel, FA für psychother. Medizin</title>
		<link>http://blog.gwup.net/2009/07/31/lesetipp-fur-skeptiker-hirnforschung/comment-page-1/#comment-1017</link>
		<dc:creator>Ingo-Wolf Kittel, FA für psychother. Medizin</dc:creator>
		<pubDate>Mon, 03 Aug 2009 10:59:41 +0000</pubDate>
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		<description>&lt;blockquote&gt;&quot;Wie und warum das Gehirn den Geist überhaupt hervorbringt, ist den Forschern bislang jedoch ein Rätsel.&quot;&lt;/blockquote&gt;

So wird in dem Text die Aussage von Prof. Kirchfeld wiedergegeben, in dem MANIFEST &quot;elf führender Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung&quot; von 2004 bleibe diese Frage &quot;ungeklärt&quot;, also schlicht unbeantwortet. 

Dem kann leicht abgeholfen werden; denn der gemeinte Sachverhalt ist an sich schon vor dem Erschienen des an vielen Stellen, wie Prof. Kirschfeld kritisch anmerkt, &quot;kryptischen&quot; Manifests geklärt gewesen: das angebliche &quot;Rätsel&quot; ist selbstgemacht oder besser gesagt sprachbedingt! 

Hirnforscher folgen nämlich unbemerkt heute immer noch der alten Metaphysik des ursprünglich theologischen &quot;Dualismus&quot; von Körper und Seele, der sich über einige historische Zwischenstationen in der geläufigen umgangssprachlichen Redeweise vom Gehirn und einem dazu separaten Geist niedergeschlagen hat. 

Man kann nur staunen, in welchem Ausmaß gestandene Wissenschaftler schlichter Alltagspsychologie folgen statt sich ihrer Terminologie eigens zu vergewissern. Dabei dürfte den meisten Menschen heute geläufig sein, dass &quot;geistig&quot; genannte Tätigkeiten wie Vorstellen (s. dazu Colin McGinn &quot;Mindsight&quot;, dt. &quot;Das geistige Auge - Von der Macht der Vorstellungskraft&quot;) und jene des Aufmerkens, Aufpassens, Achtgebens, sich Konzentrierens usw., die gemeinhin als &quot;Aufmerksamkeit&quot; bezeichnet wird, nicht von einem ominösen &quot;Geist&quot; stammen oder ausgeführt werden, sondern von uns selbst und zwar, wie jeder weiß, &quot;mit&quot; dem Hirn, exakt so wie wir &quot;mit&quot; einem Arm winken oder &quot;mit&quot; den Beinen gehen, &quot;mit&quot; der Lunge atmen, &quot;mit&quot; den Augen sehen usw. usf. - wie immer wir das im Einzelnen auch genau machen! Ersichtlich können wir, und tun wir das seit jeher auch, sämtliche Formen eigener Aktivität ohne Rücksicht darauf, wie wir diese Tätigkeiten &#039;eigentlich&#039; ausführen, voneinander unterscheiden und benennen.  

Ein Adjektiv wie &quot;geistig&quot; zur Charakterisierung bestimmter eigener Tätigkeiten zu einem groß geschriebenes Substantiv mit zusätzlichem Artikel wie &quot;der&quot; oder &quot;ein Geist&quot; zu versachlichen (oder zu &quot;reifizieren&quot;), macht aus unseren geistigen Fähigkeiten weder eine Sache noch ein Ding, auch keine eigene Entität oder &quot;Substanz&quot;, so wenig wie aus dem Verb etwas zu &quot;tun&quot; ein davon verschiedenes eigenes Tun oder gar eine davon separate Tat wird. In der Alltagspsychologie kommen Missverständnisse dieser Art allerdings häufig vor. So werden Gedanken nicht ohne weiteres mit dem eigenen Denken gleichgesetzt und deswegen auch nicht durchgehend als einzelne gewohnheitsmäßig oder bewusst selbst vollzogene Denkakte angesehen. Nach der geläufigen Küchenpsychologie sollen Gedanken einem wie selbständige Wesen &quot;kommen&quot; oder &quot;einfallen&quot;, einen sogar &quot;bedrängen&quot; oder auch &quot;verfolgen&quot; können, so dass sie einem &quot;keine Ruhe lassen&quot;, weil sie einem angeblich endlos &quot;im Kopf herumgehen&quot;: als wenn &quot;sie&quot; ein Eigenleben &quot;in&quot; unserem Inneren oder spezifischer &quot;in&quot; unserem Kopf führen würden.

Hirnforscher in ihrer &quot;Sprachvergessenheit&quot;, wie der Wissenschaftsphilosoph Peter Janich derart naiv-unreflektierten Sprachgebrauch in seinem neuen Buch &quot;Kein neues Menschenbild – Zur Sprache der Hirnforschung&quot; nennt, folgen derartigen alltagspsychologischen Denkfiguren in geradezu sämtlichen umgangssprachlichen Variationen. Folge davon ist eine in der Hirnforschung weit verbreitete &quot;cerebrale Pseudopsychologie&quot;, nach der wir nicht mehr als Personen oder Subjekte, also als einzelne Menschen wahrnehmen und fühlen, erinnern, überlegen und entscheiden, planen und unsere Absichten und Ziele bewusst und gezielt und damit willentlich &quot;in die Tat&quot; umsetzen usw.; nach Ansicht vieler Hirnforscher &quot;tun&quot; all das an sich oder &#039;eigentlich&#039; unsere Hirne! 

Sprachliche Verschiebungen dieser Art führen logisch zwingend dann zu dem Anschein, als ob Gehirne oder ihre &quot;Verschaltungen&quot; festlegen, was ihre Träger so alles machen – als sozusagen ausführende Organe eines ihrer eigenen Organe. Auf körperlicher Ebene taucht somit jener Dualismus wieder auf, der früher zwischen Materie oder Körper und Geist etabliert wurde und heute zwischen Gehirn und einem verdinglichtem Geist behauptet wird! 

Die unzähligen unsinnigen Folgen dieser cerebralen Pseudopsychologie waren schon vor Erscheinen des MANIFEST&#039;s analysiert worden. Die Ergebnisse wurden ein Jahr davor in dem Buch &quot;Philosophical Foundations of Neuroscience&quot; von dem hoch angesehenen australischen Hirnforscher Maxwell R. Bennett publiziert, das er in Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit dem Oxforder Philosophen Peter M.S. Hacker geschrieben hat. Das Manifest war bei seinem Erscheinen 2004 deswegen eigentlich schon überholt. Dass die beiden im englischen Sprachraum hoch angesehenen Wissenschaftler die von ihnen angestoßene Diskussion 2008 in ihrem Buch &quot;History of Cognitive Neuroscience&quot; weiter führen und damit das neue Buch von Janich fachspezifisch ergänzen, sei der Vollständigkeit halbe noch erwähnt.</description>
		<content:encoded><![CDATA[<blockquote><p>&#8220;Wie und warum das Gehirn den Geist überhaupt hervorbringt, ist den Forschern bislang jedoch ein Rätsel.&#8221;</p></blockquote>
<p>So wird in dem Text die Aussage von Prof. Kirchfeld wiedergegeben, in dem MANIFEST &#8220;elf führender Neurowissenschaftler über Gegenwart und Zukunft der Hirnforschung&#8221; von 2004 bleibe diese Frage &#8220;ungeklärt&#8221;, also schlicht unbeantwortet. </p>
<p>Dem kann leicht abgeholfen werden; denn der gemeinte Sachverhalt ist an sich schon vor dem Erschienen des an vielen Stellen, wie Prof. Kirschfeld kritisch anmerkt, &#8220;kryptischen&#8221; Manifests geklärt gewesen: das angebliche &#8220;Rätsel&#8221; ist selbstgemacht oder besser gesagt sprachbedingt! </p>
<p>Hirnforscher folgen nämlich unbemerkt heute immer noch der alten Metaphysik des ursprünglich theologischen &#8220;Dualismus&#8221; von Körper und Seele, der sich über einige historische Zwischenstationen in der geläufigen umgangssprachlichen Redeweise vom Gehirn und einem dazu separaten Geist niedergeschlagen hat. </p>
<p>Man kann nur staunen, in welchem Ausmaß gestandene Wissenschaftler schlichter Alltagspsychologie folgen statt sich ihrer Terminologie eigens zu vergewissern. Dabei dürfte den meisten Menschen heute geläufig sein, dass &#8220;geistig&#8221; genannte Tätigkeiten wie Vorstellen (s. dazu Colin McGinn &#8220;Mindsight&#8221;, dt. &#8220;Das geistige Auge &#8211; Von der Macht der Vorstellungskraft&#8221;) und jene des Aufmerkens, Aufpassens, Achtgebens, sich Konzentrierens usw., die gemeinhin als &#8220;Aufmerksamkeit&#8221; bezeichnet wird, nicht von einem ominösen &#8220;Geist&#8221; stammen oder ausgeführt werden, sondern von uns selbst und zwar, wie jeder weiß, &#8220;mit&#8221; dem Hirn, exakt so wie wir &#8220;mit&#8221; einem Arm winken oder &#8220;mit&#8221; den Beinen gehen, &#8220;mit&#8221; der Lunge atmen, &#8220;mit&#8221; den Augen sehen usw. usf. &#8211; wie immer wir das im Einzelnen auch genau machen! Ersichtlich können wir, und tun wir das seit jeher auch, sämtliche Formen eigener Aktivität ohne Rücksicht darauf, wie wir diese Tätigkeiten &#8216;eigentlich&#8217; ausführen, voneinander unterscheiden und benennen.  </p>
<p>Ein Adjektiv wie &#8220;geistig&#8221; zur Charakterisierung bestimmter eigener Tätigkeiten zu einem groß geschriebenes Substantiv mit zusätzlichem Artikel wie &#8220;der&#8221; oder &#8220;ein Geist&#8221; zu versachlichen (oder zu &#8220;reifizieren&#8221;), macht aus unseren geistigen Fähigkeiten weder eine Sache noch ein Ding, auch keine eigene Entität oder &#8220;Substanz&#8221;, so wenig wie aus dem Verb etwas zu &#8220;tun&#8221; ein davon verschiedenes eigenes Tun oder gar eine davon separate Tat wird. In der Alltagspsychologie kommen Missverständnisse dieser Art allerdings häufig vor. So werden Gedanken nicht ohne weiteres mit dem eigenen Denken gleichgesetzt und deswegen auch nicht durchgehend als einzelne gewohnheitsmäßig oder bewusst selbst vollzogene Denkakte angesehen. Nach der geläufigen Küchenpsychologie sollen Gedanken einem wie selbständige Wesen &#8220;kommen&#8221; oder &#8220;einfallen&#8221;, einen sogar &#8220;bedrängen&#8221; oder auch &#8220;verfolgen&#8221; können, so dass sie einem &#8220;keine Ruhe lassen&#8221;, weil sie einem angeblich endlos &#8220;im Kopf herumgehen&#8221;: als wenn &#8220;sie&#8221; ein Eigenleben &#8220;in&#8221; unserem Inneren oder spezifischer &#8220;in&#8221; unserem Kopf führen würden.</p>
<p>Hirnforscher in ihrer &#8220;Sprachvergessenheit&#8221;, wie der Wissenschaftsphilosoph Peter Janich derart naiv-unreflektierten Sprachgebrauch in seinem neuen Buch &#8220;Kein neues Menschenbild – Zur Sprache der Hirnforschung&#8221; nennt, folgen derartigen alltagspsychologischen Denkfiguren in geradezu sämtlichen umgangssprachlichen Variationen. Folge davon ist eine in der Hirnforschung weit verbreitete &#8220;cerebrale Pseudopsychologie&#8221;, nach der wir nicht mehr als Personen oder Subjekte, also als einzelne Menschen wahrnehmen und fühlen, erinnern, überlegen und entscheiden, planen und unsere Absichten und Ziele bewusst und gezielt und damit willentlich &#8220;in die Tat&#8221; umsetzen usw.; nach Ansicht vieler Hirnforscher &#8220;tun&#8221; all das an sich oder &#8216;eigentlich&#8217; unsere Hirne! </p>
<p>Sprachliche Verschiebungen dieser Art führen logisch zwingend dann zu dem Anschein, als ob Gehirne oder ihre &#8220;Verschaltungen&#8221; festlegen, was ihre Träger so alles machen – als sozusagen ausführende Organe eines ihrer eigenen Organe. Auf körperlicher Ebene taucht somit jener Dualismus wieder auf, der früher zwischen Materie oder Körper und Geist etabliert wurde und heute zwischen Gehirn und einem verdinglichtem Geist behauptet wird! </p>
<p>Die unzähligen unsinnigen Folgen dieser cerebralen Pseudopsychologie waren schon vor Erscheinen des MANIFEST&#8217;s analysiert worden. Die Ergebnisse wurden ein Jahr davor in dem Buch &#8220;Philosophical Foundations of Neuroscience&#8221; von dem hoch angesehenen australischen Hirnforscher Maxwell R. Bennett publiziert, das er in Auseinandersetzung und Zusammenarbeit mit dem Oxforder Philosophen Peter M.S. Hacker geschrieben hat. Das Manifest war bei seinem Erscheinen 2004 deswegen eigentlich schon überholt. Dass die beiden im englischen Sprachraum hoch angesehenen Wissenschaftler die von ihnen angestoßene Diskussion 2008 in ihrem Buch &#8220;History of Cognitive Neuroscience&#8221; weiter führen und damit das neue Buch von Janich fachspezifisch ergänzen, sei der Vollständigkeit halbe noch erwähnt.</p>
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